Der Russland-Politik auf der Spur
Gut 720 Seiten Buch – um das zu lesen, braucht’s Geduld und Ausdauer. Oder einen Reha-Aufenthalt nach einer Knie-OP. Oder einfach hohes Interesse an dem Thema: Geschichte der deutschen Russlandpolitik seit 1990 bietet eine umfassende Analyse der politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland seit dem Ende des Kalten Krieges. Es beleuchtet die verschiedenen Phasen dieser Beziehungen, angefangen von der Euphorie der Wiedervereinigung bis hin zu den aktuellen Spannungen und Herausforderungen. Autor Bastian Matteo Scianna ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Militärgeschichte und Kulturgeschichte der Gewalt an der Universität Potsdam. Er untersucht die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Aspekte dieser bilateralen Beziehungen und zeigt auf, wie sich die deutsche Russlandpolitik im Laufe der Jahre entwickelt hat. Dabei werden sowohl die Erfolge als auch die Misserfolge dieser Politik kritisch hinterfragt und analysiert. Das Buch ist eine wertvolle Ressource für alle, die sich für die deutsch-russischen Beziehungen und die europäische Außenpolitik interessieren.
Seit dem Überfall von Russland auf Ungarn steht die deutsche Russlandpolitik vor einem Scherbenhaufen. Ihre Strategien sind gescheitert. Ihre Grundüberzeugungen erschüttert. In Deutschland und international wird heftig über sie gestritten. War sie von Anfang an verfehlt? Wie weit reichte der Einfluss Russlands und seiner Netzwerke? Befand sich die Bundesrepublik auf einem Sonderweg?
Bastian Matteo Scianna hat bislang unzugängliche Archivbestände ausgewertet und legt die erste wissenschaftlich fundierte Aufarbeitung zu einem der umstrittensten Themen der deutschen Zeitgeschichte vor. Er tut dies ausgesprochen penibel. Der Autor hatte Zugang zu unbekanntem Archivmaterial aus dem In- und Ausland, unter anderem zu den Akten des Kanzleramts unter Helmut Kohl, zu den Protokollen der CDU/CSU-Bundestagsfraktion oder Gesprächsmitschriften aus britischen und amerikanischen Quellen.
Seine grundlegende Analyse zeigt, dass die Geschichte viel komplexer ist als manchmal dargestellt. Die deutsch-russischen Beziehungen waren besonders und genossen einen hohen Stellenwert. Es fuhr daher ein Sonderzug nach Moskau. Doch stand die Bundesrepublik in Europa keineswegs allein und war nicht nur blind und naiv, wie manche Kritiker behaupten. Andere Länder glaubten ebenfalls an Wandel durch Handel und wollten mit Russland zusammenarbeiten: Die Utopie der Verflechtung war keinesfalls ausschließlich Made in Germany, zumal dies – wie der Verfasser aufzeigt mit den unterschiedlichen Personen und Charaktere zusammenhing. Kohl verstand sich gut mit Gorbatschow und Jelzin. Der Kanzler wusste, genauso wie Merkel, um die Empfindlichkeit der russischen Seele. Aber er warf sich den russischen Präsidenten nicht an den Hals wie Politiker von SPD und Grüne, Gerhard Schröder und Joschka Fischer.
Die Beziehungen zwischen der SPD und Russland sowie der CDU und Russland haben sich im Laufe der Jahre unterschiedlich entwickelt und waren von verschiedenen politischen Ansätzen und historischen Kontexten geprägt.
Die SPD hat traditionell eine eher dialogorientierte und kooperative Haltung gegenüber Russland eingenommen. Diese Politik geht auf die Ostpolitik von Willy Brandt in den 1970er Jahren zurück, die darauf abzielte, die Beziehungen zu den osteuropäischen Staaten, einschließlich der Sowjetunion, zu verbessern. Auch nach dem Ende des Kalten Krieges setzte die SPD auf eine Politik des Dialogs und der Zusammenarbeit mit Russland, um Stabilität und Sicherheit in Europa zu fördern.
Im Gegensatz dazu hat die CDU eine eher kritischere und zurückhaltendere Haltung gegenüber Russland eingenommen. Besonders in den letzten Jahren, angesichts der Annexion der Krim und des Konflikts in der Ukraine, hat die CDU eine härtere Linie verfolgt und sich für Sanktionen gegen Russland ausgesprochen. Die CDU betont die Bedeutung der transatlantischen Beziehungen und die Zusammenarbeit mit den westlichen Verbündeten, insbesondere den USA, in der Russlandpolitik.
Diese unterschiedlichen Ansätze spiegeln sich auch in den politischen Maßnahmen und Initiativen wider, die von den jeweiligen Parteien ergriffen wurden, um die Beziehungen zu Russland zu gestalten. Während die SPD auf Dialog und Kooperation setzt, verfolgt die CDU eine Politik der Abschreckung und Sanktionen, um russische Aggressionen einzudämmen. Der Sonderzug nach Moskau wurde 2024 aufs Gleis gesetzt, soll heißen: Die Politik hat sich seit dem Erscheinen des Buches weiter verändert – Trump II, Vance… (bä)
Scianna, Bastian Matteo: Sonderzug nach Moskau, Geschichte der deutschen Russlandpolitik seit 1990. Monografie, 720 Seiten. C.H.Beck, ISBN 978-3-406-82210-0. Preis: 34,00 Euro








