Urlaubslektüre. Die acht Bücher im Gepäck waren dann doch zu viel für zwei Wochen Rügen trotz gleichzeitigem TV-Verzicht. Dann aber in Sassnitz‘ Ostsee-Buchhandlung noch neuen Lesestoff zu erstehen, für den die Verkäuferin gleich zwei große Papiertaschen zwecks sicheren Transportes herüber reicht, lässt einen selbst überrascht zurück.
Lesen im Akkord? Manchmal ist dies aber Pflichtübung für einen Schwaben. Was zahlt isch, muaß au g’lesa werda.
Wie Der Beamte Wieler, ein 302-Seiten-Roman über einen Karrieristen in der Land(tags)Verwaltung, der sich seinen später geplanten Wechsel nach Berlin selbst zerredet in der Nominierungsversammlung der Bundestagskandidaten seiner Partei und zudem die als sicher geglaubte Unterstützung seiner Chefin nicht erhielt. Bis die geneigte Leserschaft diesen Schlusspunkt erreicht, muss sie zuerst die ersten unsäglichen hundert Seiten durchstehen – dann beginnt der Anflug von Spannung. Wer so weit vorgedrungen ist, der will das Ende auch wissen.
Ich halte durch, erlese mir das Schicksal des Beamten – hinter dem eine starke Frau steht, die die Aufstiegsstrategie nach dem Studium einschlägiger, sich auf dem Nachttisch stapelnder Ratgeber entwirft. Für Sex ist da keine Zeit. Autorin Gabriele Renz gelingen immer wieder nette Wortschöpfungen und Beschreibungen, so als sie den Beamten Wieler als gebogen, wie ein Kleiderbügel bezeichnet, der hinter der Chefin des Hohen Hauses steht. Ein Schlüsselroman? Jedenfalls spielt sich die Karriere-Geschichte des mäßig begabten Juristen in und um den baden-württembergischen Landtag ab.
Gabriele Renz saugt Honig aus vielen Jahre als landespolitische Korrespondentin des Südkurier, zeitweise auch der Ludwigsburger Kreiszeitung – mit leichter und erkennbarer Neigung zu den Grünen. Unter der Grünen-Politikerin und neuen Landtagspräsidentin Muhterem Aras wechselte sie als Sprecherin in die Landtagsverwaltung. Doch Aras – 2021 ins Amt gekommen - und Renz hatten dann doch wohl Probleme miteinander. Inzwischen arbeitet sie als Pressesprecherin für die Architektenkammer Baden-Württemberg, Sie soll In ihrem Buch Der Beamte Wieler ihre Erfahrungen mit Aras verarbeitet haben – eine Abrechnung, ergänzt mit vielen anderen Eindrücken und Kenntnissen aus Einblicken in die Ministerien und das Parlament. Und auch wenn es für die handelnden Figuren offiziell keine realen Vorbilder gibt, gewährt das Buch Einblicke in die Mechanismen der Macht, notiert die Wochenzeitung Kontext.
Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen seine reine Zufälligkeit, schreibt Renz auf Seite 300. Immerhin wird deutlich, dass sich die Geschichte in der Zeit des Wechsels von der Baden-Württemberg-Partei CDU zu den Grünen abspielt – zu Grünen, die sich rasch zur staatstragenden Staatspartei entwickeln und Gefallen an den Ämtern finden. Heidanei! Immerhin, das verrät sie: Die Grünen sind in dem Roman die Siegerstraßenpartei und die CDU wird als Ancien Regime bezeichnet. Ergo; Die einen werden so wie die anderen schon sind.
Protokoll einer Karriere? Wirklich? Das Muster ist denkbar einfach. Niemand kennt ihn. Keiner weiß etwas. Die Spekulationen über den Neuen schießen ins Kraut. Als Wielers Blitzbeförderung unter der Regie seiner Chefin bekannt wird, wird der biegsame Verwaltungskarrierist zum rundum beobachteten und beargwöhnten Objekt. Der Apparat schlägt zurück. Ein Roman über opportunistische Postenjäger, über Mobbing, Intrigen und die Verführung von Macht und Geld. Die Grünen, aber auch die Union als gefühlte Staatspartei geben die Folien ab.
Postenschacher als Romanstoff. Oder: Wer ist Mappus, wer Aras, wer Kretschmann. Wer …? Politikerraten als Romanstoff. Ja, allerdings fehlt die Stelle mit der Aufklärung.
Gabriele Renz: Der Beamte Wieler – Protokoll einer Karriere", Molino-Verlag, ISBN 3948696721, 9783948696726, Broschur, 302 Seiten 20 cm x 13 cm, Preis: 18:00 Euro.
Möglichst viele Leser zu wünschen ist dem persönlich gehaltenen Buch von Ryyan Alshebl: Flucht nach vorn. Der Untertitel verrät: Ein syrischer Bürgermeister in Schwaben zeigt, wie gut Politik gehen kann. Ich las es mit wachsender Begeisterung, aber es löst auch viel Nachdenklichkeit, Mitgefühl und Empathie aus für einen Menschen, der sein Heimatland verließ, über das Mittelmeer mit einem überladenen Boot Griechenland erreichte und nun in Freiheit war. Er lernte den Wert von Freiheit, Frieden und Demokratie. Zur Flucht zwang ihn der Bürgerkrieg in Syrien, ausgelöst von einem Diktator, der Bomben auf seine Bevölkerung werfen ließ – unterstützt vom AfD-Freund Putin.
Im Jahr 1994 in Suweida in Syrien geboren, hat er noch starke Verbindungen in seine alte Heimat – aber sein Herz schlägt inzwischen stark auch für Ostelsheim, denn die 2600 Einwohner zählende Gemeinde Ostelsheim wählten acht Jahre nach seiner Flucht mit 54 Prozent und im ersten Wahlgang ihn zum Bürgermeister. Diese Erfolgsgeschichte berührt mich. Ryyan Alshebl hatte in der Nachbargemeinde Althengstett vom seinerzeitigen Bürgermeister Clemens Götz, einem Sozialdemokraten, promovierter katholischer Theologie und einer meiner Kollegen in der Verbandsversammlung des Regionalverbandes Nordschwarzwald, seine Chance erhalten – Alshebl lernte Deutsch und dann das Fach Verwaltung. Verwaltungsfachangestellter.
Anpacken statt abwarten – das Motto des Bürgermeisters, der inzwischen auch im Calwer Kreistag sitzt und seit acht Jahren Mitglied der Grünen ist. Er reiht sich nicht ein in die Schar kommunaler Jammerer, sondern ist Kümmerer. Seine Erkenntnis: Politik ist langsam, bürokratisch und geht am Leben der Menschen vorbei. Sein Buch gilt als der optimistische Gegenentwurf zu Politikverdrossenheit und Populismus. Zugleich erzählt er von seinem täglichen Kampf mit Bürokratie und Befindlichkeiten: Was haben Fledermäuse mit der deutschen Bahn oder dem Bau von Geflüchteten Unterkünften zu tun? Wie kann es sein, dass ein Windpark einen ganzen Ort spaltet? Alshebl schildert bemerkenswerte Begegnungen, seine täglichen Auseinandersetzungen mit der Regelungswut und erläutert, warum er trotz aller Widerstände nie den Mut verliert.
Einfach lesen!
Ryyan Alshebl. Flucht nach vorn. Verlag Droemer. 224 Seiten. ISBN: 978-3-426-56698-5. Preis: 23:00.