Der lange Kampf der Nervensäge

383 Seiten Giorgia Meloni, das Lese-Pensum für die Weihnachtstage. Auf der 379. Seite des Buches Ich bin Giorgia die Botschaft ihres 2021 in Mailand erstmals verlegten Buches, das Konzentrat:

Erstens habe ich von nichts und niemandem Angst, das Einzige, wovor ich mich fürchte, ist, dass ich, wie aus diesem Buch zu erfahren ist, mich selbst und die, die an mich glauben, enttäusche. Zweitens bin ich nicht erpressbar, denn ich tue nichts, wofür ich mich schämen müsste, und ich nehme keine Hilfe an von Leuten, die eine Gegenleistung von mit verlangen könnten. Drittens bin ich nicht allein, und diejenigen, die sich entschieden haben, mich in diesem Kampf zu begleiten, sind mir sehr ähnlich. Viertens und letztens bin ich immer unterschätzt worden, und das ist unterm Strich ein großer Vorteil.

Diese Punkte variiert sie in der gedruckten Selbstdarstellung, in der im Europaverlag München 2025 erschienenen deutschen Ausgabe, geschickt und durchaus glaubwürdig. Zwischen den beiden Ausgaben liegt der entscheidende Karriereschritt: Seit 2022 ist sie Ministerpräsidentin Italiens. Die erste Frau in dieser Funktion. Eine, die sich selbst als Rechte bezeichnet. Ihre Regierung hat eine für italienische Verhältnisse ausgesprochen lange Haltbarkeitsdauer. Indessen: Die deutschsprachige Ausgabe leidet darunter, dass sie auf dem Stand von 2021 blieb und nicht aktualisiert wurde. Das erinnert an die ähnliche Kernaussage der Christdemokraten: Im Mittelpunkt steht der Mensch. Schnittmengen gibt es.

Die Linke will eine Welt ohne Grenzen und Unterschiede schaffen und diese Vision allen aufzwingen. Die Rechte dagegen stelle den Menschen in den Mittelpunkt - und seine Einzigartigkeit - schreibt die jetzt 48-Jährige, groß geworden in Rom. Dort begann sie mit 15 Jahren ihr parteipolitisches Engagement bei der Jugendfront des Movimento Sociale Italiano: Sich als Teil von etwas Wichtigem zu fühlen, gibt Selbstsicherheit. Das war es, was viele dieser jungen Leute suchten, und so war es auch bei mir. Im Sommer1992 habe der Kampf begonnen, den sie noch heute führe, schreibt Meloni 30 Jahre später.   

Giorgia Meloni erzählt zum ersten Mal über ihre Kindheit, über ihre Beziehung zur Mama Anna, die ältere Schwester Arianna, die Großeltern Maria und Gianni und über den Schmerz darüber, dass sie keinen Vater hatte. über die unbändige Leidenschaft für die Politik, die sie aus ihrem römischen Stadtviertel Garbatella zuerst 31jährig als – bis dato in der Geschichte der Republik jüngste - Ministerin in die Regierung des Landes und dann an die Spitze von Fratelli d’Italia und der europäischen Konservativen geführt hat. Mit 19 im Regionalparlament der Provinz Rom, mit 28 Jahren Abgeordnete und gleich Vizepräsidentin des italienischen Parlamentes.  Häufig sei sie die Nervensäge gewesen – in der Schule, später in der Politik, bekennt sie ganz offen.

Sie schreibt auch über die Freude, Mutter der kleinen Ginevra zu sein, und über die Liebesgeschichte mit Andrea; über ihre Träume und über die Zukunft, die sie sich für Italien und für Europa wünscht.  Die Autobiografie beginnt mit einem unerwarteten Bekenntnis: Mutter Anna war schon auf dem Weg, das Baby abtreiben zu lassen, doch änderte im letzten Moment ihre Meinung und entschied sich, es doch auszutragen - das Mädchen, das sie auf den Name Giorgia taufen ließ. Und Giorgia gesteht später in dem Buch, dass sie gern mehrere Kinder gehabt hätte – sie habe das Glück, Mutter zu sein, zu spät begriffen.

Mit Klarheit und aus Überzeugung packt die Politikerin auch komplexe Themen wie die Mutterschaft, die Identität und den Glauben an, würdigt die Päpste Johannes Paul II und Benedikt XVI. Leidenschaftlich spricht sie sich gegen Abtreibung aus, sieht bei der Politik die Verpflichtung, der materiellen Förderung der Familien und Alleinerziehenden höchste Priorität einzuräumen. Überhaupt: Sie polemisiert nicht, sondern argumentiert etwa zur Migrationspolitik, zu den Linken in den Medien, zum Nationalverständnis der Italiener (die Linken werden das anders empfinden).

Die teils rührenden privaten Einblicke erhalten eine klare politische Bedeutung. [...] Ihre Agenda, das wird deutlich, ist eine Politik der Rückkehr - zu Grenzen, zu Gegensätzen, zu alten Ordnungen, schreibt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Rückkehr? Konservative wollen nach ihrem Verständnis bewahren, was wert ist, bewahrt zu werden. Und lehnen auch deshalb das Gendern ab, pflegen das traditionelle Familienbild vom Vater, der auch Vater heißt, und der Mutter, die auch Mutter heißt – im Einklang mit der Mehrheit der Menschen. Gerade das in der Biografie von ihr geschilderte Familienleben von Meloni zeigt, dass Familie nicht automatisch Idylle bedeutet.

Ein lesenswertes und auch spannendes Buch, die Überschriften wie skandierte Ohrwürmer, ursprünglich ironisch gemeint, dann aber zu einem Manifest ihrer Identität geworden. Ich bin Giorgia, Ich bin eine Frau, Ich bin eine Mutter, Ich bin rechts, Ich bin Christin, Ich bin eine Italienerin. Wie Paukenschläge, und eines ist mal klar, schreibt die Weltwoche: So unverblümt, ja stolz, ist die rechte Gegenkultur lange nicht gefeiert worden. Dieses Buch atmet Freiheit in alle Richtungen, es zitiert Tolkien ebenso wie Ernst Jünger oder den geläuterten Pier Paolo Pasolini.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der politischen Führungsfigur, auf die die Augen vieler gerichtet sind, in Italien und nicht nur da, heißt es im Verlagstext. Zuerst strauchelte ich, ob sich der Kauf lohnt. Sollte ein Christdemokrat das lesen? Er muss es tun!

Meloni rechtsextrem? Ich meine: Rechts Ja, extrem nein. Ein bisschen erinnert mich die Auseinandersetzung von Meloni mit der Linken an den Wahlslogan der CDU  1972 bei der baden-württembergischen Landtagswahl unter Hans Filbinger: Freiheit statt Sozialismus. Da war die Zeit, als eine CDU noch absolute Mehrheiten einfuhr. (bä)

Giorgia Meloni: Ich bin Giorgia - Meine Wurzeln, meine Vorstellungen. Gebunden mit Schutzumschlag. 383 Seiten. 13,5 x 21,5 cm. Europaverlag. 26,00 Euro. ISBN 978-3-95890-654-9

16 Jahre OB - eine Bilanz

Auf der Bühne mit den Aktiven des Musikvereines Enzberg. (Fotos: Stadt Mühlacker, Philipp Schad)

16 Jahre Oberbürgermeister Frank Schneider. Eine Ära geht zu Ende, in der Mühlackers Gesicht sich sichtbar verändert hat – und zwar positiv.

Dafür stehen zunächst, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, liebe Familie Schneider, meine Damen und Herrn jedweder Ehre

drei Beispiele:

Die Gartenschau 2015 mit der Renaturierung der Enz: Die ganze Stadt ist mit Herzblut dabei, an der Spitze ihr OB. Die Gartenschau gelingt rundum, Mühlacker ist zurecht stolz, Aufbruchstimmung herrscht. Ein Meisterstück! Von den Daueranlagen in den Enzgärten profitieren noch Generationen. Nachhaltigkeit zählt. Gartenschau-Feeling bleibt. Dass das alles knapp zehn Millionen Euro kostete, war (fast) vergessen. Die Gartenschau, das war sein und der ganzen Bürgerschaft Erfolg.

Genauso wie das zweite Jahrhundert-Projekt: Das neue Stadtquartier Ziegelhöhe – Wohnraum, auch öffentlich geförderter, für 1400 Menschen, dazu Einkaufsmärkte, die Mühlackers Stellung als Einkaufsstadt stärken. Meisterlich – auf dem Gelände der früheren Ziegelwerke Mühlacker. Sozusagen auf leisen Sohlen brachte unser OB mit der Hofkammer des Hauses Württemberg den richtigen, landsmannschaftlich passenden, soliden und vor allem solventen Investor nach Mühlacker, zuvor geschickt vermeidend, dass die Fläche europaweit ausgeschrieben werden muss.  Nicht allein für Letzteres sind wir ihm noch ungemein dankbar.

Das dritte Beispiel: Die Ortskerne von Dürrmenz, Mühlhausen, Lienzingen und Lomersheim sind wieder vital geworden. Sanierungsgebiete – ein Erfolgsrezept von Stadt und Land. Sie stärken die Wohn-, Aufenthalts- und Freizeitqualität unserer gewachsenen Zentren, stärken somit auch das Wir-Gefühl. Denken Sie daran, wie das frühere Kanne-Areal in Dürrmenz umgestaltet wurde zum Wohn-Quartier. Oder schauen wir nach Lienzingen zu dem bei der Kelter entstandenen Dorfplatz als neuem und auch angenommenen Treffpunkt der Menschen.  Oder verharren wir auf dem früheren Keefer-Gelände in der Innenstadt mit seinem durch den Abbruch des Gebäudes möglich gewordenen Freizeit-Areal für Jung und Alt.

Doch auch das Bewahrende gehört zur Ära Schneider (nein! Ich meine nicht die Verkehrsregelung in der Bahnhofstraße!), sondern diese beiden Beispiele:

  • Lienzingen erhielt die Zusatzbezeichnung Etterdorf, der gut erhaltene mittelalterliche Ortskern wurde gänzlich unter Schutz gestellt – das wohl erste Dorf im Land mit einem solchen Gütestempel
  • Und – auch das gehört gottseidank dazu – der Sender blieb doch stehen!
  • mittelalterliche Ortskern wurde gänzlich unter Schutz gestellt – das wohl erste Dorf im Land mit einem solchen Gütestempel
  • Und – auch das gehört gottseidank dazu – der Sender blieb nicht nur stehen, Mühlacker heißt nun auch ganz offiziell Senderstadt!

16 Jahre Frank Schneider. Was erwarten die Menschen von einem OB? Zügig, kostengünstig, unkompliziert die Aufgaben zu lösen. Schon vor gut fünfhundert Jahren meinte der italienische Diplomat, Polit-Stratege, Dichter und Philosoph Machiavelli, dass Politiker Probleme bloß aufschieben, sich nicht eifrig genug um eine Lösung kümmern. Ein guter Fürst müsse sich seinen Bürgern verpflichtet fühlen.

Im Jahr 2025 ist das immer noch aktuell: «Gute Regierungsführung besteht nicht in der Verwaltung von Problemen, sondern in ihrer Lösung.» Das sagte die neue demokratische Gouverneurin des US-Bundesstaats New Jersey, Mikie Sherill – und besiegte den Trump-Kandidaten.

Oder, um an die Rede von Bürgermeister Dauner anzuknüpfen, nein, nicht Bruno Pressack oder Bibi Blocksberg war es, sondern Bob, der Baumeister, ebenfalls aus diesem Genre. Bob, der Baumeister ist klug. Der beantwortet sich seine selbst gestellte Frage „Können wir das Schaffen?“ immer lautstark und mit viel Optimismus selbst mit einem entschiedenen und überzeugenden „Ja, wir schaffen das!“   Ach, da fällt mir unsere Alt-Kanzlerin ein – aber das ist eine andere Geschichte.

Frank Schneider, der Gemeinderat und die Verwaltung jedenfalls schafften das.  Drei Zahlen, die die Stadtkämmerei auf meine Bitte hin zusammenstellte, belegen dies: In seiner 16-jährigen Amtszeit wurden

   191.455.036,39 €

Für Investitionen der Stadt ausgegeben,

     21.770.802,57 €

In die Unterhaltung der Grundstücke und bauliche Anlagen gesteckt sowie

     24.153.714,68 €

In die Unterhaltung des sonstigen unbeweglichen Vermögens gesteckt, also unter anderem zum Abbau des Sanierungsstaus an Schulen, Kindergärten etc.

 

  • Summa summarum also 237.379.553, 64 Euro allein für Investitionen, Sanierungen und Unterhaltungsarbeiten.

Ist das nichts?

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Das Älterwerden beginnt nach der Geburt

Ein Buch, das Freude machtund kämpferisch

Mein Rat: Lesen! Die Lektüre lohnt sich. Elke  Heidenreichs Altern tröstet die Alten und bereitet die Jungen aufs Altern vor. 112 Seiten mit vielen eigenen und zitierten Weisheiten der in Köln lebenden Autorin. Sie studierte Germanistik und Theaterwissenschaft und arbeitete bei Hörfunk und Fernsehen. Für ihr Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Ernst-Johann-Literaturpreis 2021. Sie war 80, als sie dieses Buch 2023 schrieb. Ein Text an einem Stück, der allen gut tut. Den einen, die alt sind, den anderen, die es garantiert noch werden. Denn das Älterwerden beginnt nach der Geburt. Elke Heidenreich, die eh nicht leicht zu erschrecken ist, zur Schnoddrigkeit neigend, gerade heraus. nähert sich dem Thema ganz persönlich. Ein ehrliches Buch über das Altern. Mutig und Mut machend.

Sie moderiert noch eine Buch-Sendung im Schweizer Fernsehen, schreibt regelmäßig, zieht über die Lande von Lesung zu Lesung, macht Station zum Beispiel am 16. September 2025 mit Altern im Stuttgarter Renitenztheater (leider schon ausverkauft).

Recht hat sie. Beispiele: 

  • Ach ja, die Jugend wäre schön, wenn sie etwas später käme unsd wir schon etwas klüger wären, oder? An die Jungen ist sie ja geradezu verschwendt. (...)
  • Hier sitze ich und atme. Und altere. Und altern heißt nicht: noch nicht tot zu sein. (...)
  • Mein gefühltes Alter ist jünger als mein juristisches.
  • Es ist ein gelungenes Plädoyer, nicht mit dem Erreichen der ersten Rentenzahlung den Schalter umzulegen und sich quasi auf den Weg zum Friedhof zu begeben? Sie schreibt, ihr Kopf wisse, dass sie jenseits der achtzig ist, aber nahe ihrem Gefühl sei sie zwanzig Jahre jünger. Meine Rede: Wo steht eigentlich geschrieben, dass einer mit 74 nicht mehr OB werden darf? In keinem Gesetz, aber in manchen Köpfen aus altersher.


Geht das, alt werden und ein erfülltes Leben führen? Eine Leseprobe aus Altern, erschienen bei Hanser:

Ich finde die alten, ja: die vom Leben verwüsteten Gesichter von Jeanne Moreau oder Louise Bourgeois wunderschön, sie erzählen von prall gefülltem Leben sehr viel mehr als die Gesichter von Frauen mit prall gefüllten Botoxwangen.

Wir werden anders alt als unsere Eltern. Früherer Kriegsmann mit fünfzig abgearbeiteten und alt. Heute sind viele Achtzigjährige geistig und körperlich noch fit und im täglichen Rennen. Die Welt ist im Wandel, wir wandeln uns mit, wir sind länger beweglich im Kopf, als es unsere Eltern waren, wir haben auch eine viel bessere medizinische Versorgung.

In einer Kolumne für eine Frauenzeitschrift schrieb ich vor mehr als zehn Jahren:

»An manchen Tagen fühle ich mich wie hundertacht und sehe auch genauso aus. Manchmal fühle ich mich wie vierzig und sehe auch genauso aus.

3 Fragen an Elke Heidenreich:

Was ist das Beste am Altern?
Natu?rlich dass man noch lebt! Das ha?tte ja auch anders sein ko?nnen...
Was ist das Schlimmste am Altern?
Wenn man arm ist, wenn man krank ist, wenn man einsam ist – das alles ist furchtbar traurig. Man sollte einigermaßen versorgt, noch einigermaßen gesund und zwar gern mal allein, aber nie einsam sein. Wenn man das hinkriegt, ist Altern wunderbar.
Was muss man tun, um gut zu altern?
Wach bleiben. Am Ball bleiben. Freundschaften pflegen und nicht aufho?ren, am Leben teilzunehmen. In meinem Fall: immer weiter arbeiten.

Elke Heidenreich: Altern. 112 Seiten, Hanser Berlin, Hardcover. ISBN 978-3-446-27964-3. 22.00 Euro

Sebastian Haffners und Die Angst vor dem Blick auf die Uhr - Mein Lese-Tipp

Abschied ist ein bemerkenswertes Werk der deutschen Literatur, das 1932 entstand und erst im Juni 2025 beim Hanser Verlag veröffentlicht wurde. Auf 192 Seiten schildert der junge Autor, damals noch als Raimund Pretzel bekannt und Jurist in Ausbildung, eine intensive Liebesgeschichte. Später emigrierte er nach London, wo er als politischer Journalist und Schriftsteller unter dem Namen Sebastian Haffner bekannt wurde. Sein Stil zeichnete sich durch präzise Formulierungen und Unabhängigkeit vom Zeitgeist aus, besonders in Werken wie Anmerkungen zu Hitler. Haffner, der 1999 verstarb, bleibt als eigenständiger und kritischer Denker in Erinnerung. 

Das Buch stammt aus dem Nachlass Haffners und ist weniger ein politisches Statement als vielmehr die Erzählung einer Liebesbeziehung zwischen dem jungen Raimund und Teddy. Ihre Geschichte beginnt in Berlin und findet ihren Höhepunkt in Paris, wo sie nach zwei gemeinsamen Wochen getrennte Wege gehen.

Für Raimund bleibt Teddy dennoch eine prägende Gestalt seines Lebens. Laut dem Nachwort von Volker Weidermann verließ Teddy Berlin aus Angst und studierte an der Sorbonne, während sie in Paris von vielen Verehrern umgeben war. Raimund versucht in diesen Tagen, das Glück festzuhalten und wünscht sich, die Zeit anhalten zu können.

Bemerkenswert am Text sind nicht nur die Ereignisse, sondern auch die originellen Formulierungen und Bilder. Haffner verzichtet auf Detailverliebtheit und beschreibt etwa den Louvre mit den Worten: Die Venus von Milo blickte weiter über ihr totes Volk. Auch die Charakterisierung von Personen gelingt ihm durch überraschende Vergleiche und prägnante Beobachtungen. Er schreibt von den Meeresspiegeln von Autodächern. Oder: Der Boulevard strömte und wimmelte, Die Schilderung des Abschieds von Teddy am Bahnhof Gare du Nord bleibt eindrücklich: Die Angst vor dem Blick auf die Uhr wird zur beklemmenden Metapher für Vergänglichkeit und Verlust. Haffner gelingt es, das Augenblicksglück so eindrucksvoll festzuhalten, dass Leser  heute noch das Gefühl haben, Teil dieser Pariser Runde zu sein. Die Leichtigkeit und gleichzeitige Tiefe des Werks machen es zu einem bedeutenden Zeitdokument und zeigen Haffner am Beginn seiner schriftstellerischen Entwicklung – unabhängig, streitbar und voller Zärtlichkeit.

Leseprobe

Als ich wieder in meinem Zimmer war, rauchte ich erst eine Gitane. Dann besorgte ich Obst und Gebäck, da ich Franz Frischauer erwartete und Teddy noch vorbeikommen wollte, um sich zu verabschieden. Obwohl wir manchmal böse aufeinander waren, hielten unsere Verabredungen. Teddy brachte Fräulein Gault mit, nach und nach kamen auch Franz und Horrwitz dazu, und bald war mein Zimmer voller Leben. Fräulein Gault, eine ernste junge Frau aus Nordfrankreich, trug einen Schleier und gab Sprachstunden, spielte Cello und zeigte sich stets freundlich und zurückhaltend. Unsere Bekanntschaft begann damit, dass sie mir eine Uhr lieh, da ich meine in Berlin vergessen hatte. Diese Uhr war schlicht und manchmal blieb sie stehen – "il faut la secouer parfois," meinte sie, "elle est capricieuse – comme sa maîtresse." In Wahrheit war Fräulein Gault alles andere als launisch. Zwischen ihr und Teddy bestand eine sanfte Freundschaft voller kleiner Gesten. Ihre Gastfreundschaft zeigte sich in improvisierten Teerunden, zu denen sich oft Freunde einfanden und in verschiedenen Sprachen geredet, geraucht und gelacht wurde.

Sebastian Haffner: Abschied. 192 Seiten, Hanser Verlag, Hardcover, ISBN 978-3-446-28482-1. 24,00 €

 

Mein Lese-Tipp: Die spannende Lebensgeschichte des W.S.C.

Abenteurer, Militär, Autor, Abgeordneter, Minister, Maler, Journalist, Kriegsführer, Staatsmann – all dies war Winston Spencer Churchill (1874 bis 1965). Er lebte diese Rollen. Und die Klammer, die sich um alle legt?  Der Journalist und Churchill-Biograf Thomas Kielinger findet hier das Wort von Perikles passend: Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, das Geheimnis der Freiheit aber der Mut. An dem mangelte es ihm nicht.  Er war kein Mann der Political Correctness. Seine Markenzeichen: Zylinder, Havanna, Gehstock und das Victory-Zeichen. Sein Motto findet sich in seinen Memoiren:  Im Krieg: Entschlossenheit. In der Niederlage: Trotz. Im Sieg: Großmut.

Als Winston Churchill 25 Jahre alt war, hatte er Kriege auf drei Kontinenten erlebt, fünf Bücher geschrieben und einen Sitz im britischen Unterhaus gewonnen. Als er 60 war, galt er politisch als gescheiterter Mann. Doch dann kam mit dem Zweiten Weltkrieg Churchills größte Stunde.

An Selbstbewusstsein mangelte es ihm nicht. Wir sind doch alle Würmer. Aber ich glaube, ich bin ein Glühwurm. Der Ausspruch des damals 32-jährigen verrät, wie der spätere britische Premierminister sich selbst sah: Ein ungeheurer Anspruch, nicht frei von Arroganz, schreibt Kielinger in seiner Churchill-Biografie Der späte Held.

Winston – sein Vater war Lord Randolph Churchill, dritter Sohn des siebenten Herzogs von Marlborough. Weil aber nur der älteste Sohn eines Herzogs den Titel erbt, galt Winston als bürgerlich. Von nun an war ich Herr meiner Geschicke, zitiert ihn Sebastian Haffner in seiner 1967 erschienen Monografie Winston Churchill. Zwischen Haffners biografischem Essay und Kielingers Sachbuch liegen rund 50 Jahre – letzterer konnte sich auf erst inzwischen verfügbare, weit umfangreichere Quellen stützen. Beide zu lesen, lohnt sich trotzdem. Garantiert ein Lese-Vergnügen: Zuerst Haffners 200 Seiten, dann Kielingers 400. Keine Chance für Langeweile.

In beiden Büchern wird Churchills schwierige Kindheit geschildert – geprägt durch die emotionale Vernachlässigung durch seine Eltern, insbesondere durch seine Mutter Jennie Jerome und den ehrgeizigen, oft abwesenden Vater Lord Randolph Churchill. Schon früh sei sein Eigenwille, sein Ehrgeiz und sein Hang zur Selbstbehauptung deutlich. Der junge Winston, stets auf Anerkennung bedacht, entwickelte früh eine kämpferische Haltung, die sein gesamtes späteres Leben prägen sollte, sowie ein Gespür für Machtpolitik und Inszenierung.

Hoffnungsloser Schulversager

Der Journalist Sebastian Haffner, beibehaltenes Pseudonym des Juristen Raimund Pretzel, der 1938 ins Exil nach London ging und 1954 wieder nach Berlin zurückkehrte, schildert den jungen Winston als hoffnungsloser Schulversager, der nicht einmal das Abitur schaffte, der aber einer der bedeutendsten Staatsmänner des 20. Jahrhundert wurde. Berufsoffizier, Husarenleutnant, begnadeter Schriftsteller, Politiker, im reifen Alter Premierminister des Königreichs. Zweimal wechselte er die Partei, zuerst von den Tories zu den Liberalen und dann wieder zurück – nicht aus Opportunismus, wie er schrieb, sondern weil sich deren Programm jeweils gewandelt hatte. Im Februar 2014 zitierte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel in einer Rede vor beiden Häusern des britischen Parlaments den Staatsmann: Leben heißt sich ändern, und vollendet sein heißt sich oft geändert zu haben.

Eine spannende Lebensgeschichte

Der heute 84-jährige Autor Kielinger, jahrelang Korrespondent der WELT in London, bringt es auf den Punkt:  Seine Laufbahn begann im Glorienschein des Kriegers und Abenteurers. Churchill sammelte Erfahrungen als Soldat und dann auch als Kriegsreporter in den Kolonialkriegen - in Indien, Südafrika, mit seiner Flucht aus dem Gefangenenlager der Buren: Churchill, ein Held des Empires, schlüpfte nicht selten auch in beide Rollen gleichzeitig. Soldat und Reporter. Er schrieb Zeitungsberichte, recycelte diese in Büchern, finanzierte aus den Honoraren wesentliche Teile seines Lebensunterhalts.

Eine erste Kandidatur fürs Unterhaus ging anno 1900 schief. Doch just die Geschichte vom tapferen Winston, der den Buren entschlüpfte, verbreitete sich aus von Gazette zu Gazette, schaffte zusätzlichen Bekanntheitsgrad, die Engländer applaudierten, was wiederum seiner nun zweiten Kandidatur fürs Unterhaus höchst förderlich war. Somit holte er sich 1901 sein erstes Mandat im Westminster-Palast noch zu Zeiten der legendären Königin Victoria, nach der eine ganze Ära benannt worden war - er blieb Member of Parlament mit kurzen Unterbrechungen bis 1964 und damit bis zur Ära der Königin Elisabeth II. Zweimal Premierminister, mit 66 und mit 77 Jahren, als andere schon an den Ruhestand denken. Vor allem aber Nationalheld: Anführer der Briten im Krieg gegen Hitler-Deutschland.

Es kam wie von Churchill prophezeit

Die von Churchill gegeißelte Appeasement-Politik seines Vorgängers Chamberlain war gescheitert. Es kam, wie der in großen Linien denkende Stratege Churchill es prophezeit hatte. Dem deutschen Diktator war nicht zu trauen. Als Hitler im September 1939 Polen überfiel, erklärte Großbritannien Deutschland den Krieg. Dass er Polens Freiheit nicht retten konnte, weil der russische Bär und damit die Kommunisten sich des Landes nach 1945 bemächtigten, empfand der britische Regierungschef als Niederlage.  Seine Gegenstrategie, von Süden her Europa vom Nazi-Terror zu befreien, stieß bei US-Präsident Franklin D. Roosevelt nicht gerade auf Gegenliebe.  Roosevelt wollte Stalin nicht verprellen, Churchill dagegen möglichst viele Gebiete für Briten, Franzosen und Amerikaner unter Kontrolle bringen. Eine solche Taktik umzusetzen, dauerte den Amerikanern zu lange, sie wollten den kürzeren Weg durch die Landung an den Küsten der Normandie (1944: D-Day). Churchill beklagt in dem sechsten und letzten Band seiner 1953 vorgelegten Kriegsmemoiren: Den Krieg gewonnen, den Frieden verspielt. Letztlich hatten die beiden Großen ihre jeweiligen Einflusssphären schon abgesteckt

Der Aufstieg zur politischen Führung

Churchills Weg in die Politik und sein rastloses Engagement in unterschiedlichsten Regierungsämtern – von Kolonialminister über Kriegsminister bis hin zum Premier – werden von Sebastian Haffner als Ausdruck eines unbändigen Willens zur Gestaltung interpretiert. Er beschreibt, wie Churchill häufig gegen den Mainstream schwamm, Risiken einging und auch Niederlagen und Skandale in Kauf nahm, ohne sich entmutigen zu lassen. Diese Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden und unerwünschte Wahrheiten auszusprechen, hebt Haffner als wesentliches Element von Churchills Führungspersönlichkeit hervor.

Churchill als Kriegspremier – Der einsame Rufer

Der wohl wichtigste Teil der Bände gilt Churchills Rolle während des Zweiten Weltkriegs. Haffner stellt heraus, wie Churchill in den entscheidenden Wochen des Jahres 1940, nach dem Zusammenbruch Frankreichs, als Premierminister zum Inbegriff des britischen Widerstands gegen Nazi-Deutschland wurde. Er beschreibt eindrucksvoll, wie Churchill, oft einsam in seinem Widerstandswillen, die britische Nation mit seinen Reden, seinem Mut und seinem unerschütterlichen Optimismus durch die dunkelste Stunde führte. Vor dem Unterhaus rief er am 13. Mai 1940 aus: Er habe nichts anzubieten außer Blut, Schweiß und Tränen.  Seine rhetorische Brillanz, der Glaube an die Gerechtigkeit der eigenen Sache und die Bereitschaft, notfalls allein gegen Hitler-Deutschland zu stehen, werden als Schlüssel für den britischen Durchhaltewillen und letztlich für den Sieg über den Faschismus herausgearbeitet.

Kielinger analysiert die berühmten Reden Churchills und dessen politisches Geschick, aber auch die psychologischen Aspekte seines Führungsstils. Die Zweifel, Ängste und der immense Druck, dem der Regierungschef ausgesetzt war, werden eindrücklich geschildert: Einerseits der unbeirrbare Optimist, der Großbritannien in finsterster Stunde Hoffnung gab, andererseits der Realpolitiker, der auch harte Entscheidungen traf und nicht frei von Fehlern war. Das Buch beleuchtet Churchills Verhältnis zu Roosevelt und Stalin, zeigt die diplomatischen Herausforderungen und die persönlichen Belastungen, die mit der Rolle als Retter Europas verbunden waren.

Hobby eine äußerst wichtige Strategie

Mit dem Nobelpreis für Literatur 1952 wurden seine schriftstellerischen Leistungen gewürdigt. Er schrieb die Geschichte des Ersten und des Zweiten Weltkrieges – sie ergaben genauso mehrteilige Bände genauso wie Geschichte, vier Bände mit der Invasion Cäsars in Britannien beginnend und mit dem Ende des Victorianischen Zeitalters schließend sowie seine eigenen Lebenserinnerungen und die Familiensaga des Herzogs Marlborough. 34 Bücher brachte er auf den Markt, allesamt Bestseller. Und allesamt Mitarbeitenden diktiert, was ein höheres Tempo erlaubte, als wenn er alles hätte zu selbst zu Papier bringen müssen - Aber auch Essays wie den mit dem unpolitischen Titel Zum Zeitvertreib, in dem er sich feinsinnig und humorvoll mit dem Lesen und Malen beschäftigt auf 60 kleinformatigen Seiten. Abwechslung ist der Schlüssel schlechthin. (…)  Ein Hobby und neue Interessen zu pflegen ist daher für jemanden, der im öffentlichen Leben steht, eine äußerst wichtige Strategie.

Der Mensch Churchill – Genie und Exzentriker

Haffner zeichnet Churchill nicht als makellosen Helden, sondern als komplexe Persönlichkeit mit Licht und Schatten. Er beschreibt seine Eitelkeit, seinen Hang zu theatralischen Gesten, seine emotionale Unberechenbarkeit, aber auch seinen Charme und Humor. Churchill erscheint als ein Genie, das gerade aus seinen Fehlern und Niederlagen eine fast übermenschliche Resilienz zog. Die Ambivalenz seines Charakters – zwischen Hybris und Selbstironie, zwischen Übermut und Verzweiflung – macht ihn zu einer außergewöhnlichen, faszinierenden Figur.

Ein weiterer wichtiger Teil des Buches ist der Blick auf Churchills Nachkriegszeit. Kielinger beschreibt, wie Churchill nach dem Krieg politisch und persönlich mit der neuen Weltordnung ringt, sich als Architekt Europas zu profilieren sucht und schließlich aus dem Amt scheidet. Auch Churchills künstlerische Seite, seine Leidenschaft für das Malen und Schreiben, aber auch seine Schwächen, wie der Hang zu Zigarren und Alkohol, werden beleuchtet und tragen dazu bei, ein menschliches und authentisches Bild zu zeichnen. Ich kann mich nicht damit abfinden, den Rest meines Lebens müßigzugehen.

Legendenbildung um den Ex-Premier

Nicht zuletzt geht Kielinger auf das Nachleben Churchills ein – wie sein Bild bis heute weltweit nachwirkt, welche Verehrung und Kritik ihm zuteilwurde und wie sich die Bewertung seiner Leistungen im Laufe der Jahrzehnte wandelte. Auch der Mythos und die Legendenbildung um Churchill werden nüchtern betrachtet.

Kritische Würdigung

Kielinger gelingt mit Der späte Held das Kunststück, Churchill weder zu glorifizieren noch zu entzaubern. Stattdessen zeigt er einen Menschen mit Ecken und Kanten. Haffner betont, dass Churchill, anders als viele andere Kriegspremiers, auch nach dem Ende der Kampfhandlungen eine gewichtige Stimme blieb. Er warnte früh vor den Gefahren des Kommunismus und der sowjetischen Expansion, prägte Begriffe wie Eiserner Vorhang und setzte sich unermüdlich für ein vereintes Europa ein so in seiner bekannten Züricher Rede 1946. Haffners Resümee: Doch auch hier bleibt Churchill der Außenseiter – sein Einfluss auf die konkrete Entwicklung Europas blieb begrenzt, und viele seiner Visionen wurden erst Jahrzehnte später realisiert.

Sebastian Haffner: Churchill. Verlag Rowohlt. Verlag: Rowohlt. Erscheinungstermin: 01.10.2017. ISBN: 978-3-644-51721-9. 160 Seiten. Taschenbuch. 14 Euro

Thomas Kielinger: Winston Churchill. Verlag C.H.Beck.  ISBN 78-3-406-71377-4. Erschienen am 29. August 2017, 3. Auflage, 2022. 400 S., mit 43 Abbildungen. 16,95 Euro

Winston Churchill: Zum Zeitvertreib. Vom Lesen und Malen. Hoffmann und Campe, 11,5 x 18,5 cm, 64 S., geb. 15 Euro

Geschichte von Cäsar bis Victoria - Winston Churchills Monumentalwerke erschienen meist mehrbändig. Insgesmt schrieb er 34 Bücher, eines dicker als das andere.llesamt sorgten sie für kräftige Einnahmen.

 

 

 

 

Fräulein Gerlach, meine Herren!

Erika Gerlach: 2009 zur Gemeinderatswahl

Erika Gerlach (1973/2014, CDU) – nach Elsi Ascher-Schütz (1946/47, Parteilose Stadtgruppe) die zweite Frau in der Geschichte von Mühlacker, die in den Gemeinderat einzog.  Vom Direktor des Gymnasiums und stellvertretenden Bürgermeister Karl Maneval als Kandidatin geworben, schaffte sie 1972 nicht auf Anhieb den Sprung in die Herrenrunde im Sitzungssaal, in dem Maneval neben Bürgermeister Gerhard Knapp saß und selbst während den Sitzungen nicht von seiner Zigarette ließ.  Erika Gerlach musste sich erst an den Qualm, der über Köpfen hing, gewöhnen, als sie 1973 für Erich Schlenska auf der CDU-Liste nachgerückt war. Ein gutes Stimmenergebnis machte das möglich. Eine viel zu lange frauenlose Zeit im Rat der Stadt lag zwischen der Lehrerin Ascher und der Kindergärtnerin Gerlach, die jetzt im Alter von 86 Jahren im Siloah in Pforzheim verstarb.

Sie empfand sich nicht als Feministin, trat aber dafür ein, dass die im Grundgesetz verankerte Gleichberechtigung von Mann und Frau auch umgesetzt wird. Mit einem Augenzwinkern erzählte sie von ihren Anfangsjahren im Stadtparlament. Sie sei zuerst immer zusammengezuckt, als der seinerzeitige Bürgermeister Knapp die Ratsrunde mit dem Satz begrüßte: „Fräulein Gerlach, meine Herren!“

Das Parteibuch der CDU hatte die damals 35-Jährige noch nicht, das änderte sich am 1. Januar 1975. Da war sie seit drei Jahren Leiterin des evangelischen Pauluskindergartens. Ein gänzlich anderes Themenfeld als das, was nun in der Bürgervertretung auf sie wartete. Dort gehörte die junge Frau bis zur Umwandlung der Stadtwerke Mühlacker 1976 vom Eigenbetrieb zur GmbH dem Werksausschuss des Gemeinderats an, bewegte sich somit auf einem ihr vorher nicht gerade bekannten Terrain. Couragiert meldete sie sich zu Wort, wenn sie etwas nicht verstanden hatte oder ihr ein Vorgang zunächst schleierhaft blieb. Ihr Motto: Einfach strecken und fragen, bis ihr die Sache klar war. Schmunzelnd verriet sie: Als die Männer die Antwort dann hörten, sah ich an ihrem Gesichtsausdruck, dass sie es nun auch verstanden hatten - sie hatten sich nur nicht getraut, ihr Unwissen zu offenbaren.

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Mit frohem Mut und gutem Gewissen

Er selbst schrieb etwa zwei Monate vor seinem überraschenden Tod: Mir war mein Lebensweg nie mit Rosen bestreut. Ich wünsche das auch nicht in Zukunft. Gleichwohl werde ich meine Straße weiter ziehen, sicher und fest, mit frohem Mut und gutem Gewissen! Vom Schneidersohn aus Heidelberg zum Reichspräsidenten und damit zum ersten demokratischen Staatsoberhaupt Deutschlands: Friedrich Ebert (1871-1925). Sattler von Beruf, auf Wanderschaft, Gastwirt in Bremen, Parteifunktionär, Abgeordneter, SPD-Vorsitzender. Geehrt, geachtet, angefeindet, verleumdet.

Das Computerspiel „Friedrich Ebert. Der Weg zur Demokratie“ ist jetzt auch als analoges Kartenspiel erschienen. Es basiert auf dem gleichnamigen digitalen Serious Game der Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte, das 2023 veröffentlicht und mit dem Deutschen Computerspielpreis 2024 in der Kategorie „Bestes Serious Game“ ausgezeichnet wurde.

Er steuerte die erste deutsche Republik mit dem Ende des Ersten Weltkrieges durch die Wirren der Revolution. Kaiser Wilhelm  II. war schon in Holland im Exil beim Holzspalten. Der rein sozialdemokratische Rat der Volksbeaufttragten, ein Übergangskabinett, legte ein Reformpaket vor, zu dem erstmals auch das Frauenwahlrecht gehörte. Ebert und seine Kollegen hielten  1918/19 den Staatsapparat vor allem auch mit Hilfe der alten Fachleute aus der Kaiserzeit am Laufen. Millionen kamen aus dem Krieg zurück, wollten Arbeit und Brot und Kohle - dafür zu sorgen war Ebert wichtiger als die Sozialisierung. Sie könne später folgen. Was ihm heftige Kriik der Linken in der SPD einbrachte, die bis zur Abspaltung führte.

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Das Schicksal unserer (Ur-) Großväter - Tagebücher, Regimenter und die Somme

Nun hielt sie es also im Lesesaal der Uni-Bibliothek in Händen, das Buch aus der Reihe der Erinnerungsblätter deutscher Regimenter – in ihrem Fall Band 251 – für das 149. Infanterie-Regiment.

Einer von 1250 Bänden Kriegsgeschichte 1914-1918

Tatsächlich ist der Band extrem aufschlussreich, schreibt die Bonnerin in einer Mail an mich. Beide sind wir, wenn auch getrennt, auf der Suche nach Quellen über das Schicksal des jeweiligen Großvaters, beide fielen im Ersten Weltkrieg an der Somme. Bei ihrer Internet-Recherche stieß sie auf die Blog-Beiträge über meine Forschung nach den Umständen des Todes meines Opas Gotthilf Schrodt. Der Gipser aus Schützingen fiel Mitte September 1916 im fast selben Gebiet und in der gleichen Zeit wie der Urgroßvater der Unbekannten aus Bonn. Unsere Suchfelder ähneln sich.

Die Erinnerungsblätter beschreiben nahezu jeden Schritt eines Regiments von Beginn des Krieges 1914 bis zum Ende 1918. Jede Zuordnung, jeden Transport, jede Schlacht. Interessant hier ist in ihren Augen auch, dass die Wege mit dem Zug und teilweise mit Kraftfahrzeugen genau angegeben werden.

Dabei kam sie dann endlich auf eine andere Zuordnung für den September 1916, als sie  bislang über GenWiki herausbekommen hatte. Zitat: Dort ist die Unterstellung etwas unpräzise nur bei Kriegsbeginn aufgeführt, schreibt sie.

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Auf Spurensuche in Frankreich: Mein Opa im Ersten Weltkrieg - Bei Somme-Schlacht verbrannt

Leicht ratlos zunächst, aber auch neugierig, stehe ich an einem Juli-Samstag des Jahres 2023 in einem winzigen französischen Dorf. Das heißt Berny-en-Santerre, zählt 155 Einwohner, unterhält zwei Kriegerdenkmale und eine ungewöhnliche Informationstafel am Rande der einzigen Durchfahrtsstraße.

Gotthilf Ernst Schrodt (1887-1916), zweite Reihe, zweites Porträt von rechts: mein Großvater (Repro Kreisarchiv Enzkreis)

Ein nettes und gepflegtes Fleckchen Erde, doch unbedingt gesehen muss man es eigentlich nicht haben. Wenn man sich nicht gerade auf den Spuren seines Großvaters befindet, von Gotthilf Ernst Schrodt. Spuren? Wo sind sie? Das einzig konkrete: Mein Opa fiel hier, 596 Kilometer von seinem Heimatdorf Schützingen entfernt, südwestlich von Péronne, auf einem Schlachtfeld des Ersten Weltkrieges.

Fast 600 Kilometer von Schützingen entfernt - Kriegsschauplatz 1914/18

Nah ist er mir und doch so fern, ließ ungewollt Rätsel bei den Spätgeborenen zurück:  Ich kenne von ihm nur sein Gesicht.

Im Ersten Weltkrieg gefallen: Gotthilf Schrodt aus Schützingen, mein. Großvater

Zufällig stieß ich auf einer Porträttafel der im Ersten  Weltkrieg gefallenen Schützinger auf sein Bild, mit Uniformmütze, veröffentlicht im Jahrbuch des Enzkreises. Er starb am 15. September 1916, somit 34 Jahre vor meiner Geburt, im Schützengraben bei Berny-en-Santerre – seine Tochter Emilie Gertrud (1916-1998), meine Mutter, war damals gerade dreieinhalb Wochen alt. Sterbliche Überreste, die bestattet werden konnten, gab es nicht. Er verbrannte im Schützengraben bei lebendigem Leib. Nie eine Gelegenheit zum Abschiednehmen. Eines der Millionen Opfer des Ersten Weltkrieges. 

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Zwei Maultaschen, ein Bier und einen Schnaps für frierende Ehrengäste. Der 69-er Maientag oder: War früher eigentlich vieles besser?

Streitobjekte: Historische Stadtansicht als Massenware

Der Maultaschen-Krieg von Vaihingen. Dazu fuhren die beiden Parteien in der Sitzung des Gemeinderates (an einem Abend anno 1969)im Rathaus der Kreisstadt schwere Geschütze auf. Und die sonst mehr der Ruhe zugewandten Volksvertreter schossen diesmal aus allen Rohren. Als Ziel hatten sie sich den einzigen CDU-Stadtrat Karl Jelden, seit 18 Jahren Mitglied des Gremiums und schon immer ein kritischer Außenseiter, ausgesucht. Als Rechtsanwalt in juristischen Dingen bewandert, hatte er beschlossen, sich die Ausgaben beim Maientag vorzuknöpfen. Was dabei herauskam, waren schwerwiegende Beschuldigungen gegen Bürgermeister Gerhard Palm.

Am 23. Juli 1969 hatte Jelden seinen Brief geschrieben. In dieser Bombe in Papierform, stand gleich zu Beginn: „Beiliegend gebe ich Ihnen den Nachdruck des Stichs der Stadt Vaihingen a. d. Enz, den Sie mir am Maientag überreicht haben, zurück und bitte Sie, dafür zu sorgen, daß der Betrag für den Stich wieder der Stadtkasse zugeführt wird."

und zwei Maultaschen.

Für die Ausgabe von Geschenken an die Gemeinderäte, so schrieb der streitbare Jurist, am Maientag durch Palm sei kein Gemeinderatsbeschluß vorgelegen. Dafür sei auch im „Haushalt keine Deckung vorhanden.“ Da für die Stadt ein Defizit von 2000 Mark entstanden sei, sei der Haushalt um diesen Betrag überschritten worden.

Da die Gemeinderäte ehrenamtlich tätig seien und sie lediglich für ihre Sitzungen Tagegelder erhalten, bestehe keine Veranlassung, „den Gemeinderatsmitgliedern am Maientag noch Sonderzuwendungen zu machen". Und so stand weiter in dem Brief: „Ich vermag deshalb in Ihrer (Palms Red.) Handlungsweise nur einen Verstoß gegen die Haushaltsvorschriften und eine Veruntreuung von Haushaltsmitteln und Steuergeldern in Höhe von mehreren hundert DM zu erblicken.

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