Ihre Heimat im Kontext von Massenmord

Gedenken neu denken zeigt: Die Shoah ist kein abgeschlossenes Kapitel, sondern ein fortlaufender Lernprozess, der Vielfalt, Verantwortung und digitale Sorgfalt braucht. Davon ist Susanne Siegert zutiefst überzeugt: Beim offiziellen Gedenken an die Opfer der Judenverfolgung und -ermordung durch die Nazis gehe es viel zu oft nicht wirklich um die Opfer und ihre Nachkommen, sondern um uns, um das eigene gute Gewissen der ehemaligen Tätergesellschaft, die sich selbst als aufgeklärt und moralisch geläutert inszenieren will. Die, an die erinnert werden solle, würden wieder an den Rand gedrängt. Und die Journalistin belegt die Richtigkeit dieser Kritik mit Beispielen.

Sie plädiert für eine pluralistische, neue Gedenkarbeit mit einem Schwerpunkt auf der Verantwortung der Nachfahren der Tätergeneration anstelle unserer einstudierten gemeinsamen Rückschau mit den Opfern. Es geht um weniger bekannte NS-Verbrechen, um weniger bekannte Orte, um bisher vernachlässigte Opfergruppen wie Sinti und Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, . Gleichzeitig zeigt dieses Buch, wie wichtig eine aktivere, vielfältigere Gedenkkultur ist, um künftige Generationen auch ohne direkte Zeitzeugenberichte… Genug Erinnerung für alle, lautet einer der Zwischentitel in dem lesenswerten Buch. Klingt flapsig, trifft damit aber den Punkt: Die Juden sprechen von der Shoah, Sinti und Roma von Porajmos. Beide Bezeichnungen meinen den Völkermord durch die Nazis.

Lesung: 08. Januar 2026. Um 20:00 Uhr Im Wizemann, Quellenstraße 7, Stuttgart. Autorin Susanne Siegert spricht über „Gedenken neu denken“ 

Gedenken neu denken – der Titel des im Piper-Verlag veröffentlichten 237-seitigen Buchs lässt im ersten Moment zurückschrecken. Schon wieder die Kritiker von der falschen, rechten Seite?! Nein, der Autorin ist es ernst mit dem Nicht-Nichtvergessen, mit dem Erinnern und Gedenken der Verbrechen in der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft von 1933 bis 1945. Susanne Siegert scheut auch nicht, das Reizthema, die Beteiligung und Mitschuld der deutschen Wehrmacht an den Verbrechen, aufzugreifen.

Mit 27 Jahren fängt sie die Recherche in der eigenen Familie an.   Ur-Opas, die zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs auf der Seite der Nazis gekämpft haben – was taten sie, was wussten sie?   Da besuchte sie auch erstmals das ehemalige Lagergelände in Mühldorf. Tatorte waren eben nicht nur weit entfernt von ihrer oberbayrischen Heimat: Ausschwitz, Treblinka, Dachau, Bergen-Belsen.  Orte des Terrors lagen auch ganz in der Nähe, zum Beispiel das KZ-Außenlager Mühldorfer Hart – ein Außenlager des KZ Dachau.

Plötzlich lernte sie ihre Heimat im Kontext von Massenmord kennen. Sie recherchierte, empfiehlt dies auch generell jungen Menschen. Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges gab es 23 Stammlager und 1154 KZ-Außenlager. Ihre Schlussfolgerung: Dadurch sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass es in Deiner Umgebung Tatorte von Naziverbrechen gab. Sie liefert Adressen für die Recherche, so für die Online-Beständen des Arolsen-Archivs, beim Bundesarchiv.Alles, was du in der Schule garantiert NICHT über Naziverbrechen lernst – das wurde zum Slogan ihres Instagram- und Tik-Tok–Kanals @keine.erinnerungskultur, für den sie mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Zurecht!

Susanne Siegert, geboren 1992, ist Journalistin und eine der bekanntesten Stimmen der digitalen Erinnerungskultur in Deutschland. Sie klärt auf Instagram und TikTok über den Holocaust auf. Für ihre innovative und engagierte Arbeit wurde sie 2024 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet, 2025 erhielt sie den Margot Friedländer Preis. Siegert lebt in Leipzig

• Siegert argumentiert, dass das kollektive Erinnern an den Holocaust kein starres Monunent, sondern ein dynamischer, politisch verflochtener Prozess ist. Erinnerungspraktiken müssten heute multiperspektivisch, dekonstruktiv und sensibel gegenüber Fragen von Antisemitismus, Kolonialismus (so die Ermordung von 100.000 Herero und Nama in den Jahren 1904 bis 1908 im heutigen Namibia durch deutsch-kaiserliche Truppen), Migration und Ungleichheit gedacht werden. Dabei bleibt die zentrale moralische Verantwortung unbestritten: Die Würde der Überlebenden, die Anerkennung der Leidensgeschichten und die Verpflichtung zur Bildungsarbeit gegen Antisemitismus und Diskriminierung hält die Autorin für weiterhin notwendig. Traditionelle Narrative könnten hilfreich sein, doch sie reichten meist nicht aus, um die Vielstimmigkeit der Erfahrungen abzubilden. Siegert plädiert für die systematische Einbeziehung von Stimmen Betroffener, Nachfahren und marginalisierter Gruppen.Wer erinnert wen, wer erzählt, wer wird ausgeschlossen? 

• Digitale Formate, Datenbanken und Algorithmen eröffnen, so ihr Fazit, neue Zugänge, bergen aber die Gefahr der Fragmentierung.

© Foto: Ina Lebedjew

Das Buch hat einen klaren Bezug zur Gegenwart: Siegert verortet Gedenken in aktuellen Debatten zu Kolonialismus, Trauma- und Erinnerungskritik. Susanne Siegert wirft die richtigen Fragen auf, liefert auch die Antworten dazu. Das Buch hat mich auf keiner Lese-Strecke gelangweilt. Auch nicht die Passagen über die Debatten um den richtigen Holocaust-Gedenktag.

Die Mischung macht das Buch sowohl anspruchsvoll als auch zugänglich für ein breites Publikum.Theoretische Tiefgang bei gleichzeitig lesbarer Sprache: Trotz komplexer Konzepte gelingt es, eine Verständlichkeit zu wahren, sodass auch Leserinnen und Leser ohne Vorwissen der Gedächtnisstudien mitgenommen werden.

Ein brisantes Thema, ein Stück Vergangenheit, das die Deutschen nicht einfach abstreifen können. Und viele wollen es auch nicht abtreifen. Erinnerungsarbeit lokal – ein Beispiel aus unserer Nachbarschaft, die KZ-Gedenkstätte in Vaihingen an der Enz. (bä)

Susanne Siegert: Gedenken neu denken – Wie sich unsere Erinnerung an den Holocaust verändern muss. Piper-Verlag. 240 Seiten, Klappenbroschur. 13,6 cm x 21,5 cm. 18.00 Euro. Mit umfangreichem Daten- und Adressenmaterial im Anhang. EAN 978-3-492-06545-0

Der Russland-Politik auf der Spur

Gut 720 Seiten Buch – um das zu lesen, braucht’s Geduld und Ausdauer. Oder einen Reha-Aufenthalt nach einer Knie-OP. Oder einfach hohes Interesse an dem Thema: Geschichte der deutschen Russlandpolitik seit 1990 bietet eine umfassende Analyse der politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland seit dem Ende des Kalten Krieges. Es beleuchtet die verschiedenen Phasen dieser Beziehungen, angefangen von der Euphorie der Wiedervereinigung bis hin zu den aktuellen Spannungen und Herausforderungen. Autor Bastian Matteo Scianna ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Militärgeschichte und Kulturgeschichte der Gewalt an der Universität Potsdam. Er untersucht die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Aspekte dieser bilateralen Beziehungen und zeigt auf, wie sich die deutsche Russlandpolitik im Laufe der Jahre entwickelt hat. Dabei werden sowohl die Erfolge als auch die Misserfolge dieser Politik kritisch hinterfragt und analysiert. Das Buch ist eine wertvolle Ressource für alle, die sich für die deutsch-russischen Beziehungen und die europäische Außenpolitik interessieren.

Seit dem Überfall von Russland auf Ungarn steht die deutsche Russlandpolitik vor einem Scherbenhaufen. Ihre Strategien sind gescheitert. Ihre Grundüberzeugungen erschüttert. In Deutschland und international wird heftig über sie gestritten. War sie von Anfang an verfehlt? Wie weit reichte der Einfluss Russlands und seiner Netzwerke? Befand sich die Bundesrepublik auf einem Sonderweg?

Bastian Matteo Scianna hat bislang unzugängliche Archivbestände ausgewertet und legt die erste wissenschaftlich fundierte Aufarbeitung zu einem der umstrittensten Themen der deutschen Zeitgeschichte vor. Er tut dies ausgesprochen penibel. Der Autor hatte Zugang zu unbekanntem Archivmaterial aus dem In- und Ausland, unter anderem zu den Akten des Kanzleramts unter Helmut Kohl, zu den Protokollen der CDU/CSU-Bundestagsfraktion oder Gesprächsmitschriften aus britischen und amerikanischen Quellen.

Seine grundlegende Analyse zeigt, dass die Geschichte viel komplexer ist als manchmal dargestellt. Die deutsch-russischen Beziehungen waren besonders und genossen einen hohen Stellenwert. Es fuhr daher ein Sonderzug nach Moskau. Doch stand die Bundesrepublik in Europa keineswegs allein und war nicht nur blind und naiv, wie manche Kritiker behaupten. Andere Länder glaubten ebenfalls an Wandel durch Handel und wollten mit Russland zusammenarbeiten: Die Utopie der Verflechtung war keinesfalls ausschließlich Made in Germany, zumal dies – wie der Verfasser aufzeigt mit den unterschiedlichen Personen und Charaktere zusammenhing. Kohl verstand sich gut mit Gorbatschow und Jelzin. Der Kanzler wusste, genauso wie Merkel, um die Empfindlichkeit der russischen Seele. Aber er warf sich den russischen Präsidenten nicht an den Hals wie Politiker von SPD und Grüne, Gerhard Schröder und Joschka Fischer.  

Die Beziehungen zwischen der SPD und Russland sowie der CDU und Russland haben sich im Laufe der Jahre unterschiedlich entwickelt und waren von verschiedenen politischen Ansätzen und historischen Kontexten geprägt.

Die SPD hat traditionell eine eher dialogorientierte und kooperative Haltung gegenüber Russland eingenommen. Diese Politik geht auf die Ostpolitik von Willy Brandt in den 1970er Jahren zurück, die darauf abzielte, die Beziehungen zu den osteuropäischen Staaten, einschließlich der Sowjetunion, zu verbessern. Auch nach dem Ende des Kalten Krieges setzte die SPD auf eine Politik des Dialogs und der Zusammenarbeit mit Russland, um Stabilität und Sicherheit in Europa zu fördern.

Im Gegensatz dazu hat die CDU eine eher kritischere und zurückhaltendere Haltung gegenüber Russland eingenommen. Besonders in den letzten Jahren, angesichts der Annexion der Krim und des Konflikts in der Ukraine, hat die CDU eine härtere Linie verfolgt und sich für Sanktionen gegen Russland ausgesprochen. Die CDU betont die Bedeutung der transatlantischen Beziehungen und die Zusammenarbeit mit den westlichen Verbündeten, insbesondere den USA, in der Russlandpolitik.

Diese unterschiedlichen Ansätze spiegeln sich auch in den politischen Maßnahmen und Initiativen wider, die von den jeweiligen Parteien ergriffen wurden, um die Beziehungen zu Russland zu gestalten. Während die SPD auf Dialog und Kooperation setzt, verfolgt die CDU eine Politik der Abschreckung und Sanktionen, um russische Aggressionen einzudämmen. Der Sonderzug nach Moskau wurde 2024 aufs Gleis gesetzt, soll heißen: Die Politik hat sich seit dem Erscheinen des Buches weiter verändert – Trump II, Vance…  (bä)

Scianna, Bastian Matteo: Sonderzug nach Moskau, Geschichte der deutschen Russlandpolitik seit 1990. Monografie, 720 Seiten. C.H.Beck, ISBN 978-3-406-82210-0. Preis: 34,00 Euro

 

Der lange Kampf der Nervensäge

383 Seiten Giorgia Meloni, das Lese-Pensum für die Weihnachtstage. Auf der 379. Seite des Buches Ich bin Giorgia die Botschaft ihres 2021 in Mailand erstmals verlegten Buches, das Konzentrat:

Erstens habe ich von nichts und niemandem Angst, das Einzige, wovor ich mich fürchte, ist, dass ich, wie aus diesem Buch zu erfahren ist, mich selbst und die, die an mich glauben, enttäusche. Zweitens bin ich nicht erpressbar, denn ich tue nichts, wofür ich mich schämen müsste, und ich nehme keine Hilfe an von Leuten, die eine Gegenleistung von mit verlangen könnten. Drittens bin ich nicht allein, und diejenigen, die sich entschieden haben, mich in diesem Kampf zu begleiten, sind mir sehr ähnlich. Viertens und letztens bin ich immer unterschätzt worden, und das ist unterm Strich ein großer Vorteil.

Diese Punkte variiert sie in der gedruckten Selbstdarstellung, in der im Europaverlag München 2025 erschienenen deutschen Ausgabe, geschickt und durchaus glaubwürdig. Zwischen den beiden Ausgaben liegt der entscheidende Karriereschritt: Seit 2022 ist sie Ministerpräsidentin Italiens. Die erste Frau in dieser Funktion. Eine, die sich selbst als Rechte bezeichnet. Ihre Regierung hat eine für italienische Verhältnisse ausgesprochen lange Haltbarkeitsdauer. Indessen: Die deutschsprachige Ausgabe leidet darunter, dass sie auf dem Stand von 2021 blieb und nicht aktualisiert wurde. Das erinnert an die ähnliche Kernaussage der Christdemokraten: Im Mittelpunkt steht der Mensch. Schnittmengen gibt es.

Die Linke will eine Welt ohne Grenzen und Unterschiede schaffen und diese Vision allen aufzwingen. Die Rechte dagegen stelle den Menschen in den Mittelpunkt - und seine Einzigartigkeit - schreibt die jetzt 48-Jährige, groß geworden in Rom. Dort begann sie mit 15 Jahren ihr parteipolitisches Engagement bei der Jugendfront des Movimento Sociale Italiano: Sich als Teil von etwas Wichtigem zu fühlen, gibt Selbstsicherheit. Das war es, was viele dieser jungen Leute suchten, und so war es auch bei mir. Im Sommer1992 habe der Kampf begonnen, den sie noch heute führe, schreibt Meloni 30 Jahre später.   

Giorgia Meloni erzählt zum ersten Mal über ihre Kindheit, über ihre Beziehung zur Mama Anna, die ältere Schwester Arianna, die Großeltern Maria und Gianni und über den Schmerz darüber, dass sie keinen Vater hatte. über die unbändige Leidenschaft für die Politik, die sie aus ihrem römischen Stadtviertel Garbatella zuerst 31jährig als – bis dato in der Geschichte der Republik jüngste - Ministerin in die Regierung des Landes und dann an die Spitze von Fratelli d’Italia und der europäischen Konservativen geführt hat. Mit 19 im Regionalparlament der Provinz Rom, mit 28 Jahren Abgeordnete und gleich Vizepräsidentin des italienischen Parlamentes.  Häufig sei sie die Nervensäge gewesen – in der Schule, später in der Politik, bekennt sie ganz offen.

Sie schreibt auch über die Freude, Mutter der kleinen Ginevra zu sein, und über die Liebesgeschichte mit Andrea; über ihre Träume und über die Zukunft, die sie sich für Italien und für Europa wünscht.  Die Autobiografie beginnt mit einem unerwarteten Bekenntnis: Mutter Anna war schon auf dem Weg, das Baby abtreiben zu lassen, doch änderte im letzten Moment ihre Meinung und entschied sich, es doch auszutragen - das Mädchen, das sie auf den Name Giorgia taufen ließ. Und Giorgia gesteht später in dem Buch, dass sie gern mehrere Kinder gehabt hätte – sie habe das Glück, Mutter zu sein, zu spät begriffen.

Mit Klarheit und aus Überzeugung packt die Politikerin auch komplexe Themen wie die Mutterschaft, die Identität und den Glauben an, würdigt die Päpste Johannes Paul II und Benedikt XVI. Leidenschaftlich spricht sie sich gegen Abtreibung aus, sieht bei der Politik die Verpflichtung, der materiellen Förderung der Familien und Alleinerziehenden höchste Priorität einzuräumen. Überhaupt: Sie polemisiert nicht, sondern argumentiert etwa zur Migrationspolitik, zu den Linken in den Medien, zum Nationalverständnis der Italiener (die Linken werden das anders empfinden).

Die teils rührenden privaten Einblicke erhalten eine klare politische Bedeutung. [...] Ihre Agenda, das wird deutlich, ist eine Politik der Rückkehr - zu Grenzen, zu Gegensätzen, zu alten Ordnungen, schreibt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Rückkehr? Konservative wollen nach ihrem Verständnis bewahren, was wert ist, bewahrt zu werden. Und lehnen auch deshalb das Gendern ab, pflegen das traditionelle Familienbild vom Vater, der auch Vater heißt, und der Mutter, die auch Mutter heißt – im Einklang mit der Mehrheit der Menschen. Gerade das in der Biografie von ihr geschilderte Familienleben von Meloni zeigt, dass Familie nicht automatisch Idylle bedeutet.

Ein lesenswertes und auch spannendes Buch, die Überschriften wie skandierte Ohrwürmer, ursprünglich ironisch gemeint, dann aber zu einem Manifest ihrer Identität geworden. Ich bin Giorgia, Ich bin eine Frau, Ich bin eine Mutter, Ich bin rechts, Ich bin Christin, Ich bin eine Italienerin. Wie Paukenschläge, und eines ist mal klar, schreibt die Weltwoche: So unverblümt, ja stolz, ist die rechte Gegenkultur lange nicht gefeiert worden. Dieses Buch atmet Freiheit in alle Richtungen, es zitiert Tolkien ebenso wie Ernst Jünger oder den geläuterten Pier Paolo Pasolini.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der politischen Führungsfigur, auf die die Augen vieler gerichtet sind, in Italien und nicht nur da, heißt es im Verlagstext. Zuerst strauchelte ich, ob sich der Kauf lohnt. Sollte ein Christdemokrat das lesen? Er muss es tun!

Meloni rechtsextrem? Ich meine: Rechts Ja, extrem nein. Ein bisschen erinnert mich die Auseinandersetzung von Meloni mit der Linken an den Wahlslogan der CDU  1972 bei der baden-württembergischen Landtagswahl unter Hans Filbinger: Freiheit statt Sozialismus. Da war die Zeit, als eine CDU noch absolute Mehrheiten einfuhr. (bä)

Giorgia Meloni: Ich bin Giorgia - Meine Wurzeln, meine Vorstellungen. Gebunden mit Schutzumschlag. 383 Seiten. 13,5 x 21,5 cm. Europaverlag. 26,00 Euro. ISBN 978-3-95890-654-9

Weimar - Die unglaubliche Karriere eines Provinzstädtchens

177 Jahre auf 283 Seiten, lebendig ge- und beschrieben, spannend, sozusagen mit Goethe, Schiller und anderen Geistesgrößen unterwegs: Helge Hesse löst ein deutsches Versprechen auf seine Weise ein: Der kleinen deutsche Kulturhauptstadt Weimar  und ihrer so reichen Geschichte spürt der Autor nach. Weimar 1756 bis 1933.  Da war etwas los im fast winzigen (Groß-)Fürstentum. Die unglaubliche Karriere eines Provinzstädtchens Dieses Buch beleuchtet das kulturelle Erbe Weimars und vermittelt anschaulich die Bedeutung dieser Stadt für die deutsche Kunst und Kultur im 19. und 20. Jahrhundert. Denn 1756 begann Herzogin Anna Amalia in der kleinen Stadt Weimar, Politik und Kultur zu verbinden. Goethe und Schiller schufen dort Meilensteine der Literatur und des Denkens. Franz Liszt gab der Musik wichtige Erneuerungsimpulse, Harry Graf Kessler sowie Henry van de Velde brachten die moderne Kunst und Architektur voran.  In Weimar entstand die Verfassung der ersten deutschen Republik. Und Walter Gropius gründete das Bauhaus, das alle Gebiete der Gestaltung bis heute beeinflusst. Helge Hesse begleitet die prägenden Persönlichkeiten jener Epoche, in der Weimar ein Ort deutscher Versprechen für eine bessere Welt war – bis 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Eine mitreißende Lektüre, die über bloße Geschichte hinausgeht. Helge Hesse, geboren 1963, studierte Philosophie und Wirtschaftswissenschaften. Er verfasste zahlreiche erfolgreiche Sachbücher zu kulturellen, historischen und philosophischen Themen. Hesse lebt als freier Autor und Publizist in Düsseldorf. Für sein Buch Die Welt neu beginnen erhielt er 2021 den Bayerischen Buchpreis.

Helge Hesse: Ein deutsches Versprechen, Weimar 1756-1933.  283 Seiten. Reclam. 2023. ISBN: 978-3-15-011436-0

Goethe-Schiller-Denkmal vor dem Nationaltheater

Haus an den hohen Pappeln - van de Velde und seiner Familie Domizil

Ungewöhnliche Architektur - Haus an den hohen Pappeln

Auch Künstler-Treff: das Hotel Russischer Hof (Fotos: Günter Bächle)

Mein Top-Tipp: Heimatroman der besonderen Art

Zwanzig Leseproben von zwanzig Autoren, die für den Deutschen Buchpreis 2025 vorgeschlagen wurden. Kostproben im handlichen Auswahlbändchen, darunter aus dem Roman Russische Spezialitäten von Dimitrij Kapitelman. Diese literarischen Spezialitäten machten neugierig. Drei Seiten, die ahnen ließen, dass das neueste Buch des 1986 in Kiew geborenen und seit 1994 in Deutschland lebenden Schriftstellers heiter, traurig und unterhaltend ist.  Mein Top-Tipp an der Lektüre der 183 Seiten: einfach lesen!

Gleich der Einstieg lässt Freude am geschriebenen Wort des in Berlin lebenden Autors aufkommen.: Der russische Wetterreporter warnt das russische Fernsehvolk. Und somit auch meine russisch fernsehvölkische Mutter. Die seit Jahren vom sichersten aller Ostdeutschlands aus an der russischen Welt teilnimmt, Leipzig.

Dmitrij Kapitelmans Roman trägt autobiografische Züge.  Im Mittelpunkt seine ukrainisch-stämmige Familie in Leipzig, deren politische Auffassungen sich widersprechen. Die Eltern. Die Mutter: Kettenraucherin, kyjiw-kompatibel geschminkt, also üppig, und mit der Gabe, Sterne vom Himmel zu pflücken. Der Vater: ambitioniert, tiefhängende Hose, schlaganfallgebeutelt, jüdisch und auf Du mit den toten Fischen in der Frischetheke. Die scheinen ihn nämlich unaufhörlich fröhlich anzuquasseln. Die Brüche in der Familie werden deutlich.

Die Mutter neigt zu pro-Putin-Haltungen, der Sohn positioniert sich klar gegen den Überfall auf sein Heimatland, die Ukraine.  Der Schriftsteller nutzt in den beiden Teilen des Romans – der eine spielt im Raum Leipzig, der andere in Kyjiw – seine Sprachkunst, die (Un-)Möglichkeit der Verständigung in Zeiten alter und neuer Kriege fast schon heiter, zärtlich und auch komisch aufzuschreiben. Sprachlich brillant.  Bittersüß und zutiefst politisch, nennt das der Hanser-Verlag, in dem der Roman erschien. Kein Widerspruch!

Die Familie aus Kyjiw verkauft in Kleinzschocher bei Leipzig im eigenen Magasin russische Spezialitäten. Wodka, Pelmeni, Kaviar, gezuckerte Kondensmilch, Flusskrebse in Tomatensauce, SIM-Karten, Matrosenshirts – und ein irgendwie osteuropäisches Zusammengehörigkeitsgefühl.  Jeden Tag kommt Genadij, der Mann mit seltsam kindlichen Knopfaugen, und jeden Tag der gleiche Dialog: Und was kostet das Eis heute dann? / Für Sie fünfzig Cent, Genadiji, / Nein, das ist zu wenig, ich gebe Ihnen einen Euro. Und jeden Tag zieht er mit einem Eis ab. Wobei Letzteres seit dem russischen Überfall auf die Ukraine nicht mehr zu haben ist.

Dimitrij Kapitelman © Paula Winkler

Die Mutter steht an der Seite Putins. Russische Propaganda glaubt sie aufs Wort, weshalb sie meint, dass an der aktuellen Lage der Ukraine nicht etwa Putin, sondern Selenski Schuld trägt.  Und ihr Sohn, der keine Sprache mehr als die russische liebt, keinen Menschen mehr als seine Mutter, aber auch keine Stadt mehr als Kyjiw, verzweifelt. Klug ist es nicht von ihm, mitten im Krieg in die Ukraine zurückzufahren. Aber was soll er tun, wenn es nun einmal keinen anderen Weg gibt, um Mama vom Faschismus und den irren russischen Fernsehlügen zurückzuholen? Er konfrontiert die paranoiden Vorstellungen der Mutter mit der Realität. An der Grenze bewahrt ihn sein deutscher Pass, von den Grenzkontrolleuren zur ukrainischen Armee zwangsverpflichtet zu werden.

Ein Heimatroman der unerwarteten Art.

Dmitrij Kapitelman, 1986 in Kyjiw geboren, kam im Alter von acht Jahren als jüdischer Kontingentflüchtling mit seiner Familie nach Deutschland. Er studierte Politikwissenschaft und Soziologie an der Universität Leipzig und absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München. Heute arbeitet er als freier Journalist. 2016 erschien sein erstes, erfolgreiches Buch Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters, für das er den Klaus-Michael Kühne-Preis gewann. 2021 folgte Eine Formalie in Kiew, für das er mit dem Buchpreis Familienroman der Stiftung Ravensburger Verlag ausgezeichnet wurde.

Dmitrij Kapitelman: Russische Spezialitäten. Hanser-Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783446282476. Gebunden, 192 Seiten, 23,00 EUR

Hahne gegen Ideologie und Idiotie

Was ist los in unserem Land? Schüler können nicht mehr lesen und schreiben. Wer sich für Diplomatie einsetzt, gilt als Verräter. Peter Hahne ganzer Spott gilt der Gender-Debatte. Gendergerechte Sprache im Zug und auf Beipackzetteln, aber nicht genug Medikamente und keine funktionierende Bahn. Wir sollen blechen für Prunk-Kanzleramt oder Politiker-Protz-Fotos. Corona bleibt unaufgeklärt. Der frühere ZDF-Mann wendet sich gegen Idiotie und Ideologie. Und kritisiert Ex-Kanzlerin Merkel und ihr Wir schaffen das.

Peter Hahne legt mit Ist das Euer Ernst?! eine pointierte Bestandsaufnahme der politischen und medialen Landschaft vor. Reines Lesevergnügen. Das ist Hahnes Markenzeichen. Auch das Buch schaffte den Sprung auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste. Er hinterfragt gängige Narrative, entlarvt Oberflächlichkeiten und fordert mehr Transparenz sowie Verantwortungsbewusstsein von Politikern, Journalisten und der Gesellschaft. Dabei bleibt der Ton sachlich, gelegentlich humorvoll, und zielt darauf ab, Debatten anzustoßen statt zu polarisieren. Hahne formuliert seine Thesen deutlich, ohne ins Diffuse abzurutschen, und nutzt humorvolle, leicht spitze Passagen, um komplexe Sachverhalte zugänglicher zu machen, ohne deren Ernsthaftigkeit zu verwässern.

Das Buch deckt ein breites Spektrum ab: Medienszene, politische Entscheidungsprozesse und den Wandel gesellschaftlicher Werte stehen im Fokus. Es richtet sich an Leserinnen und Leser, die klare Positionierung schätzen, zugleich aber eine Portion Humor als Anker für die eigene Reflexion wünschen – ideal auch für Lesekreise, Seminare oder Debattenrunden, die Debatten mit einer zugänglichen, aber anspruchsvollen Perspektive bereichern möchten. Kurz gesagt, Ist das Euer Ernst?! ist kein neutrales Handbuch, sondern ein Anstoß zur Debattenkultur – sachlich fundiert, mit witzigen Momenten versehen und gut geeignet, Debatten in Bildungs- oder Kulturformaten anzustoßen.

Peter Hahne, Ist das euer Ernst?! - 2024. Quadriga, 142 Seiten. ISBN 978-3-86995-141-6. Preis: 12 Euro

Lebens(mehr)wert für alle Generationen

Jana Geiger beschäftigt sich als eine von zwölf Autorinnen mit Wohnen im Wandel - Lebensqualität im Alter, so der Titel ihres 196-seitigen Buches. Die Innenarchitektin aus Lienzingen sagt, es sei sehr wichtig, alle (Jung und Alt) in der Stadt- und Dorfentwicklung mitzudenken und mitzunehmen. Einzelbereiche zu bearbeiten, statt das Ganze im Zusammenhang zu betrachten, scheint ihr zu kurz gedacht.

Ihr Credo: Wohnen ist mehr als ein Ort – es ist Ausdruck unserer Persönlichkeit, Quelle von Sicherheit und Voraussetzung für Lebensqualität. Gerade im Alter, wenn sich Lebensumstände und Bedürfnisse verändern, spielt die Wohnsituation eine entscheidende Rolle für Wohlbefinden, Gesundheit und soziale Teilhabe.

Dieses Buch beleuchtet das Thema Wohnen im Alter aus psychologischer, biologischer, gesellschaftlicher und praktischer Perspektive – und bietet neue Impulse für eine selbstbestimmte und würdevolle Wohnzukunft. Die Gesellschaft altert. Wohnen im Alter wird dadurch zunehmend ein wichtiges Thema.

Ihre Kernbotschaft lautet: Gutes Wohnen ist flexibel, sozial eingebunden und zukunftsorientiert – unabhängig vom Alter. In ihrem Beitrag Jung & Alt – zusammen mit Stefanie Mathis geschrieben – macht Jana Geiger deutlich, wie sich die Lebensqualität mit den verschiedenen Lebensphasen verändert und wie dabei das Zuhause eine zentrale Rolle spielt.

In einer Bestandsaufnahme weist sie auf viele Wohnformen hin, die eher Vereinzelung als Miteinander fördern. Stadtverdichtung verdränge Spielflächen, der halböffentliche Raum werde so zur reinen Verkehrsfläche, auf der sich niemand länger als unbedingt notwendig aufhalte.

Sie bringt viele gute, begeisternde Anregungen wie generationenübergreifende Gemeinschaftsgärten oder -parks. Begegnungsorte, an denen die Alten nicht nur unter sich sind und die Jungen nicht nur ihresgleichen suchen.  Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind groß zu ziehen, heißt es in einem afrikanischen Sprichwort.

Flexibilität als Leitprinzip: Geiger plädiert für Räume, die sich anpassen können, um den ständigen Neukauf einer neuen Umgebung zu vermeiden. Wohnzimmer sollen multifunktional nutzbar sein, Küchen zu Orten gemeinsamer Aktivitäten werden und Bäder barrierefrei bleiben. Das Ziel ist ein kontinuierliches Wachstum, angefangen von einer Wohngemeinschaft bis hin zu kompakten Wohnformen im Alter. Soziale Vernetzung als Maß für Lebensqualität: Wohnen wird zum sozialen Fixpunkt. Gemeinschaftliche Nutzflächen, Mehrgenerationenhäuser und Nachbarschaftstreffs fördern das Gemeinschaftsgefühl und das Sicherheitsgefühl. Der Zugang zu sozialen Kontakten ist oft genauso wichtig wie der Zugang zu physischen Annehmlichkeiten. Räume, die Begegnungen erleichtern, stärken das Wohlbefinden über Generationen hinweg.

Autorin Jana Geiger

Sicherheit, Gesundheit und Wohlbefinden: Sicherheit umfasst mehr als nur den Schutz vor Einbrüchen. Barrierefreiheit, gute Beleuchtung, klare Orientierung und gesunde Materialien spielen dabei eine wichtige Rolle. Die Expertin betont die Bedeutung einer sanften, aber stabilen Umgebung, die die verschiedenen Lebensphasen begleitet. Bewegungsfreiheit, gute Belüftung und eine geringe Lärmexposition tragen zur Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden bei.

Nachhaltigkeit und Zukunftsorientierung: Nachhaltigkeit beinhaltet auch die Planung über Generationen hinweg. Ökologische Materialien, effiziente Systeme und kurze Wege sind Teil dieses Ansatzes. Junge Erwachsene suchen bezahlbare und flexible Rahmenbedingungen, während ältere Menschen Wert auf Wartungsarmut und Sicherheit legen. Architekturen und Planungen sollten die Anpassbarkeit als Standard verstehen, um individuelle Lebensentwürfe und Gemeinschaften gleichermaßen zu stärken.

Finanzielle Dimensionen: Lebensqualität ist eng mit finanzieller Belastbarkeit verbunden. Modelle wie gemeinschaftliche Nutzflächen, Mietstützen und barrierefreie Förderprogramme mildern finanzielle Belastungen und gewährleisten die Teilhabe über Generationen hinweg.

Fazit: Lebens(mehr)wert für alle Generationen. Gemeinschaftlich statt gegeneinander: Jung & Alt zeigt, dass Lebensqualität dynamisch ist. Wer an flexibles, barrierefreies, sozial integriertes und ökologisches Wohnen denkt, schafft Räume, von denen alle Generationen profitieren können. Die Zukunft des Wohnens liegt in hybriden Formen, die Vielfalt respektieren und die Gemeinschaft stärken.

Herausgeputzt: Wohngebäude an der Wette in Lienzingen, Baujahr

Jana Geiger restaurierte zusammen mit ihrem Mann, auch Architekt, vor Jahren ein heruntergekommenesFachwerkhaus (Baujahr 1747) an der Wette in Lienzingen, das ihr inzwischen Heimat geworden ist. Es wurde zum Schmuckstück am Rand des historischen Ortskerns. Die 47-jährige, zwei Kinder, wuchs in Rostock auf, studierte in Berlin Architektur,zog vor 22 Jahren in den Raum Stuttgart.  Geiger arbeitet am Institut für Wohn- und Architekturpsychologie (IWAP), ist Gründerin der IWAP-Fachgruppe Lebensraum Kinder. Sie engagierte sich in Lienzingen bei der Betreuung der zeitweise in der Gemeindehalle untergebrachten ukrainischen Flüchtlingen, ist aktiv bei Herzenssache Lienzingen und bei der Organisation der Weihnachtsgaden. Sie lebt vor, was sie auch öffentlich vertritt. Und greift Themen zum Thema auf.

Wohnen im Wandel - Lebensqualität im Alter: Wie wir unsere Wohn- und Lebensräume gestalten können, um im Alter selbstbestimmt und zufrieden zu leben - Feldmer-Metzger, Monika; Schröder-Bauerfeind, Annelie. Softcover und Hardcover. ISBN 10: 3931641279 ISBN 13: 9783931641276. Verlag: Paschke Media, 2025. Preis: 20 Euro.

 

Erinnerung an den Anfang – Konrad Adenauer 1945–1953

Günter Bächle, 1965 schrieb ich auf das erste Innenblatt des rund 580 Seiten umfassenden Bandes, der in jenem Jahr bei der – mittlerweile nicht mehr existierenden – Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart erschien. Konrad Adenauers erste Erinnerungen kaufte ich als 15-Jähriger. Jetzt, fünfzig Jahre später, las ich ihn erstmals, fand ihn höchst interessant und entdeckte Gemeinsamkeiten mit der Politik von heute. Debatten um die Höhe des deutschen Verteidigungsbeitrags, die Anfänge der Europäischen Union, Sicherheitsgarantien der USA für Europa, die Sehnsucht nach Frieden und die sowjetische Bedrohung.

Hat sich etwas geändert? Jedenfalls nicht meine Begeisterung für den ersten Kanzler der Bundesrepublik, der mich so faszinierte, dass ich den Weg in die Union fand und Adenauer-Fan blieb.

Der geschichtliche Hintergrund war ein anderer. Nach dem Zusammenbruch des Zweiten Weltkriegs steht Deutschland vor einer neuen politischen Herausforderung: Rechtsstaatlichkeit, Freiheit und Stabilität gleichzeitig zu etablieren. Adenauer sieht sich als Architekt einer Westbindung, die nicht nur die Außenpolitik bestimmt, sondern auch den inneren Sinn politischer Verantwortung klar darlegt. Die Zukunft gehört denen, die sie gestalten – so lässt sich seine Grundstimmung in dieser Zeit zusammenfassen: pragmatisch, verantwortungsvoll, oft realpolitisch, aber stets über den reinen Machtstrukturen transzendental.

Die Jahre 1945 bis 1949 markieren den Aufbau einer demokratischen Ordnung in fragmentierter Heimat. Adenauer schärft den Blick auf eine normative Linie: Rechtsstaatlichkeit, Würde des Einzelnen, sowie der Wille, Deutschlands Wiederkehr in die Freiheit nicht durch Zwang, sondern durch Rechtsstaatlichkeit zu legitimieren. In dieser Phase wird die CDU/CSU zu einer verlässlichen Brücke zwischen Zerstörung und Erneuerung, zwischen Entnazifizierung und politischer Neubestimmung. Sein Anspruch: Deutschland müsse sich selbst neu begründen, ohne die Verantwortung gegenüber der Vergangenheit zu verleugnen.

Das Grundgesetz und die Bundesrepublik erscheinen als logische Folge einer politischen Logik, die auf Westbindung, europäischer Stabilität und transatlantischer Sicherheit beruht. Adenauer betont den Zusammenhang von wirtschaftlicher Erholung und politischer Ordnung: Wirtschaftswunder ist kein altes Privileg, sondern der praktische Beweis, dass Freiheit und Marktordnung zusammengehören. Die Verbindung zu Frankreich, die Aufnahme in die NATO, die Öffnung Europas – all das wird von ihm als notwendige Bedingungen gesehen, damit Deutschland nicht erneut in Isolation verfällt, sondern als verlässlicher Partner mitgestaltet.

Innenpolitik bleibt eine Geduldsprobe: Wiedergutmachung, Entnazifizierung, Wiederaufbauinstitutionen – all das braucht Zeit, klare Prinzipien und den Willen zu Kompromissen. Die Memoiren vermitteln eine Haltung, die an Prinzipien festhält, auch wenn die Umstände widrig sind: Rechtsstaat zuerst, dann politische Gestaltung im engen Bündnis mit den Westmächten. Die frühen Jahre zeigen eine Kernidee: Deutschlands Grundordnung muss europäisch sein und im Bündnis mit den USA und Frankreich Wirklichkeit werden.

Was bleibt, ist der Eindruck einer verantwortungsvollen, zukunftsorientierten Politik, die aus der Vergangenheit lernen will, ohne in ihr zu erstarren. Adenauers Erinnerungen an diese Zeit klingen wie eine Einladung: Handeln im Gegenüber von Zwängen, aber mit Blick auf eine gemeinsame, friedliche Ordnung in Europa. Die Gründung der CDU, die Überwindung des Besatzungsstatutes durch den Deutschlandvertrag und die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG), die später scheiterte.  Friedensstifter wie der Lothringer Robert Schumann, Frankreichs Außenminister, der die Montan-Union anstieß – Deutschland sollte sowohl mit seiner Armee als auch mit Kohle und Stahl, die Produktionsmittel für die Kriege, eingebunden werden.

Adenauer – Der mit 74 Jahren ins Amt des Kanzlers gekommene frühere Kölner Oberbürgermeister blieb zwölf Jahre Regierungschef. Ihn zeichnete ein klares Konzept aus, die großen Linien, ein festes Bild von der Zukunft Europas in Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit. Bei der SPD fiel das unschöne Wort von Adenauer als dem Kanzler der Alliierten (Kurt Schumacher). Die Außenpolitik in dieser Periode war geprägt von einer grundlegenden Spannung: Adenauers Vision eines stabilen, westlich ausgerichteten Deutschlands gegenüber einer SPD, die soziale Sicherung, demokratische Teilhabe und eine kritisch-wohlwollende Ostpolitik forderte. 

Diese Erinnerungen bringen viele seiner Gespräche in ungewohnter Breite wieder, macht seine Memoiren zu einer wichtigen Geschichtsquelle - der aktuellen Politik sehr zu empfehlen.

Mit dem Deutschlandvertrag sei im Mai 1952 mehr abgeschlossen worden als die Nachkriegsphase der letzten sieben Jahre. Eine ganze Epoche wurde beendet, die Epoche der Feindschaften und Kriege zwischen den Völkern des Westens. An diesem tragischen Nebeneinander waren Frankreich und Deutschland besonders stark beteiligt gewesen. Für den Schlussstrich unter diese Vergangenheit war die Unterzeichnung in Bonn und Paris ein Symbol. Die SPD jedoch verweigerte sich. Adenauer:  Die von mir angeführten, tief verletzenden Ausführungen Dr. Schumachers verrieten eine erschütternde Unkenntnis der ganzen politischen Situation. Dass die Vertreter der SPD dem Akt der feierlichen Unterzeichnung des Deutschlandvertrages am 26. Mai 1952 in Bonn fernblieben, war noch erschütternder. Dabei endete damit – sieben Jahre nach Kriegsende – das Besatzungsregime der Alliierten in Westdeutschland.

Im April 1953 reiste Adenauer zum ersten Mal in die USA. Ich will drei Passagen über Stationen seines Besuches zitieren, die mich berührten.

Im Auswärtigen Ausschuss des Senats: Bemerkenswert fand ich eine Äußerung, die Senator Mansfield, ein Demokrat aus Montana im Anschluss an meine Ausführungen machte. Er sagte, das amerikanische Volk hätte mit Genugtuung von der Stetigkeit Kenntnis genommen, mit der Deutschland zur europäischen Verteidigungsgemeinschaft stünde, und er hoffe, der Tag möge nicht mehr fern sein, an dem Deutschland Mitglied der Nato würde, seine Einheit zurückgewinne, alle Besatzungstruppen abgezogen werden könnten und Deutschland wieder ein vollkomme sicherer Teil der europäischen Gemeinschaft würde (Seite 588).

Grab des unbekannten Soldaten: Ich hatte die Absicht geäußert am Grab des Unbekannten Soldaten auf dem Nationalfriedhof in Arlington einen Kranz niederzulegen. Die amerikanische Administration gestaltete diese Kranzniederlegung zu einer überaus eindrucksvollen Zeremonie. Sie nahm sie zum Anlass, in einer sehr zu Herzen gehenden Weise einen Schlussstrich zu ziehen unter die Jahre der Feindschaft, vor der ganzen Welt zu zeigen, dass diese Zeit vorüber sei, dass nun eine Ära der Freundschaft begonnen habe, und dass die Bundesrepublik Deutschland wieder aufgenommen in den Kreis und in die Gemeinschaft der freien Völker. (…)

Am Grabmal legte ich, während Kommandos durch die Luft halten, einen Kranz mit schwarz-rot-goldener Schleife nieder, er galt den Toten beider Völker. Eine amerikanische Militärkapelle spielte die deutsche Nationalhymne. Ich sah, wie einem meiner Begleiter die Tränen herunterliefen, und auch ich war von tiefer Bewegung ergriffen. Es war ein weiter und harter Weg von dem totalen Zusammenbruch von des Jahrs 1945 bis zu diesem Augenblick des Jahres 1953, in dem die deutsche Nationalhymne auf dem Ehrenfriedhof der Vereinigten Staaten erklang (S. 589)

Es war die Zeit, als Staatsbesuche in den USA ein großes Ereignis waren, angetreten auch per Schiff.

Am 2. April 1953 begann die Reise nach Amerika von Le Havre aus mit der United States, zur damaligen Zeit das schnellste Passagierschiff der Welt, wie der Kanzler notierte.  Es war vollständig aus feuerfestem Material gebaut, zum größten Teil aus Leichtmetall, schreibt Adenauer. Die Überfahrt war äußerst stürmisch. Er zitiert den Kapitän, wonach die Wogen nach Abflauen des Sturmes, der am ersten und zweiten Tag der fünftägigen Reise tobte, eine Höhe bis zu 14 Metern erreichten. Da das ganze Schiff nur aus Metall bestand, war der Lärm, der durch die Erschütterungen verursacht wurde, wenn eine der Schiffsschrauben aus dem Wasser herausragte, unbeschreiblich groß. Ich hatte mir von der Schiffreise eine kleine Erholung erhofft. Doch daraus wurde nicht viel. Fast alle Mitglieder seiner Begleitung waren seekrank und wünschten die Stunde der Landung in New York am 6. April. Beim Einlaufen der United States gab es ohrenbetäubendes Hupen. Adenauer vermerkte eine eindrucksvolle Begrüßungszeremonie, die, wie ihm gesagt worden sei, außergewöhnlich gewesen sei.

konrad-adenauer.de: Den Band 1 zum Herunterladen

Das Älterwerden beginnt nach der Geburt

Ein Buch, das Freude machtund kämpferisch

Mein Rat: Lesen! Die Lektüre lohnt sich. Elke  Heidenreichs Altern tröstet die Alten und bereitet die Jungen aufs Altern vor. 112 Seiten mit vielen eigenen und zitierten Weisheiten der in Köln lebenden Autorin. Sie studierte Germanistik und Theaterwissenschaft und arbeitete bei Hörfunk und Fernsehen. Für ihr Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Ernst-Johann-Literaturpreis 2021. Sie war 80, als sie dieses Buch 2023 schrieb. Ein Text an einem Stück, der allen gut tut. Den einen, die alt sind, den anderen, die es garantiert noch werden. Denn das Älterwerden beginnt nach der Geburt. Elke Heidenreich, die eh nicht leicht zu erschrecken ist, zur Schnoddrigkeit neigend, gerade heraus. nähert sich dem Thema ganz persönlich. Ein ehrliches Buch über das Altern. Mutig und Mut machend.

Sie moderiert noch eine Buch-Sendung im Schweizer Fernsehen, schreibt regelmäßig, zieht über die Lande von Lesung zu Lesung, macht Station zum Beispiel am 16. September 2025 mit Altern im Stuttgarter Renitenztheater (leider schon ausverkauft).

Recht hat sie. Beispiele: 

  • Ach ja, die Jugend wäre schön, wenn sie etwas später käme unsd wir schon etwas klüger wären, oder? An die Jungen ist sie ja geradezu verschwendt. (...)
  • Hier sitze ich und atme. Und altere. Und altern heißt nicht: noch nicht tot zu sein. (...)
  • Mein gefühltes Alter ist jünger als mein juristisches.
  • Es ist ein gelungenes Plädoyer, nicht mit dem Erreichen der ersten Rentenzahlung den Schalter umzulegen und sich quasi auf den Weg zum Friedhof zu begeben? Sie schreibt, ihr Kopf wisse, dass sie jenseits der achtzig ist, aber nahe ihrem Gefühl sei sie zwanzig Jahre jünger. Meine Rede: Wo steht eigentlich geschrieben, dass einer mit 74 nicht mehr OB werden darf? In keinem Gesetz, aber in manchen Köpfen aus altersher.


Geht das, alt werden und ein erfülltes Leben führen? Eine Leseprobe aus Altern, erschienen bei Hanser:

Ich finde die alten, ja: die vom Leben verwüsteten Gesichter von Jeanne Moreau oder Louise Bourgeois wunderschön, sie erzählen von prall gefülltem Leben sehr viel mehr als die Gesichter von Frauen mit prall gefüllten Botoxwangen.

Wir werden anders alt als unsere Eltern. Früherer Kriegsmann mit fünfzig abgearbeiteten und alt. Heute sind viele Achtzigjährige geistig und körperlich noch fit und im täglichen Rennen. Die Welt ist im Wandel, wir wandeln uns mit, wir sind länger beweglich im Kopf, als es unsere Eltern waren, wir haben auch eine viel bessere medizinische Versorgung.

In einer Kolumne für eine Frauenzeitschrift schrieb ich vor mehr als zehn Jahren:

»An manchen Tagen fühle ich mich wie hundertacht und sehe auch genauso aus. Manchmal fühle ich mich wie vierzig und sehe auch genauso aus.

3 Fragen an Elke Heidenreich:

Was ist das Beste am Altern?
Natu?rlich dass man noch lebt! Das ha?tte ja auch anders sein ko?nnen...
Was ist das Schlimmste am Altern?
Wenn man arm ist, wenn man krank ist, wenn man einsam ist – das alles ist furchtbar traurig. Man sollte einigermaßen versorgt, noch einigermaßen gesund und zwar gern mal allein, aber nie einsam sein. Wenn man das hinkriegt, ist Altern wunderbar.
Was muss man tun, um gut zu altern?
Wach bleiben. Am Ball bleiben. Freundschaften pflegen und nicht aufho?ren, am Leben teilzunehmen. In meinem Fall: immer weiter arbeiten.

Elke Heidenreich: Altern. 112 Seiten, Hanser Berlin, Hardcover. ISBN 978-3-446-27964-3. 22.00 Euro

Das vergessene Buch

1979 erschienen

Nacht und Nebel - Die Geschichte von Floris B. Bakels (1915-2000), der durch die Hölle der KZ ging. Wobei ihm sein christlicher Glaube half. So Jesus Worte: Er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie los sein sollen.

Mit drei Geschwistern in der Geborgenheit einer großbürgerlichen Familie in Den Haag aufgewachsen, studiert Floris in Leiden, wird 1939 wie der Vater Jurist, tritt in eine Kanzlei ein. Der Vater wendet sich später der Malerei zu, die Mutter organisiert den Familienbetrieb, stammt aus einer angesehenen und wohlhabenden Familie. Die Bakels sind, wie viele andere auch, deutsch orientiert: literarisch mit Goethe, Schiller, musikalisch mit Beethoven, Mozart und Brahms. Man nahm Gesangsunterricht in Leipzig und Dresden. Man fuhr in die Ferien nach Wiesbaden und Heidelberg. Man kleidete sich in Hannover ein und tanzte in Bentheim.

Später verwendet er häufig das Schimpfwort für die Deutschen: Mof und in der Mehrzahl Moffen. Es wird zu seinem Wort-Repertoire. Bakels macht aus seinen Überzeugungen und Empfindungen kein Hehl. Er kann nicht vergessen, Unverzeihliches nicht verzeihen. Er zeigt schonungslos, was von deutschen Besetzern dem niederländischen Volk angetan wurde und wie problematisch der niederländische Widerstand war, er hat ihm angehört. Über Leben, Unleben und Tod, viele Tode in den Konzentrationslagern gibt er genauen Bericht: auch über den Kampf ums Überleben, den grausamen biologischen Ausleseprozess, nicht zuletzt aber über die rettende Kraft des Glaubens.

Wir haben eine gewisse Grenze überschritten, kamen in ein Reich, das ein Mensch eigentlich nicht betreten darf, und wir sind dort Emotionen begegnet, die nur sehr schwer zu ertragen sind. Wir sind aus diesem Reich zurückgekehrt. Wir haben wieder zu und selbst gefunden – so gut wie möglich. Wir haben unser Leben wieder zu leben begonnen. Diesseits.

Am 10. Mai 1940 marschiert die deutsche Wehrmacht in den Niederlanden ein, fünf Tage lang hält die kleine Armee des Königsreichs dem Ansturm Stand, Königin Wilhelmina und die Regierung fliehen nach London.  Vier Tage darauf steht Rotterdam in Flammen. Eine ihm sich bietende Möglichkeit, mit einem Boot auch nach Großbritannien zu fliehen, lehnt Floris B. Bakels ab, schließt sich der holländischen Widerstandsgruppe Leeuwengard (Löwengharde) an. Am 9. April 1942 wird er morgens um 6.30 Uhr in seinem Haus durch einen billigen Hin-zu-und-Her-Gong geweckt, sein Bruder Hans öffnet die Tür, zwei Herren von der deutschen Polizei durchwühlen Schränke und Koffer, behalten ihre Hüte auf. Ihr Mann kommt mal mit. Vielleicht ist er heute Abend schon zurück, sagt einer zu seiner Frau. Der Mercedes, in der er einsteigen muss, hat das Kennzeichen POL-1A 9807. Aber heimkehren wird er nicht am selben Abend, sondern erst im Mai 1945 und somit drei Jahre später.  Mit der Festnahme durch die beiden Gestapo-Männer beginnt für den niederländischen Patrioten, Rechtsanwalt und Christ eine Zeit des Martyriums.

Sie verhören ihn im Deutschen Gefängnis in Scheveningen. Gangster nennt Bakels sie später in seinem Buch über die folgenden Jahre. Danach bringt man ihn ins Polizeiliche Durchgangslager Amersfoort, das Kriegswehrmachtgefängnis Utrecht, es folgen die Konzentrationslager Natzweiler und Dachau, die Außenkommandos Dautmergen und Vaihingen/ Enz des Lagers Natzweiler und, kurz vor Kriegsende, am 5. April 1945 noch einmal das KZ Dachau.

Floris Bertold Bakels

In den drei Jahren seiner Leidenszeit gehört Bakels zu denjenigen, die heimlich Tagebuch schreiben. Nein, niemals darf die Welt vergessen, wir alle werden uns dafür einsetzen, wir werden schreiben, notiert er in sein Tagebuch, und: Es ist sinnlos, etwas zu erleben, ohne darüber zu schreiben. Er schreibt heimlich auf von Zementsäcken abgerissenen Papierfetzen und versteckt die Zettel bei Durchsuchungen an seinem Körper. An die dreitausend Eintragungen können so – auch mit Unterstützung von Helfern und Helfershelfern – gerettet werden, ein Teil geht verloren. Die Ehefrau eines Arztes tippt die Aufzeichnungen nach seiner glücklichen Heimkehr ab, während Bakels in einer Klinik in seiner Heimat behandelt wird – er leidet zeitweise unter 40 Grad Celsius Fieber. Allein sein Utrechters Tagebuch umfasst etwa 1000 Blatt Toilettenpapier.

Bakels schreibt selbst, der Leser solle einen wahrheitsgetreuen Eindruck erhalten, eine sachliche Auseinandersetzung mit der KZ-Existenz. 1947 erscheint Bakels’ Tagebuch aus dem Konzentrationslager unter dem Titel Verbeelding als Wapen (Phantasie als Waffe). Nacht und Nebel folgt unter diesem Titel 1977 als erste Auflage der niederländischen Ausgabe. Für die deutsche Ausgabe fand sich 1977 einzig der Verlag S. Fischer in Frankfurt. Neun Verlage antworten auf Bakels Anfrage gar nicht oder lehnen ab.

Keine einzige – wirklich nicht eine einzige – Sekunde des Tages und der Nacht sei ein Häftling seines Lebens sicher gewesen. Ein KZ sei nicht beschreibbar. Es gehöre einer anderen Welt an, es sei ein fremder Planet, schreibt Bakels.  Immer konnte alles geschehen, und man konnte es sich nicht schrecklich genug vorstellen, denn die Wirklichkeit übertraf jede Vorstellung. Wir wurden mit vollster Absicht und dauernd von der Lagerleitung terrorisiert. Vollzogen worden sei dieser Terror durch Leute, die reine Verbrecher gewesen seien – Verbrecher, entsprungen aus Alpträumen. Zusammen hätten sie eine satanische Macht geformt. Jedes Schamgefühl sei abhandengekommen. Durchfall, immer und überall an der Tages- und Nachtordnung.

Seine Beschreibungen lassen den Gefangenen ihre Würde, ohne die Wahrheit auszugrenzen. Hungersnot, Krankheit, Elend, trotzdem harte Arbeit in Steinbrüchen und an Straßen, Schleppen von Steinen, Balken, Zementsäcken und Schmalspurgleisen. Wer sich bei der Arbeit nicht wunschgemäß benimmt, riskiert eine Meldung und wird, zurück im Lager, mit 25 oder mehr Peitschenhieben bestraft. Ohne Freundschaften hätte man, wie Bakels schreibt, ein Moffenlager nicht überleben können. Sind SS-Leute Teufel? Auf diese Frage eines Mit-Häftlings in Natzweiler gibt Bakels eine überraschende Antwort: Nein, sie sind Besessene. Sie seien vom Satan besessen, von Dämonen.  Und auf die Gegenfrage, ob denn auch in den SS-Leuten der Teufel sei:  Ja. Der Schöpfer ist in allen Kreaturen. Man könne ja manchmal feststellen, dass sogar in den SS-Leuten noch ein Rest Gutes stecke, eine Erinnerung an das Gute. Wir beten um ihre Erlösung von dem Bösen. Wir dürfen sie nicht hassen – es kostet uns unendliche Mühe, diese Mitmenschen nicht zu hassen.

Dann Station sieben von acht, vom 21. November 1944 bis 2. April 1945, Vaihingen an der Enz, Außenkommando von Natzweiler. 46 Seiten dazu in Nacht und Nebel. Bei einem Besuch Jahre nach dem Krieg nennt Bakels Vaihingen eine Villenstadt.

Ursprünglich befinden sich in dem Lager dort nur polnische Juden aus Radom und Krakau. Aus verschiedenen Lagern werden Krankentransporte nach Vaihingen geschickt, dreiviertel der Lagerinsassen sind ständig krank, schreibt Bakels.  Die Läuseplage habe geradezu unbeschreibliche Formen angenommen. In Vaihingen sei ein großer Teil der Häftlinge, darunter fast alle Holländer, zugrunde gegangen. Zunehmende Zahl der Luftangriffe, die Front kommt näher – und die Befreiung durch die Amerikaner?   Am 2. Januar 1945 schreibt Blakes in sein Tagebuch: Heute bin ich seit tausend Tagen in Gefangenschaft. Wie gut, dass ich es nicht früher gewusst habe.

Ende Februar greift der Tod in Vaihingen wieder einmal nach Blakes, wie er schreibt. Im Lager sei die Zahl der Kleiderläuse, die die Übertragung des Fleckfiebers oder Flecktyphus sind, auf einige Trillionen angestiegen. Die Läuse sind allgegenwärtig, auch auf der Brotrinde, die man gerade isst. Die grauen Pferdedecken total verlaust. Hunderte von Häftlingen liegen dort in allen Stadien des Fleckfiebers krepierend, schreiend, stöhnend, phantasierend, kackend, pissend, quer durch die drei übereinander angeordneten Pritschenreihen.  Er hat 40,8 Grad Fieber.

Dann schildert der Autor eine Nacht, die die furchtbarste für ihn werden sollte, wie er empfindet. Am Abend starben noch viele Fleckfieberkranke (oder eher: verreckt). Sie werden zum Mittelgang der Baracke geschleift, nicht weiter, denn die Leichenträger dürfen im Dunklen nicht ausrücken. Während dieser Nacht muss Blakes wieder ganz dringend nach draußen. Da mir die Kraft fehlte, auf eine normale Weise aus der Pritsche nach unten zu gelangen, ließ ich mich mehr oder minder rollend und mich festklammernd fallen. Ich tastete mich an den Pritschen mit den Sterbenden vorbei, fand die Tür zum Gang. An Ende des Ganges sah ich einen – gelblich – leuchtenden Schein, dort wo die Türen zum Kübel sein musste.

 Doch unter seinen Füßen spürt er eine große, eisige, schlüpfrige Masse. Der Holzboden scheint ihm wie eingeseift, so glatt ist er. Als er nach einem festen Halt greift, vernimmt  er das klatschende Geräusch von Armen und Beinen, die von dem Berg herunter gleiten. Er stolpert und fällt mit seinem gelben, glühenden, gespaltenen Schädel zwischen die Gliedmaßen. Doch schließlich erreichte ich den Scheißkübel, und in der eisigen Kälte klatschte wieder ein Stück Leben aus mir neben der Tonne in den Dreck.

Der Eintrag am 8. März 1945: Zum Schreiben zu krank. Jetzt 38, 37,6 Grad, das ist gut, Krise hinter mir. Aber grausiger Durchfall mit Dreck im Bett. Auch Kotzen. Und bodenlose Niedergeschlagenheit.

6. März: Also vor 2 Jahren haben sie mich geholt. Ich bin Gott sei Dank wieder aus Block 4 heraus und wieder in 2 - welch eine Anstrengung! Erst nur kotzen wegen des Gestanks. Dann Suppe, aber gleichzeitig Riesenhunger auf alles und Ekel vor allem Lageressen. Jetzt, ein ergreifender Triumphzug durchs Frühjahr. Heulte um Steinerweichen. Verschont!

Glück, Gottvertrauen, Robustheit?

KZ Vaihingen bei der Befreiung Ende April 1945 durch die Franzosen

Von Vaihingen nach Dachau, seine letzte Station als Häftling der NS-Schergen.

Am 29. April 1945 wird das Konzentrationslager Dachau von amerikanischen Truppen befreit. Zehn Tage später setzt sich Floris Bertold Bakels ab und gelangt nach einer zweiwöchigen Irrfahrt wieder in seine niederländische Heimat, wo er mehrere Monate im Krankenhaus verbringt und anschließend ein halbes Jahr zur Erholung in die Schweiz geht.

Seit zwanzig Jahren steht Nacht und Nebel von Floris B. Bakels (1915-2000) in meinem Bücherschrank. 387 Seiten ungelesen! Immer wieder schob ich die Lektüre auf. Denn diese Geschichte ist nicht einfach zu verarbeiten. Bakels' Erfahrungen in deutschen Gefängnissen und Konzentrationslagern während des Zweiten Weltkriegs, so der Untertitel.

Jetzt legte ich das Buch endlich ganz oben auf den Stapel.  Bakels' authentische Dokumentation von Not, Glaube und Rettung erschüttert. Es ist der Bericht eines Überlebenden des sadistischen und mörderischen Nazi-Systems, ein direkter Einblick in die Hölle, der über den Kampf ums Überleben und schreckliche Momente sachlich und gut beschreibt – eine schwer zu verkraftende Lektüre. Das Buch belastet einen auch emotional, der Leser erlebt Momente, in denen er es beiseitelegen möchte. Aber dies käme einer Flucht vor der Realität gleich. Solche Zeugnisse sind besonders in der aktuellen politischen Diskussion über die Stärkung und Sicherung von Demokratie, Freiheit und Frieden unverzichtbar. Nie wieder ist jetzt.

Floris B. Bakels: Nacht und Nebel, Der Bericht eines holländischen Christen aus deutschen Gefängnissen und Konzentrationslagern. Aus dem Niederländischen übersetzt von Suzanne Koranyi. 387 S., 23 cm. S. Fischer Verlag. 1979: 3-10-004706-0. 2016: ISBN 978-3-10-561357-3. Taschenbuch, 1982.  ISBN: 3596234689

Ludwigsburger Kreiszeitung, 13. April 2003: Vaihingen hält das Gedenken an die NS-Mordopfer wach