Lebens(mehr)wert für alle Generationen

Jana Geiger beschäftigt sich als eine von zwölf Autorinnen mit Wohnen im Wandel - Lebensqualität im Alter, so der Titel ihres 196-seitigen Buches. Die Innenarchitektin aus Lienzingen sagt, es sei sehr wichtig, alle (Jung und Alt) in der Stadt- und Dorfentwicklung mitzudenken und mitzunehmen. Einzelbereiche zu bearbeiten, statt das Ganze im Zusammenhang zu betrachten, scheint ihr zu kurz gedacht.

Ihr Credo: Wohnen ist mehr als ein Ort – es ist Ausdruck unserer Persönlichkeit, Quelle von Sicherheit und Voraussetzung für Lebensqualität. Gerade im Alter, wenn sich Lebensumstände und Bedürfnisse verändern, spielt die Wohnsituation eine entscheidende Rolle für Wohlbefinden, Gesundheit und soziale Teilhabe.

Dieses Buch beleuchtet das Thema Wohnen im Alter aus psychologischer, biologischer, gesellschaftlicher und praktischer Perspektive – und bietet neue Impulse für eine selbstbestimmte und würdevolle Wohnzukunft. Die Gesellschaft altert. Wohnen im Alter wird dadurch zunehmend ein wichtiges Thema.

Ihre Kernbotschaft lautet: Gutes Wohnen ist flexibel, sozial eingebunden und zukunftsorientiert – unabhängig vom Alter. In ihrem Beitrag Jung & Alt – zusammen mit Stefanie Mathis geschrieben – macht Jana Geiger deutlich, wie sich die Lebensqualität mit den verschiedenen Lebensphasen verändert und wie dabei das Zuhause eine zentrale Rolle spielt.

In einer Bestandsaufnahme weist sie auf viele Wohnformen hin, die eher Vereinzelung als Miteinander fördern. Stadtverdichtung verdränge Spielflächen, der halböffentliche Raum werde so zur reinen Verkehrsfläche, auf der sich niemand länger als unbedingt notwendig aufhalte.

Sie bringt viele gute, begeisternde Anregungen wie generationenübergreifende Gemeinschaftsgärten oder -parks. Begegnungsorte, an denen die Alten nicht nur unter sich sind und die Jungen nicht nur ihresgleichen suchen.  Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind groß zu ziehen, heißt es in einem afrikanischen Sprichwort.

Flexibilität als Leitprinzip: Geiger plädiert für Räume, die sich anpassen können, um den ständigen Neukauf einer neuen Umgebung zu vermeiden. Wohnzimmer sollen multifunktional nutzbar sein, Küchen zu Orten gemeinsamer Aktivitäten werden und Bäder barrierefrei bleiben. Das Ziel ist ein kontinuierliches Wachstum, angefangen von einer Wohngemeinschaft bis hin zu kompakten Wohnformen im Alter. Soziale Vernetzung als Maß für Lebensqualität: Wohnen wird zum sozialen Fixpunkt. Gemeinschaftliche Nutzflächen, Mehrgenerationenhäuser und Nachbarschaftstreffs fördern das Gemeinschaftsgefühl und das Sicherheitsgefühl. Der Zugang zu sozialen Kontakten ist oft genauso wichtig wie der Zugang zu physischen Annehmlichkeiten. Räume, die Begegnungen erleichtern, stärken das Wohlbefinden über Generationen hinweg.

Autorin Jana Geiger

Sicherheit, Gesundheit und Wohlbefinden: Sicherheit umfasst mehr als nur den Schutz vor Einbrüchen. Barrierefreiheit, gute Beleuchtung, klare Orientierung und gesunde Materialien spielen dabei eine wichtige Rolle. Die Expertin betont die Bedeutung einer sanften, aber stabilen Umgebung, die die verschiedenen Lebensphasen begleitet. Bewegungsfreiheit, gute Belüftung und eine geringe Lärmexposition tragen zur Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden bei.

Nachhaltigkeit und Zukunftsorientierung: Nachhaltigkeit beinhaltet auch die Planung über Generationen hinweg. Ökologische Materialien, effiziente Systeme und kurze Wege sind Teil dieses Ansatzes. Junge Erwachsene suchen bezahlbare und flexible Rahmenbedingungen, während ältere Menschen Wert auf Wartungsarmut und Sicherheit legen. Architekturen und Planungen sollten die Anpassbarkeit als Standard verstehen, um individuelle Lebensentwürfe und Gemeinschaften gleichermaßen zu stärken.

Finanzielle Dimensionen: Lebensqualität ist eng mit finanzieller Belastbarkeit verbunden. Modelle wie gemeinschaftliche Nutzflächen, Mietstützen und barrierefreie Förderprogramme mildern finanzielle Belastungen und gewährleisten die Teilhabe über Generationen hinweg.

Fazit: Lebens(mehr)wert für alle Generationen. Gemeinschaftlich statt gegeneinander: Jung & Alt zeigt, dass Lebensqualität dynamisch ist. Wer an flexibles, barrierefreies, sozial integriertes und ökologisches Wohnen denkt, schafft Räume, von denen alle Generationen profitieren können. Die Zukunft des Wohnens liegt in hybriden Formen, die Vielfalt respektieren und die Gemeinschaft stärken.

Herausgeputzt: Wohngebäude an der Wette in Lienzingen, Baujahr

Jana Geiger restaurierte zusammen mit ihrem Mann, auch Architekt, vor Jahren ein heruntergekommenesFachwerkhaus (Baujahr 1747) an der Wette in Lienzingen, das ihr inzwischen Heimat geworden ist. Es wurde zum Schmuckstück am Rand des historischen Ortskerns. Die 47-jährige, zwei Kinder, wuchs in Rostock auf, studierte in Berlin Architektur,zog vor 22 Jahren in den Raum Stuttgart.  Geiger arbeitet am Institut für Wohn- und Architekturpsychologie (IWAP), ist Gründerin der IWAP-Fachgruppe Lebensraum Kinder. Sie engagierte sich in Lienzingen bei der Betreuung der zeitweise in der Gemeindehalle untergebrachten ukrainischen Flüchtlingen, ist aktiv bei Herzenssache Lienzingen und bei der Organisation der Weihnachtsgaden. Sie lebt vor, was sie auch öffentlich vertritt. Und greift Themen zum Thema auf.

Wohnen im Wandel - Lebensqualität im Alter: Wie wir unsere Wohn- und Lebensräume gestalten können, um im Alter selbstbestimmt und zufrieden zu leben - Feldmer-Metzger, Monika; Schröder-Bauerfeind, Annelie. Softcover und Hardcover. ISBN 10: 3931641279 ISBN 13: 9783931641276. Verlag: Paschke Media, 2025. Preis: 20 Euro.

 

Das Rathaus, das das Verkaufsfieber im Mühlacker Stadtparlament überstand

Die Etterdorfstube steht für uns als gesamte Stadtgemeinschaft, für unsere Geschichte, unser kulturelles Erbe und unsere Verbundenheit mit unserer Heimat. Diese Worte unseres Oberbürgermeisteras Frank Schneider berührten mich. Bei der sonntäglichen Eröffnung der Etterdorfstube im alten Rathaus, in der Friedenstraße 10, war ich ihm auch noch nachträglich dankbar, dass er sich seinerzeit nicht anstecken ließ vom Verkaufsfieber vor allem sozialdemokratischer Stadträte, später eines freidemokratischen  Ratsmitgliedes.

Das grüne Sofa in der Stube: Museumsleiterin Dr. Martina Terp-Schunter, Oberbürgermeister Frank Schneider und der Autor (Foto: Stefan Friedrich)

Ausgelöst durch die erfolgreiche Vermarktung des Rathauses im Stadtteil Großlattbach sahen vor allem diese Mandatsträger darin die Chance, den städtischen Finanzen durch den Verkauf auch der Stadtteil-Rathäuser in Lienzingen, Lomersheim, Mühlhausen und Enzberg Gutes zu tun. Als Nummer eins auf der Liste stand bei ihnen Lienzingen. Inzwischen waren Verwaltungsaußenstelle und Kinderbücherei in die Grundschule umgezogen. Der Unterschied zu Großglattbach indessen war, dass dort die Stadt die alte Schule für 1,2 Millionen Euro sanieren ließ und damit auch neue Räume für die Verwaltungsaußenstelle entstanden, jedoch für das alte Rathaus an der Vaihinger Straße dadurch keine öffentliche Verwendung mehr vorhanden war. 

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Bä's kunterbuntes Wochen-Allerlei (3)

Die Pkw-Dichte pro 1000 Einwohnerinnen und Einwohner am 1. Januar 2025 war diese Woche ein großes Thema in den Medien. Die Zahl der Autos in Deutschland steigt weiter: Zum Jahresanfang 2025 kamen auf 1.000 Köpfe 590 Pkw, nach 588 im Jahr 2024 und 587 im Jahr 2023. Damit setzt sich der seit 2008 anhaltende Trend einer steigenden Pkw-Dichte fort. Die Unterschiede in unserer Region sind teilweise deutlich: Stadt Pforzheim 475,2 - Kreis Böblingen 672 - Kreis Ludwigsburg 639,1 - Enzkreis 689,2 - Kreis Calw 690,2. Auf einer interaktiven D-Karte lassen sich alle Stadt- und Landkreise aufrufen. Bitteschön!

Dienstwagen-Check nach Parteien im Jahr 2025: Welche Parteien schicken die saubersten Fahrzeuge auf die Straße? Die Grünen, die schadstoffreichsten gehören der FDP. Das fand die Deutsche Umwelthilfe heraus. Untersucht wurden die Dienstwagen von Spitzenpolitikern. Von 238 Fahrzeugen stoßen viele deutlich mehr CO2 aus als zulässig. Nur Autos mit maximal 95 Gramm CO2 pro Kilometer bekamen eine grüne Karte, leichte Überschreitungen wurden gelb, stärkere rot markiert. Besonders schlecht schneiden erneut Plug-in-Hybride ab, deren reale Emissionen weit über den Herstellerangaben liegen. Während im Parteivergleich die Grünen mit durchschnittlich 85 Gramm CO? je Kilometer unter dem EU-Flottengrenzwert bleiben, erhielten SPD (151 g/km) und CDU/CSU (160 bzw. 161 g/km) eine rote Karte. Da wäre doch auch eine Erhebung auf lokaler oder regionaler Ebene interessant. Wer wagt's?

Trotz des Kommunikationsdesaster um Stuttgart 21 tun sich bei anderen Vorhaben wie Windkraftanlagen zum Beispiel im Mühlacker Stadtteil Großglattbach die Verantwortlichen immer noch schwer damit. Ihre Losung: Wenn wir keine neuen Informationen haben, melden wir uns auch nicht zu Wort. Die Folge: monatelange Funkstille, die selbst die Befürworter des Projekts irritiert. Möglicherweise kann hier Kommunikationspabst Frank Brettschneider, Professor an der Universität Hohenheim, nachhelfen. Zwar sei Information sehr wichtig, aber die meisten Menschen wünschten sich eine über die reine Information hinausgehende, dialog-orientierte Beteiligung, schreibt der allgemein anerkannte Kommunikationswissenschaftler. Zu den Dialog-Instrumenten zählten unter anderem Bürgerforen, Fokusgruppen, Runde Tische und Zukunftswerkstätten. Zufällig stieß ich auf cisen Gastbeitrag von Brettschneider für das (S21-)Projektmagazin „Bezug“ (Juli 2025). Vielleicht hilft's!

Wir kennen's zum Beispiel von der Öffentlichkeitsbeteiligung für die ersten drei Stufen des Lärmaktionsplanes für Mühlacker. Als die Pläne öffentlich gemacht wurden, interessierte sich kaum jemand dafür - dabei steckten in ihnen Reiz-Themen wie Tempo 30 auf der Bundesstraße quer durch unsere Stadt. Als diese Vorschläge von Experten dann umgesetzt wurden, war - und ist - das Geschrei groß. Bringen uns hier elektronische Mitwirkungsmöglichkeiten weiter? Schaffen die ein Frühwarnsystem? Ein Blick in die Schweiz. Die digitale Transformation macht auch dort vor der politischen Mitbestimmung nicht halt. Immer mehr Städte in der Deutschschweiz nutzen digitale Partizipationsplattformen, um ihre Bevölkerung in Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Doch wie weit ist diese Entwicklung tatsächlich fortgeschritten? Eine neue Studie der Konova AG liefert erstmals belastbare Zahlen. Ich klickte mich jedenfalls diese Woche in ein Webinar von Konova zu diesem Beispiel und sah, wie es die Stadt  Rapperswil-Jona macht. Interessant!

Themenwechsel.

Schönheit auf Lienzinger Art (Foto: Günter Bächle)

Strohwitwer-Frage des Abends: Kochen oder bekochen lassen? Gestern habe ich mich für Variante zwei entschieden – schließlich lebt es sich entspannter, wenn jemand anderes den Kochlöffel schwingt. Voraussetzung: Es gibt in der Nähe auch ein Angebot. (Kommunalpolitik lässt grüßen …) Vorher noch ein Abstecher zum Füllmenbacher Hof – vier ehemalige Waldarbeiterhäuschen für mein Bildarchiv eingefangen. Dann die Frage: Wohin zum Abendessen? Zaisersweiher, der Klosterbezirk in Maulbronn, Mühlacker? Aber wie so oft passt der alte Spruch: Das Gute liegt so nah. Also: Lienzingen, Knittlinger Straße – unsere kleine Gastro-Meile. Und tatsächlich: Vor dem 300 Jahre alten Hirsch war im Biergarten noch ein Platz frei. Glück gehabt, denn an einem Freitagabend empfiehlt sich hier (wie auch beim Nachtwächter gegenüber) eigentlich eine Reservierung.Die Kässpätzle von Wirt Jürgen Schwenkel waren mal wieder ein Gedicht. Dazu zwei alkoholfreie Distelhäuser-Pils, macht zusammen knapp 18 Euro. Ehrlich: Da kannst du nicht meckern. Freundliche Bedienung inklusive. Das Ambiente? Ein Ensemble von Fachwerkhäusern, unser Lienzinger Markenzeichen, dazu blühender roter Oleander. Und als Bonus zwei nette Sitznachbarn: frisch zurück aus dem Urlaub in den Niederlanden, morgens in Amsterdam los, abends schon mitten im schwäbischen Lienzinger Wohlfühlprogramm. Ein Wort gab das andere, und ehe man sich versieht, sind wir mitten drin in der Ortsgeschichte. Genau mein Thema – und genau die Gespräche, die beim einsamen Selbstkochen gefehlt hätten.

 

 

Noch 'n Kapitel aus dem Bilderbuch der Sanierung im Etterdorf

Fenster, in die alten Balken eingepasst (Fotos: Günter Bächle)

Ein weiteres Musterbeispiel für gelungene Sanierung lässt sich jetzt im Etterdorf Lienzingen bestaunen. Die fast 500 Jahre alte Scheune von Friedenstraße 3 dient jetzt Wohnzwecken. Bei einem Rundgang mit Veronika Jung zeigen sich die Besucher begeistert. Was sich aus einem unscheinbaren Gebäude alles machen lässt. In unserem Ort häufen sich die exemplarischen Fälle der Denkmalerhaltung. Wie aus dem Bilderbuch finden sich Anschauungs-, Lern- und Begreif-Objekte. Familie Jung sagt selbst: Denkmalschutz, Brandschutz sowie Baurecht und Wünsche nach modernem Wohnambiente in Einklang gebracht worden. So ist’s.

Wohnzimmerfenster der besonderen Art

Über eineinhalb Jahre haben die Jungs liebevoll die denkmalgeschützte Scheune aus dem Jahr 1562 saniert und zu einem modernen Wohnraum umgenutzt. Der Initiative für das Bauvorhaben ging der Wunsch voraus, bereits versiegelte Flächen zu nutzen, den Ortskern zu beleben und nachhaltig zu bauen. Die Familie Jung demonstrierte auf eindrucksvolle Weise, wie man die Aspekte Denkmalschutz, Brandschutz sowie Baurecht und Wünsche nach modernem Wohnambiente in Einklang bringt – eine nicht immer einfache Aufgabe, wie sich bei der Besichtigung gezeigt hat. Etterdorf zu sein, bedeutet auch Verpflichtung für die Stadt, sich entsprechend zu engagieren.

Das Ergebnis sei ein einzigartiges Wohnambiente mit nachhaltigen ökologischen Baustoffen, bei dem dennoch die uralte Substanz erhalten werden konnte. Familie Jung kann nur empfehlen, die bestehenden Möglichkeiten in den Ortskernen zu nutzen und appelliert an die öffentliche Hand, Bauherren, insbesondere junge Familien, die solche Projekte angehen, sowohl finanziell als auch durch den Abbau von übertriebenen bürokratischen Anforderungen zu unterstützen. Nur so könnten die ehrgeizigen ökologischen Ziele der Landes- und Bundesregierung im Bereich Bauen und Wohnen erreicht werden.

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Schemenhaft, hintergründig, rätselhaft - Die Liebfrauenkirche in der Dämmerung

Paradebeispiel einer spätmittelalterlichen Kapelle: Die von 1476 bis 1482 gebaute Liebfrauenkirche in Lienzingen: Wie erstmals vor einem Jahr (hinter-)leuchten sie in den Abendstunden der Advents- und Weihnachtszeit - die großen und hohen gotischen Fenster des Chores der ehemaligen Wallfahrtskirche des Klosters Maulbronn. Antonia Bächle fing diese Stimmung mit ihrer Kamera ein. Sie öffnete damit ein neues Blickfeld.

Das eigentliche Bauwerk tritt im Dunkel der Nacht optisch zurück.     (Alle Fotos: Antonia Bächle)
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Auf zu den Gaden

Mittelalterliches Flair heute Nachmittag bei der Eröffnung der 13. Lienzinger Weihnachtsgaden vor der historischen Kirchenburg. Gefühlt mehr Besucher als voriges Jahr - und damals schon war das Echo gut - strömten bereits vor dem offiziellen Auftakt in der Kirchenburggasse zur Peterskirche und den Gaden.

Bei der Eröffnung der Weihnachtsgaden in Lienzingen, Vierte von rechts Initiatorin Ursule Stierle (Foto: Günter Bächle)

Pfarrhaus Lienzingen noch nicht im Angebot - Land hält nun auch die Hand auf

Alles währet ewiglich. Auch die Baulast auf dem Lienzinger Pfarrhaus? Hoffentlich nicht. Denn schon jetzt geben hier weder das Land noch die evangelische Kirche ein besonders gutes Bild ab, während landauf, landab über Wohnungsnot diskutiert wird. Kommt Bewegung in die Sache, nachdem die Landtagsabgeordneten des Enzkreises von mir als Stadtrat um Unterstützung gebeten wurden? Denn es ist keine Lex Lienzingen, sondern ein fast anachronistisch anmutendes juristisches Konstrukt aus etwa 480 Jahre Kirchen- und Staatsrecht. Spätfolgen der Reformation. Man greift sich unweigerlich an den Kopf und möchte ausrufen mit Gerhard Raff: Herr, schmeiss Hirn ra!

Bleiben wir optimistisch.

Das zweigeschossige Wohngebäude Kirchenburggasse 4 in Lienzingen, im Jahr 1775 gebaut, ist ein Kulturdenkmal. Ein für ein barockes Pfarrhaus charakteristische Gebäude mit Krüppelwalmdach: verputzter Fachwerkbau auf massivem Erdgeschoss mit Sandsteineckquadern und traufseitigem Kellerrundbogentor. Nach oben mit zwei Dachgeschossebenen unter einem breiten Krüppelwalmdach abschließend. Giebelseitig befindet sich eine zweiläufige Außentreppe als Hauptzugang. Die Eingangstür ist mit geschweifter Rahmung und Segmentbogen ausgestattet.

Leerstand: Das Pfarrhaus, das kein Pfarrhaus mehr ist

Aktuelles Merkmal: Die große Wohnung steht seit zehn Jahren leer – und gleichzeitig fehlt Wohnraum. Gleichzeitig ließ das Land Baden-Württemberg als Eigentümer das Anwesen vergammeln. Viele empfinden das als Ärgernis. Selbst zum Vermieten taugt es nicht mehr, wird offen eingeräumt.

Nachdem die Evangelische Kirchengemeinde auf Jahresende 2024 mit dem Pfarrbüro aus- und ins Evangelische Gemeindehaus an der Ringstraße umzieht, steht das Kulturdenkmal ganz leer.  Inzwischen besteht Interesse von Privaten, die Immobilie zu kaufen und wieder herzurichten. Doch wer denkt, das Land verkauft gerade mal, täuscht sich. So einfach ist das nicht. Was nicht zu vermuten war: Baulast, Ablösung, Eigentümerwechsel auf der Basis einer Jahrhunderte zurück reichenden Vorgeschichte. Beginnt praktisch mit der Reformation. Wer hätt’s denkt? Ich stieg vor kurzem tiefer ein, sprach mit Vermögen und Bau, einer Einrichtung des Landes, und dem Evangelischen Oberkirchenrat in Stuttgart.

Das Reizwort für beide Seiten heißt: Baulast. Und die muss nach Auffassung der Kirche vom Land abgelöst werden. Aber das Land hat nicht genügend Geld, denn es geht auch um andere Pfarrhäuser. Meine Bitte an die Enzkreis-Abgeordneten Stefanie Seemann (Grüne) und Erik Schweickert (FDP) das Thema in der Landespolitik vorzubringen.Schweickert reichte eine Kleine Anfrage ein, die die Landesregierung jetzt beantwortete und die die Unterschrift der Staatssekretärin im Finanzministerium, Gisela Splitt (Grüne) trägt.  

Die Kehrseite des Kulturdenkmals Pfarrhaus

Mit Splitt sprach die Abgeordnete Seemann über den Fall, wie sie mir  heute schrieb:  Sie konnte gestern mit der Staatssekretärin und heute auch mit dem Oberkirchenrat über das Pfarrhaus in Lienzingen sprechen. Dabei sehe ich mich in der Rolle der Vermittlerin und bin jetzt vorsichtig optimistisch, dass eine Lösung erreichbar ist. Der Vorschlag des Landes ist, dass das Gebäude veräußert wird und die Einnahmen geteilt werden. Ich habe Gisela Splett die Hindernisse geschildert, die aus Sicht der Kirche bestehen. Sie wollen vor allem keinen Präzedenzfall, sondern ein sauberes Verfahren. Jetzt warte ich auf Rückmeldung. 

Wichtig sei, dass beide Seiten wieder miteinander verhandeln wollen und nicht nur auf ihren Rechtspositionen verharren.

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Sie wackeln nicht, sie zittern nicht

Unter den Augen der Dichterfürsten Goethe und Schiller. (Foto: Günter Bächle)

Allein das Programm wiegt schwerer als viele andere. 200 Seiten mit Geschichten, Portraits, Hintergründe, Termine, auf Deutsch und Englisch.  Ein who is who der Kulturwelt, gilt das Kunstfest Weimar doch als eines der renommiertesten und vielfältigsten Kulturfestivals in Deutschland, organisiert von einem nur knapp zehnköpfigen Team unter dem Dach des Deutschen Nationaltheaters und der Staatskapelle Thüringen in Weimar. Welch eine Leistung! 

Das Festival - laut Veranstaltern größte zeitgenössische Kunstschau in Ostdeutschland - dauert diesmal vom 20. August bis 8. September 2024. Mehr als 140 (oder 160?) Veranstaltungen aus zehn Sparten stehen auf dem Programm - darunter 22 Ur- und Erstaufführungen. Allein das Eröffnungsprogramm am ersten Tag ist nicht stressfrei. Ach so, da war ja auch noch das …

Für die Demokratie plakatiert (Foto: Thomas Müller)

Ich erlaube mir zwei Tage Festival. Zum ersten Mal. Bedaure, dass es danach schon heimwärts geht. Aber zwei Tage lassen einen beeindruckt sein, auch vom Mut der Festival-Macher. Sie wackeln nicht, sie zittern nicht! Es ist nicht die Zeit der Leisetreter, klare Kante ist gefragt. Unter dem Eindruck der bevorstehenden Landtagswahl in Thüringen begann das Kunstfest, das in diesem Jahr einen besonders starken politischen Anspruch hat. Wir versuchen, mit unserem Programm die Narrative von der extremen Rechten zu konterkarieren und wollen die Vielfalt feiern, die wir bedroht sehen, sagte Festival-Leiter Rolf C. Hemke auch im ZDF-Morgenmagazin. Hemke: Es geht um die Verfasstheit unserer Zivilgesellschaft und die Fragen danach, ob wir weiter eine lebendige Erinnerungskultur haben, ob wir den Feminismus weiterbefördern, wie wir zur Zuwanderung und zur Inklusion von Menschen mit Handicaps stehen. Der 52-jährige gebürtige Kölner ist seit 2018 Chef des Kunstfestes.

Tanz, Konzert, Schauspiel, Kunst, Diskurs, Musiktheater, Performance, Literatur und Film ein buntes, bildungsakzentuiertes und künstlerisch hochambitioniertes Programm. Die Eröffnung fand mit vielen Gästen aus Politik, Wissenschaft und Kultur statt – im Bauhaus Museum, in der Herderkirche, auf dem Theaterplatz mit dem Schiller-/Goethe-Denkmal und in der Redoute des Deutschen Nationaltheaters. 

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Tempo, Torf und Türen

Eine Blog-Pause? In den vergangenen Wochen schon. Eigentlich ungewollt, aber letztlich doch den Terminen geschuldet. Verursacher: Kommunalwahlen – zuerst Kandidierende suchen, dann Nominierung, Listen einreichen und peinlichst auf den letzten bürokratischen Haken achten, Flyer … Daneben noch das normale Sitzungspensum, Bürgeranliegen - und etwas Privates soll es auch noch geben. So blogge ich heute eher über das, was war und/oder noch läuft.

Die digitale Bürgerbeteiligung geht in die nächste Runde. Hier dazu mehr

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Übermannshohe schwarze Kugel aus gefilzter Merinowolle rollt durch Lienzingen

Leverkusen, Hongkong, Rotterdam, Liverpool, Nairobi, Lienzingen – all diesen Orten ist eines gemeinsam: Schauplatz (gewesen) zu sein von Projekten der in den Niederlanden lebenden und in Karlsruhe geborenen Künstlerin Yvonne Dröge Wendel. 1994 gewann sie für Black Ball   den zweiten Preis des Prix de Rome im Bereich Bildende Kunst. Ihr Schwarzer Ball rollt nun im Rahmen der Pforzheimer Ornamenta 2024 durch die Region Nordschwarzwald mit dem Haltepunkt Lienzingen Mitte August. Einen Vorgeschmack gab es jetzt beim Treffen von Herzenssache Lienzingen.

Der schwarze Ball wird im August durch Lienzingen rollen

Einen ganz Tag im 2100-Einwohner-Dorf. Freie Bahn für den Ball. 

Dreieinhalb Meter groß, handgefilzt, ein Objekt ohne Eigenschaften, wie Monika Heinzmann im kleinen Saal der Gemeindehalle sagte. Die Route solle noch Raum lassen für Spontanität, Interaktion und Dynamik. Durch die Bewegung im öffentlichen Raum verbinde der monumentale Ball Menschen und Orte auf ungewohnte Weise miteinander.  Einige rollen ihn, unter großem Gelächter, durch die Straßen. Andere legen sich unter den Ball und lassen sich überrollen, eigentümlicherweise vor allem Männer im Anzug.

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