Rot!!! Was verordnet der Landkreis? Das sagt morgen der Landrat

Rot! Risikogebiet Pforzheim und Enzkreis. Sowohl gemeinsam als auch jeweils für sich haben der Stadt- und Landkreis den Schwellenwert von 50 Neuinfizierten je 100.000 Einwohnern in sieben Tagen übersprungen. Wie reagiert das Landratsamt darauf? Das erfährt die Öffentlichkeit morgen Nachmittag (Freitag, 22.10.2020) vom Landrat bei einer Pressekonferenz.

Grafik: Landratsamt Enzkreis, 21.10.2020

Die stark angestiegenen Corona-Fallzahlen in Pforzheim und im Enzkreis bringen das Gesundheitsamt bei der Kontakt-Verfolgung an die Grenze des Leistbaren, heißt es in einer Pressemitteilung des Landratsamtes von heute: Wir erreichen derzeit nicht alle Kontaktpersonen von Corona-Fällen noch am gleichen Tag, sagt Dr. Brigitte Joggerst, Leiterin des Gesundheitsamts. Wer Kontakt mit einem positiv Getesteten hatte, solle daher zunächst zuhause bleiben und sich dort isolieren, insbesondere keinen Besuch empfangen, so ihr Rat, wie in der Mitteilung des Landkreises nachzulesen ist.

Unabhängig davon werden - so die Kreisverwaltung weiter - bei Ausbrüchen in Kitas und Grundschulen die Gleichaltrigen aus der Klasse oder der Kindergruppe nicht mehr automatisch als Kontaktperson der Kategorie 1 eingestuft. Wenn ein Kind getestet worden ist, klären wir mit der Einrichtungs- oder Schulleitung, wie die Situation gewesen ist. Nach unserer bisherigen Erfahrung ist es völlig ausreichend, die Kinder dann als Kategorie 2-Kontakt einzustufen, sagt Angelika Edwards, stellvertretende Leiterin des Gesundheitsamts: Seit Beginn der Pandemie hatten wir keinen einzigen Fall, in dem sich Kinder in der Kita oder in der Grundschule bei einem anderen Kind angesteckt haben. Eine Auswertung des Landesgesundheitsamtes vom Sommer bestätigt diese Beobachtung: Kleine Kinder stecken sich in der Regel in der Familie an und nicht in der Kita oder Grundschule.

 

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Stramm auf die Warngrenze zu - nach leichter Erholung heute deutlicher Zuwachs

Gestern galt das noch, was im Blog zu lesen war: Das Bild hat sich gewendet - Rückgang in Pforzheim, Zuwachs im Enzkreis. Schon wird befürchtet, dass nicht nur der Warnwert morgen erreicht wird, sondern in den allernächsten Tagen die Zahlen weiter nach oben ausschlagen und der Grenzwert übertroffen wird. Was verordnet dann der Landkreis? Landrat Bastian Rosenau sagte dazu am Montag im Verwaltungs- und Wirtschaftsausschuss des Kreistags, auf die Verordnung des Landes vom selben Tag würden Stadt- und Landkreis wohl nichts drauflegen. Es ist die Zeit der Momentaufnahmen. Seit heute nehmen Stadt- und Landkreise gemeinsam wieder Kurs nach oben (siehe erste Verlaufsgrafik, Quelle: Landratsamt Enzkreis).

Kein Tag ohne Neuinfizierte in Mühlacker. Einer, sechs, am Wochenende acht. Hotspot Mühlacker: Corona und kein Ende. Es ist schon ein seltsames Gefühl, wenn der Gemeinderat abends das Kulturprogramm der städtischen Volkshochschule einmütig beschließt (2011/22) und gleichzeitig die Nachricht eintrifft, die Steuerungsgruppe der Stadtverwaltung habe am selben Tag beschlossen, die beiden für Freitag und Samstag im Uhlandbau geplanten kulturellen Veranstaltungen abzusagen. Wir werden damit aber wohl noch einige Zeit leben müssen.

Hier die Lagemeldung des Gesundheitsamtes Enzkreis in Pforzheim vom Mittwoch der Trend nach oben ist nicht gebrochen.- auch wenn sich am Freitag die Lage leicht aufgehellt auf. Übers Wochenende schrammten Stadt- und Landkreis gerade noch am Warnwert vorbei.

Hier die jeweils aktuellen Verordnungen des Landes und ergänzend Mühlacker Spezifika auf der Homepage der Stadtverwaltung. Links und eigene Informationen hält das Landratsamt Enzkreis bereit.

Update 20.10.2020:

7-Tage-Inzidenz auf 100.000 Einwohner Pforzheim beziehungsweise Enzkreis

35,7

46,6

gemeinsame 7-Tage-Inzidenz auf 100.000 Einwohner (Pforzheim und Enzkreis zusammen)

42,4

Stand 20.10.2020
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Danziger Kanapfel: Lienzinger Konfirmandenwiese wächst weiter

Auf dem Bild die Lienzinger Konfirmanden des Jahres 2020 mit Jutta Heugel-Appu (rote Jacke)

Knapp vier Tage vor ihrem Fest pflanzten die neun Konfirmanden des Jahres 2020 - trotz Corona – ihren Baum auf der Wiese am Friedhof. Sie entschieden sich mit dem Schwäbischen Rosenapfel “Danziger Kanapfel“ für eine sehr alte anspruchslose Obstsorte. Das geaderte Fruchtfleisch ist weißlichgelb, locker und saftig süß bis süßweinsäuerlich.

Aus: Deutschlands Obstsorten, Eckstein und Stähle, Stuttgart 1908

Selbst der Regen legte eine Pause ein für die jungen Lienzinger, als sie zu den Spaten griffen, um das Pflanzloch auszuheben: Anika Trück, Ayleen Wetzel, Jaqueline Schneider, Sara Janzen, Dennis Geiger, Felix Allenstein, Jakob Schmidt, Silvan Koch und Stian Adam. Sie setzten mit dem jetzt fünften Konfirmandenbaum eine noch junge Tradition im Dorf fort. Die Idee hatte vor einigen Jahren Jutta Heugel-Appu: Die Grünfläche unterhalb des Friedhofs zum Dorf hin sollte zur Lienzinger Konfirmandenwiese wachsen. Beharrlich verfolgt sie das Ziel: „Nun ist die Wiese zu gut einem Drittel mit jungen Bäumen belegt und man sieht schon, was es werden soll.“ Egal, wie das Wetter ist: Jeder Jahrgang der Konfirmanden der Evangelischen Kirchengemeinde Lienzingen geht mit viel Spaß, Freude und Eifer ans Werk.  Sie heben das Erdloch aus, setzen den jungen Baum, gießen ihn und binden ihn zur Stütze an eine Holzstange.

Info: Der trüb bis leuchtend rote, oft karmesinrot verwaschene Apfel ist mit einer Breite von 60 bis 70 Millimetern mittelgroß und unregelmäßig flachkugelförmig. Der Landesverband für Obstbau, Garten und Landschaft Baden-Württemberg (LOGL) hat den Danziger Kantapfel zur regionalen "Streuobstsorte des Jahres 2006" gekürt. Der Danziger Kantapfel oder kurz Danziger Kant gehört zur Gruppe der Rosenäpfel und war einst vor allem in Frankreich, Holland und Deutschland sehr verbreitet.

Namensgeber war nicht der große Philosoph Immanuel Kant - der ja schließlich auch in Königsberg und nicht in Danzig lehrte - sondern die Kantigkeit der Frucht, wobei eine Kante bisweilen besonders hervortritt. Bei Früchten älterer, vergreister Bäume sind die Kanten weniger deutlich sichtbar, findet sich in einem Steckbrief über diese Sorte.

Wolf im Schafspelz: Die Lienzinger mochten ihn - Der Fall Hermann Oppenländer

Aufstellen zum Umzug beim Kinderfest anlässlich der Heimattage Lienzingen Anfang Juli 1958 mt Lehrer Hermann Oppenländer (helle Kopfbedeckung). Foto: Smlg. Roland Straub

Als Erst- und Zweitklässler hatten wir in der Volksschule Lienzingen einen Lehrer, den wohl alle mochten: Hermann Oppenländer. Nicht nur wir Sieben- oder Achtjährige erlebten ihn als freundlich, gingen gerne zu ihm in den Unterricht. Selbst bei der Aufsicht  in der großen Pause auf der Straße vor der Schule, bei  der sich die Mädchen und Jungen austobten, behielt er die Ruhe, wenn ein Auto oder ein Fuhrwerk diesen ungewöhnlichen Pausenhof passieren wollte. Denn unsere Schule an der heutigen Kirchenburggasse fehlte ein eigenes Pausengelände. Ein hochgewachsen, leicht beleibter, jovialer Mensch vom Typ Familienvater. Der 56-Jährige wohnte in der Bannholz-Siedlung in Mühlacker. Sein Auto – ich meine, ein DKW – parkte er während des Unterrichts im Hof schräg gegenüber vor einer Scheune.


Lienzinger Geschichte(n) mit einem Beitrag über Hermann Oppenländer, der von 1956 bis 1959 dritter von drei Lehrern an der Volksschule in Lienzingen war. Auf einer Stelle, die das Obeschulamt 1955 streichen wollte, wogegen sich der Lienzinger Gemeinderat heftig und letztlich erfolgreich wehrte. Wegen seiner NS-Vergangenheit entwickelte sich Oppenländer zu einem Fall der Landespolitik. Somit reicht der Beitrag zur Blog-Serie über unser Dorf hinaus - ein beklemmendes Stück auch lokaler Nachkriegsgeschichte


Doch von einem Tag auf den anderen blieb Hermann Oppenländer weg. Wir konnten uns keinen Reim darauf machen, weshalb er fortan die Volksschule in Lienzingen meiden werde. Keiner sagte zunächst, offen und ehrlich, was Sache ist. Aber die Fakten hätten wir wohl in diesem Alter in der ganzen Dimension nicht voll begriffen. Heute noch gilt der Vorgang bei jenen, die sich erinnern können, als rätselhaft. Dabei gab Oppenländer eigentlich keine Rätsel auf all jenen, die sich informieren wollten. Der Lehrer trug eine schwere persönliche Last: Er war vor 1945 eine regionale Nazi-Größe mit nun allen für ihn zurecht beschwerlichen Folgen, die er aber partout nicht akzeptieren wollte. Er sah sich ohne persönliche Schuld.

  • Dienstunfähig nach Nervenzusammenbruch 

Er sei krank und werde auch nicht wieder kommen. So kurz und bündig die dann doch offizielle Absage eines weiteren Gastspiels ihres Kollegen durch die beiden verbliebenen Lehrer, Wilhelm Wagner und Karl Kießling. Diese Botschaft haftet heute noch in meinem Gedächtnis. Jedoch hält sich hartnäckig das Gerücht, Oppenländer (Jahrgang 1900) sei während des Unterrichts in der Klasse verhaftet worden wegen nicht näher benannter Straftaten zu Zeiten der Nazi-Diktatur. Die Wahrheit: Er erlitt im Herbst 1959 durch den Stress um seine Person einen Nervenzusammenbruch. Sein Mühlacker Hausarzt  schrieb ihn daraufhin dienstunfähig. Da aber war zumindest für ihn klar, dass seine Zeit an der Lienzinger Schule endgültig abgelaufen war. Denn er wusste um die Strippen, die andere wegen seiner Arbeitsstelle an der Lienzinger Bildungseinrichtung zogen: Der Fall Oppenländer drohte zum Zündstoff für die baden-württembergische Landespolitik zu werden. Zwei Minister waren bereits damit befasst: der für Justiz und sein Kollege vom Kultusbereich.

  • Kultusministerium auf Schadensbegrenzung aus

All das wussten wir Lienzinger Erst- und Zweitklässler nicht. Kinder, denen die Verbrechen in der Nazi-Zeit noch wenig sagten. Und wohl die wenigsten Eltern lasen seinerzeit eine der Stuttgarter Tageszeitungen, in denen der Fall schon seit einigen Monaten des Jahres 1959 für Aufregung sorgte – der Fall des Hermann Oppenländer aus Mühlacker, aufgewachsen in Dürrmenz, ehemaliger hauptamtlicher NSDAP-Kreisleiter in Schwäbisch Gmünd, von der Spruchkammer als Hauptbelasteter eingestuft, zwölf Jahre Zuchthausstrafe (von denen er nur drei Jahre abzusitzen hatte), weil er mit einem anderen Verantwortlichen einen Tag vor dem Einmarsch der US-Truppen in Gmünd zwei Männer erschießen ließ, da sie auf der Straße lautstark  – und betrunken – Parolen gegen Hitler schrieen. Und jener Oppenländer unterrichtete nun wieder - wie ein Wolf im Schafspelz - Kinder wie vor 1937, diesmal an der Volksschule Lienzingen. Das rief Widerspruch hervor. Nicht in Lienzingen. Doch es sprach sich bis nach Stuttgart herum und drohte, hohe Wellen zu schlagen. Schadensbegrenzung lautete das Ziel der Schulbehörden bis hinauf ins Ministerium. 

  • Heimatfest Juli 1958: Der Lehrer lief als Begleiter beim Umzug mit 
Hermann Oppenländer (rechts) auch beim Umzug 1958. Foto; Smlg. Roland Straub

Offen bleibt im Rückblick für mich, was Eltern und Kollegen im Dorf von der Oppenländer-Welt wussten. Uns Schulanfängern war das Thema noch weitgehend unbekannt. Einzig das Gerücht, da sei etwas im „Dritten Reich“ mit Oppenländer vorgefallen, waberte durch den Ort.  So blieb es zunächst – und Oppenländer versank allmählich in der Vergessenheit. Er hatte nur drei Jahre an der Lienzinger Schule unterrichtet. Sein Name taucht jedoch sporadisch auf vor allem bei jenen, die bei ihm – wie ich - die Schulbank drückten. So bei einem Fotonachmittag in der vollbesetzten Gemeindehalle des Ortes am 6. Januar 2016 und damit zu Beginn des Jubiläumsjahres 1250 Jahre Lienzingen. Dabei zeigte der örtliche Historien-Mann Roland Straub – auch einer der Schüler von Oppenländer - vor mehr als 300 Besuchern alte Aufnahmen vom Leben früher im heute 2100 Einwohner zählenden Ort, seit 1975 Stadtteil von Mühlacker. Darunter Fotos vom Kinderumzug beim Heimatfest Anfang Juli 1958 mit Hermann Oppenländer, wie er neben Schülergruppen lief. Oppenländer sei, so Straub, im Klassenzimmer festgenommen worden, als gerade die Zweitklässler unterrichtet habe. Wir waren schockiert. Danach haben wir ihn nicht mehr gesehen. Doch: Die Aktenlage spricht nicht dafür. Auch in der Personalakte beim Oberschulamt Nordwürttemberg steht nichts von einer Verhaftung.

Was wussten die Lienzinger über Oppenländer? Angeblich nicht viel oder sie redeten nicht gerne darüber. Doch der gelernte Lehrer, geboren in Mühlacker als Sohn eines Lokomotivführers aus Dürrmenz, war von 1934 bis 1937 nebenamtlich Chef der NSDAP im damaligen Kreis Vaihingen. Und die Rolle des Kreisleiters spielte er sicherlich nicht im Geheimen. Wer was wusste, nicht wusste oder nicht wissen wollte? Fragen blieben bis jetzt ohne Antworten.

Kirchenburggasse als Pausenhof bis 1960, aufgenommen 1927. (Quelle: Stadtarchiv Mühlacker=STAM, Smlg. Roland Straub)
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Herr P. und der Zittermann

Die Diagnose ist eindeutig und „Herr P.“, wie Jürgen Mette die Krankheit nennt, ist von sofort an Teil seines Lebens. Er schreibt auf 190 Seiten von der unheimlichen Begegnung mit P. Von dem  unerwünschten Gast, der sich Zugang erschlichen habe zum Steuerungssystem für Gehirn und Muskeln. Aber zum Prozessor hat er keinen Zugang. Trotzdem: P. übernimmt klammheimlich die Regie über mein Leben, so der Theologe ganz offen in seinem Buch Alles außer Mikado

P. werde wohl lange bleiben. P. steht  für ein Gespenst: Morbus Parkinson ist eine chronische neurologische Erkrankung, die zunehmend früher auftritt. Bis jetzt nicht heilbar, bleibt sie wirklich lange. Bis zum Ende. Das kann depressiv machen.

Jürgen Mette

Autor und Pfarrer, zudem gelernter Zimmermann: Jürgen Mette kommt auch aus dem Mediengeschäft. Er war geschäftsführender Vorsitzender der Stiftung Marburger Medien. Der jetzt 68-Jährige schreibt und predigt so, dass er verstanden wird. Reich an Sprachbildern ist die Schilderung seines Lebens mit Parkinson, die 2013 erschien und inzwischen schon in der siebten Auflage noch immer neue Leser findet. Wie mich. Meine  frühere Gemeinderatskollegin und Erfinderin der Lienzinger Weihnachtsgaden, Ursula Stierle,drückte den Band mir kürzlich in die Hand mit der Bemerkung: Das wollte ich Dir schon lange geben…  

Auch wenn der Autor bei Herrn P. bleibt und dies durchhält von der ersten bis zur letzten Seite, nennt er ihn einen Fremden, ja einen Mietnomaden, der sich in seinem Kopf gratis eingemietet hat, Durcheinander im Bewegungsapparat anrichtet und so tut als sei er der Eigentümer. P. ich hasse dich! Und ich werde dich täglich verachten. 

Der Theologe, der sich auch schon mal augenzwinkernd Zittermann nennt,  nimmt den Leser in seinem Buch mit auf eine Reise durch die Höhen und Tiefen und gibt bewegende Einsichten darüber weiter, was nach seiner Meinung im Leben wirklich trägt und zählt. 

Die Reise beginnt vor gut zehn Jahren bei Dreharbeiten auf der Wartburg in Eisenach für eine zwölfteilige Gesprächsreihe mit Jürgen Mette als Moderator. Die erste Hälfte ist im Kasten. Warum zittere ich eigentlich, fragt er sich. Er ahnt, dass es nicht an Wärme in der Burg mangelt. Dass seine linke Hand zittert, ist nicht mehr zu verbergen. Meine Muskeln machen sich selbstständig.  Galgenhumor schwingt mit: Wer braucht die zusätzliche Fähigkeit, am ganzen Leib zu zittern? Es gebe keinen Schalter im Hirn, um das abzustellen. 

Tremor? Nie gehört!

Tremor, das Zittern. Dopamin, einer der wichtigsten Botenstoffe, das im Gehirn produziert wird, fällt aus, muss durch Medikamente nachgeliefert werden. Doch das Original ist weitaus besser als die Aushilfslösung. Folge:  Blockaden entstehen, der Mensch hat seinen Bewegungsapparat nicht immer  im Griff. Die Diagnose 2009 bei Jürgen Mette: Parkinson.  Der Diagnose ist nicht befreiend, sondern belastet. In der Phase der Schwermut erweise sich Musik als Heilmittel, besonders die Passionen und Oratorien von Johann Sebastian Bach. P. verstehe von Musik nichts, rein gar nichts.

Erfahrungen mit P. niederschreiben als  Ermutigungsbuch, das ist ihm gelungen, auch durch eine ganz unerwartete Einlage. Die besonders Auseinandersetzung der Geschichte von Hiob, Nachdenkliches dazu in vier Kapiteln zur Frage: Weshalb gerade ich? Er wolle gar nicht überzeugen. Aber er wolle bezeugen, dass die Krise das Klima ist, in dem der Glaube keimen, wachsen und Früchte bringen kann. Obwohl die Krankheit den Alltag von Jürgen Mette immer mehr prägt, verliert er seinen Lebensmut nicht: Ich glaube, dass ich trotz Parkinson vielleicht die beste Zeit meines Lebens vor mir habe. Nach der Diagnose der Trost: Johannes Paul II versah sein Amt als Papst trotz der Belastungen durch Parkinson Gott ergeben bis zum sterblichen Ende. 

Mettes Erfahrungen sind nicht nett. Die Stimme wird leise und brüchig, er zittert jeder Predigt entgegen: Gelingt es oder gelingt es nicht? Zaghafter, zerbrechlicher, nicht mehr so formvollendet, nennt er den für ihn neuen Zustand. Handschriftliche Notizen sind plötzlich unleserlich, das Riechvermögen geht weitgehend verloren. Der Bewegungsapparat gehorcht nicht immer. Er fühlt sich beobachtet, wenn er sein Gewicht schwankend ausbalancieren muss, dann das typische Schlurfen beim Gehen, der Verlust an Kraft. Ein tägliches Auf und Ab. Plötzlich schlottern die Knie, obwohl er doch locker erzählen wollte - nichts ist dann mit locker.

Er schämt sich, geniert sich. Hektik und Zeitdruck befördern die Tremor-Symptome. Deshalb gilt, sich selbst zu ermahnen, sich mehr Zeit zu lassen, dem Terminkalender Luft zu geben. P. macht einen zum Pillenschlucker,  um den Krankheitsverlauf wenigstens  zu bremsen.

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Masken-Vorbilder in Corona-Zeiten

Mit Mundschutz und großem Abstand versetzt hinter einander meine Fraktionskollegen Dr. Peter Napiwotzky (Mühlacker), Kurt Ebel (Remchingen) und Martin Steiner (Birkenfeld) während der Sitzung des Verwaltungs- und Wirtschaftsausschusses des Kreistags im Saal des Landratsamtes Enzkreis in Pforzheim. Mein Foto aus der ersten Reihe.

Die Woche vor Pfingsten in Mühlacker je einmal Verwaltungsausschuss und Gemeinderatssitzung, je einmal zwei Kreistagsausschüsse hintereinander und zusammen mehr als vier Stunden lang, alle als Präsenztermine, wie das in Corona-Zeiten heißt, dazu eine Videokonferenz mit den Kollegen der Kreistagsfraktion. Nach etwa acht Wochen Abstinenz ziehen die Sitzungstermine wieder an, aber nur für eine kurze Phase. Denn sie setzen wegen den Pfingstferien für zwei Wochen gleich wieder aus. Aber erste Eindrücke über Termine unter dem Virusregime ließen sich gut sammeln - sozusagen die Generalprobe.

In Mühlacker gilt: Ratsmitglieder und Verwaltungsmitarbeiter sitzen mindestens eineinhalb Meter vom Nachbarn entfernt, verteilen sich auf den gesamten Ratssaal, das Gremium braucht mehr Platz. Wer will, legt Maske an. Einige bringen Mund- und Nasenschutz mit, legen sie für alle Fälle neben sich auf den Tisch. Ich bin einer davon, nachdem ich eine Woche zuvor mich maskierte, aber das nicht durchhielt – beim Reden stört das ungewohnte Stück, mir nimmt es auch zu viel Luft weg. Nicht umsonst heißt es. Der/Die nimmt kein Blatt vor den Mund.

Keinen Nebensitzer mehr, dafür ein rot-weißes Sperrband

Während im Rat von Mühlacker auf die Maske während der Beratungen kein nachdrücklicher Wert gelegt, geschweige denn vorgeschrieben wird und auch sonstige Vorgaben fehlen, herrscht beim Enzkreis mehr Strenge: Gleich nach dem Haupteingang ins Landratsamt fängt einen ein Security-Mitarbeiter ab, notiert sich den Namen, lässt einen die Hände desinfizieren, verweist darauf, dass ein  Aufzug jeweils nur von einer Person benutzt werden darf – andere müssen warten. Und der Landrat mahnt, wenigstens in öffentlicher Sitzung ein gutes Masken-Vorbild abzugeben, spricht: selbige anzulegen. Die meisten folgen dem Appell, zupfen mal hier und mal dort an dem Schutzstreifen, legen auch ab und zu Masken-Pausen ein. Das Sitz-Schema ist gleich wie in Mühlacker, nur dass im Saal des Landratsamtes die nicht zu besetzenden Plätze zusätzlich mit einem rot-weißen Band gesperrt sind. Die Dezernenten sprechen meist durch die Maske, manchmal Grund für Nachfragen wie von mir, ob das Gesagte richtig gehört wurde.

Jedes Gremium im Land muss einen Konsens suchen, um vernünftig mit der latenten Ansteckungsgefahr durch das umzugehen und dabei seinen Aufgaben nachzukommen. Dazu Beispiele aus zwei Gemeinden im Kreis Karlsruhe: In Pfinztal legten sich die Räte die Selbstverpflichtung auf, lieber den Mund zu halten als in große Debatten einzusteigen. Die Sitzungen sollen rasch abgewickelt werden. In Walzbachtal gleich nebenan gilt auch die Parole „wir wollen kurze Sitzungen“, doch der Wissensdurst der Bürgervertreter soll nicht zwangsweise zum Verdursten führen. Die Auskunft erheischenden Räte schicken vorab ihre Fragen per Mail an den Bürgermeister, der bereitet die Antworten vor. "Masken-Vorbilder in Corona-Zeiten" vollständig lesen

Geöffnet wird hier, eingeschränkt zugelassen dort

Was lassen wir an Öffnungszeiten zu?

Corona und die Folgen. Geöffnet wird hier, eingeschränkt zugelassen dort. Wie sieht es mit den Vorgaben für die soziale Distanz aus? Manches wirkt nicht schlüssig, anderes verwirrt. Eingängig ist aber diese Botschaft: Es darf gelockert werden. Darf? Es wird eben gelockert. Die Stadt Mühlacker schaffte den Schichtbetrieb in der Verwaltung inzwischen ab, fährt den normalen Rathausbetrieb wieder hoch, auch das Landratsamt passte  sich der veränderten Lage an.
 
Allerdings stellt sich die Frage, wie weit wir uns auf Risiken einlassen sollen und müssen. Die Risikobereitschaft wuchs, wie die Aufhebung einer doch nicht unbeträchtlichen Zahl von Einschränkungen in den vergangenen Tagen zeigte. Derzeit stönen Beschäftigte von Rathäusern unter der Bearbeitung von Anmeldungen für die reduzierten Regelöffnungszeiten in Kindertagesstätten. Alles ist knapp, die Rechtsverordnung des Landes kam am Samstag, gab die Hälfte der vor Corona besetzten Kita-Plätze  für Montag frei. Es soll Eltern geben, die sehen die kurzen Fristen nicht und sind, um es so zu sagen, unwirsch. Empathie ist nicht jedermanns Sache.Viele sind unsicher, brauchen längere Überlegungszeiten, doch dann sollten auch keine knappen Fristen gesetzt werden. Sonst sind die Kommunen wieder die letzten, die die Hunde beißen.

Was geschieht mit der seit Mitte März 2020 geschlossenen Kfz-Zulassungsstelle in Mühlacker. Die Antwort von Landrat Bastian Rosenau auf meine Anfrage für die CDU-Fraktion im Kreistag brachte Anfang Mai zwar Verbesserungen in der Online-Terminvergabe der Kfz-Zulassungsbehörde im Landratsamt in Pforzheim. Nach elf Tagen allgemeiner Lockerungsorgien mein zweiter Anlauf und die Frage an den Landrat: Gibt es Perspektiven für die Wiedereröffnung der Zulassungsstelle an der Vetterstraße in Mühlacker? Hoffnung besteht, dass der Enzkreis es nicht so macht wie die Sparkasse Pforzheim Calw, die mit der Begründung Corona und den Rechtsverordnungen einen Teil der Filialen - angeblich nur für eine bestimmte Zeit - schloss und ankündigte, sie wieder zu öffnen, wenn es die Lage erlaubt -  und dann doch bei einem Teil mit einer dauerhaften Schließung überraschte. Für was Corona gut sein kann, muss man sich schon sarkastisch fragen. Ist das die Blaupause für die Zulassungsstelle Mühlacker? Hoffentlich nicht!

Die Antwort des Landrats wieder hier im O-Ton:

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