Danziger Kanapfel: Lienzinger Konfirmandenwiese wächst weiter

Auf dem Bild die Lienzinger Konfirmanden des Jahres 2020 mit Jutta Heugel-Appu (rote Jacke)

Knapp vier Tage vor ihrem Fest pflanzten die neun Konfirmanden des Jahres 2020 - trotz Corona – ihren Baum auf der Wiese am Friedhof. Sie entschieden sich mit dem Schwäbischen Rosenapfel “Danziger Kanapfel“ für eine sehr alte anspruchslose Obstsorte. Das geaderte Fruchtfleisch ist weißlichgelb, locker und saftig süß bis süßweinsäuerlich.

Aus: Deutschlands Obstsorten, Eckstein und Stähle, Stuttgart 1908

Selbst der Regen legte eine Pause ein für die jungen Lienzinger, als sie zu den Spaten griffen, um das Pflanzloch auszuheben: Anika Trück, Ayleen Wetzel, Jaqueline Schneider, Sara Janzen, Dennis Geiger, Felix Allenstein, Jakob Schmidt, Silvan Koch und Stian Adam. Sie setzten mit dem jetzt fünften Konfirmandenbaum eine noch junge Tradition im Dorf fort. Die Idee hatte vor einigen Jahren Jutta Heugel-Appu: Die Grünfläche unterhalb des Friedhofs zum Dorf hin sollte zur Lienzinger Konfirmandenwiese wachsen. Beharrlich verfolgt sie das Ziel: „Nun ist die Wiese zu gut einem Drittel mit jungen Bäumen belegt und man sieht schon, was es werden soll.“ Egal, wie das Wetter ist: Jeder Jahrgang der Konfirmanden der Evangelischen Kirchengemeinde Lienzingen geht mit viel Spaß, Freude und Eifer ans Werk.  Sie heben das Erdloch aus, setzen den jungen Baum, gießen ihn und binden ihn zur Stütze an eine Holzstange.

Info: Der trüb bis leuchtend rote, oft karmesinrot verwaschene Apfel ist mit einer Breite von 60 bis 70 Millimetern mittelgroß und unregelmäßig flachkugelförmig. Der Landesverband für Obstbau, Garten und Landschaft Baden-Württemberg (LOGL) hat den Danziger Kantapfel zur regionalen "Streuobstsorte des Jahres 2006" gekürt. Der Danziger Kantapfel oder kurz Danziger Kant gehört zur Gruppe der Rosenäpfel und war einst vor allem in Frankreich, Holland und Deutschland sehr verbreitet.

Namensgeber war nicht der große Philosoph Immanuel Kant - der ja schließlich auch in Königsberg und nicht in Danzig lehrte - sondern die Kantigkeit der Frucht, wobei eine Kante bisweilen besonders hervortritt. Bei Früchten älterer, vergreister Bäume sind die Kanten weniger deutlich sichtbar, findet sich in einem Steckbrief über diese Sorte.

Was macht Lienzingen aus?

Alt und doch jung: Fachwerkhaus am Bachweg, herausgeputzt

Lienzingen ist in jeder Hinsicht ein exzeptioneller Ort. Das „Rothenburg an der Enz“ ist für seine beeindruckende Fachwerkarchitektur bekannt. Aber ein genauerer Blick lohnt. Denn Lienzingen hat nicht einfach nur einen reichen Fachwerkbestand, der durch einige äußerst gelungene Sanierungsprojekte der vergangenen Jahre an Wert gewonnen hat, sondern ist für historisch wie kulturell Interessierte zudem ein Handbuch der ländlichen Architekturgeschichte. Knapp ein Dutzend Bauwerke haben eine Bausubstanz, die sich in das 15. Jahrhundert zurückdatieren lässt – das alleine mag schon beeindrucken und macht Lienzingen zu einer Ausnahme im Enzkreis. 

Vor der Peterskirche in der Dorfmitte von Lienzingen

Noch beeindruckender sind die beinahe zwei Dutzend Bauwerke mit Fachwerksubstanz aus dem 16. Jahrhundert. Zusammen sind also über 30 Bauwerke in Lienzingen mit Holzkonstruktionen ausgestattet, die älter als 400 Jahre sind. Zudem lässt sich das malerische Lienzingen, das seit den 1990er Jahren zunehmend in seinem historischen Wert erkannt wird, ein zu Stein und Holz gewordenes Handbuch für Baugeschichte betrachten. Denn an vielen Orten – wie vor allem in der Knittlinger Straße – stehen die Bauwerke aus über 400 Jahren Zeitspanne nah oder sogar nebeneinander. Lienzingen ist also ein spannendes Feld, die Veränderung der Wohngebäude unserer Region aufzuzeigen. Aber nicht nur das! Neben dieser baugeschichtlichen Betrachtung eignet sich der Ortsetter ebenso für eine genauere Betrachtung der sozialen Struktur eines Dorfes seit dem Mittelalter. Die soziologische Struktur des Ortes – im Inneren wohnen die sozial höher gestellten Familien, am Rande die ärmeren – spiegelt den Aufbau der Siedlungen bis ins 20. Jahrhundert hinein einprägsam wider. 

In der Liebfrauenkirche Lienzingen

Wer aber Lienzingen hört, kennt, sieht oder besucht, denkt an mehr als an das reiche Fachwerk. Gleich zwei Kirchen von beachtlicher Qualität und eindrucksvollem Erhaltungszustand prägen noch heute das Ortsbild. Die zentral und erhöht gelegene evangelische Pfarrkirche ist Petrus geweiht und bildet mit den erhaltenen Gaden den Typus einer Kirchenburg, wie sie um 1400 vielerorts in der Region entstanden sind. Doch kaum eine Kirchenburg verfügt heute noch über ein derart intaktes Gaden- und Wallsystem. Im Enzkreis ist die Lienzinger Peterskirche demnach das beste Beispiel einer Kirchenburg, malerisch eingebettet in die Fachwerkbauten rings herum. Die zweite Kirche ist die außerhalb gelegene Friedhofskirche, die im Zuge des Ausbaus der im Ortskern gelegenen Pfarrkirche zur Kirchenburg errichtet wurde und bereits kurz nach Erbauung in den Status einer Wallfahrtskirche erhoben wurde. Diese „Liebfrauenkirche“ erfuhr von 1476 bis 1495 einen solch einmaligen Ausbau, dass sie noch heute Besucher aus nah und fern anzieht. Der Chor, seine Gewölbeform mit den Schlusssteinen, die Kanzel, die Holztonnendecke, die Heilig-Grab-Nische und unzählige weitere Details machen die Kirche zu einem besonderen Ort. 

Für mich persönlich ist Lienzingen ein Ort, den man jedem Reisenden empfehlen kann, wenn er einen intakten historischen Ortskern sehen möchte. Lienzingen ist ein Schatz unseres Landkreises und der Einsatz der Menschen vor Ort für den Erhalt der Gebäude ein Glück für uns alle. 

Die Peterskirche im Abendlicht

 

Staatsgerichtshof, Stuttgart, Neues Schloss, Weißer Saal, um 9: Vor 45 Jahren das Aus für Lienzingens Unabhängigkeit

Lienzingen soll selbstständig bleiben - Gemeinde warb 1975 mit einem Sonderdruck für ihren Kurs. Leider ohne Impressum. Erinnerungsstück aus meinem Archiv.

Heute vor 45 Jahren, am 23. Mai 1975, vormittags um fünf Minuten nach neun Uhr, im Weißen Saal des Neuen Schlosses in Stuttgart: Der amtierende Präsident des Staatsgerichtshofes Baden-Württemberg, Peter Rößler, verkündete das Urteil: Der Paragraph 121 des Besonderen

Aus meinem Beitrag zum Verlust der Selbstständigkeit in: Konrad Dussel, Ortsbuch Lienzingen, 2016, Verlag Regionalkultur. 19.90 Mark. Text für diese Blog-Serie Lienzinger Geschichte(n) erweitert.

Gemeindereformgesetzes ist verfassungsmäßig. Damit war die Normenkontrollklage der Gemeinde Lienzingen gegen die Entscheidung des Landtags vom 9. Juli 1974, Lienzingen in die Stadt Mühlacker einzugliedern, gescheitert. Laut Urteil mussten Lienzingen und Mühlacker bis zum 20. Juni 1975 eine Eingliederungsvereinbarung abschließen, die dann am 5. Juli 1975 in Kraft treten sollte [Mühlacker Tagblatt, 24. Mai 1975, S.  11].

Lienzingen fehlten 200 Einwohner

In der mündlichen Verhandlung vor dem Staatsgerichtshof, heute Landesverfassungsgericht, am 2. Mai 1975 hatte der Heidelberger Professor Uhle als Rechtsvertreter der Kommune argumentiert, dass auch die Landesregierung keine Zweifel an der Leistungsfähigkeit der Gemeinde hege. Die viel zitierten Verflechtungen zwischen Lienzingen und Mühlacker sah Uhle nicht. Dem Wunsch Mühlackers, sich nach Norden auszudehnen, sei die Gemeinde Lienzingen nicht abgeneigt, dazu bedürfe es keiner Eingliederung. Die Erfahrung zeige, dass Randgemeinden in der Regel vernachlässigt würden. Über kurz oder lang werde die Gemeinde Lienzingen die 2000-Einwohner-Grenze überschreiten, die mit Entscheidungsfaktor war, ob eine Kommune ihre Selbstständigkeit behalten kann oder nicht. Lienzingen fehlten zu diesem Zeitpunkt gut 200 Einwohner [Württembergisches Abendblatt, 3. Mai 1975, S. 11).

Die Frage ist eindeutig: Tafeln an den Ortseingängen von Lienzingen vor der Abstimmung im Januar 1974 über die umstrittene Eingemeindung, zu der alle Lienzinger Wahlberechtigten aufgerufen waren. (Foto: Sabine Straub)

Doch die Richter folgten nicht den Argumenten der Gemeinde Lienzingen, sondern denen der Stadt Mühlacker und der Landesregierung, wie sich in der Urteilsbegründung zeigte. Vorrangig war laut Gericht die Stärkung Mühlackers als Mittelzentrum, die Schaffung einer größeren, tragfähigeren Verwaltung auch für das Gebiet der Gemeinde Lienzingen. Die Entwicklungsmöglichkeiten Mühlackers seien im Enztal beschränkt, weil sie dort in Konflikt mit raumordnerischen und ökologischen Grundsätzen träten, wobei besonders auf den Bedarf an neuen Gewerbe- und Industriegebieten abgehoben wurde.  Andererseits habe aber Lienzingen selbst vorgetragen, dass auf seiner Gemarkung noch beträchtliche Gebiete für Industrie und Gewerbe erschlossen werden könnten. Nachteile für die Bevölkerung seien durch eine Eingliederung nicht erkennbar.  [Württembergisches Abendblatt, 24. Mai 1975, S. 9].

Ehrenbürgerschaft und Verabschiedung in einem

Am 5. Juli 1975 erfolgte die Eingemeindung, allerdings ohne Vertrag, denn am Tag nach der Entscheidung des Gerichts traten alle zehn Lienzinger Gemeinderatsmitglieder geschlossen zurück und begründeten dies in einer nichtöffentlichen Sitzung damit, dass die Württ. Landesregierung (…) den Bürgerwillen aufs Gröblichste missachtet habe [STAM, GR 104 vom 24. Mai 1975, S. 364].  Schließlich hätten sich 96 Prozent der Lienzinger bei einer Bürgeranhörung 1974 für die weitere Selbstständigkeit ihrer Kommune ausgesprochen. Öffentlich gemacht wurde die Amtsaufgabe am selben Tag, am 24. Mai, im festlich geschmückten kleinen Saal der Gemeindehalle vor Vertretern der Vereine, der Schule und weiterer  Honoratioren. Verbunden war diese Zusammenkunft aber auch mit der Ernennung von Richard Allmendinger, Bürgermeister von Lienzingen, zum Ehrenbürger und seiner Verabschiedung [STAM, GR 104 vom 9. Mai 1975,  S. 359]. Vize-Schultes Wilhelm Tochtermann

Stuttgarter Zeitung, 5. April 1972 (Auszug)

bescheinigte Allmendinger in einer Laudatio echten schwäbischen Fleiß, nie erlahmenden Unternehmergeist und Verhandlungsgeschick. Er habe für Lienzingen das Optimale erreicht (Vaihinger Kreiszeitung, 27. Mai 1975). Begonnen hatte die Veranstaltung mit dem Lied „Land wir kommen und wir gehen“, gesungen vom Männergesangverein „Freundschaft“ Lienzingen.  Im Mittelpunkt standen die Leistungen Allmendingers  in seiner 28-jährigen Amtszeit, sein Lebenswerk solltegewürdigt werden. „Brüder reicht die Hand zum Bunde“, zum Abschluss vorgetragen vom Gesangverein, sollte sich – wie sich bald darauf zeigte – nicht auf Mühlacker beziehen [Mühlacker Tagblatt, 26. Mai 1975, Seite 9].

An dem Kollektiv-Rücktritt änderte auch ein Schreiben von Landrat Dr. Heinz Reichert nichts, der als oberster Kommunalaufseher des Landratsamtes Enzkreis, dem stellvertretenden Bürgermeister Wilhelm Tochtermann schrieb, volles Verständnis dafür zu haben, dass die Gemeinde alle Rechtsmöglichkeiten gegen den Landtagsbeschluss ausgeschöpft habe und nach dem Ergebnis nun enttäuscht sei. Doch die

Der Rücktrittstext aus der Pforzheimer Zeitung

Gemeinderäte könnten und sollten sich ihrer Verantwortung für das Schicksal der Gemeinde nicht entziehen. Aber die Ratsmitglieder blieben ihrer Linie treu und erklärten, der Rücktritt richte sich ausschließlich gegen eine Landesregierung, die eine allzeit lebensfähige Gemeinde in grotesker Weise abgewürgt habe [Mühlacker Tagblatt, 14. Juni 1975, S. 9].

Alle Gemeinderäte traten aus Protest zurück

Aufruf der Gemeinderäte von Lienzingen zum Protest, 1. Oktober 1973 (Smlg. Günter Bächle)

Mit dieser Mandatsniederlegung scheiterte in Lienzingen auch die Behandlung einer Rechtsfolgevereinbarung, die von der Stadtverwaltung Mühlacker ausgearbeitet und vom Mühlacker Gemeinderat am 24. Juni 1975 mit 42 gegen 0 Stimmen bei einer Enthaltung gebilligt wurde. In 15 Paragraphen wurde vor allem die formale Seite der Eingemeindung geregelt und unter anderem eine zweckmäßige und bürgernahe Betreuung zugesichert. Nach der nächsten regulären Gemeinderatswahl  am 7. September 1975 (die Wahl musste wegen der Lienzinger Abstimmung um einige Monate verschoben werden, s. MT 24.11.1974) solle Lienzingen zwei Sitze im Gemeinderat haben. Stadtrat Jörg Sattler (SPD) sagte in der Aussprache, die Stadt habe mit der Vorlage der Vereinbarungsentwürfe eine Aufgabe erfüllt, die über ihre Verpflichtung hinausginge. Unverständlich sei, dass der Gemeinderat von Lienzingen seine Tätigkeit einstelle, denn das gehe ja letztlich zu Lasten des Bürgers. [STAM, GR-Protokoll Mühlacker, 24. Juni 1975, § 81, S. 64ff].  Doch im Gegensatz zu den freiwillig abgeschlossenen Eingemeindungsvereinbarungen mit den jetzigen Stadtteilen Enzberg, Großglattbach, Lomersheim und Mühlhausen beinhaltete der Vertragsentwurf keinen Investitionskatalog. Im Gemeinderat von Lienzingen wurde das Papier nie behandelt.

Das Lienzinger Rathaus nach der Sanierung 2016/18, bis 1975 Amtssitz des Bürgermeisters der bis dato selbstständigen Gemeinde. (Fotos: Günter Bächle)

Denn zu den von Bürgermeister Allmendinger – bis zum 4. Juli 1975, 24 Uhr, im Amt - einberufenen Sitzungen am 6. Juni und 11. Juni erschien kein Ratsmitglied, so dass eine weitere Sitzung für den 18. Juni angesetzt wurde. Doch auch bei diesem dritten Versuch blieb der Bürgermeister wieder allein, aber anstelle des Gemeinderats hätte er nun entscheiden können. Er wollte es bewusst nicht. Im Protokoll heißt es zur Eingliederungsvereinbarung: Da der Gemeinderat auf seinen Rücktritt beharrt, ist weder eine Beratung noch eine Beschlussfassung hierüber möglich. In dieser letzten Lienzinger Ratssitzung entschied der Bürgermeister nur über eher formale Punkte wie über das Zehrgeld für die Lienzinger Teilnehmer des Kreisfeuerwehrtages in Großglattbach, Baugesuche und Bürgschaften für den Wohnungsbau. Es gab neben dem öffentlichen noch einen nichtöffentlichen Teil, in dem die noch wenige Wochen selbstständige Gemeinde Baudarlehen absicherte [STAM, GR 104 vom 6. Juni, 11. Juni, 18. Juni 1975,  S. 365-367].

Keine Eingliederungsvereinbarung

Ministerpräsident Hans Filbinger (links) und Innenminister Karl Schieß warben in einem Flyer, herausgegeben vom Innenministerium Baden-Württemberg, für die Gemeindereform (ohne Datum, Smlg. Günter Bächle)

Weil die Eingliederungsvereinbarung nicht zustande kam, verfügte das Regierungspräsidium Karlsruhe in einem vierseitigen Schreiben vom 23. Juni  1975 mit dem Aktenzeichen 12-21/0001, dass nach der Eingliederung am 5. Juli 1975 bis zum Zusammentritt des neuen Gemeinderats im September 1975 vier der zurückgetretenen Gemeinderäte als Vertreter von Lienzingen in den Mühlacker Gemeinderat einzurücken hätten: Ulrich Bäuerle, Hans Lepple, Wilhelm Tochtermann und Fritz Geissler. Mühlacker habe bei 22.562 Einwohnern 57 Gemeinderäte, Lienzingen stünden bei 1753 Einwohnern vier zu. Doch diese vier boykottierten die Sitzungen.

Nach der Neuwahl am 7. September 1975 gab es bei 32 Stadträten mit Günter Bächle (CDU, 3610 Stimmen, davon 314 in Lienzingen) und Gabriele Hoffmann, heute Meeh (SPD, 3012 Stimmen, davon 119 in Lienzingen) zwei Lienzinger Vertreter, die ihr Mandat auch wahrnahmen. Wäre allein der politische Willen des Stadtteils Lienzingen ausschlaggebend gewesen, hätte den ersten Sitz auch Günter Bächle erhalten, der zweite wäre aber mit 166 Stimmen an Reinhold Hermle (FW) gegangen. Auf den Listen von CDU, SPD und FW kandidierten zusammen acht Lienzinger, einer weniger als möglich. Lienzingen hatte mit 46 Prozent die niedrigste Wahlbeteiligung, Mühlhausen mit 65 Prozent die höchste, in der Gesamtstadt waren es knapp 61 Prozent. Bis zur Abschaffung der unechten Teilortswahl zur Wahl 2014 hatte Lienzingen drei garantierte Sitze, seit 2019 sind es fünf - ohne Garantie.

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Lienzingen vor 75 Jahren - Die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs und die Zeit danach

Bürgermeister Allmendinger im Herbst 1948 zu den letzten Kriegstagen 1945 (Quelle: Hauptstaatsarchiv Stuttgart J 170 Bü 19 [Lienzingen])
Lienzingen vor 75 Jahren. Die Besetzung durch feindliche französische Truppen fand am 7. April 1945 vormittags 9 Uhr statt. Es waren Fremdenlegionäre (de Gaulle Truppen). Viele Vergewaltigungen kamen vor. 

Dreieinhalb Jahre nach dem Tag der Befreiung schrieb Bürgermeister Richard Allmendinger, sachlich und nüchtern, zur geschichtlichen Darstellung der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs. Der Anlass: Eine Umfrage des Landratsamtes Vaihingen an der Enz im Herbst 1948.

Kriegsende. Die 2. Marokkanische und 3. Algerische Division überquerten Ende März auf breiter Front den Rhein und drängten auf deutscher Seite die 16. und 17. Volksgrenadierdivision über die Enz zurück. Ohne auf große Widerstände zu stoßen, besetzten sie am 6. April Maulbronn und Ötisheim, anderntags folgten Schmie und Lienzingen. Mit dem Einmarsch französischer und US-amerikanischer Truppen ging zwischen dem 27. März und dem 30. April 1945 in Württemberg, Baden und Hohenzollern der Zweite Weltkrieg zu Ende – noch vor der offiziellen, bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reichs am 8. Mai 1945.

  • Antworten des Bürgermeisters von 1948 jetzt online

Einen Fragebogen schickte das Landratsamt Vaihingen im Herbst 1948 den Bürgermeistern der 42 Kreisgemeinden zu. Ihre Schilderungen und viele weitere Unterlagen zum Ende des Zweiten Weltkriegs sind vom Landesarchiv Baden-Württemberg digitalisiert und online zugänglich gemacht. Kurz und knapp die Antworten von Allmendinger, seit Ende 1947 im Amt, die auf Zeugenaussagen basierten. Der gebürtige Horrheimer (Jahrgang 1910) erlebte das Ende des Zweiten Weltkriegs als Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung Wernau am Neckar.

Unser Ort blieb von Luftangriffen ganz verschont. Des Nachts haben wir bei

Jakob Straub (1882 - 1961), 1945 bis 1947 Bürgermeister von Lienzingen, lange Jahr auch Vorsitzender des Männergesangvereins Lienzingen. Aufgenommren um 1940 (STAM, Smlg Rolf Schäfer)

feindlichen Einflügen immer die elektrischen Leitungen ausgeschaltet und es fiel, da kein Licht zu sehen war, keine einzige Bombe im Ort. Wohl auf der Markung. Beim Einmarsch fiel nur eine Scheune in der Lienzinger Mühle dem Brand zum Opfer,weil dort noch deutsche Soldaten gesehen wurden, notierte der Bürgermeister. Artilleriebeschießung fand nicht statt. Brücken wurden keine gesprengt.


Lienzinger Geschichte(n): Heute aus Anlass des Kriegsendes am 8. Mai 1945. Was geschah in Lienzingen? Was kam nach der Befreiung von der Diktatur? Eine kommunale Selbstverwaltung, die wieder relativ zügig in Gang kam mit Otto Knopf, Jakob Straub (Großvater des späteren Stadtrats Rolf Schäfer (SPD), der für Lienzingen von 1984 bis 1999 im Mühlacker Gemeinderat saß), Gottlob Hermle und Richard Allmendinger - alle als Bürgermeister. Dazu nicht nur in Lienzinger Ratsprotokollen geblättert


Panzersperren seien beim Einmarsch am Ortseingang und im Ort durch deutsche Truppen errichtet worden. Da das Dorf freigegeben worden sei, seien Plünderungen an der Tagesordnung gewesen.

Die Bevölkerung habe anfangs Hausverbot (gemeint war wohl ein ganztägiges Ausgangsverbot, Anm. des Autors), nachher sei der Ausgang bis 19 Uhr zur Felderbestellung erlaubt worden.

Zu Evakuierungen gab Allmendinger an, diese hätten gleich 1940 stattgefunden. Es seien Leute aus dem badischen Mörsch, dann auch 1943 aus dem Elsass, von der Saar und vom Rheinland in Lienzingen evakuiert gewesen. Von hier wurde niemand evakuiert. Die Kirchenglocke aus dem Jahr 1777 war, so der Bürgermeister auf die neunte und damit letzte Frage, 1942 durch Deutsche abmontiert worden (HStAS J 170 Bü 107 [Lienzingen]).

  • Am 7. April 1945 rückten französische Soldaten ein
Das erste Mal nach Kriegsende 1945 tagte am 3. Juli 1945 wieder der Lienzinger Gemeinderat (Quelle: STAM, Li B 323)

Die französischen Besatzer setzten noch am 7. April Karl Brodbeck als Bürgermeister ab, seit Ende 1920 im Amt, Otto Knopf, den früheren zweiten Beigeordnete und Hafner, als neuen Rathauschef ein. Zuerst gehörte Lienzingen zur französischen Besatzungszone, dann üübernahmen die  Amerikaner, die Knopf schon am 25. Juli 1945 seines Amtes enthoben und als Nachfolger Stellwerkmeister im Ruhestand, Jakob Straub ins Amt brachten. Straub gehörte vor 1933 der SPD an. Fünf der sechs Beigeordneten und Gemeinderäte, unter dem NS-Regime 1935 eingesetzt, behielten ihre Funktionen, darunter der Erste Beigeordnete und spätere Gemeindepfleger Emil Geißler. Als neue Gemeinderäte benannten die Amerikaner Friedrich Heinzmann und Friedrich Kälber. Unterdessen war Karl Brodbeck (1886 – 1967) interniert worden und kam  erst im September 1947 wieder frei. Brodbeck amtierte von 1933 bis 1937 gleichzeitig auch als Bürgermeister von Zaisersweiher, gab diese zweite Funktion aus gesundheitlichen Gründen ab, worauf in dem Nachbarort der Landwirt August Glöckler zum ehrenamtlich tätigen Nachfolger berufen wurde (Konrad Dussel, Lienzingen – Altes Haufendorf, moderne Gemeinde, Ortsbuch, 2016. Verlag Regionalkultur, S. 172 f und 184 ff).

  • Entscheidungen des Bürgermeisters

Rund 90 Prozent der Lienzingen wählten, als es am 28. Januar 1946 um den neuen, seit mehr als zwölf Jahren erstmals wieder demokratisch bestimmten Gemeinderat ging. 1964 Stimmen erhielt der Wahlvorschlag Christlich-demokratische Wählervereinigung und damit fünf Sitze. 946 Stimmen entfielen auf den Wahlvorschlag der demokratischen Einheitsliste, die damit drei Mandate holte (STAM).

Die Stimmenzahlen der Kandidaten bei der Gemeinderatswahl 1946 - fein mit Bleistift festgehalten (STAM).

Offenbar zum letzten Mal vor der Befreiung hatte der Lienzinger Gemeinderat - ohne Gemeinderäte - am 31. Dezember 1944 getagt, wobei im Protokoll der Passus Entscheidungen mit den Gemeinderäten gestrichen wurde. Denn anwesend war nur Bürgermeister Brodbeck, dessen Unterschrift denn auch  als einzige unter dem Protokoll stand. Eine Ratssitzung an Silvester als Farce. Die Entscheidungen des Bürgermeisters - so in der Kopfzeile der Niederschrift -  stehen auf zwei Seiten und umfassen drei Punkte. Top 1: Nachdem Amtsbote Wilhelm Scheck am 4. September 1944 zur Wehrmacht eingezogen worden sei, habe an diesem Tag Karl Reiß stellvertretend die Aufgabe des Ausrufers der amtlichen Bekanntmachungen übernommen und erhalte als Belohnung jährlich 200 Mark, auszuzahlen in vier Raten. Top 2: Die Unterbringung von Evakuierten, so von Lieselotte Schlangen aus Leverkusen mit zwei Kindern im Gemeindehaus für monatlich zehn Reichsmark sowie als Top 3 die Information über die Beschäftigung von 20 Zivilfranzosen als Holzhauer im Gemeindewald, da 1300 Festmeter Holz einzuschlagen seien. Der Gemeinde fehlten die notwendigen Kräfte, das Ziegelwerk habe aus Kohleknappheit nicht mehr genügend Arbeit.

Die  vom Regime zwangsrekrutierten Fremdarbeiter wurden in der Turnhalle, dem Kelter-Anbau, untergebracht, die Betten stellte das Ziegelwerk (STAM, Li B 323, S. 08).

  • Schneller Schultes-Wechsel - Erste Ratssitzung am 3. Juli 1945

Lienzingen am Kriegsende. 940 Einwohner, landwirtschaftlich geprägt, belastet durch den Durchgangsverkehr der Reichsstraße 35 (heute Bundesstraße 35). Die Kommunalpolitik lief nach kurzer Pause wieder an. Am 3. Juli 1945 tagte der

Gemeinderat erstmals wieder, um fünf Entscheidungen zu treffen: Das Krankengeld von Amtsdiener Wilhelm Scheck, der wieder von der Wehrmacht entlassen wurde, auf die Gemeindekasse zu übernehmen. Zudem bewilligte das Gremium Ausrufer Karl Reiß eine Abfindung von 120 Reichsmark, denn er hatte Scheck während dessen Soldatenzeit vertreten. Die  Evangelischen Kirchengemeinde betrieb inzwischen wieder in der, an die Kelter angebauten Turnhalle den Kindergarten - der Gemeinderat sagte einen jährlichen Zuschuss von 240 Reichsmark zu. Beim vierten Punkt der Tagesordnung beschloss der Rat, das Gemeindeobst in öffentlichem Aufstreich abzugeben. Abschließend legte das Gremium fest, die Gemeindekrankenschwester Marie Orth zu behalten, bis eine andere Schwester zur Verfügung gestellt wird. Für die Niederschrift über die Beratungen des Bürgermeisters Kopf und des Beigeordneten Geißler mit den drei anwesenden Gemeinderäten Kontzi,  Rueß und (Unterschrift unleserlich) diente noch die gleiche Vorlage aus der Formulardruckerei Salach wie vor dem Kriegsende (STAM Li B 323, S. 10).

Das Ratsprotokoll der der nächsten Sitzung vom 18. August 1945 trug erstmals die Unterschrift von Bürgermeister Jakob Straub. Am  20. Dezember 1945 tagte Straub mit sich alleine. Er traf die Entschließung über Weihnachtszuwendungen an die Gefolgsleute, ein Begriff, den er aus der Zeit vor Kriegsende übernahm. Die Liste der Empfänger von jeweils 20 Reichsmark gibt gleichzeitig Aufschluss, wer seinerzeit Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung von Lienzingen war: Bürgermeister Straub, Gemeindepfleger Geißler, Amtsbote Scheck sowie die Schreibgehilfinnen Lehner, Brodbeck und Schmollinger (STAM Li B 323, S. 14).

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Sie blieben der Traum des Lienzinger Schultes: Industriegebiet und Flurbereinigung

Im hinteren Brühl 1960 gebaut: Lienzinger Werk des Mühlacker Unternehmens Geissel, Präzisionsdrehteile, Fertigungshalle in der Brühlstraße. Da standen noch keine Wohnhäuser gegenüber (STAM, 07-148 [1960] Li Smlg Fa Geissel).

Immer wieder unternahm der Bürgermeister neue Anläufe, um steuerzahlendes Gewerbe ins Dorf zu holen. So klammerte er sich an jeden Strohhalm. Das zeigte sich in der Sitzung am 9. November 1951. Da informierte Allmendinger den Gemeinderat über einen Vorstoß das Landesplanungsamtes via Landratsamt Vaihingen. Der westlich von Stuttgart liegende Landkreis Vaihingen solle Gelände fürs Wohnen, aber auch fürs Arbeiten suchen. Diese Behörde des damaligen Landes Württemberg-Baden bot an, Möglichkeiten mit den einzelnen Kommunen zu sondieren und sie in puncto Erschließung zu beraten. Lienzingen erhoffte sich davon wertvolle, für die Kommune förderliche Maßnahmen. Denn der Schultes verwies auf die Schwierigkeiten bei der Standortsuche, aber auch bei der Planung insbesondere eines Industriegebietes, das Ortsbild nicht zu stören. Geprägt werde dieses Ortsbild von  der unter Denkmalschutz stehenden Frauenkirche und durch gleichermaßen geschützte alte Fachwerkhäuser, die ein Ensemble bilden. Hier eine Lösung zu finden, sei nicht einfach (STAM Li B 324, S. 103).


Lienzinger Geschichte(n), aus der  Zeit, als das Dorf noch selbstständig war (und auch mal daüber hinaus). Heute wüber eine Kommune, die auf ansiedlungswillige Betriebe setzte. Ein Schultes, der um die Konflikte mit dem historischen Ortsbild wusste. Und die Landwirtschschaft? Sie wollten partout keine Flurbereinigung. Und dann bringt sie ein bayerischer Käfer um mehrere Hektar. In Protokollen des Gemeinderats von Lienzingen geblättert. Fortsetzungsgeschichten.


Bei einer Ortsbesichtigung legten Vertreter des Landesplanungsamtes ihre Ideen für eine Industrieansiedlung vor. Am 4. August 1952 informierte darüber der Schultes in der Ratssitzung die acht Bürgervertreter. Der  Inhalt der Vorschläge wird in der achtzeiligen Protokollnotiz nicht  erwähnt. Sie endet mit dem lapidaren Satz: Diese Vorschläge fanden allerdings nicht die

Das wusste der Lienzinger Bürgermeister Richard Allmendinger genau: Das Ortsbild - unter anderem mit der Frauenkirche - darf durch ein Industriegebiet nicht gestört werden. Das erschwerte die Suche nach einem Standort.

Zustimmmung des Gemeinderates (STAM, Li B 324, S. 130). In den Gemeindeakten findet sich ein Schreiben des Landratsamtes Vaihingen an das Bürgermeisteramt Lienzingen. Streng auf dem Dienstweg übermittelte das Landesplanungsamt in einem Aktenvermerk seine Vorschläge am 14. Juli und somit eine Woche nach dem Lokaltermin. Zu teuer in der Erschließung und deshalb nicht mehr weiterzuverfolgen sei die Idee des Bürgermeisters, zwischen Brühl und Dauerwiesen beidseits der Bundesstraße 35 ein Industriegebiet zu schaffen. Statt im Westen der Gemeinde empfehle des Landesplanungsamt einen Standort im Südosten, und zwar in den neuen Wiesen auf einem Areal, das die Kommune schon für Festveranstaltungen gepachtet habe. Dort würden sich die Gebäude gut in die Landschaft eingliedern, während dies beim westlichen Standort nicht der Fall wäre. In den neuen Wiesen wurde tatsächlich gebaut - mehr als 20 Jahre später, jedoch Wohnhäuser (STAM, Li A 72).

  • Lienzingen schaltet Werbeanzeige in Stuttgart

Schon im Herbst 1948 warb die Gemeinde um ansiedlungswillige Betriebe. Sie schaltete deshalb eine Annoce in den Stuttgarter Nachrichten. Tatsächlich meldete sich eine größere Anzahl von Interessenten, wie der Bürgermeister in der Ratssitzung am 2. Februar 1948 berichtete. Zusammen mit den sechs anwesenden Ratsmitgliedern sortierte er die Offerten und erhielt den Auftrag, mit den ausgewählten Firmen zunächst unverbindliche Fühlung aufzunehmen. (STAM, Li B 323, S. 60).

Der große Wurf gelang zunächst nicht. Lienzingens gewerbliche Entwicklung ging nur in kleinen Schritten voran. Am 12. August 1949 stimmten die Bürgervertreter zu, dem Gärtner Mannhardt aus Illingen neben der gerade errichteten Gemeindewohnbaracke eine Fläche für zwei Mark pro Aar zunächst zu verpachten, um darauf ein Gewächshaus zu erstellen. Später entwickelte sich dort, zwischen Schelmenwaldstraße und Ortsrandweg an der Wette, ein solider Gartenbaubetrieb. Ein Glücksfall! (STAM, Li B 323, S. 182).

  • Gewinn in doppelter Hinsicht für Lienzingen: Firma Wilhem Geissel ließ sich 1960 im hinteren Brühl nieder
Geissel Präzisionsdrehteile Brühlstraße 28 Produktionsgebäude von 1960 Luftbild (STAM, 07-148 [1969-06] LI Foto: Erich Tschoepe)

Immerhin dauerte es noch gut zehn Jahre, bis sich die Mühlacker Firma Wilhelm Geissel mit ihrem Filialwerk an der Ecke Brühlstraße/Schelmenwaldstraße baute. Es war die erste Ansiedlung, die über einen Handwerksbetrieb hinausging. Die Metallwarenfabrik erwarb für Industriezwecke auf den Parzellen Nummern 194 und 195 im hinteren Brühl von der Gemeinde ein Grundstück von zusammen 35 Ar und 82 Quadratmetern um den Kaufpreis von 10.700 Mark, protokollierte Bürgermeister Richard Allmendinger nach der Ratssitzung vom 26. Februar 1960. Ausschlaggebend für die Ansiedlung sei gewesen, dass es in Lienzingen wohl leichter sei, Arbeitskräfte zu gewinnen, nachdem sich in Mühlacker ein größerer Industriebetrieb  niederlassen wollte (vermutlich war damit Behr gemeint). Im wirtschaftlichen Sinne bedeute die Entscheidung der Firma Geissel für Lienzingen einen doppelten Erfolg für die Kommune. Einmal mache sie mit den Grundstücken zwischen Auf- und Verkauf einen Gewinn von 5000 Mark, andererseits bringe die Firma einen nicht unbedeutenden Gewerbesteuerertrag. Es sei also wieder einmal erwiesen, dass die Gemeinde stets darnach trachte, ein genügend großes Bauland zu halten. Der Gemeinderat stimmte dem Grundstücksgeschäft zu. Das Unternehmen wolle möglicherweise noch im selben Jahr die Fabrikation in dem Werk Lienzingen aufnehmen, ist dem Protokoll weiter zu entnehmen  (STAM Li B 326, S. 10).

Vollauf einverstanden zeigte sich der Gemeinderat bei seiner Zusammenkunft am 6. Mai 1960 im Rathaus mit den Plänen für den Bau

Strukturwandel auch in der Lienzinger Landwirtschaft: Von 155 Betrieben im Jahr 1949, auf sieben im Jahr 2016

einer Werkhalle. Allerdings zeichnete sich da schon ab, dass der Bau etwas teuerer wird wegen erhöhter Erschließungskosten Diesen  Mehrpreis glich die Kommune dadurch aus, so die Zusage, dass Geissel bei einem späteren Erwerb eines Grundstücks zur Erweiterung einen entsprechenden Nachlass gewährt werden sollte, wie die Räte beschlossen (STAM Li B 326, S. 34 f). Das 1920 gegründete Unternehmen verlegte 1980 seine ganze Produktion und die Verwaltung von der Industriestraße in Mühlacker in einen Neubau in Lienzingen mit einer Produktionsfläche von über 7500  Quadratmeter und bezog hier die schon stehende Werkhalle ein.

Kleinere Betriebe waren es, die sich im Gewerbegebiet Westlicher Brühl  ansiedelten. So erwarb der Lienzinger Industriemeister Hans Lepple ein Grundstück von 800 Quadrameter Fläche. Feucht sei der Baugrund, steht im Protokoll der Ratssitzung vom 15. Februar 1974, weshalb die Ratsmitglieder ihrem (befangenen) Kollegen zehn Mark pro Quadratmeter berechneten. Eingekauft hatte die Kommune die Fläche für 11 beziehungsweise 15 Mark je Quadratmeter. Das Baugesuch war erst wenige Tage zuvor genehmigt worden (STAM, Li B Li B 328, S. 282).

425.572 Mark Etatvolumen 1958

Dass Lienzingen zusätzliche Gewerbesteuer gut gebrauchen konnte, zeigten die jährlichen Budgetvolumen. Nicht nur in diesem einen Jahr verabschiedete das Lienzinger Ortsparlament erst neun Monate nach Beginn des Haushaltsjahres 1958 den Etat just für dieses Jahr. Heutzutage unvorstellbar, denn das Budget soll eigentlich vor Beginn des Haushaltsjahres den Rat passiert haben. Das seinerzeitige Volumen betrug 425.572 Mark (1952: 124.300 Mark), davon 196.572 Mark im so genannten ordentlichen Haushaltsplan, in dem die laufenden Einnahmen gelistet waren. Die Steuersätze (in Klammern die aktuellen von Mühlacker): Grundsteuer für landwirtschaftliche Grundstücke A 160 Prozent (340), Grundsteuer B für andere Grundstücke 150 (390) und Gewerbesteuer 300 Prozent (370) (STAM, Li B 325, S. 222).

  • Holzverkauf brachte mehr als die eigene Gewerbesteuer

Welche Geldquellen sprudelten? Beantworten lässt sich dies beispielhaft an den Haushaltsplänen von 1955 und 1960. 1960 bringen die Grundsteuer A für landwirtschaftliche Grundstücke 20.075 Mark, Grundsteuer B für andere Grundstücke 7741 Mark sowie die Gewerbesteuer der örtlichen Betriebe und der Gewerbesteuerausgleich  vom Land zusammen 24.565 Mark. Aber der Gemeindewald scheffelte 22.000 Mark Überschuss in die Gemeindekasse. Die Zahlen von 1955: Grundsteuer A 16.157 Mark, Grundsteuer B 4589 Mark, Gewerbesteuer 4000 Mark und Gewerbesteuerausgleich 8800 Mark. Das Plus beim Wald: 17.000 Mark. Damit wird deutlich, weshalb die örtliche Kommunalpolitik auf Betriebsansiedlungen setzte und gleichzeitig den Gemeindewald verteidigte, weil er die grüne Sparkasse von Lienzingen war.

Zum Sprung über die Bundesstraße 35 im Westen von Lienzingen kam es nicht. Dabei hatte Bürgermeister Allmendinger davon in der Nachkriegszeit geträumt. Die Kommune tat sich schwer, einen Standort für Industriegebiete auszuweisen (Fotos: Günter Bächle)
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#Lienzingenbunt2020 - phantasiereich, engagiert, erfolgreich

Collage von Hannah Poetsch (15)

 

Wirklich sehr schöne Eindrücke von Lienzingen! So OB Frank Schneider zu der Collage von Hannah.

Wenn schon am Vorabend des 1. Mai kein Maibaum und kein Fest. Die Alternative: Buntes Lienzingen, mit Phantasie, Ideen und Farbe sowie den Hashtags #lienzingenbunt2020 #lienzingen_unsere_herzenssache zum #1.Mai - eine Aktion von Herzenssache Lienzingen, aufgegriffen und umgesetzt von vielen im Dorf.

Wow, ein toller Wohnort, jubelt eine Userin aus Bietgheim-Bissingen angesichts der Fotostrecke in Facebook. Voll schee, dass so viele mitmachen!!! - so ein weiterer Kommentar. Und:  Gefällt mir sehr gut. (...) Wäre doch  auch etwas für Großglattbach.

Frische Waffeln und die heiße Rote vom Wurstkessel fehlte gestern bestimmt nicht nur mir. Leider müssen wir uns noch eine Zeit lang mit einem quasi  'nicht stattfindendem öffentlichen Leben' arangieren, schreibt Martin Schaufelberger. Der Vorsitzende des Männergesangvereins "Freundschaft" Lienzingen weiter:  Wir alle lassen uns aber nicht unterkriegen und 'Lienzingen wird bunt' zeigt dies beispielhaft. Halb Lienzingen ist farbig und unser Festplatz mit der Kelter bunt geschmückt.
Einen herzlichen Dank vom MGV an alle Unterstützer und Bastler für die Vorarbeiten, besonders an Familie Riexinger, die die Kelter herausgeputzt hat. Zusammen mit dem von Unbekannten (:> gestellten Coronabäumchen wirkt zum 1. Mai nur der festliche Glanz, leider wie fast überall ohne festliche Aktivitäten.
Der MGV freut sich jetzt schon auf einen, im nächsten Jahr wieder von den Kids geschmückten statthaften Baum.

In FB steht auch das Video des 1.Mai-Singens in der Lohwiesenstraße….. Danke an Jens Neumeister

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Das bunte Dorf: #Lienzingen_ unsere_Herzenssache

Bei der Arbeit: Familie Neumeister an der Lohwiesenstraße

Bunte Wimpel schmücken die Kelter in Lienzingen

#Lienzingenstark #Lienzingenbunt2020 #1.Mai #Etterdorf #Lienzingen_unsere_Herzenssache - dazu die Geschichte hinter den Hashtags:

Der Familien-Maibaum in Corona-Zeiten

Wenn schon diesmal aus dem gemeinsamen Maibaum-Stellen an der Kelter nichts wurde ....

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