Das kleine Weihnachtssammelsurium

Weihnachtsgrüße ganz lokal – aus dem Christbaumständermuseum im alten Rathaus Lienzingen, Friedenstraße 10. Mein geschenkter Tipp für die Festtage: Geöffnet sonntags von 14.00 bis 17.00 Uhr, auch am 1. Weihnachtsfeiertag und am Neujahrstag.

Zur Einstimmung aus dem Luxemburger Wort  und druckfrisch aus der PZ.

Der Weihnachtsmann als Staffage für den Baumhalter (MuseumLienzingen, Fotos: Günter Bächle)

Alle Jahre wieder - gute Wünsche zum Fest und zum neuen Jahr. Mühe machen sich die Menschen, schreiben, fotografieren, mailen. Und was tun die Adressaten? Freude, ein Die ist aber schön - dann jedoch die immer gleiche Frage: Wohin damit? Eigentlich zu schade zum Entsorgen. 

Angeschaut und weggeklickt oder in  die Ablage Papierkorb? Die eine oder andere Karte steht für einige Zeit in der guten Stube auf einem Fensterbrett, dem Kachelofen oder an der Wand. Bis zum Großputz...

Eigentlich schade für den gesamten Aufwand. Deshalb sammle ich wenigstens die Sinnsprüche auf den Karten: Zitate, Volksweisheiten, Bibelstellen, Ideensplitter und blogge dazu wie schon voriges Jahr und im Jahr zuvor jetzt wieder mit Freude: Das kleine Weihnachtssammelsurium fürs Netz. Und weil auch das hübsche Museum im alten Rathaus Lienzingen in der Nach-Corona-Zeit wieder regelmäßig geöffnet hat, gibt es dafür einen Werbeblock. Kürzlich sprach mich ein Ehepaar in der Mühlacker Bahnhofstraße an, schwärmte vom Museum mit den  Christbaumständern, war nach einer Führung ganz begeistert. Werbung dafür machen, so mein Ratschlag. Obschon zunächst belächelt, der Welt einziges Christbaumständermuseum, wird Besuchern rasch klar: Die Geschichte des eisernen Baumhalters ist weitaus interessanter als gedacht.

 

350 Exponate sind in der Ausstellung zu sehen: Historisches Gebäude mit einem rückwärtigen barrierefreien Eingang.

Und nun zu dem, was der Postbote brachte (oder auf elektronischem Weg sein Ziel erreichte).

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Pietà in der Röhre

Alte Dame und supermoderne Computerwelt: 42 Stunden lang musste die mehr als 500 Jahre alte und zudem ordentlich lädierte Pietà  aus der Frauenkirche Lienzingen in der Röhre ausharren. Jetzt ist die traurige Mutter Gottes virtuell in Schichten zerlegt. Ein gewaltiger Datenberg wuchs heran.  Über das spätgotische Skulpturenfragment, ihren inneren Zustand (Holzwürmer!) und ihre neue Beweglichkeit plauderte heute Dr. Michael Böhnel, Fraunhofer­ Institut für Integrierte Schaltungen IIS in Fürth zum Abschluss einer sechsteiligen Veranstaltungsreihe der Volkshochschule Mühlacker.

Das Duplikat der Skulptur aus der Frauenkirche, aber mit Gesicht: Maria, ihren toten Sohn Jesus auf dem Schoß tragend. Die Arbeit von Bildhauer Thomas Hildenbrand (Foto: Günter Bächle_Juli_2022)

Die 1,60 Meter hohe Skulptur aus Lindenholz gehört zu jener Gattung von Kandidaten, die das Maß für einen normalen Computertomographen sprengen. Extra für solch große und schwere Fälle unterhält das Entwicklungszentrum Röntgentechnik (EZRT) des Fraunhofer Instituts e.V. in Fürth seit Jahren eine hochmoderne CT-Anlage, eingesetzt auch für einzigartige Kunst­ und Kulturgüter. So soll  eine zerstörungsfreie Analyse des Aufbaus und der inneren Strukturen ermöglicht werden. Das Institutsteam ermöglicht einen Einblick in die aktuelle CT­Technik und Resultate spannender Objekte aus den Bereichen der Paläontologie, Archäologie und musealen Sammlungen, heißt es denn auch auf der Web-Seite des Instituts.

 

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Der junge Bildhauer und die alte Dame aus der Sakristei

Eigentlich erwartete Thomas Hildenbrand zwar eine in die Jahre gekommene, aber doch recht kleine Dame. So überraschte ihn, wie er jetzt  bekannte, das Längenmaß von einem Meter und 60, als er sie erstmals sah. Die Pietà  aus der Lienzinger Frauenkirche, inzwischen im Heimatmuseum Mühlacker zuhause, war für ihre Zeit, Ende des 15. Jahrhunderts, recht groß, so der Bildhauer am vierten Abend einer Vortragsreihe der Volkshochschule Mühlacker im Museum in der historischen Kelter. 

Thomas Hildenbrand in der historischen Kelter in Mühlacker.

Daran ändert sich auch nichts, dass die Figur - Mutter Gottes und Jesus - inzwischen kopflos ist, seiner Vermutung nach ein Opfer der Bilderstürmerei in den wirren Folgen der Reformation. Noch eine seiner Annahmen: Die Pietà ist ein Produkt der rheinländischen Bildhauerkunst des späten Mittelalters, in Auftrag gegeben vom letzten Abt des Klosters Maulbronn, Johann von Lienzingen für die Muttergottes Maria geweihte Wallfahrtskirche der Zisterzienser in seinem Heimatdorf. Das war vor mehr als einem halben Jahrtausend. Der Künstler? Unbekannt!

Kopie zwei Wochen später. Stand: 2. Juni.
Pietà-Duplikat. Stand: 20. Mai 2022 ...

Etwa 1486 hielt die Pietà Einzug in die Feldkirche, bunt bemalt, stand sie zunächst wohl vor dem Chor, fristet dann in den letzten Jahrzehnten vor ihrem Umzug nach Mühlacker 1977 ein tristes Dasein in der Sakristei - gleich neben den Särgen mit den Toten vor ihrem Begräbnis auf dem Friedhof. 

Der Lack war ab.

Pietà heißt Mitleid. Und das hatte der Historiker Dr. Andreas Butz, als er in seinen Recherchen für das Ortsbuch von Lienzingen, 2016 erschienen, auf die vergessene hochbetagte Dame stieß und quasi die Rettungsaktion.

Bald - wohl am 11. September 2022 - wird die Lienzinger Pietà  wieder in die Frauenkirche an ihren ursprünglichen Platz zurückkehren - genauer eine Replik davon, aber wieder mit Kopf. 

Stand: 30. Juni 2022.

Im Gespräch: ein Platz vor dem Chorraum - ob das der ursprüngliche war? Ein Rest Unsicherheit bleibt. Für die Besucher wäre dieser aber immer im Blickfeld.  Ein schönes Chorgestühl befand sich noch bis zum, Jahr 1796  in der Kirche, wo es von den hier lagernden österreichischen Soldaten verbrand wurde, schrieb 1911 der Lienzinger Pfarrer Mildenberger mit Bezug auf die Oberamtsbeschreibung Maulbonnn. Und er fügte hinzu: Eine arg verstümmelte in Holz geschnitzte Madonna mit dem Leichnam Jesu ist noch vorhanden. Mildenberger war neben Schultheiß Fallscheer Vorsitzender des Vereins für Erhaltung der Frauenkirche und des Friedhofs.

Zurück ins Jahr 2022: Das Original bleibt im Mühlacker Museum. Ende Juni möchte Hildenbrand das Duplikat fertig geschnitzt haben - aus einem einzigen Lindenholzblock von der Schwäbischen Alb. So ganz dürfte sein persönlicher Terminplan aber dann doch nicht aufgehen.

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Farbenprächtige Lienzinger Pietà

Die Lienzinger Pietà in ihren Anfangszeiten. Farben von Hannah Backes aufgrund der von ihr am Torso noch gefundenen Reste rekonstruiert (Quelle: Präsentation der Ergebnisse bei der VHS-Veranstaltung am 28. April 2022 in der historischen Kelter in Mühlacker)

So prächtig dürfte sie ausgesehen haben, die Pietà aus dem Chor der Frauenkirche, rekonstruiert aus den Farbenresten des Originals. Das Geheimnis lüftete gestern in der historischen Kelter in Mühlacker Hannah Backes. Sie schrieb ihre Masterarbeit im Fach Konservierung und Restaurierung von Gemälden und gefassten Skulpturen an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart über die geheimnisvolle Lienzingerin.

Hannah Backes, aufgewachsen in der Nähe von Trier, wechselt jetzt beruflich an die Documenta in Kassel. Sozusagen zwischen Umzugskartons und -terminen lieferte sie im Heimatmuseums Mühlacker komprimiert die in ihrer Meisterarbeit dargestellten Forschungsergebnisse ab - innerhalb der sechsteiligen Veranstaltungsserie der Volkshochschule mit diesmal deutlich höherer Besucherzahl als beim ersten Termin vor einer Woche.

Kunsthistorische Aufarbeitung und kunsttechnologische Untersuchung eines spätgotischen Skulpturen-Fragments nennt sich das Projekt. Pietà steht für Frömmigkeit und  Mitleid, unsere Herrin vom Mitleid. Auch Vesperbild genannt, ist es in der bildenden Kunst die Darstellung Marias als Mater Dolorosa (Schmerzensmutter) mit dem Leichnam des vom Kreuz abgenommenen Jesus Christus. Das wohl bekannteste Beispiel schuf Michelangelo. Doch die Pietà im Petersdom ist aus Marmor gefertigt.

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Die Pietà, der unterschätzte Schatz aus der Frauenkirche - Bald in Paris zu sehen?

Vergessen, unterschätzt, nicht beachtet, nicht einmal einen Hinweis erschien sie wert zu sein: die etwa einen Meter und sechzig Zentimeter hohe Skulptur aus der Frauenkirche in Lienzingen. Als aus dem Gotteshaus inmitten des Lienzinger Friedhofs 1977 das Altarkruzifix gestohlen wurde - das dem in der Maulbronner Klosterkirche ähnlich sah - und bis heute verschollen ist, ließ die Stadtverwaltung dieses Holz-Kunstwerk sicherheitshalber ins Heimatmuseum nach Mühlacker transportieren.

Die Pietà im Mittelpunkt der offenen Werkstatt in der historischen Kelter in Mühlacker. Erster Vortragsabend mit knapp zwei Dutzend Besucher - es könnten mehr werden. Links Martina-Terp-Schunter, die Museumsleiterin (Foto: Günter Bächle).

Vorher stand sie in der Sakristei, in der bis zum Bau der Leichenhalle die Särge mit den Toten vor der Beerdigung aufgebahrt wurden. Das war also nicht gerade der Umschlagplatz für Besucher der ehemaligen Wallfahrtskirche des Klosters Maulbronn. Und so fristete die Pietà im wahrsten Sinne des Wortes ein Schattendasein. Nicht viel anders erging es ihr im Museum in der historischen Kelter in Mühlacker: In einer Vitrine im Obergeschoss, ohne Beschriftung. 

Doch dann entdeckten Mitglieder des Historisch-Archäologischen Vereines um Wolfgang Rieger und Hans Peter Walther den unterschätzten Schatz. Seitdem steht er im Mittelpunkt kunsthistorischer, fast schon kriminalistischer Spurensuche. Ist die Pietà aus der Frauenkirche, eine Skulptur mit Maria, die ihren am Kreuz gestorbenen Sohn Jesus in den Armen hält, wenn auch kopflos bald als Leihgabe im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe und im Centre Pompidou in Paris zu bestaunen? Gespräche laufen jedenfalls.

Jedenfalls beeindruckt ein Hinweis des HAV besonders: Die Pietà stehe seit der Einweihung der Liebfrauenkirche  ums Jahr 1486 in eben dieser.  Wer schlug dem jetzigen Torso einst den Kopf ab? Bilderstürmer in der Reformation? Österreichische Truppen, die 1796 in dem Gotteshaus ihr Quartier aufschlugen und das Gestühl verbrannten?

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Schultheiß, Sparkässler, Kirchenaufseher, Aktuar: Die vielen Rollen des Karl Brodbeck

16. Mai 1926: Nach Jahren der Diskussion über die Gestaltung wird das Lienzinger Kriegerdenkmal eingeweiht. Vorne, mit Zylinder, Bürgermeister Karl Brodbeck (STAM, 14-07 Li).

Menschenfreund und -helfer, Pedant und Pfennigfuchser, Visionär und Dynamiker, saumseliger Bürokrat, Hohenloher oder Lienzinger, Konservativer oder Hitlerianer? Karl Brodbeck (1886 bis 1967) lässt Fragen zurück - von jedem etwas oder nur ein Mensch, der Widrigkeiten des Lebens umschiffte, sich durchschlängelte in einer schwierigen Zeit? Denn sie war voller Widersprüche.  Die Antwort ist differenziert. Pauschale Urteile wären fehl am Platz. Sein Tun scheint völlig unauffällig sachorientiert gewesen zu sein. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten überstand er nicht nur unbeschadet, seine kommissarische (Neben-)Tätigkeit in Zaisersweiher wurde auch in eine reguläre umgewandelt. Dieses Bild des Bürgermeisters, das der Historiker Konrad Dussel im 2016 erschienenen Ortsbuch Lienzingen zeichnet, wird zumindest durch die Sammlung von amtlichen Schreiben, Protokollen und Aktenvermerken gestützt (S. 172 f).

Lienzinger Geschichte(n). - Der Vierteiler über Karl Brodbeck und seine Ära:  innerhalb meiner Blog-Serie über die neuere Ortsgeschichte der bis 1975 selbstständigen Gemeinde das Portrait (3/4)

Was sich als Quelle zu solcher Urteilsbildung anbietet, sind vor allem die Akten aus Stadtarchiv Mühlacker (STAM) und Staatsarchiv Ludwigsburg (StAL FL 20--18 I_Bü 73 und E 180 II_Bü 3968). Er setzte sich beispielsweise dafür ein, die wirtschaftliche Lage der Menschen in dem Bauerndorf zu verbessern – unter anderem durch eine Dreschhalle und mehr Weinbauflächen.

Eine der ersten Taten nach dem Amtsantritt Ende 1920: Brodbeck setztdie Pläne seines Vorgängers Adolf Fallscheer um: Ein Vorbau bei der Kelter soll dort den Bauern das Dreschen von Getreide ermöglichen (Foto: Antonia Bächle, 2021)

Im Juli 1921 legte die Gemeinde Lienzingen ein Baugesuch betreffs Erbauung einer Dreschhalle am Ortsweg (heute Zaisersweiherstraße) als elf Meter breiter und 10,50 Meter langer Vorbau an der Kelter vor, gefertigt von Architekt Aeckerle, unterschrieben vom 1920 eingesetzten neuen Schultheiß Karl Brodbeck. Sein Vorgänger hatte schon Angebote eingeholt, der neue Bürgermeister bestellte beim Gemeinde-Verband Elektrizitätswerk Enzberg (später EVS) einen Drehstrom-Motor fürs Dreschen. Brodbeck setzte die Pläne um und deshalb hat Lienzingen den Luxus eines großzügig überdachten Vorplatzes an der Kelter (STAM, Li A 8, Li A 79/36).

Von 28 Hektar im Jahr 1930 auf 31 Hektar 1935 vergrößerten die Wengerter ihre Rebflächen (heute 16,6 Hektar). An zahlreichen Weinberghäuschen am Eichelberg ist als Baujahr 1933 eingemeißelt. Da ging offensichtlich viel.

Der Schultes bestellte höchstpersönlich Rebstöcke und verteilte die Setzlinge an die Wengerter, schrieb Annoncen und Werbetexte, warb gleichermaßen für das Lienzinger Best-Produkt und die gute Verkehrsanbindung: Postauto von Mühlacker, Weinberge in nur günstigen Südlagen, gute Tischweine (Schiller- und Rotwein).

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