Scheune suchte Freund: 41 Erben und doch noch die glückliche Rettung der früheren Zehntscheuer

Experten-Termin des amtlichen Denkmalschutzes in Baden-Württemberg auf der Baustelle: Saniert wird die ehemalige Zehntscheuer in Lienzingen. Das Treffen beginnt gleich mit einer überraschenden Nachricht: Der ältere Teil lässt sich auf das Baujahr 1569 eingrenzen, wäre damit knapp 150 Jahre älter als bisher angenommen. In der Ranking-Liste der ältesten Lienzinger Scheunen bedeutet das einen Sprung um sechs Plätze nach vorne auf Rang 5 nach den  2010 vom Bauforscher Tilmann Marstaller vorgelegten Ergebnissen seiner dendrochronologischen Untersuchungen.

Gelungene Gauben-Parade auf der ehemaligen Lienzinger Zehntscheuer (Bilder: Günter Bächle)

Sie gibt es wirklich – die Denkmale Schützenden, die locker formulieren und fröhlich zeigen, welche Schätze zum Beispiel im mittelalterlichen Ortskern von Lienzingen stehen. Die nicht ernst dreinschauen, als würden sie unter der großen Last der Geschichte fast erdrückt. Ernsthaft die Objekte betrachtend, aber nicht bierernst.

Scheune findet Freund - Umnutzung der ehemaligen Zehntscheune in Lienzingen. Klingt gut, macht Lust auf mehr, ist gleich ansprechender als der Inhalt mancher trocknen Stellungnahme des Landesamtes für Denkmalpflege zu einem Bau- oder Sanierungsantrag, den Fenstersprossen, der Farbwahl, den vielen anderen Details eines Kulturdenkmals, über die sich auch trefflich streiten läast...  Nachschauen, abschauen, zuschauen, umschauen hieß es denn auch gestern in der Herzenbühlstraße an der früheren Zehntscheuer. Eine von vier Baustellen, auf die die Denkmalsschützer ihr fachliches Partnerfeld erstmals einlud – speziell Fachleute aus der denkmalpflegerischen Praxis, Architekten, Handwerker, Baurechtsmenschen aus Behörden.

Die zwei Juni-Termine waren gleich ausgebucht - Gut Bodman in Bodman-Ludwigshafen und Solarkataster Langenburg. Am 8. Juli folgte Bad Urach, jetzt am Freitag die Scheune in Lienzingen, die mit Melanie und Günter Poetsch ihre Freunde fand. So spielt unser Dorf bei den Großen mit. Claudia Baer-Schneider, Fachgebietsleitung im Regierungsbezirk Karlsruhe, Gebietsreferentin Bau- und Kunstdenkmalpflege, und Tina Frühauf, Gebietsreferentin, Landesamt für Denkmalpflege mit Dienstsitz Karlsruhe, Referat: 83.2., übernahmen den fachlichen Part. Frühauf ist zuständig auch für den Enzkreis.  

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Das unscheinbare Herzenhäusle und sein nun gelüftetes Geheimnis

Das Rätsel gelöst, das letzte Kapitel geschrieben, die Dokumentation des Mittelalterarchäologen Tilmann Marstaller der Öffentlichkeit vorgestellt - am Ort des Objekts, das im Februar 2022 der Spitzhacke zum Opfer fiel, und auf dessen Spuren sich der Forscher begab. Es ist die überraschende Geschichte des unscheinbar wirkenden Taglöhnerhauses in Lienzingen. Laut seiner bauhistorischer Kurzuntersuchung steht nun endgültig fest: Das so genannte Herzenhäusle ist nicht erst in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg gebaut worden, wie manche in Lienzingen mutmaßten, sondern ging laut Anfang des Jahres vorgenommener dendrochronologischer Datierung aus einem 1828 erbauten Nebengebäude hervor - einem Heuhaus.

Bei der Vorstellung der Dokumentation zum Herzenhäusle mit Stadtarchivarin Marlis Lippik, Tilmann Marstaller (Zweiter von links) und Amtsleiter Konrad Teufel von der Stadt Mühlacker (rechts). Hinter dem Zaun stand bis Februar 2022 das Objekt der Forschung.

Für die darin dann anno1848 eingerichtete Hafnerwerkstatt bot sich das deutlich vom Ort abgerückte Gebäude mit der größten Grundstücksfläche aller Häuser des Dorfes an, denn der Brennofen des Töpfers hätte durch überspringendes Feuer in der dichten Bebauung höchste Brandgefahr bedeutet. Die Nutzung als Wohnhaus lässt sich von 1863 an belegen. Ein einstöckiges Bauwerk, das sich wegzuducken schien, zu Beginn des 20. Jahrhunderts modernisiert, nach Osten erweitert und neu eingedeckt, so Tilmann Marstaller. Wäre das Gebäude nicht in einem derart desolaten Bauzustand geraten, es hätte in seiner praktikablen Bauaufteilung mit geräumiger Stube, Küche und Nebenraum mit den Tiny-houses von heute konkurrieren können, schreibt der Bauforscher (Seite 9). 

Die Aufteilung - Vorgängerin des heutigen Tiny houses? (Quelle: Dokumentation Marstaller, S. 7)

Eine Dokumentation über ein unscheinbares, marodes Gebäude mit der Adresse Friedenstraße 26/1 oder 26a, jetzt vorgestellt am Platz, auf dem es bis im Frühjahr stand. Die Stadt Mühlacker, seit 2018 Eigentümerin, ließ es notgedrungen platt machen, gerade weil es so heruntergekommen war. Auf meine Bitte als Stadtrat hin machten Oberbürgermeister Schneider und Baubürgermeister Abicht jedoch vorher den Weg frei, um das Häusle  dokumentieren zu können.

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Der junge Bildhauer und die alte Dame aus der Sakristei

Eigentlich erwartete Thomas Hildenbrand zwar eine in die Jahre gekommene, aber doch recht kleine Dame. So überraschte ihn, wie er jetzt  bekannte, das Längenmaß von einem Meter und 60, als er sie erstmals sah. Die Pietà  aus der Lienzinger Frauenkirche, inzwischen im Heimatmuseum Mühlacker zuhause, war für ihre Zeit, Ende des 15. Jahrhunderts, recht groß, so der Bildhauer am vierten Abend einer Vortragsreihe der Volkshochschule Mühlacker im Museum in der historischen Kelter. 

Thomas Hildenbrand in der historischen Kelter in Mühlacker.

Daran ändert sich auch nichts, dass die Figur - Mutter Gottes und Jesus - inzwischen kopflos ist, seiner Vermutung nach ein Opfer der Bilderstürmerei in den wirren Folgen der Reformation. Noch eine seiner Annahmen: Die Pietà ist ein Produkt der rheinländischen Bildhauerkunst des späten Mittelalters, in Auftrag gegeben vom letzten Abt des Klosters Maulbronn, Johann von Lienzingen für die Muttergottes Maria geweihte Wallfahrtskirche der Zisterzienser in seinem Heimatdorf. Das war vor mehr als einem halben Jahrtausend. Der Künstler? Unbekannt!

Kopie zwei Wochen später. Stand: 2. Juni.
Pietà-Duplikat. Stand: 20. Mai 2022 ...

Etwa 1486 hielt die Pietà Einzug in die Feldkirche, bunt bemalt, stand sie zunächst wohl vor dem Chor, fristet dann in den letzten Jahrzehnten vor ihrem Umzug nach Mühlacker 1977 ein tristes Dasein in der Sakristei - gleich neben den Särgen mit den Toten vor ihrem Begräbnis auf dem Friedhof. 

Der Lack war ab.

Pietà heißt Mitleid. Und das hatte der Historiker Dr. Andreas Butz, als er in seinen Recherchen für das Ortsbuch von Lienzingen, 2016 erschienen, auf die vergessene hochbetagte Dame stieß und quasi die Rettungsaktion.

Bald - wohl am 11. September 2022 - wird die Lienzinger Pietà  wieder in die Frauenkirche an ihren ursprünglichen Platz zurückkehren - genauer eine Replik davon, aber wieder mit Kopf. 

Stand: 30. Juni 2022.

Im Gespräch: ein Platz vor dem Chorraum - ob das der ursprüngliche war? Ein Rest Unsicherheit bleibt. Für die Besucher wäre dieser aber immer im Blickfeld.  Ein schönes Chorgestühl befand sich noch bis zum, Jahr 1796  in der Kirche, wo es von den hier lagernden österreichischen Soldaten verbrand wurde, schrieb 1911 der Lienzinger Pfarrer Mildenberger mit Bezug auf die Oberamtsbeschreibung Maulbonnn. Und er fügte hinzu: Eine arg verstümmelte in Holz geschnitzte Madonna mit dem Leichnam Jesu ist noch vorhanden. Mildenberger war neben Schultheiß Fallscheer Vorsitzender des Vereins für Erhaltung der Frauenkirche und des Friedhofs.

Zurück ins Jahr 2022: Das Original bleibt im Mühlacker Museum. Ende Juni möchte Hildenbrand das Duplikat fertig geschnitzt haben - aus einem einzigen Lindenholzblock von der Schwäbischen Alb. So ganz dürfte sein persönlicher Terminplan aber dann doch nicht aufgehen.

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Farbenprächtige Lienzinger Pietà

Die Lienzinger Pietà in ihren Anfangszeiten. Farben von Hannah Backes aufgrund der von ihr am Torso noch gefundenen Reste rekonstruiert (Quelle: Präsentation der Ergebnisse bei der VHS-Veranstaltung am 28. April 2022 in der historischen Kelter in Mühlacker)

So prächtig dürfte sie ausgesehen haben, die Pietà aus dem Chor der Frauenkirche, rekonstruiert aus den Farbenresten des Originals. Das Geheimnis lüftete gestern in der historischen Kelter in Mühlacker Hannah Backes. Sie schrieb ihre Masterarbeit im Fach Konservierung und Restaurierung von Gemälden und gefassten Skulpturen an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart über die geheimnisvolle Lienzingerin.

Hannah Backes, aufgewachsen in der Nähe von Trier, wechselt jetzt beruflich an die Documenta in Kassel. Sozusagen zwischen Umzugskartons und -terminen lieferte sie im Heimatmuseums Mühlacker komprimiert die in ihrer Meisterarbeit dargestellten Forschungsergebnisse ab - innerhalb der sechsteiligen Veranstaltungsserie der Volkshochschule mit diesmal deutlich höherer Besucherzahl als beim ersten Termin vor einer Woche.

Kunsthistorische Aufarbeitung und kunsttechnologische Untersuchung eines spätgotischen Skulpturen-Fragments nennt sich das Projekt. Pietà steht für Frömmigkeit und  Mitleid, unsere Herrin vom Mitleid. Auch Vesperbild genannt, ist es in der bildenden Kunst die Darstellung Marias als Mater Dolorosa (Schmerzensmutter) mit dem Leichnam des vom Kreuz abgenommenen Jesus Christus. Das wohl bekannteste Beispiel schuf Michelangelo. Doch die Pietà im Petersdom ist aus Marmor gefertigt.

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Der „Verdachtsfall“ als Beitrag zur historisch-ökologischen "Bewusstseinsbildung“

Bezüglich der Antwort der Stadtverwaltung Mühlacker auf  die Anfrage von Stadtrat Bächle in Sachen Friedensstraße 12 in Lienzingen, sehe ich bei der Vorgabe, dass ein „Verdachtsfall“ für ein Kulturdenkmal vorliegen muss, einen waschechten Haken. 

Hofstraße 17 in Dürrmenz: Durch Zufall gerade noch rechtzeitig entdecktes Schmuckstück, das erst durch die Ergebnisse der bauhistorischen Untersuchung zum Kulturdenkmal wurde (Foto: Antonia Bächle, 2021)
Dasselbe Haus Hofstraße 17: 2012, also knapp zehn Jahre zuvor. Da sollte es noch plattgemacht werden (Foto: Günter Bächle)

Das Problem beginnt damit, dass diese Bewertung eines Gebäudes insgesamt schwierig zu definieren ist. Vor allem aber: Wer begründet dies? Die personell hoffnungslos unterbesetzte Denkmalpflege, welche aus rechtlichen Bedenken heraus diesen Status vermeidet wo immer es geht? Ein von Seiten der Kommune beauftragtes, externes Fachbüro für Bauforschung und/oder Restaurierung?

So wie es das Schreiben formuliert, wird das Thema wieder auf die Denkmalpflege abgeschoben, bei der man schon alleine aus Personal- und damit Zeitgründen nicht wirklich zu hoffen braucht, dass sich dann irgendetwas ändert: durch die Festlegung der Denkmaleigenschaften im Rahmen der Denkmalinventarisation wurde in den vergangenen Jahrzehnten ein statischer Wissensstand geschaffen, der kaum noch verändert oder ergänzt, von Seiten der kommunalen Bauverwaltung jedoch als bindend betrachtet wird. 

Offiziell ist das natürlich eine „offene“ Liste! Die Wirklichkeit sieht gegenwärtig aber so aus, dass man den Eindruck gewinnt, neue Kulturdenkmale werden nur noch dann ausgewiesen, wenn Weihnachten und Ostern auf einen Dienstag und Mittwoch fallen. Durch das Baurecht gilt dann aber: was kein Kulturdenkmal ist, wird seitens der Denkmalpflege auch nicht mehr weiter betreut, oder genauer: die Denkmalpflege wird – wenn überhaupt - nur begrenzt oder gar nicht mehr eingeschaltet, wie an der Friedensstraße 12, Herzenbühlgasse 3a, usw. nachzuvollziehen ist. Damit ist die Frage der Verantwortung komplett auf die Denkmalpflege übertragen, auf die man grundsätzlich verweist und bei der in fast allen Fällen nach Aktenlage entschieden wird.

Und genau darum geht es: wer fühlt sich verantwortlich und wer ist es? Wer muss es sein und wer darf sich verantwortlich fühlen? Welches Maß an Voruntersuchung wird zur Ausweisung von Kulturdenkmalen angelegt und wo sieht wer einen „Verdachtsfall“? Generell: auf was hin ist das jeweilige Haus „verdächtig“ ? Dass es ein Kulturdenkmal nach den Definitionen im Denkmalschutzgesetz ist? Oder dass es für die Ortsgeschichte oder/und das Ortsbild interessant und wichtig sein könnte?

Aufgrund der eigenen  Erfahrungen der vergangenen Jahre bei zahlreichen bauhistorischen Untersuchungen auch an Gebäuden, bei denen die Denkmalinventarisation keine Kulturdenkmaleigenschaft gesehen hat, zeigt sich, dass man sich hier ein perfektes Trugbild erschaffen hat. 

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Dank Scans das Herzenhäusle mit ins Büro genommen - Tilman Riegler und seine Werkzeuge: 3D-Scanner und Tachymeter

Birgt das unscheinbare und marode Herzenhäusle, am Bachweg in Lienzingen, noch weitere Geheimnisse? Bevor es die Stadt wegen Altersschwäche abreißen lässt, griff Bürgermeister Winfried Abicht meinen Vorschlag im Gemeinderat auf, das über Jahrzehnte von seiner ortsgeschichtlichen Bedeutung her unterschätzte Haus im Etterdorf  dokumentieren zu lassen. Gut einen halben Tag lang brauchte dazu jetzt Tilman Riegler. Er nahm die Maße des Gebäudes mit Hilfe von 3D-Scanner und Tachymeter auf. Die Ergebnisse sollen später im Stadtarchiv Mühlacker zugänglich sein.

Das Dach fasziniert als 360-Grad-Scan - aber auch das Herzenhäusle (rechts). Aufgenommen von Thomas Riegler

Der 3D-Scanner erfasst von seinem jeweiligen Standpunkt die gesamte Umgebung und man bekommt für jeden Punkt, von dem der Laser des Scanners reflektiert wird, Koordinaten (X, Y, Z), erläuterte der Chef von Strebewerk-Architekten GmbH in Stuttgart, die 2011 auch die historische Ortsanalyse erarbeiteten, Basis für die Gestaltungssatzung des Etterdorfs Lienzingen.

Mittels der Kugeln und Schwarz-Marken lassen sich über eine Software die einzelnen Scans zusammenstellen. Das  Ergebnis ist ein komplettes Modell.  Nun können beliebig Schnitte (waagrecht gleich Grundrisse oder senkrecht gleich Ansichten oder Schnitte) durch diese Punktwolke gelegt werden, so der Fachmann weiter. Vorteil im Vergleich zu einem Foto sei, dass alles maßlich stimme und es keine Verzerrungen gebe, erläuterte Tillman Riegler dem Mitarbeiter der Stadtverwaltung, Steffen Kazda von der Stadtverwaltung und mir, die auch interessierte Zuschauer waren - neben den Passanten, die gerade vorbeigingen und auf die Gerätschaften vor dem Haus neugierig schauten, sich auch erkundigten, was hier geschehe.

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