Die Lienzinger Pietà

Das Original geht zunächst auf Reisen - zuerst Karlsruhe, dann möglicherweise Paris. Das Dublikat indessen fand heute Abend seinen endgültigen Platz: in der Frauenkirche. Die  Lienzinger  Pietà. In sechs Blog-Texten wurden die unterschiedlichsten Aspekte beleuchtet, die Akteure vorgestellt. Wie vor fünf Jahrhunderten berührte die Enthüllung der Statue die Menschen. Faszinierend der Rahmen.  Der Chor der um 1485 errichtete Wallfahrtskirche in wechselnde Farben getaucht - zuerst blau, dann rot. Stimmungsvoll präsentierten Stadt und Historisch-Archäologischer Verein die Wiederkehr der Mutter Gottes in das Maria geweihte Gotteshaus, das der Kommune gehört.

Intakt: die Replik der Pietà, die heute Abend in der Frauenkirche aufgestellt wurde.

Zuerst in blau (Bürgermeister Winfried Abicht am Mikrophon) ...
"Die Lienzinger Pietà " vollständig lesen

Das wieder entdeckte Wochenende

Besonderes Flair: der Konrad-Adenauer-Platz als Festles-Quartier - auch in der Schräge

Ob nun die Bauarbeiten an der neuen Herrenwaagbrücke, die Rückkehr einer gewissen Normalität nach Corona oder ob andere Gründe mit hineinspielten: Das letzte Wochenende der Sommerferien 2022 war lebendig wie vormals der Pandemie. Und so ganz nebenbei setzte es auch neue Akzente. Manchmal schadet es eben nicht, wenn etwas neu gedacht werden muss.

Beispiel Straßenfest:

Premiere im 47. Jahr: Der Fassanstich durch den OB vor dem Rathaus auf dem Kelterplatz (Fotos: Günter Bächle)

Die Festmeile - wenn auch diesmal merkbar kürzer und durch gewerbliche Fahrgeschäfte auf eine Mindestgröße gebracht - quasi im Stadtzentrum zu beginnen, war richtig. Als 1975 das erste Straßenfest in Mühlacker stattfand, fehlte noch die neue Stadtmitte, die junge Große Kreisstadt hatte sich gerade nach der letzten Eingemeindung, der von Lienzingen, neuformiert. Das Straßenfest konzentrierte sich auf Waldenserstraße und angrenzende Straßen und Plätze in Dürrmenz.  So blieb es, so schrumpfte die Zahl der teilnehmenden Vereine. Höchste Zeit, auch Neues zu wagen, wenn auch auf sanften Druck von außen.

Der Fassanstich gehört auf den zentralen Platz der Stadt wie sich am Samstag zeigte, den Konrad-Adenauer-Platz zum Festquartier mit eigener Note und dem Flügelschlag zu machen, nicht zuletzt das vergessene Plätzchen hinter der historischen Kelter erstmals zu nutzen, das alles waren für mich Pluspunkte dieses 2022-er Konzepts. Auf das 2023-er dürfen wir gespannt sein. Dahinter zurück darf es nicht. Wer Tradition bewahren will, muss zu Veränderungen bereit sein.

Wir treffen uns am Hurgler hinter der Kelter. So hatte Sender-City geworben. Dieser kleine Park ist etwas ganz besonderes und in einer Woche werden wir seiner Geschichte endlich mal wieder gerecht. ????????Hurgelt euch schon mal ran . . . Leider nur am ersten Tag, doch immerhin.

Der Weinhurgler geht auf eine Spendenaktion des verstorbenen Stadtrates, meines liebeswürdigen Fraktionskollegen  Dr. Detlef Gebauer zurück, die Stadt hatte auch einen Teil der Kosten übernommen, nachdem der Spendenstrom etwas gestockt hatte. 

 

"Das wieder entdeckte Wochenende" vollständig lesen

Pietà in der Röhre

Alte Dame und supermoderne Computerwelt: 42 Stunden lang musste die mehr als 500 Jahre alte und zudem ordentlich lädierte Pietà  aus der Frauenkirche Lienzingen in der Röhre ausharren. Jetzt ist die traurige Mutter Gottes virtuell in Schichten zerlegt. Ein gewaltiger Datenberg wuchs heran.  Über das spätgotische Skulpturenfragment, ihren inneren Zustand (Holzwürmer!) und ihre neue Beweglichkeit plauderte heute Dr. Michael Böhnel, Fraunhofer­ Institut für Integrierte Schaltungen IIS in Fürth zum Abschluss einer sechsteiligen Veranstaltungsreihe der Volkshochschule Mühlacker.

Das Duplikat der Skulptur aus der Frauenkirche, aber mit Gesicht: Maria, ihren toten Sohn Jesus auf dem Schoß tragend. Die Arbeit von Bildhauer Thomas Hildenbrand (Foto: Günter Bächle_Juli_2022)

Die 1,60 Meter hohe Skulptur aus Lindenholz gehört zu jener Gattung von Kandidaten, die das Maß für einen normalen Computertomographen sprengen. Extra für solch große und schwere Fälle unterhält das Entwicklungszentrum Röntgentechnik (EZRT) des Fraunhofer Instituts e.V. in Fürth seit Jahren eine hochmoderne CT-Anlage, eingesetzt auch für einzigartige Kunst­ und Kulturgüter. So soll  eine zerstörungsfreie Analyse des Aufbaus und der inneren Strukturen ermöglicht werden. Das Institutsteam ermöglicht einen Einblick in die aktuelle CT­Technik und Resultate spannender Objekte aus den Bereichen der Paläontologie, Archäologie und musealen Sammlungen, heißt es denn auch auf der Web-Seite des Instituts.

 

" Pietà in der Röhre" vollständig lesen

Der Fall Herzenbühlgaß Nro. 25: Das vergessene Haus und seine Bewohner - eine bisher unbekannte Geschichte

Herzenbühlstraße, Herzenbühlgasse, Hintere Gasse? Was gilt? Und wie wäre es mit noch mehr Herz und Emotion im simplen Straßennamen: Im sonnigen Hertzenbühl? So hieß, allerdings ohne sonnig, die Gass vor rund 250 Jahren.

Herzenbühlgasse 25, um 1950. Die Aufnahme zeigt nicht das gesamte Haus, sondern den rechten Teil mit der zweiten Wohnung (Foto ist ein Ausschnitt eines 8mm-Filmes, den Hermann Bauz gedreht hat, digitalisiert von Martin Walter)

Jedoch nicht annähernd so heiter und fröhlich wie die Straßennamensdebatte fallen die jetzt aufgespürten Geschichten über den Alltag der Menschen im Dorf aus - das Dasein vor allem im 18. und 19., aber auch noch anfangs des 20. Jahrhunderts.

Ausgelöst durch die Neugier über die inzwischen weitgehend in Vergessenheit gefallene Immobilie Herzenbühlgasse 25, fand sich immer mehr Material auch über die Menschen, die darin lebten. Niemand wusste bisher, wann das Anwesen gebaut worden war. Die jetzigen Recherchen ergaben dank des Fundus des Stadtarchivs Mühlacker: Mindestens 280 Jahre stand das  Steinhaus. Wie lebten die Menschen auf und neben der Gasse? Von ländlicher Idylle kaum eine  Spur, persönliche Dramen,  traurige Schicksale – sie verraten das schwere Alltagsleben in einem Dorf wie Lienzingen in der Neuzeit

Es gibt das Haus nicht mehr, 1972 fiel es - marode geworden - der Spitzhacke zum Opfer. Der Fall Herzenbühlgasse 25.. 

Ja, was nun? Herzenbühlstraße, Herzenbühlgasse, Hintere Gasse? Für einen wie mich, der vor mehr als 60 Jahre dort aufwuchs,  war es sprachlich gesehen im Alltag die Hintere Gass, amtlich die Herzenbühlgasse. Erst kurz vor der Eingemeindung stufte der Lienzinger Gemeinderat die Gasse semantisch zur Straße hoch.  In einem Zug stellte das Gremium auch die Systematik der Reihenfolge der Hausnummern nach Straßenzügen um, nahm Abschied von der Zählung nach Baujahren. 

Varianten (Foto: Günter Bächle)

Um einer Verwechslung vorzubeugen: Herzenbühlgasse 25 damals,  Herzenbühlstraße 5  heute sind ein und dasselbe Flurstück.

Egal, ob Herzenbühlstraße, Herzenbühlgasse, Hintere Gasse:  Gemeint ist die Lienzinger Neustadt, ein Begriff, mit dem der unverwüstliche Lokalmatador Roland Straub bei seinen historischen Ortsführungen seine Zuhörer überrascht und damit selbst bei Einheimischen für fragende Gesichter sorgt. Tatsächlich: Dieses nördliche Quartier war das Neubaugebiet der Lienzinger im 13. und 14. Jahrhundert.

Die heutige Knittlinger Straße teilte das Dorf nun in eine größere südliche und eine kleinere nördliche Hälfte, letztere erschlossen durch die etwa parallel zum Dorfgraben verlaufende Herzenbühlstraße.

"Der Fall Herzenbühlgaß Nro. 25: Das vergessene Haus und seine Bewohner - eine bisher unbekannte Geschichte " vollständig lesen

Der junge Bildhauer und die alte Dame aus der Sakristei

Eigentlich erwartete Thomas Hildenbrand zwar eine in die Jahre gekommene, aber doch recht kleine Dame. So überraschte ihn, wie er jetzt  bekannte, das Längenmaß von einem Meter und 60, als er sie erstmals sah. Die Pietà  aus der Lienzinger Frauenkirche, inzwischen im Heimatmuseum Mühlacker zuhause, war für ihre Zeit, Ende des 15. Jahrhunderts, recht groß, so der Bildhauer am vierten Abend einer Vortragsreihe der Volkshochschule Mühlacker im Museum in der historischen Kelter. 

Thomas Hildenbrand in der historischen Kelter in Mühlacker.

Daran ändert sich auch nichts, dass die Figur - Mutter Gottes und Jesus - inzwischen kopflos ist, seiner Vermutung nach ein Opfer der Bilderstürmerei in den wirren Folgen der Reformation. Noch eine seiner Annahmen: Die Pietà ist ein Produkt der rheinländischen Bildhauerkunst des späten Mittelalters, in Auftrag gegeben vom letzten Abt des Klosters Maulbronn, Johann von Lienzingen für die Muttergottes Maria geweihte Wallfahrtskirche der Zisterzienser in seinem Heimatdorf. Das war vor mehr als einem halben Jahrtausend. Der Künstler? Unbekannt!

Kopie zwei Wochen später. Stand: 2. Juni.
Pietà-Duplikat. Stand: 20. Mai 2022 ...

Etwa 1486 hielt die Pietà Einzug in die Feldkirche, bunt bemalt, stand sie zunächst wohl vor dem Chor, fristet dann in den letzten Jahrzehnten vor ihrem Umzug nach Mühlacker 1977 ein tristes Dasein in der Sakristei - gleich neben den Särgen mit den Toten vor ihrem Begräbnis auf dem Friedhof. 

Der Lack war ab.

Pietà heißt Mitleid. Und das hatte der Historiker Dr. Andreas Butz, als er in seinen Recherchen für das Ortsbuch von Lienzingen, 2016 erschienen, auf die vergessene hochbetagte Dame stieß und quasi die Rettungsaktion.

Bald - wohl am 11. September 2022 - wird die Lienzinger Pietà  wieder in die Frauenkirche an ihren ursprünglichen Platz zurückkehren - genauer eine Replik davon, aber wieder mit Kopf. 

Stand: 30. Juni 2022.

Im Gespräch: ein Platz vor dem Chorraum - ob das der ursprüngliche war? Ein Rest Unsicherheit bleibt. Für die Besucher wäre dieser aber immer im Blickfeld.  Ein schönes Chorgestühl befand sich noch bis zum, Jahr 1796  in der Kirche, wo es von den hier lagernden österreichischen Soldaten verbrand wurde, schrieb 1911 der Lienzinger Pfarrer Mildenberger mit Bezug auf die Oberamtsbeschreibung Maulbonnn. Und er fügte hinzu: Eine arg verstümmelte in Holz geschnitzte Madonna mit dem Leichnam Jesu ist noch vorhanden. Mildenberger war neben Schultheiß Fallscheer Vorsitzender des Vereins für Erhaltung der Frauenkirche und des Friedhofs.

Zurück ins Jahr 2022: Das Original bleibt im Mühlacker Museum. Ende Juni möchte Hildenbrand das Duplikat fertig geschnitzt haben - aus einem einzigen Lindenholzblock von der Schwäbischen Alb. So ganz dürfte sein persönlicher Terminplan aber dann doch nicht aufgehen.

"Der junge Bildhauer und die alte Dame aus der Sakristei" vollständig lesen

Farbenprächtige Lienzinger Pietà

Die Lienzinger Pietà in ihren Anfangszeiten. Farben von Hannah Backes aufgrund der von ihr am Torso noch gefundenen Reste rekonstruiert (Quelle: Präsentation der Ergebnisse bei der VHS-Veranstaltung am 28. April 2022 in der historischen Kelter in Mühlacker)

So prächtig dürfte sie ausgesehen haben, die Pietà aus dem Chor der Frauenkirche, rekonstruiert aus den Farbenresten des Originals. Das Geheimnis lüftete gestern in der historischen Kelter in Mühlacker Hannah Backes. Sie schrieb ihre Masterarbeit im Fach Konservierung und Restaurierung von Gemälden und gefassten Skulpturen an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart über die geheimnisvolle Lienzingerin.

Hannah Backes, aufgewachsen in der Nähe von Trier, wechselt jetzt beruflich an die Documenta in Kassel. Sozusagen zwischen Umzugskartons und -terminen lieferte sie im Heimatmuseums Mühlacker komprimiert die in ihrer Meisterarbeit dargestellten Forschungsergebnisse ab - innerhalb der sechsteiligen Veranstaltungsserie der Volkshochschule mit diesmal deutlich höherer Besucherzahl als beim ersten Termin vor einer Woche.

Kunsthistorische Aufarbeitung und kunsttechnologische Untersuchung eines spätgotischen Skulpturen-Fragments nennt sich das Projekt. Pietà steht für Frömmigkeit und  Mitleid, unsere Herrin vom Mitleid. Auch Vesperbild genannt, ist es in der bildenden Kunst die Darstellung Marias als Mater Dolorosa (Schmerzensmutter) mit dem Leichnam des vom Kreuz abgenommenen Jesus Christus. Das wohl bekannteste Beispiel schuf Michelangelo. Doch die Pietà im Petersdom ist aus Marmor gefertigt.

"Farbenprächtige Lienzinger Pietà " vollständig lesen