Der junge Bildhauer und die alte Dame aus der Sakristei

Eigentlich erwartete Thomas Hildenbrand zwar eine in die Jahre gekommene, aber doch recht kleine Dame. So überraschte ihn, wie er jetzt  bekannte, das Längenmaß von einem Meter und 60, als er sie erstmals sah. Die Pietà  aus der Lienzinger Frauenkirche, inzwischen im Heimatmuseum Mühlacker zuhause, war für ihre Zeit, Ende des 15. Jahrhunderts, recht groß, so der Bildhauer am vierten Abend einer Vortragsreihe der Volkshochschule Mühlacker im Museum in der historischen Kelter. 

Thomas Hildenbrand in der historischen Kelter in Mühlacker.

Daran ändert sich auch nichts, dass die Figur - Mutter Gottes und Jesus - inzwischen kopflos ist, seiner Vermutung nach ein Opfer der Bilderstürmerei in den wirren Folgen der Reformation. Noch eine seiner Annahmen: Die Pietà ist ein Produkt der rheinländischen Bildhauerkunst des späten Mittelalters, in Auftrag gegeben vom letzten Abt des Klosters Maulbronn, Johann von Lienzingen für die Muttergottes Maria geweihte Wallfahrtskirche der Zisterzienser in seinem Heimatdorf. Das war vor mehr als einem halben Jahrtausend. Der Künstler? Unbekannt!

Kopie zwei Wochen später. Stand: 2. Juni.
Pietà-Duplikat. Stand: 20. Mai 2022 ...

Etwa 1486 hielt die Pietà Einzug in die Feldkirche, bunt bemalt, stand sie zunächst wohl vor dem Chor, fristet dann in den letzten Jahrzehnten vor ihrem Umzug nach Mühlacker 1977 ein tristes Dasein in der Sakristei - gleich neben den Särgen mit den Toten vor ihrem Begräbnis auf dem Friedhof. 

Der Lack war ab.

Pietà heißt Mitleid. Und das hatte der Historiker Dr. Andreas Butz, als er in seinen Recherchen für das Ortsbuch von Lienzingen, 2016 erschienen, auf die vergessene hochbetagte Dame stieß und quasi die Rettungsaktion auslöste.

Bald - wohl im Juli - wird die Lienzinger Pietà  wieder in die Frauenkirche an ihren ursprünglichen Platz zurückkehren - genauer eine Replik davon, aber wieder mit Kopf. Das Original bleibt im Mühlacker Museum. Ende Juni möchte Hildenbrand das Duplikat fertig geschnitzt haben - aus einem einzigen Lindenholzblock von der Schwäbischen Alb.

Variationen zum Meister und seinem Werk

Weitaus besseres Material als jenes, das seinen Kollegen im Spätmittelalter zur Verfügung stand. Seinerzeit hatte sich der Künstler an einzelnen Stellen mit zusammengestückelten Tapetenbahnen beholfen. Zudem zieht sich schräg von oben nach  unten eine faulige Stelle durch. 

Die Folgen von Nachfragehäufung, Zeitdruck und Lieferproblemen. Der Markt verlangte mehr als die Werkstätten bisweilen liefern konnten. Hoch im Kurs: Holzaltäre und sakrale Skulpturen. Die Branche kam oft nicht nach mit den gesetzten Terminen. So wartete der Maler schon, der die Pietà farblich fasste und dafür genauso lange brauchte wie der Holzbildhauer, wie Hildenbrand sagte.

Original links, Replik rechts in der Kelter.

Unterhaltsam, informativ, anschaulich, humorvoll - alles in einem an diesem vierten Abend der Kursreihe der VHS. Thomas Hildenbrand pendelt zwischen Original und Replik hin und her, spricht frei und fröhlich über die Arbeitstechnik der Vergangenheit. Eigentlich plaudert er pausenlos und bestätigt somit den Bibelspruch aus dem Lukas-Evangelikum: Wessen Herz voll ist, dessen Mund läuft über. Als Zeitreise in die mittelalterliche Bildhauerwerkstatt war der Abend angekündigt worden. Künstler und Veranstalter hielten Wort. 

Besucher können den Fortschritt der Arbeit in der Offenen Werkstatt im Erdgeschoss des Museums ganz genau verfolgen. Wer alle zwei Wochen zu einem der VHS-Abende in die Kelter kommt, nimmt auf den ersten Blick die jeweiligen Fortschritte wahr. Inzwischen stößt das Projekt auf wachsendes Interesse - selbst die Zahl interessierter Besucher aus Lienzingen nimmt, wenn auch nur stetig zu. Nur wenigen Lienzingern hatten eine Erinnerung an den vom Holzwurm befallene Torso. Ich auch nicht. 

Thomas Hildenbrand, 1980 in Eberbach am Neckar geboren, ließ sich von 1997 bis 2000 an der Staatlichen Berufsfachschule für Holzbildhauer in Oberammergau ausbilden, beschäftigte sich danach zwei Jahre lang beim Württembergischen Landesmuseum intensiv mit der historischen  Bildhauertechnik, vertiefte seine Kenntnisse und Fähigkeiten in Arbeitsaufenthalten in verschiedenen europäischen Ländern. Eine erste Krönung seines Erfolges mit zahlreichen Ausstellungen in halb Europa und mehr als einem halben Dutzend Publikationen im Jahr 2016: Der Europäische Gestaltungspreis für Holzbildhauer.

Stationen aufbereitet (Fotos: Günter Bächle)

Ob er mit seinem Terminplan hinkommt bis zum 30. Juni? Thema des weiteren Vortragsabends an diesem letzten Donnerstag im Juni: Auch die Lienzinger Skulptur schaute in die Röhre.

Genauer: Computertomographie hilft bei der Untersuchung von einzigartigen Kunst- und Kulturgütern, schon gar, wenn sie so lang sind wie die Pietà aus Lienzingen. Refrent: Michael Böhnel vom Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS in Fürth.

Immerhin: Ein gelungenes Projekt von Stadt, Museum, Volkshochschule sowie Historisch-Archäologischem Verein Mühlacker. Danke eines jungen Bildhauers und einer betagten Dame. 

Trackbacks

Trackback-URL für diesen Eintrag

Kommentare

Ansicht der Kommentare: Linear | Verschachtelt

Noch keine Kommentare

Kommentar schreiben

Kommentare werden erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet!


Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss, um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA

Umschließende Sterne heben ein Wort hervor (*wort*), per _wort_ kann ein Wort unterstrichen werden.
Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.