In Mühlackers Genuss-Treff: Zukunftsweine, schwäbischer Nebbiolo und Enzgärten-Dickkopf - Ein Probenabend

Waldenso - Ein schwäbischer Nebbiolo

Nix ist unmöglich, selbst in Mühlacker nicht. Obwohl hier viele nicht mit dem Unmöglichen rechnen, passiert es doch, und dies ausgerechnet in der unteren Bahnhofstraße – die Fußgängerzone mit dem herben Charme. Und dies auch noch nach Ladenschluss.

Doch wer dennoch dort das Unmögliche sucht, fand es am Freitagabend in Haus Nummer 19. Die Stätte zur Hebung der Lebensfreude und der guten Stimmung. Zwar zeichnet sich die Fußgängerzone als Teil der Senderstädter Einkaufsmeile zur Abendstund‘ nicht gerade durch pulsierendes Leben aus: Arg ruhig ist’s meist in diesem Zipfel der Mühlacker Pracht-Straße und somit kaum anziehend. Oder doch? Jedenfalls starteten zwei örtliche Geschäftsleute in diesem Rahmen ein gemeinsames Projekt: die große Weinprobe. Kein Schnell-Kosten im Vorüber-Huschen. Kein Discounter-Test-Tropfen auf den letzten Schluck. Just jetzt war es zum zweitenmal soweit.

Der Erfolg des Genuss-Treffs zeigt, dass es auch anders geht - und man nicht nur auf die Stadtpolitik warten soll, sondern sein Ding einfach machen, aber auch besser machen muss. Zwei, die das beherrschen, heißen Oli und Manfred. In ihrer Umtriebigkeit stehen sich der Mühlhäuser Oliver Höhner und der Ur-Dürrmenzer Manfred Rapp in nichts nach. Beide lieben ihre Heimat, machen Unmööögliches möööglich.

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Für Pensionäre, Kleinkapitalisten, stadtmüde Familien und Sommerfrischler 

Viel Platz auf dem Sonnenberg zum Wohnen, besser: zum Leben

Ein Brief vom Sonnenberg:

So wie für Sie Lienzingen, so ist für uns und für mich der Sonnenberg sehr wichtig. Ich bin 1998 mit 44 Jahren berufsbedingt aus Norddeutschland hierhergezogen. Ich habe mich sofort in dem Umfeld, dass mich an Oberösterreich, wo meine Familie väterlicherseits herkommt, zuhause gefühlt. Die Meinungen auch in unserer Familie zum Sonnenberg sind absolut konträr: man liebt die Ruhe und die Natur oder man hasst die Einsamkeit.

Die Sonnenbergsiedlung ist keine Siedlung mit Wochenendhäusern, wie fälschlicherweise behauptet wird. Wir alle, die wir hier wohnen, haben hier unseren ständigen Wohnsitz. Parallel zu dem „Sonnenbergweg“ gibt es unterhalb noch den sogenannten „Mittelweg“. Dort sind zwei Häuser, die als Ferienhäuser von der Gemeinde Eberdingen definiert sind. Sonnenberg, Haus Nr. 45 dort ist dort wiederum ständiger Wohnsitz der Familie Sigmund (früher Logistik GO). 1980 wurde seinerzeit unter Bürgermeister Fetzer, den Sie vielleicht auch noch kennen, von der Gemeinde Eberdingen  festgelegt, dass die Sonnenbergsiedlung wie ein Ortsteil von Eberdingen behandelt wird.

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Baulücke soll verschwinden, doch niemand weiß, wann das der Fall sein wird

Die Lücke - Blick vom hinteren Bereich aus (Fotos Februar 2026, Günter Bächle)

Das Regierungspräsidium (RP) Karlsruhe besteht darauf, dass in Lienzingen die Baulücke in der Friedenstraße neben dem alten Rathaus geschlossen wird, räumt dafür aber der Stadt dafür mehr Zeit ein. Das geht aus einem Antwortschreiben hervor. Die Stadt bietet das Grundstück seit Monaten auf der Immobilienplattform der Sparkasse Pforzheim Calw für 70.000 Euro an.

 

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Für 8500 Gulden eine Stadt, ein Kloster, zwei Schlösser und mehr als eine Handvoll Dörfer gekauft - Schnäppchen für die Herren von Enzberg

Die Freiherren von Enzberg verabschiedeten sich vor mehr als 600 Jahren von Enzberg - die Familie lebt seitdem an der oberen Donau. Eine Familienhistorie als Geschichten mit Geschichte, gebunden. Macht was her, auch optisch: In Mühlacker und Enzberg aber eher unberkannt. Dabei kam der Band schon vor 17 Jahren auf den Buchmarkt. 272 Seiten nicht nur für Lokalpatrioten. Lesenswert schon der Einstiegstext von Konradin Huber, Chef des Enzkreis-Archivs,  über die Ritterfamilie von niedrigem Adel:  Aufstieg und Niedergang in Konkurrenz zur Reichsabtei Maulbronn.

 Die Herren von Enzberg verstrickten sich als Schutzherren des Klosters Maulbronn ganz ordentlich. Dann brannte auch noch ihr Familienheim, ihre Burg hoch über der Enz, ab. Das Geschäftsmodell als Raubritter brachte nicht mehr die erhofften Erträge. Nichts hielt die Angehörigen des niedrigen Landadels in ihrem angestammten Gebiet.

Als die Ritter von Weitingen Abnehmer für ihre Güter suchten, griffen zwei Vettern zu: Friedrich VI. und Engelhard von Enzberg kauften die Herrschaft Mühlheim von ihren Neffen Konrad und Volz von Weitingen ab, der mit Beatrix von Enzberg verheiratet war. Laut einer Urkunde vom 23. September 1409 erwarben sie die Herrschaft Mühlheim an der Donau, die Burg Bronnen, die Vogtei über sechs Ortschaften, sowie Königsheim, Böttingen, Mahlstetten, Stetten, Kloster Beuron, Nettingen und einen Teil von Worndorf für 8500 Gulden. Damit wurde Mühlheim über Jahrhunderte hinweg zum Zentrum der Familiengeschichte und politischen Einflussnahme der Enzberger.

Die Herren von Enzberg verlagerten somit ihren Herrschaftsmittelpunkt von ihrem alten Stammsitz an der Enz an die obere Donau in ein Konglomerat verschiedener Besitzgruppen, die untereinander nur lose verbunden waren. Dies wird in dem Beitrag Die Herrschaft Mühlheim von 1409 bis zum Ende des Alten Rechts von Karl Augustin Frech ausführlich beschrieben. Dieser Beitrag ist Teil eines Sammelbandes, der 2009 vom Geschichtsverein, Landkreis Tuttlingen und Kreisarchiv Tuttlingen herausgegeben wurde. Das adelige Haus Enzberg blickte dabei auf 600 Jahre Tradition in Mühlheim und der Region um Tuttlingen zurück.

Namhafte Autoren – darunter Landeshistoriker, Archivare und Kunsthistoriker – behandeln verschiedene Facetten der Geschichte des Adelshauses und der Herrschaft Enzberg. Der Sammelband bietet Einblicke in die Herrschaftsgeschichte, Familienhistorie, Beziehungen des Hauses Enzberg zur Hegau-Ritterschaft sowie zu den Städten Rottweil und Mühlheim. Auch neueste Erkenntnisse zur Architektur und Geschichte der enzbergischen Schlösser in Mühlheim sowie zur Geschichte des Familienarchivs sind enthalten.

Zudem werden die Beziehungen des Hauses zu Institutionen wie der Hegau-Ritterschaft, zur freien Reichsstadt Rottweil und zu umliegenden Adelsfamilien beleuchtet. Neue Erkenntnisse zur Architektur und Geschichte der enzbergischen Schlösser in Mühlheim finden sich in dem Buch.

Das Familienarchiv der Enzberger wird als exzellent dargestellt und es wird die wechselvolle Geschichte dieses archivierten Quellen- und Dokumentbestandes beleuchtet. Dieser wurde unter anderem im 20. Jahrhundert vom NS-Regime konfisziert und später zurückgegeben.

Zum Abschluss werden Texte präsentiert, die über die Stellung eines alten Adelsgeschlechts an der Schwelle zum 21. Jahrhundert nachdenken. Heinrich von Enzberg beispielsweise war nach dem Zweiten Weltkrieg Gemeinderat und stellvertretender Bürgermeister der Stadt Mühlheim. Nikolaus Freiherr von Enzberg, Jurist, amtierte 20 Jahre lang als Landrat des Landkreises Rottweil.

Der wissenschaftliche Sammelband bietet einen umfassenden Einblick in die Geschichte des Hauses Enzberg aus verschiedenen Perspektiven, darunter politische, soziale, kunst- und baugeschichtliche Aspekte sowie regionalhistorische Forschung. Er beleuchtet die Bedeutung dieses alten schwäbischen Adelsgeschlechts und seiner Herrschaft im oberen Donautal über sechs Jahrhunderte.

Der Band ist auch 17 Jahre nach Erscheinen der ersten Auflage noch beim Verlag erhältlich. (bä)

600 Jahre Haus Enzberg im Raum Mühlheim/Tuttlingen 1409-2009. Jan Thorbecke Verlag.  Hardcover, etwa 100 zum Teil farbige Abbildungen, 272 Seiten, 17 auf 24 Zentimeter. ISBN: 978-3-7995-0841-4. 24,90 Euro.

   

Der Zehnte: Stephan Retter - jetzt vereidigt und verpflichtet als Mühlacker OB

Der neue OB - Meine Rede als Erster ehrenamtlicher Stellvertreter des Oberbürgermeisters, zur Verpflichtung und Vereidigung von Stephan Retter als Oberbürgermeister der Stadt in der Gemeinderatssitzung am 13. Januar 2026

Keine Angst, meine Damen und Herrn, Sie sind nicht im falschen Film –

Auch wenn ich nun bitte:

Film ab (kurzer Film von der Bauarbeiten am Sender in Mühlacker 1930)

Das Anlegen der Amtskette will gelernt sein (Fotos: Sascha Werner)

Am Anfang war der Sender, ohne ihn gäbe es womöglich kein Stadtrecht für Mühlacker und somit auch keinen Oberbürgermeister. Irgendwie hängt alles zusammen. Entflechten wir:

So wie die Vaihinger das Jahr einteilen in vor und in nach dem Maientag, so kann Mühlacker, der alte Rivale im mittleren Enztal, zeitrechnungsmäßig durchaus mithalten.

Die Mühlacker Zeitrechnung beginnt jedoch weitaus später als die Vaihinger, nämlich im Jahr 1930. Eben mit dem Bau des Großsenders Mühlacker. Und deshalb darf sich Mühlacker - auch auf den Ortsschildern - Senderstadt nennen. Hoffentlich immer mit Sender.

Sie wissen es sicherlich, und wenn Sie es noch nicht wissen, sei es Ihnen gesagt:

Nach dem Bau des ersten Großsenders Mühlacker im Jahr 1930 bekam die Landgemeinde Dürrmenz-Mühlacker - im Oberamt Maulbronn gelegen - durch Entscheidung des Staatsministeriums die Eigenschaft einer Stadt verliehen - unter Kürzung ihres Doppelnamens in Mühlacker. So steht es geschrieben in einem Fünf-Zeiler auf der Titelseite der Ausgabe vom 20. November 1930 des Staatsanzeigers für Württemberg.

Die (Ober-)Bürgermeister Galerie (Zusammengestellt und gestaltet Stadtverwaltung Mühlacker, Stadtarchiv und Bürgermeister Armin Dauner)

Mühlacker, die heutige Kernstadt, zählte vor nun 96 Jahren zirka 6000 Einwohner, heute sind es etwa 15.500, gesamtstädtisch deutlich mehr als 26.000. Und die haben einen neuen Chef im Rathaus. Streng genommen ist die Vereidigung und Verpflichtung eines Bürgermeisters nur ein kurzer formaler Akt – Gelöbnis und Handschlag. Doch ein OB-Wechsel nach 16 Jahren ist mehr als eine Formsache, sie ist Wegmarke in der Geschichte einer Kommune – sie hat Aufmerksamkeit und Einordnung verdient. Was war, was wird?

Das Video über Rundfunk Mühlacker soll hinführen auf diese Mühlacker Zeitrechnung:

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Ihre Heimat im Kontext von Massenmord

Gedenken neu denken zeigt: Die Shoah ist kein abgeschlossenes Kapitel, sondern ein fortlaufender Lernprozess, der Vielfalt, Verantwortung und digitale Sorgfalt braucht. Davon ist Susanne Siegert zutiefst überzeugt: Beim offiziellen Gedenken an die Opfer der Judenverfolgung und -ermordung durch die Nazis gehe es viel zu oft nicht wirklich um die Opfer und ihre Nachkommen, sondern um uns, um das eigene gute Gewissen der ehemaligen Tätergesellschaft, die sich selbst als aufgeklärt und moralisch geläutert inszenieren will. Die, an die erinnert werden solle, würden wieder an den Rand gedrängt. Und die Journalistin belegt die Richtigkeit dieser Kritik mit Beispielen.

Sie plädiert für eine pluralistische, neue Gedenkarbeit mit einem Schwerpunkt auf der Verantwortung der Nachfahren der Tätergeneration anstelle unserer einstudierten gemeinsamen Rückschau mit den Opfern. Es geht um weniger bekannte NS-Verbrechen, um weniger bekannte Orte, um bisher vernachlässigte Opfergruppen wie Sinti und Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, . Gleichzeitig zeigt dieses Buch, wie wichtig eine aktivere, vielfältigere Gedenkkultur ist, um künftige Generationen auch ohne direkte Zeitzeugenberichte… Genug Erinnerung für alle, lautet einer der Zwischentitel in dem lesenswerten Buch. Klingt flapsig, trifft damit aber den Punkt: Die Juden sprechen von der Shoah, Sinti und Roma von Porajmos. Beide Bezeichnungen meinen den Völkermord durch die Nazis.

Lesung: 08. Januar 2026. Um 20:00 Uhr Im Wizemann, Quellenstraße 7, Stuttgart. Autorin Susanne Siegert spricht über „Gedenken neu denken“ 

Gedenken neu denken – der Titel des im Piper-Verlag veröffentlichten 237-seitigen Buchs lässt im ersten Moment zurückschrecken. Schon wieder die Kritiker von der falschen, rechten Seite?! Nein, der Autorin ist es ernst mit dem Nicht-Nichtvergessen, mit dem Erinnern und Gedenken der Verbrechen in der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft von 1933 bis 1945. Susanne Siegert scheut auch nicht, das Reizthema, die Beteiligung und Mitschuld der deutschen Wehrmacht an den Verbrechen, aufzugreifen.

Mit 27 Jahren fängt sie die Recherche in der eigenen Familie an.   Ur-Opas, die zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs auf der Seite der Nazis gekämpft haben – was taten sie, was wussten sie?   Da besuchte sie auch erstmals das ehemalige Lagergelände in Mühldorf. Tatorte waren eben nicht nur weit entfernt von ihrer oberbayrischen Heimat: Ausschwitz, Treblinka, Dachau, Bergen-Belsen.  Orte des Terrors lagen auch ganz in der Nähe, zum Beispiel das KZ-Außenlager Mühldorfer Hart – ein Außenlager des KZ Dachau.

Plötzlich lernte sie ihre Heimat im Kontext von Massenmord kennen. Sie recherchierte, empfiehlt dies auch generell jungen Menschen. Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges gab es 23 Stammlager und 1154 KZ-Außenlager. Ihre Schlussfolgerung: Dadurch sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass es in Deiner Umgebung Tatorte von Naziverbrechen gab. Sie liefert Adressen für die Recherche, so für die Online-Beständen des Arolsen-Archivs, beim Bundesarchiv.Alles, was du in der Schule garantiert NICHT über Naziverbrechen lernst – das wurde zum Slogan ihres Instagram- und Tik-Tok–Kanals @keine.erinnerungskultur, für den sie mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Zurecht!

Susanne Siegert, geboren 1992, ist Journalistin und eine der bekanntesten Stimmen der digitalen Erinnerungskultur in Deutschland. Sie klärt auf Instagram und TikTok über den Holocaust auf. Für ihre innovative und engagierte Arbeit wurde sie 2024 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet, 2025 erhielt sie den Margot Friedländer Preis. Siegert lebt in Leipzig

• Siegert argumentiert, dass das kollektive Erinnern an den Holocaust kein starres Monunent, sondern ein dynamischer, politisch verflochtener Prozess ist. Erinnerungspraktiken müssten heute multiperspektivisch, dekonstruktiv und sensibel gegenüber Fragen von Antisemitismus, Kolonialismus (so die Ermordung von 100.000 Herero und Nama in den Jahren 1904 bis 1908 im heutigen Namibia durch deutsch-kaiserliche Truppen), Migration und Ungleichheit gedacht werden. Dabei bleibt die zentrale moralische Verantwortung unbestritten: Die Würde der Überlebenden, die Anerkennung der Leidensgeschichten und die Verpflichtung zur Bildungsarbeit gegen Antisemitismus und Diskriminierung hält die Autorin für weiterhin notwendig. Traditionelle Narrative könnten hilfreich sein, doch sie reichten meist nicht aus, um die Vielstimmigkeit der Erfahrungen abzubilden. Siegert plädiert für die systematische Einbeziehung von Stimmen Betroffener, Nachfahren und marginalisierter Gruppen.Wer erinnert wen, wer erzählt, wer wird ausgeschlossen? 

• Digitale Formate, Datenbanken und Algorithmen eröffnen, so ihr Fazit, neue Zugänge, bergen aber die Gefahr der Fragmentierung.

© Foto: Ina Lebedjew

Das Buch hat einen klaren Bezug zur Gegenwart: Siegert verortet Gedenken in aktuellen Debatten zu Kolonialismus, Trauma- und Erinnerungskritik. Susanne Siegert wirft die richtigen Fragen auf, liefert auch die Antworten dazu. Das Buch hat mich auf keiner Lese-Strecke gelangweilt. Auch nicht die Passagen über die Debatten um den richtigen Holocaust-Gedenktag.

Die Mischung macht das Buch sowohl anspruchsvoll als auch zugänglich für ein breites Publikum.Theoretische Tiefgang bei gleichzeitig lesbarer Sprache: Trotz komplexer Konzepte gelingt es, eine Verständlichkeit zu wahren, sodass auch Leserinnen und Leser ohne Vorwissen der Gedächtnisstudien mitgenommen werden.

Ein brisantes Thema, ein Stück Vergangenheit, das die Deutschen nicht einfach abstreifen können. Und viele wollen es auch nicht abtreifen. Erinnerungsarbeit lokal – ein Beispiel aus unserer Nachbarschaft, die KZ-Gedenkstätte in Vaihingen an der Enz. (bä)

Susanne Siegert: Gedenken neu denken – Wie sich unsere Erinnerung an den Holocaust verändern muss. Piper-Verlag. 240 Seiten, Klappenbroschur. 13,6 cm x 21,5 cm. 18.00 Euro. Mit umfangreichem Daten- und Adressenmaterial im Anhang. EAN 978-3-492-06545-0

Lesestunde zur jüngeren Heimatgeschichte

Jetzt erschien mit dem Werk Mühlacker + Mit Millionen gelockt oder von Richtern gezwungen: Wie fünf Ortschaften zur Senderstadt kamen. Zur Kommunalreform vor 50 Jahren und andere Geschichten der zehnte Band der Reihe Beiträge zur Geschichte der Stadt Mühlacker. Die beiden Lesungstermine gemeinsam mit den Autoren Günter Bächle und Hans-Peter Vaas. 

  • Freitag, 12. Dezember, um 18 Uhr im Vereinszimmer des Stadtteilrathauses Großglattbach
  • Mittwoch, 17. Dezember, um 19 Uhr im Evangelischen Gmeindehaus Lienzingen
Auftakt war jetzt in Großglattbach - Von links Hans-Peter Vaas, Günter Bächle und OB Frank Schneider

Lienzingens letzter Gemeindepfleger - und seine beiden Vorgänger

Gemeindepfleger? Gibt es sie noch? Jedenfalls hatte Lienzingen einen - bis zur unfreiwilligen Eingliederung des Dorfes in die Stadt Mühlacker im Jahr 1975. Walter Vogt, der 1961 sein Amt antrat und 14 Jahre später nach dem verlorenen Unabhängigkeitskampf des 1750-Einwohner-Dorfes die  Verwaltungsübergabe an die Stadt Mühlacker abwickeln musste. 

Rathaus Lienzingen, zweites Stockwerk, schräg links: Gemeindepfleger Walter Vogt am Schreibtisch, hinter ihm der Tresor. Rechts ging es zum Bürgermeister. Spartanische Ausstattung (Foto: Archiv der Familie Vogt)

In der Gemeinde Lienzingen besaß der Bürgermeister die Qualifikation als Fachbeamter im Finanzwesen, weshalb der Gemeindepfleger als Kassenverwalter und rechte Hand des Schultes fungierte. Als Vogt überraschend im Alter von 49 Jahren am 1. Februar 1980 verstarb, war er noch für die Stadt Mühlacker tätig als Chef der Rathaus-Außenstelle und gleichzeitig ehrenamtlicher Vorsitzender des Männergesangvereins "Freundschaft Lienzingen".

Gemeindepfleger kümmern sich darum, dass die Menschen möglichst lange mobil bleiben und gut versorgt zu Hause leben können. Sie sorgen sich  ganzheitlich um die Bedürfnisse der Menschen. Diese Informationen erhält der User aktuell, wenn diese Berufsbezeichnung bei einer Suchmaschine wie Google eingegeben wird. Besonders in hessischen Landkreisen sind derzeit offenbar zahlreiche  Stellen für Gemeindepfleger (m/d/d) zu besetzen.

Offensichtlich erweitert das Bundesland seinen Bereich für ambulante Pflege. Allerdings führt die Suchmaschine die Nutzer in die Irre, da nicht der ambulante Gesundheitspfleger gemeint ist, sondern eine andere Art von Gemeindepfleger: Eine Person, die die Finanzen einer Gemeinde pflegt, also fürs Kassen- und Rechnungswesen verantwortlich ist. Der Begriff des Gemeinde- oder Stadtpflegers geriet in den vergangenen  Jahren fast in Vergessenheit, die Bezeichnung ist zudem eine süddeutsche Besonderheit.


Lienzinger Geschichte(n)  - nach längerer Pause wieder ein neuer Beitrag. Diesmal über den fast unbekannten Beruf des Gemeindepflegers. Drei hatte Lienzingen zwischen 1919 und 1975

 

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Lebens(mehr)wert für alle Generationen

Jana Geiger beschäftigt sich als eine von zwölf Autorinnen mit Wohnen im Wandel - Lebensqualität im Alter, so der Titel ihres 196-seitigen Buches. Die Innenarchitektin aus Lienzingen sagt, es sei sehr wichtig, alle (Jung und Alt) in der Stadt- und Dorfentwicklung mitzudenken und mitzunehmen. Einzelbereiche zu bearbeiten, statt das Ganze im Zusammenhang zu betrachten, scheint ihr zu kurz gedacht.

Ihr Credo: Wohnen ist mehr als ein Ort – es ist Ausdruck unserer Persönlichkeit, Quelle von Sicherheit und Voraussetzung für Lebensqualität. Gerade im Alter, wenn sich Lebensumstände und Bedürfnisse verändern, spielt die Wohnsituation eine entscheidende Rolle für Wohlbefinden, Gesundheit und soziale Teilhabe.

Dieses Buch beleuchtet das Thema Wohnen im Alter aus psychologischer, biologischer, gesellschaftlicher und praktischer Perspektive – und bietet neue Impulse für eine selbstbestimmte und würdevolle Wohnzukunft. Die Gesellschaft altert. Wohnen im Alter wird dadurch zunehmend ein wichtiges Thema.

Ihre Kernbotschaft lautet: Gutes Wohnen ist flexibel, sozial eingebunden und zukunftsorientiert – unabhängig vom Alter. In ihrem Beitrag Jung & Alt – zusammen mit Stefanie Mathis geschrieben – macht Jana Geiger deutlich, wie sich die Lebensqualität mit den verschiedenen Lebensphasen verändert und wie dabei das Zuhause eine zentrale Rolle spielt.

In einer Bestandsaufnahme weist sie auf viele Wohnformen hin, die eher Vereinzelung als Miteinander fördern. Stadtverdichtung verdränge Spielflächen, der halböffentliche Raum werde so zur reinen Verkehrsfläche, auf der sich niemand länger als unbedingt notwendig aufhalte.

Sie bringt viele gute, begeisternde Anregungen wie generationenübergreifende Gemeinschaftsgärten oder -parks. Begegnungsorte, an denen die Alten nicht nur unter sich sind und die Jungen nicht nur ihresgleichen suchen.  Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind groß zu ziehen, heißt es in einem afrikanischen Sprichwort.

Flexibilität als Leitprinzip: Geiger plädiert für Räume, die sich anpassen können, um den ständigen Neukauf einer neuen Umgebung zu vermeiden. Wohnzimmer sollen multifunktional nutzbar sein, Küchen zu Orten gemeinsamer Aktivitäten werden und Bäder barrierefrei bleiben. Das Ziel ist ein kontinuierliches Wachstum, angefangen von einer Wohngemeinschaft bis hin zu kompakten Wohnformen im Alter. Soziale Vernetzung als Maß für Lebensqualität: Wohnen wird zum sozialen Fixpunkt. Gemeinschaftliche Nutzflächen, Mehrgenerationenhäuser und Nachbarschaftstreffs fördern das Gemeinschaftsgefühl und das Sicherheitsgefühl. Der Zugang zu sozialen Kontakten ist oft genauso wichtig wie der Zugang zu physischen Annehmlichkeiten. Räume, die Begegnungen erleichtern, stärken das Wohlbefinden über Generationen hinweg.

Autorin Jana Geiger

Sicherheit, Gesundheit und Wohlbefinden: Sicherheit umfasst mehr als nur den Schutz vor Einbrüchen. Barrierefreiheit, gute Beleuchtung, klare Orientierung und gesunde Materialien spielen dabei eine wichtige Rolle. Die Expertin betont die Bedeutung einer sanften, aber stabilen Umgebung, die die verschiedenen Lebensphasen begleitet. Bewegungsfreiheit, gute Belüftung und eine geringe Lärmexposition tragen zur Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden bei.

Nachhaltigkeit und Zukunftsorientierung: Nachhaltigkeit beinhaltet auch die Planung über Generationen hinweg. Ökologische Materialien, effiziente Systeme und kurze Wege sind Teil dieses Ansatzes. Junge Erwachsene suchen bezahlbare und flexible Rahmenbedingungen, während ältere Menschen Wert auf Wartungsarmut und Sicherheit legen. Architekturen und Planungen sollten die Anpassbarkeit als Standard verstehen, um individuelle Lebensentwürfe und Gemeinschaften gleichermaßen zu stärken.

Finanzielle Dimensionen: Lebensqualität ist eng mit finanzieller Belastbarkeit verbunden. Modelle wie gemeinschaftliche Nutzflächen, Mietstützen und barrierefreie Förderprogramme mildern finanzielle Belastungen und gewährleisten die Teilhabe über Generationen hinweg.

Fazit: Lebens(mehr)wert für alle Generationen. Gemeinschaftlich statt gegeneinander: Jung & Alt zeigt, dass Lebensqualität dynamisch ist. Wer an flexibles, barrierefreies, sozial integriertes und ökologisches Wohnen denkt, schafft Räume, von denen alle Generationen profitieren können. Die Zukunft des Wohnens liegt in hybriden Formen, die Vielfalt respektieren und die Gemeinschaft stärken.

Herausgeputzt: Wohngebäude an der Wette in Lienzingen, Baujahr

Jana Geiger restaurierte zusammen mit ihrem Mann, auch Architekt, vor Jahren ein heruntergekommenesFachwerkhaus (Baujahr 1747) an der Wette in Lienzingen, das ihr inzwischen Heimat geworden ist. Es wurde zum Schmuckstück am Rand des historischen Ortskerns. Die 47-jährige, zwei Kinder, wuchs in Rostock auf, studierte in Berlin Architektur,zog vor 22 Jahren in den Raum Stuttgart.  Geiger arbeitet am Institut für Wohn- und Architekturpsychologie (IWAP), ist Gründerin der IWAP-Fachgruppe Lebensraum Kinder. Sie engagierte sich in Lienzingen bei der Betreuung der zeitweise in der Gemeindehalle untergebrachten ukrainischen Flüchtlingen, ist aktiv bei Herzenssache Lienzingen und bei der Organisation der Weihnachtsgaden. Sie lebt vor, was sie auch öffentlich vertritt. Und greift Themen zum Thema auf.

Wohnen im Wandel - Lebensqualität im Alter: Wie wir unsere Wohn- und Lebensräume gestalten können, um im Alter selbstbestimmt und zufrieden zu leben - Feldmer-Metzger, Monika; Schröder-Bauerfeind, Annelie. Softcover und Hardcover. ISBN 10: 3931641279 ISBN 13: 9783931641276. Verlag: Paschke Media, 2025. Preis: 20 Euro.

 

Das Rathaus, das das Verkaufsfieber im Mühlacker Stadtparlament überstand

Die Etterdorfstube steht für uns als gesamte Stadtgemeinschaft, für unsere Geschichte, unser kulturelles Erbe und unsere Verbundenheit mit unserer Heimat. Diese Worte unseres Oberbürgermeisteras Frank Schneider berührten mich. Bei der sonntäglichen Eröffnung der Etterdorfstube im alten Rathaus, in der Friedenstraße 10, war ich ihm auch noch nachträglich dankbar, dass er sich seinerzeit nicht anstecken ließ vom Verkaufsfieber vor allem sozialdemokratischer Stadträte, später eines freidemokratischen  Ratsmitgliedes.

Das grüne Sofa in der Stube: Museumsleiterin Dr. Martina Terp-Schunter, Oberbürgermeister Frank Schneider und der Autor (Foto: Stefan Friedrich)

Ausgelöst durch die erfolgreiche Vermarktung des Rathauses im Stadtteil Großlattbach sahen vor allem diese Mandatsträger darin die Chance, den städtischen Finanzen durch den Verkauf auch der Stadtteil-Rathäuser in Lienzingen, Lomersheim, Mühlhausen und Enzberg Gutes zu tun. Als Nummer eins auf der Liste stand bei ihnen Lienzingen. Inzwischen waren Verwaltungsaußenstelle und Kinderbücherei in die Grundschule umgezogen. Der Unterschied zu Großglattbach indessen war, dass dort die Stadt die alte Schule für 1,2 Millionen Euro sanieren ließ und damit auch neue Räume für die Verwaltungsaußenstelle entstanden, jedoch für das alte Rathaus an der Vaihinger Straße dadurch keine öffentliche Verwendung mehr vorhanden war. 

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