Wir sollten uns bei allem Jammern den Optimismus nicht klauen lassen

Mühlackers Gemeinderat verabschiedete gestern Abend im Uhlandbau einstimmig den Haushaltsplan der Stadt für 2021. Alle mit FFP2-Masken vor Mund und Nase. Gut zwei Wochen nach der Einbringung des Entwurfs durch den OB. So schnell ging es noch nie. Die Stellungnahmen der fünf Fraktionen wurden zu Protokoll gegeben, ganz wie am Tag zuvor im Kreistag. Alles ist der Pandemie geschuldet. In einer halben Stunde war das halbe Dutzend Punkte der Tagesordnung erledigt, die Sitzung aus.

Für die CDU-Fraktion schrieb ich in der Stellungnahme zu Etat und kommunalem Alltag in Corona-Zeiten:

Ohne Frage: Die Finanzlage der Stadt Mühlacker ist aktuell schlecht. Aber hat jemand in der Zeit der Corona-Krise anderes erwartet? Leider sind auch in der Kommunalpolitik nun die Pessimisten, Besserwisser und destruktiv Denkenden unterwegs. Sie sehen ihre Zeit gekommen. Aber wir sollten uns bei allem Jammern den Optimismus nicht klauen lassen. Wir haben Krisen kommen, aber auch wieder gehen sehen. Dann legen wir eben einmal ein Jahr ein, in dem weniger passiert. Wir haben dann auch mehr Zeit fürs Nachdenken, Diskutieren und Planen zum Beispiel zu Innenstadtentwicklung, Auswirkungen der Bebauung der Ziegelei, über Zukunftsthemen wie Schulen, Glasfaser-Ausbau, Klimaschutz und Integration beziehungsweise Teilhabe. Alles Themen, die in Mühlacker gerne auf der Strecke bleiben, weil man angeblich keine Zeit hat. Aber die haben Gemeinderat und Stadtverwaltung nun.

Meine Kommentare für die Fraktion zum Haushalt 2021: Auf Schlagworte verdichtet

Die Situation bietet also auch Chancen. Bisher kamen nach schlechten Zeiten immer wieder gute Zeiten. Das wird diesmal nicht anders sein. Wenn die Wirtschaft die Produktivität der Zeit vor Corona wieder erreicht hat, fließen die Steuern kräftiger. Immer wieder heißt es: sieben! Schauen, was notwendig und was weniger dringlich ist. Andere Gemeinderäte legen die Prioritäten in Klausurtagungen fest. Bei uns klappt das nie, weil immer Einspruch aus der zweiten Bank kommt und sich die Verwaltungsspitze dadurch lähmen lässt.

Die große Linie des Etatentwurfs der Stadtverwaltung für 2021 ist richtig. Deshalb stimmt die CDU-Fraktion dem Entwurf heute bei diesem ungewöhnlichen, aber aus naheliegenden Gründen zu vertretenden Verfahren der Haushaltsverabschiedung ohne Probleme zu. Denn angesichts der Corona-Pandemie wissen wir nicht, wann die nächste Präsenzsitzung sein wird. Gerade deshalb müssen wir handlungsfähig sein und bleiben. Das A und O des Handelns ist der Haushaltsplan.  Wir können nächstes Jahr, wenn sich Bedarf herausstellt, korrigieren über einen Nachtragsplan.

Was im bisherigen Entwurf fehlte, war das Engagement der Stadt für bezahlbaren Wohnraum. Hier hat die Stadtverwaltung inzwischen nachgebessert. Endlich werden die Hausaufgaben angepackt, nämlich die konkreten Schritte zum Beispiel der Übertragung städtischen Wohnraums auf die Stadtbau GmbH. Was eine Kommune hier auf die Beine stellen kann, zeigen zahlreiche Kommune. Ich muss nicht auf Bretten, Vaihingen und Oberderdingen verweisen, sondern kann auch Fellbach nennen, deren Stadtbaugesellschaft zwei Jahre nach unserer entstand und boomt. Vor Gründung der Stadtbau ist in Mühlacker keine einzige öffentlich geförderte Wohnung gebaut worden. Wo blieben die Investoren? Hätten alle Möglichkeiten der Welt gehabt.

Die Schulen im Lindach werden immer wieder vertröstet

Auf die Fragen aus der CDU-Fraktion zum Haushaltsentwurf ergibt sich, dass von den 13,1 Millionen Euro für Investitionen in 2021 mehr als 25 Prozent auf verschiedene Ausgaben für die Feuerwehr entfallen. Das ist jeder vierte Euro. Dieser Anteil zeigt, dass die Relationen nicht mehr stimmen. Nicht nur die Feuerwehr ist Pflichtaufgabe, auch Schulen und Kindergärten gehören zur Pflicht. Hier erwarten wir, die Dinge neu zu ordnen und zu gewichten. Nehmen wir die Pläne für den Bildungscampus Lindach. Wir wissen nicht, was die einzelnen Maßnahmen kosten, wir wissen nicht, wie hoch die Zuschüsse des Landes sind, wir wissen nicht, wie sich die Maßnahmen zeitlich priorisieren lassen, wir wissen also nicht, was die Zukunftsaufgabe Schulen im Lindach den städtischen Haushalt netto kosten, um dann beurteilen zu können, was geht und was nicht geht - die Verwaltung verweigert dem Gemeinderat die Klausur. Diese brauchen wir dringend.

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Die Hoffnung stirbt nicht zuletzt, sondern nie

Bild von Gerd Altmann

Die derzeitige Lage ist historisch einmalig.
 
Das hören wir allenthalben und sind nach kurzem Nachdenken gewillt, diesem Gedanken beizupflichten. Doch es stellt sich die Frage, ob wir der Einschätzung ebenso zustimmen wie der Begründung. Sicher, Corona hat uns in einen wirtschaftsgeschichtlich einmaligen Zustand versetzt, den es so seit Jahrzehnten nicht gegeben hat. Ebenso gab es bislang keine Notwendigkeit, verfassungsrechtlich mögliche, aber nur mit Bedacht einzusetzende Einschränkungen grundständiger Rechte von 83 Millionen Menschen auch zu nutzen. So weit, so gut. Dieser Schlussfolgerung, dass die Krise einmalig ist, bildet den Tenor unserer in jüngster Zeit nicht durch Kreativität und Facettenreichtum geprägten Berichterstattung.

Wir erfahren täglich eben jene Feststellung: „Corona hält unser Leben im Griff“ oder „Corona sorgt für Ausnahmezustand“. Und wenn es nicht Corona selbst ist, sind es die Symptome: „Ausgangssperren werden verhängt“, „Österreich macht die Grenzen dicht“ oder „Ist die Gastronomie zu retten?“. Dem allen ist nichts hinzuzufügen – verblüffen mag einen nur der Umstand, dass offensichtlich einfache Feststellungen allein den Kern unserer zeitgenössischen Wahrnehmung selbst in elaborierten Medien oder Plattformen bilden können. Wo ist die Tiefe der Analyse? Wo ist der durchdringende Blick? Wo ist die übergeordnete, verbindende Einschätzung? Ja, Corona ist eine Herausforderung – teils existenziell, teils beschwerlich, für etliche bedeutet die Pandemie auch ein langfristiges Umdenken.

Doch, fragt man sich: Ist es das?
Mehr Einschätzung folgt daraus nicht? In der Krise offenbaren sich nicht nur Symptome einer temporären Herausforderung, sondern Krisen öffnen und weiten den Blick für ernste Verschleißerscheinungen von Systemen, ernsten Herausforderungen, viel allgemeineren Fragestellungen.

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Worte zur Woche 46: Gut 10,9 statt 10,2 Millionen Euro von Mühlacker, das ist eine der Fragen im Kreistag

Infizierte in Enzkreis, Pforzheim und dem Land (Grafik: Gesundheitsamt Enzkreis, 19. November 2020)

Die Corona-Zahlen sind besorgniserregend. Mehr als 400 Infizierte in Mühlacker. Hier die Liste der Enzkreis-Gemeinden vom Gesundheitsamt mit Stand 19. November 2020.Infizierte_19_11_2020.pdf

Die Regionale Kliniken Holding, unter deren Dach sich auch die Enzkreis-Kliniken gGmbH befindet, stellt tägliche ihre aktuellen Zahlen ins Netz.

Soziale Kontakte sollen wir meiden. Auf Abstand gehen, mit Maske vermummt sein oder am besten daheim bleiben. Die Pandemie erhält plötzlich Namen und Gesichter, wenn zum Beispiel Kollegen die Ansteckung nicht überleben. Wie diese Woche der Pforzheimer Sozialdemokrat und Stadtrat Ralf Fuhrmann, der Kollege war in der Versammlung des Regionalverbandes Nordschwarzwald. Die Einschläge kommen näher. Brauchen Corona-Leugner diese Lektion, um ihren Irrweg zu verlassen? Ich unterscheide zwischen hartnäckigen Leugnern und jenen, die Zweifel hegen, ob einzelne Maßnahmen die notwendigen flankierenden Maßnahmen zur Reduzierung der Ansteckungsgefahren  bringen. Verordnungen des Staates müssen nicht als gottgegeben hingenommen werden, aber umgekehrt ist auch nicht jede/r ist  Experte in Sachen unbekanntem Virus. Auch die Politik braucht die Ratgeber aus der Wissenschaft zu Corvid 19.

Mein Fraktionskollege im Gemeinderat, Matthias Trück, gleichzeitig Vorsitzender des Trägervereines des Jugendhauses Pro Zwo, sieht - zurecht! - Differenzen in den Aussagen von Stadt, die das Jugendhaus und den Jugendtreff Enzberg geschlossen hat, und dem Enzkreis. Was trifft nun zu? Der Landrat äußerte sich im Jugendhilfeausschuss des Kreistages äußerst geschmeidig. Denn sein Jugendamt spricht von der Möglichkeit der Öffnung - doch diese pauschale Feststellung lässt sich so nicht halten. Nur spezielle Angebote mit einem festen und zuvor festgelegten Teilnehmerkreis lassen sich realisieren. Der Antwort auf dem Kreishaus auf meine Anfrage, was denn nun stimme, fehlte erneut die Entschiedenheit. Wenn der Vorsitzende des Jugendhausvereins ein geschlossenes Jugendhaus akzeptieren muss, aber auf seinem Heimweg mit dem Fahrrad regelmäßig junge Leute zwischen DRK-Pflegeheim und Erlenbach beim fröhlichen Treffen sieht - ohne Maske, ohne Abstand, aber mit Alkohol - löst das das große Wundern aus. Ist das eine garantiert von Corona freie Zone? Und kontrolliert wird dort offenbar nicht.

Virtuelle Fraktionssitzung mit den Stadtratskollegen

Es sind die unterschiedlichen Varianten, mit denen auf die Forderung nach Kontaktminimierung geantwortet wird: Einen Tag vor der Aufsichtsratssitzung der Enzkreis-Kliniken am Mittwoch stellte die Geschäftsführung auf Videokonferenz um. Bei einer langen Tagesordnung mit gewichtigen Themen diskutierte das Gremium drei Stunden von Computer zu Computer und traf problemlos die notwendigen Entscheidungen zur Fortentwicklung unserer kommunalen Krankenhäuser. Geht also! Und meist schneller. Man muss nur wollen. Die CDU-Fraktionen in Stadt, Kreis und Region tagten in den vergangenen Wochen immer virtuell. Das wird zunächst so bleiben. Mir fehlt das  Verständnis für das starre Festhalten mancher an Präsenzsitzungen angesichts dieser Zahl: Die 7-Tage-Inzidenz, also Neuinfizierte auf 100.000 Einwohner innert sieben Tagen, lag in Enzkreis und Pforzheim am Freitag bei 173,6 - ein weiterhin alarmierender Wert. 50 sollen es maximal sein. Da fehlt es an der notwendigen Konsequenz, Sitzungen in die virtuelle Welt zu verlegen. Selbst angesichts der latent lauernden Gefahr, dass einen die anderen plötzlich nicht mehr hören - dann endet eine Sitzung der Kreistagsfraktion eben mit einer abschließenden E-Mail des Vorsitzenden.

Immerhin arbeiten die Verwaltungen unter anderem von Enzkreis und Stadt Mühlacker an der Ergänzung der jeweiligen Hauptsatzungen, um über den 1. Januar 2021 hinaus digitale Sitzungen zu ermöglichen. Übrigens: Premiere hatte diese Woche die digitale Form der bewährten Aus- und Weiterbildungsbörse Mühlacker. Ich schaute auch rein. War etwas gewöhnungsbedürftig, aber brachte die Informationen doch kompakter rüber. Dank übrigens an die Wirtschaftsförderung der Region  Nordschwarzwald. Deren Geschäftsführer Jochen Protzer zapfte dafür einen Zuschusstopf des Landes an und holte so 17.000 Euro für das Projekt nach Mühlacker.

Pro-Stadtbau-Kachel
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Mühlacker Fabrikant Friedrich Münch und seine Lienzinger Geschichten

Der Ehrenbürgerbrief, getextet vom Bürgermeister, gebilligt vom Gemeinderat

Friedrich Münch und seine Liebe zu Lienzingen. Er war alles in einem: Großspender, Mäzen, Namensgeber eines Kindergartens, einer Straße, eines Waldweges und eines kleinen Sees, Pächter der Jagd und aller kommunaler Fischgewässer, Bauherr des an exponiertester Stelle des Dorfes stehenden Hauses, Ehrenbürger. Münch beschenkte ganze Konfirmanden-Jahrgänge mit Geldbeutel und Täschchen. Der Fabrikant aus der Nachbarstadt erkor das knapp 1000 Einwohner zählende Lienzingen am Rande des Strombergs bald nach Kriegsende zu seinem Refugium. Nicht weit weg von seiner Villa an der Schillerstraße in Mühlacker, aber mit gut vier Kilometern Distanz weit genug, um Ruhe zu finden vom hektischen Alltag im Unternehmen. Etwas unterhalb des 1925 errichteten herrschaftlichen Hauses, in dem der gebürtige Birkenfelder und gelernte Kaufmann, mit Ehefrau Berta, geborene Schleeh (1935-1980) sowie den Kinder Susanne (1959-2018) und Friedrich (geboren 1964) wohnte, stand seine Firma. Ihre Adresse: Goldshaldenstraße 20. Begraben ist Friedrich Münch (1896-1967) auf dem Lienzinger Friedhof, neben der Frauenkirche, wiederum in besonderer Lage.


Lienzinger Geschichte(n) heute von der Vorliebe des Mühlacker Fabrikanten Friedrich Münch für Lienzingen. Auch wenn das Dorf nicht offiziell sein Wohnort war (obwohl das manche dachten): Bürgermeister Richard Allmendinger und die Gemeinderäte bescheinigten ihm nimmermüde Hilfsbereitschaft zum Vorteil der Kommune. Die Quellen: Sechs Protokollbände des Ortsparlaments (1944 bis 1975), die im Stadtarchiv Mühlacker (STAM) stehen, belegen den fortwährenden Lobgesang auf ihn. Diktion und Stil der Niederschriften wurden bewusst beibehalten. Zitate in kursiv gesetzt.


Vor 100 Jahren gründete Münch seine Firma, die sich auf die Herstellung von nicht geschweißten Ringgeflechten und Schuppengeflechten für Börsen, Handtaschen und Accessoires spezialisierte. Er hatte in einer Schmuckwarenfabrik in Pforzheim gelernt, war zehntes von zwölf Kindern des Bahnwärters August Münch in Birkenfeld. Im Jahr 2008 siedelte das Familienunternehmen mit seinen rund 100 Mitarbeitern von der Goldshalde ins Mühlacker Gewerbegebiet Waldäcker um, auf dem vormaligen Betriebsareal genehmigte die Stadt 2013/14 die Errichtung von Wohnhäusern.

Friedrich Münch: Pächter der Lienzinger Jagd von 1933 an

Fast ein halbes Hundert Mal taucht Friedrich Münch - respektive nach seinem Tod 1967 Witwe Berta - zwischen 1948 und 1975 namentlich in den Protokollen des Gemeinderats von Lienzingen auf. Belege eines Beziehungsgeflechts zu allseitigem Nutzen. Geld und seine Wirkung, ein dörfliches Beispiel. Einerseits eine Win-Win-Situation für beide Seiten, allerdings auch bei manchmal fragwürdigen Kompensationen. Ganz offen bekannte sich, ausweislich der Protokolle der Sitzungen, das Ortsparlament zu einem natürlichen Vorrecht für Reiche. Denn Münch setzte durch, in erstklassiger Lage ein Wohnhaus bauen zu dürfen. Es sei immer schon so gewesen, so die Bürgervertreter, dass gut situierte Leute gerade sich den besten Platz für die Erstellung ihres Heimes aussuchen (Sitzung vom 11. März 1953). Sollte heißen: das sei zu akzeptieren. Dicke Spenden an die Kommune, aber auch an Kirchengemeinde und Vereine winkten. Und Münch zeigte sich großzügig. Wiederum das Ortsparlament revanchierte sich, ließ in all den Jahren die Wünsche und Anträge des Mäzens aus der Nachbarstadt reibungslos passieren – bis hin zum 1957 gefassten Beschluss, prüfen zu lassen, ob das Gewann Spottenberg in Münchberg umbenannt werden kann.

Der Name Münchberg wurde übrigens auf dem Etikett des hauseigenen Mirabellenschnapses geführt, der bis kurz vor seinem Tod, von seinem Schwager und Jagdaufseher Kurt Schleeh produziert wurde (Hnweis Marco Rettstatt, Mühlhausen/Enz, 14. November 2020). Nicht nur das. Martin Walter erinnert sich: Münchberg als Bezeichnung für den Spottenberg ist mir aus Kindertagen ein Begriff. Und dazu noch eine Anekdote: Meine Oma hat in den 1960er Jahren mit anderen Frauen zusammen bei der Mirabellenernte auf dem Münchberg gearbeitet. Ich durfte als kleiner Junge mit. Bei Münchs gab es damals am Tor schon eine Gegensprechanlage. Die Frauen schickten mich vor, um die zur Ernte erschienenen Frauen anzukündigen, was ich auch tat. Mit den Worten: d' Rebelle-Weiber send do (Kommentar auf meiner Facebookseite, 15. November 2020).

  • Wird aus dem Spottenberg der Münchberg?
Zumindest auf dem Ettiket: Mönchberg statt Spottenberg. (Foto: Marco Rettstatt)

Sein Haus auf der Bergnase. Denn auf dem Spottenberg und damit in exponiertester Lage oberhalb des Dorfes hatte der Unternehmer ein Landhaus in Schweizer Baustil in einmalig schöner Lage errichtet. Nirgend woanders in Lienzingen lebt es sich schöner: mit maximaler und garantierter Fernsicht – bei bestem Wetter bis zum Stuttgarter Fernsehturm. Freilich, bei Stürmen pfeift es gar heftig und laut um den Giebel. Auch wenn die Ziegel festgenagelt sind; manchmal ist die Naturgewalt stärker als die Widerstandskraft des Nagels.

Münchs Pläne für ein Domizil auf dem Spottenberg lösten teilweise heftigen Widerstand von Behörden und Naturschutz aus. Denn das Areal war Außenbereich pur und damit für eine Bebauung tabu. Er wusste dies, reichte trotzdem ein Baugesuch ein und löste damit ein höchst ungewöhnliches Genehmigungsverfahren aus. Der Fabrikant schuf Fakten, bevor das den Behörden auffiel und sie die Arbeiten einstellen ließen. Er wusste, dass er Bürgermeister und Gemeinderat voll auf seiner Seite hatte. Doch der Reihe nach.

  • Bürgermeister lobte großherziges Angebot
Die Jagdhütte auf dem Spottenberg, genehmigt 1948, nach den Plänen des Mühlacker Architekten Jakob Buck (StAL FL 20--18 II_Bü 1421_0021)

Friedrich Münch, Jagdpächter seit 1933, stellte, als akute Wohnungsnot in der Gemeinde herrschte, seine im Trinkwald gelegene Jagdhütte zur beliebigen Verwendung zur Verfügung, wie es Bürgermeister Richard Allmendinger im Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 20. Februar 1948 formulierte. Diese eigne sich gut als Wohngelegenheit für eine Familie. Es solle versucht werden, sie an einen geeigneten Platz im Dorf zu versetzen. Der Schultes lobte das großherzige Angebot (STAM, Li B 323, S. 66). Wenige Wochen später informierte der Verwaltungschef die Räte, der Flüchtling Johann Grässle interessiere sich besonders für die Jagdhütte und würde sie gerne auf dem Grundstück seines zukünftigen Schwiegervaters aufstellen. Allmendinger hielt dagegen, das Holz-Objekt könne im Tausch gegen Bauland für die Gemeinde eingesetzt werden, was zu einer kontroversen Diskussion führte, die ohne konkreten Beschluss endete (STAM, Li B 323, S. 79). Das Thema tauchte später nicht mehr auf.

Inzwischen hatte Friedrich Münch seinen Blick auf ein besonders schönes Stück der Lienzinger Markung gerichtet – den Spottenberg. Das Landratsamt Vaihingen an der Enz genehmigte ihm am 4. Juni 1948 dort auf den Parzellen mit den Nummern 2297 und 2298/1 eine neue Jagdhütte – wohl deshalb schickte er gut drei Monate zuvor die  Offerte an die Gemeinde, die bisherige Jagdhütte im Trinkwald in den Ort zur Unterbringung einer wohnungssuchenden Familie umsetzen zu dürfen.

  • Kreisbaumeister Aeckerle: Kleines unbedeutende Bauwesen

Der Mühlacker Architekt Jakob Buck entwickelte die Baupläne für die Jagdhütte auf dem Spottenberg-Rücken, das der Fabrikant aus Mühlacker nicht einmal sein Eigentum nennen konnte. Das ergibt sich aus der Bauakte mit der Nummer 174/1948, die im Staatsarchiv Ludwigsburg verwahrt wird (StAL FL 20--18 II_Bü 1421_0021).  Die beiden Grundstücke gehörten dem Lienzinger Maurermeister Adolf Ölschläger, der davon rund 60 Quadratmeter für den Bau gegen eine einmalige Pauschale von 200 Reichsmark an Münch verpachtete, wie sich einer Abschrift der Vereinbarung vom 13. Februar 1948 ergibt, deren Richtigkeit am 8.Mai 1948  von Bürgermeister Allmendinger mit Stempel und Unterschrift bestätigt wurde. Münch beauftragte Ölschläger mit den Maurer-, die Gebrüder Kälber mit den Zimmererarbeiten. Weder Gemeinde noch Nachbarn erhoben Einwände gegen das kleine unbedeutende Bauwesen, wie es Kreisbaumeister Aeckerle in seiner Begutachtung zur Prüfung des Baugesuchs am 20. Mai 1948 formulierte. Es bestand aus einer Stube, einem winzigen Schlafraum und einer kleinen Garderobe.

Lageplan aus dem Bauantrag von 1955: Rechts die untere Kurve der Landesstraße, rot das geplante Wohnhaus, davon östlich das Haus Bammesberger (Flurstück 2294), der Weg zur Landesstraße befindet sich noch heute im Eigentum Münch (STAM, Li A 82-16)
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Es ist jedesmal wie neu, dieses alte Kemper - Aus dem Bretonen-Land (12)

Die Gassen führen auf die Kathedrale zu

Notizen aus der Bretagne finden sich in diesem Blog, entstanden vor einem Jahr, gesplittet in zehn Teile. Diesmal angereichert mit der Gemeinde, die die Straßenleuchten ausknipsen lässt, wenn es Nacht wird. Heute liefere ich Spezielles zu Quimper, dessen Altstadt mit der Kathedrale im Zentrum wie ein Magnet wirkt und alltäglich viele Besucher, Betrachter, Kunden anzieht. Da ist Leben in der City, heimelig wirkende Einkaufsläden, von Leerständen fast keine Spur, Cafés, Gastronomie. Menschen, viele Menschen. Urbanität. In jedem Urlaub steht eine Fahrt dorthin meist mehrmals auf dem Urlaubsprogramm. 

Heimelige Ladengeschäfte

Die eigenen kleinen Schrulligkeiten sind es, die dazu gehören. Zum Beispiel: Der Hutladen meines Vertrauens, in einem der kleinen Gassen. Jedesmal die Suche nach einer Kopfdeckung in passender (Groß-)Größe, jedesmal nach intensiver Suche augenzwinkernd fündig geworden. Diesmal wieder ein Versuch – obwohl ich eigentlich über genügend Mützen und Hüte verfüge. Pech für den ewig selben Verkäufer: Diesmal passte nix. So zog ich ohne neue Kappe wieder ab. Zu großkopfet. Beim nächsten Mal neuer Anlauf.

Hut an Hut und nichts hat gepasst

In Quimpers Zentrum pulsiert das Stadt-Leben. Da fallen mir Diskussionen in deutschen Klein- und Mittelstädte über tröge und leere Fußgängerzonen ein. Freilich, alles Übel kommt aus dem Vergleich. Schließlich steht nicht in allen Stadtzentren ein mächtiges, altes und historisch bedeutsames Gebäude wie die Kathedrale Saint-Corentin. 1239 erbaut, ist sie die Kathedrale des römisch-katholischen  Bistums Quimper. Gegenüber im Café zu sitzen, vor sich hin zu träumen, die vorbei schlendernden oder eilenden Menschen zu beobachten, selbst seine Ruhe zu genießen – das ist wieder ein Stück dieser Attraktivität, die Lebensfreude ausstrahlt. Sehr schöne Stadt steht auf der Whats-App des Pastors der FEG in Mühlacker, der erstmals mit seiner Familie in der Bretagne urlaubte  und auch Quimper besuchte. Ein Lob mit drei Ausrufezeichen!

Musiker gehören zum Straßenbild

Der Steckbrief der Stadt: Quimper, bretonisch Kemper, Sitz der Präfektur des Départements Finistère. Einwohner werden auf französisch quimpérois und auf bretonisch kemperiz genannt. Das weiß Wikipedia. Und die kommunale Webseite ergänzt mit Superlativen und dem Motto der Stadt: unanimet e vimp kreñv (vereint werden wir stark sein). Sowie weitere Daten: 48 Bauernhöfe.  63.405 (2016) Bevölkerungsdichte: 752,1 Einwohner / km² (2014), Fläche: 84 km², Anzahl Sonnenstunden / Jahr: 1634 (zum Vergleich: Mühlacker 1749,5 Stunden), Anzahl Niederschlagstage: 154, durchschnittliche Mindesttemperatur: 8,1 ° C  und durchschnittliche Höchsttemperatur: 15 ° C.

Ländliche Idylle in der Stadt

Als Hauptstadt von Cornouaille - eine historische Landschaft, die im Mittelalter ein Königreich war - reicht der Einfluss von Quimper über seinen Status als mittelgroße Stadt hinaus. Von der historischen Cornouaille bis zur wirtschaftlichen Cornouaille zeichnet sich dieses riesige Gebiet im Süden von Finistère durch seine Dynamik und seinen Initiativgeist aus. So lobt sich die Kommune ganz in der Art der Bretonen, in allem irgendwie einzigartig zu sein. Kultur, Gemeinschaftsleben, Freizeit, Umwelt, Wirtschaft - die Quimper-Agglomeration sei ein attraktives Aktivitätszentrum. 15 Kilometer von der Atlantikküste entfernt.

Cafés zum Träumen und Schauen
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Was es nicht alles gab: Lienzingern impotenten Ziegenbock untergejubelt

Ziegen, Bock und Halter - einst in einem Bauerndorf wie Lienzingen auch ein kommunalpolitisches Thema.

Treueprämie für Farren- und Eberhalter Eberhard Pfullinger anno 1969: 100 Mark und ein Geschenkkorb, denn fast 45 Jahre lang waren vor allem die Ställe der Landwirtsfamilie die Luststätten für  viele Vierbeiner. Sauen und Rinder. Höchst notwendig in einem Bauerndorf. Das zeigen Zahlen über die Viehhaltung in Lienzingen: 1950 (in Klammer: 1961) Pferde 50 (20), Rinder 420 (477), Schweine 273 (217). Die Statistik wies die Zahlen von Schafen und Ziegen nicht aus (aus: Konrad Dussel, Lienzingen, Altes Haufendorf - moderne Gemeinde, 2016, Verlag Regionalkultur, S. 206).

Bei mehr als hundert landwirtschaftlichen Betrieben im Dorf  gehörten deren Anliegen zum festen Teil der Kommunalpolitik, sie schlugen sich in Themen nieder, die heutzutage eher skurril wirken oder ein Schmunzeln abringen. Tiernachwuchs als kommunale Pflichtaufgabe.  Noch keine künstliche Besamung gab's, die tierische Weiblichkeit wurde dem Bock, Eber oder Farren - letzterer ein geschlechtsreifes männliches Hausrind - zugetrieben. Für sie alle galt: Allzeit bereit.


In den Lienzinger Geschichte(n): Bock-, Eber- und Farrenhaltung - eine Kommunalaufgabe: mal heiter, mal ernst, mal skurril. Bulle Planer wegen Bösartigkeit abgeschafft, Verletzung beim Liebesakt brachte Farren in den Schlachthof, nichtöffentlicher Streit im Gemeinderat sprach sich im Flecken herum. Mühlacker Bock betörte auch Lienzinger Ziegen-Damen. Dies und weitere Details wie Pfullingers Ställe als tierische Luststätten in der Blog-Serie.


So stehen im Protokoll der

  • Gemeinderatssitzung vom 14. April 1948 unter § 6, Wiese für die Bockhaltung, und als § 8, Farrenhaltung,

zwei Mitteilungen des Bürgermeisters:

- Wegen der Verwendung der seitherigen Bockwiese als Sportplatzgelände sei die Frage der Gewinnung eines Ersatzgrundstücks akut geworden. Es solle versucht werden, von dem Pächter Gotthilf Bristle (wahrscheinlich: Brüstle, Anm. d. Verf.), hier, eine von ihm von der Gemeinde gepachtete Wiese im Illinger Tal zurückzugewinnen.

- Eine Farren-Hauptkörung finde am 20. Mai 1948 statt. Zur Vornahme der Farrenschau wurden beauftragt: Ortsobmann Bonnet sowie die Gemeinderäte Häcker und Ross (wahrscheinlich: Roos, Anm. d. Verf.) (STAM, Li B 323,  S. 82).

  • GR 20. Juli 1957, § 7, Ergebnis der Farrenkörung

Die Farren stehen in guter Pflege, bescheinigte das Staatliche Tierzuchtamt Ludwigsburg bei ihrer Körung am 9. Juli 1957 laut Ratsprotokoll. Der vor zwei Jahren abgekörte Farren Kuno sei wieder in die Zuchtwertklasse II einbezogen worden. Dagegen habe leider der am 14. September 1956 in Herrenberg gekaufte Farren Proteus L 1099/5 wieder abgeschafft werden müssen, da er sich zu seinem Nachteil entwickelt habe. Welcher Art dieser Nachteil war, wird in den Aufzeichnungen über die Sitzung nicht erwähnt (STAM, Li B 325, S.157).

Selbst den Kauf eines Ziegenbockes mussten die Gemeinderäte genehmigen. Das geschah zum Beispiel in der Sitzung am 5. September 1958 (§ 5). Der Kaufpreis: 470 Mark und 25 Pfennige. Bockhalter und Landwirt Artur Benzenhöfer hatte Ende August bei einer Versteigerung in Heilbronn den Bock der Zuchtwertklasse III erstanden, sozusagen der Gemeinde-Bock, dem die Ziegen aus dem Flecken zwecks Nachwuchszeugung zugeführt wurden (STAM, Li B 325, S. 224).

Verpflegungs- und Sprunggeld

Den Ziegenbockhalter entlohnte die Kommune mit Verpflegungsgeld für das Tier und Sprunggeld. Einen neuen Vertrag über die Entlohnung genehmigte der Gemeinderat am 9. November 1951, ebenso eine Vereinbarung mit Farren- und Eberhalter Pfullinger, dem sozusagen als Fressensgeld  360 Mark pro Eber zugebilligt wurden plus 80 Mark Nutzungsentschädigung für 79 ar und 14 qm Wiesen. Da Landwirt Pfullinger den Farren Profoss der Zuchtwertklasse III selbst aufzog, dessen Wert bei der Körung mit 1350 Mark ermittelt wurde, entschädigte ihn die Gemeinde mit einem Viertel des Betrags und somit 337,50 Mark. Worauf noch zurückzukommen sein wird (STAM, Li B 324,  S. 103).

Übrigens: Am 16. Juni 1959 verabschiedete der Gemeinderat eine Farrenstallordnung nach einer auf Landesebene erarbeiteten Muster-Ordnung (STAM, Li B 325, S. 270).

  • Impotenter Ziegenbock sorgte für Streit mit Zaisersweiher: Gemeinde Lienzingen fühlte sich vom Nachbarn hereingelegt und forderte 300 Mark Schadensersatz

Einen delikaten Fall verhandelte der Gemeinderat am 15. Dezember 1952 gleich unter dem ersten Punkt der Tagesordnung. Der Ziegenbock-Tausch mit Zaisersweiher endete im Streit - denn die Nachbarn hatten ihren impotenten Bock den Lienzingern untergejubelt. Bis dies der Lienzinger Bockhalter bemerkte, war es zu spät. Daraufhin recherchierte er heftig und kam zum Ergebnis: Die machten's mit Absicht. Was blieb, war eine Schadensersatzrechnung, die im Zaisersweiher Rathaus landete. Dem Protokolleintrag zu § 1 von Bürgermeister Richard Allmendinger über die Sitzung, zu der sich drei der acht Gemeinderäte hatten entschuldigen lassen, entbehrt nicht einer gewissen Komik, die sich zur allgemeinen Heiterkeit auswachsen kann. Hier im Original:

Der Ziegenbock musste auf Veranlassung des Tierzuchtamtes Ludwigsburg bei der letzten Körung in Zaisersweiher zur Vermeidung von Inzuchtschäden  mit dem der Gemeinde Zaisersweiher  ausgetauscht werden. Ein gegenseitiges Aufgeld wurde nicht vereinbart, also gleichauf ausgetauscht. Da der Ziegenbock der Gemeinde Zaisersweiher gekört wurde, musste davon ausgegangen werden, dass der Bock zuchttauglich war. Es hat sich jedoch gezeigt, dass diese Annahme nicht der Wirklichkeit entspricht und letzthin angestellte  Nachforschungen  des hiesigen Bockhalters Artur Benzenhöfer brachten eindeutig den Beweis, dass der Bock bereits im letzten Jahr  bei 4 und mehr Sprüngen  nicht befruchtete, also bei seinem Eintausch schon zuchtuntauglich war. Seitens des Bockhalters von Zaisersweiher wurde diese Tatsache offensichlich verschwiegen, denn sonst wäre der Bock abgekört worden. Es liegt demzufolge auf der Hand, dass sich die Gemeinde Zaisersweiher gegenüber der Gemeinde Lienzingen schadensersatzpflichtig gemacht hat, was auch das Tierzuchtamt Ludwigsburg mit Schreiben vom 3.12.1952 eindeutig bestätigte. Eine Zurücknahme des Bocks kommt allerdings nicht mehr in Frage, weshalb der Gemeinderat beschließt, von der Gemeinde Zaisersweiher Schadensersatz in Höhe von 300 Mark zu fordern (STAM, Li B 324, S. 146).

Für Laien: Körung der Farren heißt nichts anderes als die  Auswahl junger Stiere zur Zucht. Womit auch dies geklärt wäre.

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Sie blieben der Traum des Lienzinger Schultes: Industriegebiet und Flurbereinigung

Im hinteren Brühl 1960 gebaut: Lienzinger Werk des Mühlacker Unternehmens Geissel, Präzisionsdrehteile, Fertigungshalle in der Brühlstraße. Da standen noch keine Wohnhäuser gegenüber (STAM, 07-148 [1960] Li Smlg Fa Geissel).

Immer wieder unternahm der Bürgermeister neue Anläufe, um steuerzahlendes Gewerbe ins Dorf zu holen. So klammerte er sich an jeden Strohhalm. Das zeigte sich in der Sitzung am 9. November 1951. Da informierte Allmendinger den Gemeinderat über einen Vorstoß das Landesplanungsamtes via Landratsamt Vaihingen. Der westlich von Stuttgart liegende Landkreis Vaihingen solle Gelände fürs Wohnen, aber auch fürs Arbeiten suchen. Diese Behörde des damaligen Landes Württemberg-Baden bot an, Möglichkeiten mit den einzelnen Kommunen zu sondieren und sie in puncto Erschließung zu beraten. Lienzingen erhoffte sich davon wertvolle, für die Kommune förderliche Maßnahmen. Denn der Schultes verwies auf die Schwierigkeiten bei der Standortsuche, aber auch bei der Planung insbesondere eines Industriegebietes, das Ortsbild nicht zu stören. Geprägt werde dieses Ortsbild von  der unter Denkmalschutz stehenden Frauenkirche und durch gleichermaßen geschützte alte Fachwerkhäuser, die ein Ensemble bilden. Hier eine Lösung zu finden, sei nicht einfach (STAM Li B 324, S. 103).


Lienzinger Geschichte(n), aus der  Zeit, als das Dorf noch selbstständig war (und auch mal daüber hinaus). Heute wüber eine Kommune, die auf ansiedlungswillige Betriebe setzte. Ein Schultes, der um die Konflikte mit dem historischen Ortsbild wusste. Und die Landwirtschschaft? Sie wollten partout keine Flurbereinigung. Und dann bringt sie ein bayerischer Käfer um mehrere Hektar. In Protokollen des Gemeinderats von Lienzingen geblättert. Fortsetzungsgeschichten.


Bei einer Ortsbesichtigung legten Vertreter des Landesplanungsamtes ihre Ideen für eine Industrieansiedlung vor. Am 4. August 1952 informierte darüber der Schultes in der Ratssitzung die acht Bürgervertreter. Der  Inhalt der Vorschläge wird in der achtzeiligen Protokollnotiz nicht  erwähnt. Sie endet mit dem lapidaren Satz: Diese Vorschläge fanden allerdings nicht die

Das wusste der Lienzinger Bürgermeister Richard Allmendinger genau: Das Ortsbild - unter anderem mit der Frauenkirche - darf durch ein Industriegebiet nicht gestört werden. Das erschwerte die Suche nach einem Standort.

Zustimmmung des Gemeinderates (STAM, Li B 324, S. 130). In den Gemeindeakten findet sich ein Schreiben des Landratsamtes Vaihingen an das Bürgermeisteramt Lienzingen. Streng auf dem Dienstweg übermittelte das Landesplanungsamt in einem Aktenvermerk seine Vorschläge am 14. Juli und somit eine Woche nach dem Lokaltermin. Zu teuer in der Erschließung und deshalb nicht mehr weiterzuverfolgen sei die Idee des Bürgermeisters, zwischen Brühl und Dauerwiesen beidseits der Bundesstraße 35 ein Industriegebiet zu schaffen. Statt im Westen der Gemeinde empfehle des Landesplanungsamt einen Standort im Südosten, und zwar in den neuen Wiesen auf einem Areal, das die Kommune schon für Festveranstaltungen gepachtet habe. Dort würden sich die Gebäude gut in die Landschaft eingliedern, während dies beim westlichen Standort nicht der Fall wäre. In den neuen Wiesen wurde tatsächlich gebaut - mehr als 20 Jahre später, jedoch Wohnhäuser (STAM, Li A 72).

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Schon im Herbst 1948 warb die Gemeinde um ansiedlungswillige Betriebe. Sie schaltete deshalb eine Annoce in den Stuttgarter Nachrichten. Tatsächlich meldete sich eine größere Anzahl von Interessenten, wie der Bürgermeister in der Ratssitzung am 2. Februar 1948 berichtete. Zusammen mit den sechs anwesenden Ratsmitgliedern sortierte er die Offerten und erhielt den Auftrag, mit den ausgewählten Firmen zunächst unverbindliche Fühlung aufzunehmen. (STAM, Li B 323, S. 60).

Der große Wurf gelang zunächst nicht. Lienzingens gewerbliche Entwicklung ging nur in kleinen Schritten voran. Am 12. August 1949 stimmten die Bürgervertreter zu, dem Gärtner Mannhardt aus Illingen neben der gerade errichteten Gemeindewohnbaracke eine Fläche für zwei Mark pro Aar zunächst zu verpachten, um darauf ein Gewächshaus zu erstellen. Später entwickelte sich dort, zwischen Schelmenwaldstraße und Ortsrandweg an der Wette, ein solider Gartenbaubetrieb. Ein Glücksfall! (STAM, Li B 323, S. 182).

  • Gewinn in doppelter Hinsicht für Lienzingen: Firma Wilhem Geissel ließ sich 1960 im hinteren Brühl nieder
Geissel Präzisionsdrehteile Brühlstraße 28 Produktionsgebäude von 1960 Luftbild (STAM, 07-148 [1969-06] LI Foto: Erich Tschoepe)

Immerhin dauerte es noch gut zehn Jahre, bis sich die Mühlacker Firma Wilhelm Geissel mit ihrem Filialwerk an der Ecke Brühlstraße/Schelmenwaldstraße baute. Es war die erste Ansiedlung, die über einen Handwerksbetrieb hinausging. Die Metallwarenfabrik erwarb für Industriezwecke auf den Parzellen Nummern 194 und 195 im hinteren Brühl von der Gemeinde ein Grundstück von zusammen 35 Ar und 82 Quadratmetern um den Kaufpreis von 10.700 Mark, protokollierte Bürgermeister Richard Allmendinger nach der Ratssitzung vom 26. Februar 1960. Ausschlaggebend für die Ansiedlung sei gewesen, dass es in Lienzingen wohl leichter sei, Arbeitskräfte zu gewinnen, nachdem sich in Mühlacker ein größerer Industriebetrieb  niederlassen wollte (vermutlich war damit Behr gemeint). Im wirtschaftlichen Sinne bedeute die Entscheidung der Firma Geissel für Lienzingen einen doppelten Erfolg für die Kommune. Einmal mache sie mit den Grundstücken zwischen Auf- und Verkauf einen Gewinn von 5000 Mark, andererseits bringe die Firma einen nicht unbedeutenden Gewerbesteuerertrag. Es sei also wieder einmal erwiesen, dass die Gemeinde stets darnach trachte, ein genügend großes Bauland zu halten. Der Gemeinderat stimmte dem Grundstücksgeschäft zu. Das Unternehmen wolle möglicherweise noch im selben Jahr die Fabrikation in dem Werk Lienzingen aufnehmen, ist dem Protokoll weiter zu entnehmen  (STAM Li B 326, S. 10).

Vollauf einverstanden zeigte sich der Gemeinderat bei seiner Zusammenkunft am 6. Mai 1960 im Rathaus mit den Plänen für den Bau

Strukturwandel auch in der Lienzinger Landwirtschaft: Von 155 Betrieben im Jahr 1949, auf sieben im Jahr 2016

einer Werkhalle. Allerdings zeichnete sich da schon ab, dass der Bau etwas teuerer wird wegen erhöhter Erschließungskosten Diesen  Mehrpreis glich die Kommune dadurch aus, so die Zusage, dass Geissel bei einem späteren Erwerb eines Grundstücks zur Erweiterung einen entsprechenden Nachlass gewährt werden sollte, wie die Räte beschlossen (STAM Li B 326, S. 34 f). Das 1920 gegründete Unternehmen verlegte 1980 seine ganze Produktion und die Verwaltung von der Industriestraße in Mühlacker in einen Neubau in Lienzingen mit einer Produktionsfläche von über 7500  Quadratmeter und bezog hier die schon stehende Werkhalle ein.

Kleinere Betriebe waren es, die sich im Gewerbegebiet Westlicher Brühl  ansiedelten. So erwarb der Lienzinger Industriemeister Hans Lepple ein Grundstück von 800 Quadrameter Fläche. Feucht sei der Baugrund, steht im Protokoll der Ratssitzung vom 15. Februar 1974, weshalb die Ratsmitglieder ihrem (befangenen) Kollegen zehn Mark pro Quadratmeter berechneten. Eingekauft hatte die Kommune die Fläche für 11 beziehungsweise 15 Mark je Quadratmeter. Das Baugesuch war erst wenige Tage zuvor genehmigt worden (STAM, Li B Li B 328, S. 282).

425.572 Mark Etatvolumen 1958

Dass Lienzingen zusätzliche Gewerbesteuer gut gebrauchen konnte, zeigten die jährlichen Budgetvolumen. Nicht nur in diesem einen Jahr verabschiedete das Lienzinger Ortsparlament erst neun Monate nach Beginn des Haushaltsjahres 1958 den Etat just für dieses Jahr. Heutzutage unvorstellbar, denn das Budget soll eigentlich vor Beginn des Haushaltsjahres den Rat passiert haben. Das seinerzeitige Volumen betrug 425.572 Mark (1952: 124.300 Mark), davon 196.572 Mark im so genannten ordentlichen Haushaltsplan, in dem die laufenden Einnahmen gelistet waren. Die Steuersätze (in Klammern die aktuellen von Mühlacker): Grundsteuer für landwirtschaftliche Grundstücke A 160 Prozent (340), Grundsteuer B für andere Grundstücke 150 (390) und Gewerbesteuer 300 Prozent (370) (STAM, Li B 325, S. 222).

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Welche Geldquellen sprudelten? Beantworten lässt sich dies beispielhaft an den Haushaltsplänen von 1955 und 1960. 1960 bringen die Grundsteuer A für landwirtschaftliche Grundstücke 20.075 Mark, Grundsteuer B für andere Grundstücke 7741 Mark sowie die Gewerbesteuer der örtlichen Betriebe und der Gewerbesteuerausgleich  vom Land zusammen 24.565 Mark. Aber der Gemeindewald scheffelte 22.000 Mark Überschuss in die Gemeindekasse. Die Zahlen von 1955: Grundsteuer A 16.157 Mark, Grundsteuer B 4589 Mark, Gewerbesteuer 4000 Mark und Gewerbesteuerausgleich 8800 Mark. Das Plus beim Wald: 17.000 Mark. Damit wird deutlich, weshalb die örtliche Kommunalpolitik auf Betriebsansiedlungen setzte und gleichzeitig den Gemeindewald verteidigte, weil er die grüne Sparkasse von Lienzingen war.

Zum Sprung über die Bundesstraße 35 im Westen von Lienzingen kam es nicht. Dabei hatte Bürgermeister Allmendinger davon in der Nachkriegszeit geträumt. Die Kommune tat sich schwer, einen Standort für Industriegebiete auszuweisen (Fotos: Günter Bächle)
"Sie blieben der Traum des Lienzinger Schultes: Industriegebiet und Flurbereinigung " vollständig lesen