Der lange Kampf der Nervensäge

383 Seiten Giorgia Meloni, das Lese-Pensum für die Weihnachtstage. Auf der 379. Seite des Buches Ich bin Giorgia die Botschaft ihres 2021 in Mailand erstmals verlegten Buches, das Konzentrat:

Erstens habe ich von nichts und niemandem Angst, das Einzige, wovor ich mich fürchte, ist, dass ich, wie aus diesem Buch zu erfahren ist, mich selbst und die, die an mich glauben, enttäusche. Zweitens bin ich nicht erpressbar, denn ich tue nichts, wofür ich mich schämen müsste, und ich nehme keine Hilfe an von Leuten, die eine Gegenleistung von mit verlangen könnten. Drittens bin ich nicht allein, und diejenigen, die sich entschieden haben, mich in diesem Kampf zu begleiten, sind mir sehr ähnlich. Viertens und letztens bin ich immer unterschätzt worden, und das ist unterm Strich ein großer Vorteil.

Diese Punkte variiert sie in der gedruckten Selbstdarstellung, in der im Europaverlag München 2025 erschienenen deutschen Ausgabe, geschickt und durchaus glaubwürdig. Zwischen den beiden Ausgaben liegt der entscheidende Karriereschritt: Seit 2022 ist sie Ministerpräsidentin Italiens. Die erste Frau in dieser Funktion. Eine, die sich selbst als Rechte bezeichnet. Ihre Regierung hat eine für italienische Verhältnisse ausgesprochen lange Haltbarkeitsdauer. Indessen: Die deutschsprachige Ausgabe leidet darunter, dass sie auf dem Stand von 2021 blieb und nicht aktualisiert wurde. Das erinnert an die ähnliche Kernaussage der Christdemokraten: Im Mittelpunkt steht der Mensch. Schnittmengen gibt es.

Die Linke will eine Welt ohne Grenzen und Unterschiede schaffen und diese Vision allen aufzwingen. Die Rechte dagegen stelle den Menschen in den Mittelpunkt - und seine Einzigartigkeit - schreibt die jetzt 48-Jährige, groß geworden in Rom. Dort begann sie mit 15 Jahren ihr parteipolitisches Engagement bei der Jugendfront des Movimento Sociale Italiano: Sich als Teil von etwas Wichtigem zu fühlen, gibt Selbstsicherheit. Das war es, was viele dieser jungen Leute suchten, und so war es auch bei mir. Im Sommer1992 habe der Kampf begonnen, den sie noch heute führe, schreibt Meloni 30 Jahre später.   

Giorgia Meloni erzählt zum ersten Mal über ihre Kindheit, über ihre Beziehung zur Mama Anna, die ältere Schwester Arianna, die Großeltern Maria und Gianni und über den Schmerz darüber, dass sie keinen Vater hatte. über die unbändige Leidenschaft für die Politik, die sie aus ihrem römischen Stadtviertel Garbatella zuerst 31jährig als – bis dato in der Geschichte der Republik jüngste - Ministerin in die Regierung des Landes und dann an die Spitze von Fratelli d’Italia und der europäischen Konservativen geführt hat. Mit 19 im Regionalparlament der Provinz Rom, mit 28 Jahren Abgeordnete und gleich Vizepräsidentin des italienischen Parlamentes.  Häufig sei sie die Nervensäge gewesen – in der Schule, später in der Politik, bekennt sie ganz offen.

Sie schreibt auch über die Freude, Mutter der kleinen Ginevra zu sein, und über die Liebesgeschichte mit Andrea; über ihre Träume und über die Zukunft, die sie sich für Italien und für Europa wünscht.  Die Autobiografie beginnt mit einem unerwarteten Bekenntnis: Mutter Anna war schon auf dem Weg, das Baby abtreiben zu lassen, doch änderte im letzten Moment ihre Meinung und entschied sich, es doch auszutragen - das Mädchen, das sie auf den Name Giorgia taufen ließ. Und Giorgia gesteht später in dem Buch, dass sie gern mehrere Kinder gehabt hätte – sie habe das Glück, Mutter zu sein, zu spät begriffen.

Mit Klarheit und aus Überzeugung packt die Politikerin auch komplexe Themen wie die Mutterschaft, die Identität und den Glauben an, würdigt die Päpste Johannes Paul II und Benedikt XVI. Leidenschaftlich spricht sie sich gegen Abtreibung aus, sieht bei der Politik die Verpflichtung, der materiellen Förderung der Familien und Alleinerziehenden höchste Priorität einzuräumen. Überhaupt: Sie polemisiert nicht, sondern argumentiert etwa zur Migrationspolitik, zu den Linken in den Medien, zum Nationalverständnis der Italiener (die Linken werden das anders empfinden).

Die teils rührenden privaten Einblicke erhalten eine klare politische Bedeutung. [...] Ihre Agenda, das wird deutlich, ist eine Politik der Rückkehr - zu Grenzen, zu Gegensätzen, zu alten Ordnungen, schreibt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Rückkehr? Konservative wollen nach ihrem Verständnis bewahren, was wert ist, bewahrt zu werden. Und lehnen auch deshalb das Gendern ab, pflegen das traditionelle Familienbild vom Vater, der auch Vater heißt, und der Mutter, die auch Mutter heißt – im Einklang mit der Mehrheit der Menschen. Gerade das in der Biografie von ihr geschilderte Familienleben von Meloni zeigt, dass Familie nicht automatisch Idylle bedeutet.

Ein lesenswertes und auch spannendes Buch, die Überschriften wie skandierte Ohrwürmer, ursprünglich ironisch gemeint, dann aber zu einem Manifest ihrer Identität geworden. Ich bin Giorgia, Ich bin eine Frau, Ich bin eine Mutter, Ich bin rechts, Ich bin Christin, Ich bin eine Italienerin. Wie Paukenschläge, und eines ist mal klar, schreibt die Weltwoche: So unverblümt, ja stolz, ist die rechte Gegenkultur lange nicht gefeiert worden. Dieses Buch atmet Freiheit in alle Richtungen, es zitiert Tolkien ebenso wie Ernst Jünger oder den geläuterten Pier Paolo Pasolini.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der politischen Führungsfigur, auf die die Augen vieler gerichtet sind, in Italien und nicht nur da, heißt es im Verlagstext. Zuerst strauchelte ich, ob sich der Kauf lohnt. Sollte ein Christdemokrat das lesen? Er muss es tun!

Meloni rechtsextrem? Ich meine: Rechts Ja, extrem nein. Ein bisschen erinnert mich die Auseinandersetzung von Meloni mit der Linken an den Wahlslogan der CDU  1972 bei der baden-württembergischen Landtagswahl unter Hans Filbinger: Freiheit statt Sozialismus. Da war die Zeit, als eine CDU noch absolute Mehrheiten einfuhr. (bä)

Giorgia Meloni: Ich bin Giorgia - Meine Wurzeln, meine Vorstellungen. Gebunden mit Schutzumschlag. 383 Seiten. 13,5 x 21,5 cm. Europaverlag. 26,00 Euro. ISBN 978-3-95890-654-9

Auf Sparkurs bringen

Einstimmig verabschiedete der Gemeinderat von Mühlacker kurz vor Weihnachten den Haushaltsplan für 2026.

Schon der legendäre Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel wies auf den Unterschied hin:  Sparen heißt, Geld, das man hat, nicht auszugeben. Bei uns geht es aber darum, Geld, das wir nicht haben, nicht auszugeben, und das nennt man Realismus. Der Gemeinderat von Mühlacker ist also realistisch eingestellt.

Wir tun beides nicht. Dies belegen die Entscheidungen über die Fraktionsanträge zum Haushaltsplan 2026 – wir geben 700.000 Euro zusätzlich zu den Positionen der Stadtverwaltung aus. Um ein Haar wäre es rund eine Million Euro geworden. Nichts gestrichen, nur die Ausgaben erhöht, und das trotz unerwartet kritischer Finanzlage. Die Folge: 10 Millionen Euro neuer Kredite. Das sind nach Abzug der 2026 fällig werden Tilgungen von 1,87 Millionen Euro netto 8,12 Millionen Euro, um den unser Schuldenberg nächstes Jahr wächst auf 40,5 Millionen Euro, was 1513 Euro pro Einwohner entspricht.   Wahrlich kein Meisterstück, wobei ich niemanden ausnehme.

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Lebens(mehr)wert für alle Generationen

Jana Geiger beschäftigt sich als eine von zwölf Autorinnen mit Wohnen im Wandel - Lebensqualität im Alter, so der Titel ihres 196-seitigen Buches. Die Innenarchitektin aus Lienzingen sagt, es sei sehr wichtig, alle (Jung und Alt) in der Stadt- und Dorfentwicklung mitzudenken und mitzunehmen. Einzelbereiche zu bearbeiten, statt das Ganze im Zusammenhang zu betrachten, scheint ihr zu kurz gedacht.

Ihr Credo: Wohnen ist mehr als ein Ort – es ist Ausdruck unserer Persönlichkeit, Quelle von Sicherheit und Voraussetzung für Lebensqualität. Gerade im Alter, wenn sich Lebensumstände und Bedürfnisse verändern, spielt die Wohnsituation eine entscheidende Rolle für Wohlbefinden, Gesundheit und soziale Teilhabe.

Dieses Buch beleuchtet das Thema Wohnen im Alter aus psychologischer, biologischer, gesellschaftlicher und praktischer Perspektive – und bietet neue Impulse für eine selbstbestimmte und würdevolle Wohnzukunft. Die Gesellschaft altert. Wohnen im Alter wird dadurch zunehmend ein wichtiges Thema.

Ihre Kernbotschaft lautet: Gutes Wohnen ist flexibel, sozial eingebunden und zukunftsorientiert – unabhängig vom Alter. In ihrem Beitrag Jung & Alt – zusammen mit Stefanie Mathis geschrieben – macht Jana Geiger deutlich, wie sich die Lebensqualität mit den verschiedenen Lebensphasen verändert und wie dabei das Zuhause eine zentrale Rolle spielt.

In einer Bestandsaufnahme weist sie auf viele Wohnformen hin, die eher Vereinzelung als Miteinander fördern. Stadtverdichtung verdränge Spielflächen, der halböffentliche Raum werde so zur reinen Verkehrsfläche, auf der sich niemand länger als unbedingt notwendig aufhalte.

Sie bringt viele gute, begeisternde Anregungen wie generationenübergreifende Gemeinschaftsgärten oder -parks. Begegnungsorte, an denen die Alten nicht nur unter sich sind und die Jungen nicht nur ihresgleichen suchen.  Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind groß zu ziehen, heißt es in einem afrikanischen Sprichwort.

Flexibilität als Leitprinzip: Geiger plädiert für Räume, die sich anpassen können, um den ständigen Neukauf einer neuen Umgebung zu vermeiden. Wohnzimmer sollen multifunktional nutzbar sein, Küchen zu Orten gemeinsamer Aktivitäten werden und Bäder barrierefrei bleiben. Das Ziel ist ein kontinuierliches Wachstum, angefangen von einer Wohngemeinschaft bis hin zu kompakten Wohnformen im Alter. Soziale Vernetzung als Maß für Lebensqualität: Wohnen wird zum sozialen Fixpunkt. Gemeinschaftliche Nutzflächen, Mehrgenerationenhäuser und Nachbarschaftstreffs fördern das Gemeinschaftsgefühl und das Sicherheitsgefühl. Der Zugang zu sozialen Kontakten ist oft genauso wichtig wie der Zugang zu physischen Annehmlichkeiten. Räume, die Begegnungen erleichtern, stärken das Wohlbefinden über Generationen hinweg.

Autorin Jana Geiger

Sicherheit, Gesundheit und Wohlbefinden: Sicherheit umfasst mehr als nur den Schutz vor Einbrüchen. Barrierefreiheit, gute Beleuchtung, klare Orientierung und gesunde Materialien spielen dabei eine wichtige Rolle. Die Expertin betont die Bedeutung einer sanften, aber stabilen Umgebung, die die verschiedenen Lebensphasen begleitet. Bewegungsfreiheit, gute Belüftung und eine geringe Lärmexposition tragen zur Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden bei.

Nachhaltigkeit und Zukunftsorientierung: Nachhaltigkeit beinhaltet auch die Planung über Generationen hinweg. Ökologische Materialien, effiziente Systeme und kurze Wege sind Teil dieses Ansatzes. Junge Erwachsene suchen bezahlbare und flexible Rahmenbedingungen, während ältere Menschen Wert auf Wartungsarmut und Sicherheit legen. Architekturen und Planungen sollten die Anpassbarkeit als Standard verstehen, um individuelle Lebensentwürfe und Gemeinschaften gleichermaßen zu stärken.

Finanzielle Dimensionen: Lebensqualität ist eng mit finanzieller Belastbarkeit verbunden. Modelle wie gemeinschaftliche Nutzflächen, Mietstützen und barrierefreie Förderprogramme mildern finanzielle Belastungen und gewährleisten die Teilhabe über Generationen hinweg.

Fazit: Lebens(mehr)wert für alle Generationen. Gemeinschaftlich statt gegeneinander: Jung & Alt zeigt, dass Lebensqualität dynamisch ist. Wer an flexibles, barrierefreies, sozial integriertes und ökologisches Wohnen denkt, schafft Räume, von denen alle Generationen profitieren können. Die Zukunft des Wohnens liegt in hybriden Formen, die Vielfalt respektieren und die Gemeinschaft stärken.

Herausgeputzt: Wohngebäude an der Wette in Lienzingen, Baujahr

Jana Geiger restaurierte zusammen mit ihrem Mann, auch Architekt, vor Jahren ein heruntergekommenesFachwerkhaus (Baujahr 1747) an der Wette in Lienzingen, das ihr inzwischen Heimat geworden ist. Es wurde zum Schmuckstück am Rand des historischen Ortskerns. Die 47-jährige, zwei Kinder, wuchs in Rostock auf, studierte in Berlin Architektur,zog vor 22 Jahren in den Raum Stuttgart.  Geiger arbeitet am Institut für Wohn- und Architekturpsychologie (IWAP), ist Gründerin der IWAP-Fachgruppe Lebensraum Kinder. Sie engagierte sich in Lienzingen bei der Betreuung der zeitweise in der Gemeindehalle untergebrachten ukrainischen Flüchtlingen, ist aktiv bei Herzenssache Lienzingen und bei der Organisation der Weihnachtsgaden. Sie lebt vor, was sie auch öffentlich vertritt. Und greift Themen zum Thema auf.

Wohnen im Wandel - Lebensqualität im Alter: Wie wir unsere Wohn- und Lebensräume gestalten können, um im Alter selbstbestimmt und zufrieden zu leben - Feldmer-Metzger, Monika; Schröder-Bauerfeind, Annelie. Softcover und Hardcover. ISBN 10: 3931641279 ISBN 13: 9783931641276. Verlag: Paschke Media, 2025. Preis: 20 Euro.

 

Das Älterwerden beginnt nach der Geburt

Ein Buch, das Freude machtund kämpferisch

Mein Rat: Lesen! Die Lektüre lohnt sich. Elke  Heidenreichs Altern tröstet die Alten und bereitet die Jungen aufs Altern vor. 112 Seiten mit vielen eigenen und zitierten Weisheiten der in Köln lebenden Autorin. Sie studierte Germanistik und Theaterwissenschaft und arbeitete bei Hörfunk und Fernsehen. Für ihr Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Ernst-Johann-Literaturpreis 2021. Sie war 80, als sie dieses Buch 2023 schrieb. Ein Text an einem Stück, der allen gut tut. Den einen, die alt sind, den anderen, die es garantiert noch werden. Denn das Älterwerden beginnt nach der Geburt. Elke Heidenreich, die eh nicht leicht zu erschrecken ist, zur Schnoddrigkeit neigend, gerade heraus. nähert sich dem Thema ganz persönlich. Ein ehrliches Buch über das Altern. Mutig und Mut machend.

Sie moderiert noch eine Buch-Sendung im Schweizer Fernsehen, schreibt regelmäßig, zieht über die Lande von Lesung zu Lesung, macht Station zum Beispiel am 16. September 2025 mit Altern im Stuttgarter Renitenztheater (leider schon ausverkauft).

Recht hat sie. Beispiele: 

  • Ach ja, die Jugend wäre schön, wenn sie etwas später käme unsd wir schon etwas klüger wären, oder? An die Jungen ist sie ja geradezu verschwendt. (...)
  • Hier sitze ich und atme. Und altere. Und altern heißt nicht: noch nicht tot zu sein. (...)
  • Mein gefühltes Alter ist jünger als mein juristisches.
  • Es ist ein gelungenes Plädoyer, nicht mit dem Erreichen der ersten Rentenzahlung den Schalter umzulegen und sich quasi auf den Weg zum Friedhof zu begeben? Sie schreibt, ihr Kopf wisse, dass sie jenseits der achtzig ist, aber nahe ihrem Gefühl sei sie zwanzig Jahre jünger. Meine Rede: Wo steht eigentlich geschrieben, dass einer mit 74 nicht mehr OB werden darf? In keinem Gesetz, aber in manchen Köpfen aus altersher.


Geht das, alt werden und ein erfülltes Leben führen? Eine Leseprobe aus Altern, erschienen bei Hanser:

Ich finde die alten, ja: die vom Leben verwüsteten Gesichter von Jeanne Moreau oder Louise Bourgeois wunderschön, sie erzählen von prall gefülltem Leben sehr viel mehr als die Gesichter von Frauen mit prall gefüllten Botoxwangen.

Wir werden anders alt als unsere Eltern. Früherer Kriegsmann mit fünfzig abgearbeiteten und alt. Heute sind viele Achtzigjährige geistig und körperlich noch fit und im täglichen Rennen. Die Welt ist im Wandel, wir wandeln uns mit, wir sind länger beweglich im Kopf, als es unsere Eltern waren, wir haben auch eine viel bessere medizinische Versorgung.

In einer Kolumne für eine Frauenzeitschrift schrieb ich vor mehr als zehn Jahren:

»An manchen Tagen fühle ich mich wie hundertacht und sehe auch genauso aus. Manchmal fühle ich mich wie vierzig und sehe auch genauso aus.

3 Fragen an Elke Heidenreich:

Was ist das Beste am Altern?
Natu?rlich dass man noch lebt! Das ha?tte ja auch anders sein ko?nnen...
Was ist das Schlimmste am Altern?
Wenn man arm ist, wenn man krank ist, wenn man einsam ist – das alles ist furchtbar traurig. Man sollte einigermaßen versorgt, noch einigermaßen gesund und zwar gern mal allein, aber nie einsam sein. Wenn man das hinkriegt, ist Altern wunderbar.
Was muss man tun, um gut zu altern?
Wach bleiben. Am Ball bleiben. Freundschaften pflegen und nicht aufho?ren, am Leben teilzunehmen. In meinem Fall: immer weiter arbeiten.

Elke Heidenreich: Altern. 112 Seiten, Hanser Berlin, Hardcover. ISBN 978-3-446-27964-3. 22.00 Euro

Sebastian Haffners und Die Angst vor dem Blick auf die Uhr - Mein Lese-Tipp

Abschied ist ein bemerkenswertes Werk der deutschen Literatur, das 1932 entstand und erst im Juni 2025 beim Hanser Verlag veröffentlicht wurde. Auf 192 Seiten schildert der junge Autor, damals noch als Raimund Pretzel bekannt und Jurist in Ausbildung, eine intensive Liebesgeschichte. Später emigrierte er nach London, wo er als politischer Journalist und Schriftsteller unter dem Namen Sebastian Haffner bekannt wurde. Sein Stil zeichnete sich durch präzise Formulierungen und Unabhängigkeit vom Zeitgeist aus, besonders in Werken wie Anmerkungen zu Hitler. Haffner, der 1999 verstarb, bleibt als eigenständiger und kritischer Denker in Erinnerung. 

Das Buch stammt aus dem Nachlass Haffners und ist weniger ein politisches Statement als vielmehr die Erzählung einer Liebesbeziehung zwischen dem jungen Raimund und Teddy. Ihre Geschichte beginnt in Berlin und findet ihren Höhepunkt in Paris, wo sie nach zwei gemeinsamen Wochen getrennte Wege gehen.

Für Raimund bleibt Teddy dennoch eine prägende Gestalt seines Lebens. Laut dem Nachwort von Volker Weidermann verließ Teddy Berlin aus Angst und studierte an der Sorbonne, während sie in Paris von vielen Verehrern umgeben war. Raimund versucht in diesen Tagen, das Glück festzuhalten und wünscht sich, die Zeit anhalten zu können.

Bemerkenswert am Text sind nicht nur die Ereignisse, sondern auch die originellen Formulierungen und Bilder. Haffner verzichtet auf Detailverliebtheit und beschreibt etwa den Louvre mit den Worten: Die Venus von Milo blickte weiter über ihr totes Volk. Auch die Charakterisierung von Personen gelingt ihm durch überraschende Vergleiche und prägnante Beobachtungen. Er schreibt von den Meeresspiegeln von Autodächern. Oder: Der Boulevard strömte und wimmelte, Die Schilderung des Abschieds von Teddy am Bahnhof Gare du Nord bleibt eindrücklich: Die Angst vor dem Blick auf die Uhr wird zur beklemmenden Metapher für Vergänglichkeit und Verlust. Haffner gelingt es, das Augenblicksglück so eindrucksvoll festzuhalten, dass Leser  heute noch das Gefühl haben, Teil dieser Pariser Runde zu sein. Die Leichtigkeit und gleichzeitige Tiefe des Werks machen es zu einem bedeutenden Zeitdokument und zeigen Haffner am Beginn seiner schriftstellerischen Entwicklung – unabhängig, streitbar und voller Zärtlichkeit.

Leseprobe

Als ich wieder in meinem Zimmer war, rauchte ich erst eine Gitane. Dann besorgte ich Obst und Gebäck, da ich Franz Frischauer erwartete und Teddy noch vorbeikommen wollte, um sich zu verabschieden. Obwohl wir manchmal böse aufeinander waren, hielten unsere Verabredungen. Teddy brachte Fräulein Gault mit, nach und nach kamen auch Franz und Horrwitz dazu, und bald war mein Zimmer voller Leben. Fräulein Gault, eine ernste junge Frau aus Nordfrankreich, trug einen Schleier und gab Sprachstunden, spielte Cello und zeigte sich stets freundlich und zurückhaltend. Unsere Bekanntschaft begann damit, dass sie mir eine Uhr lieh, da ich meine in Berlin vergessen hatte. Diese Uhr war schlicht und manchmal blieb sie stehen – "il faut la secouer parfois," meinte sie, "elle est capricieuse – comme sa maîtresse." In Wahrheit war Fräulein Gault alles andere als launisch. Zwischen ihr und Teddy bestand eine sanfte Freundschaft voller kleiner Gesten. Ihre Gastfreundschaft zeigte sich in improvisierten Teerunden, zu denen sich oft Freunde einfanden und in verschiedenen Sprachen geredet, geraucht und gelacht wurde.

Sebastian Haffner: Abschied. 192 Seiten, Hanser Verlag, Hardcover, ISBN 978-3-446-28482-1. 24,00 €

 

Verkehrsdebatte in Mühlacker: Zwischen Tempo 30, 40, 50 und der Suche nach Lösungen

30er-Schild auf der B10-Ortsdurchfahrt Mühlacker, rechts daneben der Blitzer (Foto: Günter Bächle)

Das Tempolimit auf der B10 in Mühlacker ist seit Monaten Thema intensiver Diskussionen. Die zentrale Frage lautet, welche Geschwindigkeitsgrenze auf der Bundesstraße 10 (Pforzheimer Straße und Stuttgarter Straße) gelten soll – 30, 40 oder 50?  Dabei stehen nicht nur rechtliche Aspekte aus der Straßenverkehrsordnung im Vordergrund, sondern insbesondere die Anforderungen an den Lärmschutz gemäß Stufe 3 des EU-Lärmaktionsplanes, die für Kommunen bindend sind.

Der Zusammenhang zwischen Lärm und gesundheitlichen Auswirkungen wird allgemein anerkannt. Die Meinungen über die Rolle des Kfz-Verkehrs als Verursacher von Gesundheitsbelastungen gehen jedoch auseinander. In verschiedenen Medien, darunter Social Media, werden unterschiedliche Positionen vertreten.

Für einen Teil der Bevölkerung ist das Tempolimit eine bedeutende kommunalpolitische Fragestellung, die mitunter stärker wahrgenommen wird als andere lokale Entscheidungen wie etwa die aktuelle Haushaltssperre. Die Auswahl eines Tempolimits – ob 30, 40 oder 50 km/h – führt regelmäßig zu öffentlichen Debatten, sowohl offline als auch online.

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Die Herausforderung der Unterbringung – Ein Blick in unseren Alltag

Manchmal sucht man sich seine Aufgaben nicht aus – sie kommen einfach auf einen zu. So ist das bei uns mit der Unterbringung von obdachlosen Menschen. Das Gesetz gibt klar vor: Die Kommunen müssen sich kümmern. Ob wir wollen oder nicht, wir können uns dieser Verantwortung nicht entziehen – und ehrlich gesagt, das ist manchmal ganz schön schwierig.

In den vergangenen Monaten habe ich viele Diskussionen verfolgt. Ständig geht es um die Frage: Wo können wir neue Einrichtungen schaffen? Das wird besonders dann zum Problem, wenn Geflüchtete nach zwei Jahren – so will es das Gesetz – aus den Unterkünften des Kreises entlassen werden. Wer bis dahin keine Wohnung gefunden hat, wird obdachlos und landet wieder in kommunaler Verantwortung, also bei uns. Das ist bei uns mittlerweile Alltag.

Eigentlich soll die sogenannte Anschlussunterbringung eine Brücke in ein eigenständiges Leben sein. Aber ganz ehrlich: Das ist oft reine Theorie. Denn bezahlbarer Wohnraum fehlt bei uns an allen Ecken und Enden – und nicht nur bei uns. Das Resultat? Viele Menschen bleiben länger in den Unterkünften der Stadt, weil der Sprung in eine eigene Wohnung fast unmöglich ist.

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Stimmenfang auf dem Minenfeld

Übersicht über die Objekte, die die Stadt Mühlacker und der Enzkreis derzeit zur Unterbringung von Flüchtlingen nutzen. Die größeren roten Punkte stehen für Einrichtungen von zehn Plätze an. (Grafik: Stadt Mühlacker)

Das sind Helden, unsere drei OB-Kandidaten aus dem Mühlacker Gemeinderat, die Oberbürgermeister Frank Schneider beerben und vom 1. Januar 2026 an Chef im Rathaus sein wollen. Helden der besonderen Art, wie sich an den ersten beiden Abenden dieser Woche zeigte. Zweimal tagte der Gemeinderat, um eine Liste mit 37 Tagesordnungspunkten abzuarbeiten. Das gelang auch, obwohl mindestens zwei Reizthemen erwartungsgemäß für Debattenstoff (und somit Zeit) sorgten:

Themen, die damit nicht erledigt sind, sondern weit in die Nach-Schneider-Ära hineinreichen. Hätte zu einer Herausforderung werden können für die OB-Aspiranten, mit klaren und eigenständigen Positionen im Stadtparlament zu punkten, nicht orientiert an der Fraktionsmeinung, auch nicht an den vielen  Nein-Sagern zum Wohnheim-Standort am Wallfahrtswerg  im Eckenweiherstandort – sondern ausschließlich an der Verantwortung der Stadt, Probleme zu lösen und dies so wirtschaftlich wie möglich zu tun. Auch wenn dies unangenehm sein kann; wie zum Beispiel bei der gesetzlichen Aufgabe zur Unterbringung von Asylsuchenden, die ihr vom Landkreis zugewiesen werden.  Wenn sie keine ausreichende Zahl von Plätzen schafft, kassiert der Enzkreis eine Fehlbelegerabgabe. Für Mühlacker dürfte so allein 2025 mehr als eine Million Euro fällig werden.

Ein Minenfeld nannte das der MT-Kommentator zurecht.

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Zahlen aus dem Landratsamt

 

Zwar seien die Zugänge von Asylantragstellern nach Baden-Württemberg im Jahr 2024 um rund 40 Prozent gesunken. Gleichwohl befinde sich diese Zahl weiterhin auf einem hohen Niveau, heißt es der Antwort des zuständigen Dezernenten des Enzkreises, Holger Nickel auf meine Anfrage als Kreisrat. Ich hatte die Prognosen aus dem Landratsamt vor dem Hintergrund der verzweifelten Suche der Kommunen wie Mühlacker nach Unterbringungsmöglichkeiten kritisch hinterfragt, nachdem von Bund und Land auf den Rückgang der Zahl Geflüchteter hingewiesen werde. Tatsächlich zeigt der Trend nach unten - auch beio den Zuweisungen in die Anschlussunterbringung durch die Kommunen.

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Was das neue Sanierungsgebiet Lienzingen II so einmalig macht

Fachwerkparade in der Herzenbühlstraße (Fotos: Günter Bächle)

Jetzt ist der Weg frei. Die vom Land Baden-Württemberg genehmigte Neuauflage des Sanierungsgebiets in Lienzingen kann anlaufen. Der Gemeinderat stimmte der Sanierungssatzung, der Abgrenzung und den Förderrichtlinien zu.  Erfreulich ist, dass die maximalen Fördersätze gegenüber 2018 um zehn Prozent erhöht wurden. Den Anstoß dazu gab dazu in der jüngsten Ratssitzung ein CDU-Antrag. Unsere Begründung: In den vergangenen sieben Jahren liefen die Baukosten den Sanierungsgeldern davon. Wir wollten wertmäßig auf das Niveau von 2018, die Verwaltung wollte gar keine Anhebung, doch der Gemeinderat verständigte sich, zehn Prozent draufzulegen. Manchmal ist der Spatz in der Hand mehr als die Taube auf dem Dach.

Im Sanierungsgebiet Ortskern II Lienzingen wohnen zirka 258 Einwohner auf einer Fläche von rund 10,3 Hektar. Das neue Sanierungsprogramm (aus dem Bund-Länder-Programm Sozialer Zusammenhalt) läuft bis 2033. Zunächst liegen 1,6 Millionen Euro im Fördertopf (60 Prozent vom Land und 40 Prozent von der Stadt). Doch schon jetzt rechnet die Kommunalentwicklung Baden-Württemberg (KE), von der Stadt beauftragter Sanierungsträger, im 93-seitigen Ergebnisbericht der vorbereitenden Untersuchungen vor: 4,4 Millionen Euro werden in den nächsten sieben Jahren notwendig sein. Wenn der Topf leer ist, wird vom Land auf Antrag der Kommune aufgestockt, was meist in Ein-Millionen-Schritten geschieht. Zudem laufen die Sanierungsgebiete länger als zunächst formal festgelegt (Ortskern I Lienzingen, von 2006 bis 2022, ursprünglich bis 2014).

Was dieses Sanierungsgebiet so einmalig macht: Lienzingen verfügt über eine Vielzahl von sehenswerten Fachwerkbauten aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Der historische Ortskern ist umrahmt von Hausgärten, die eine ortsnahe Grünzone bilden. Zusammen mit dem Scherbentalbach und dem Schmiebach stellen sie eine Zäsur zu der südlich und östlich angrenzenden neueren Bebauung dar. Mit 40 Prozent ist der Anteil der Kulturdenkmale außergewöhnlich hoch, gilt als Markenzeichen des Dorfkerns, der als Etterdorf unter Schutz steht. 

Um die Mitwirkungsbereitschaft sowie Wünsche und Anregungen der Gebäudeeigentümer im Untersuchungsgebiet zu erfragen, wurden im August 2024 insgesamt 119 Fragebögen an die Eigentümer verschickt. Außerdem durfte auch online an der Befragung teilgenommen werden. 42 konnten ausgewertet werden.

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