Ihre Heimat im Kontext von Massenmord

Gedenken neu denken zeigt: Die Shoah ist kein abgeschlossenes Kapitel, sondern ein fortlaufender Lernprozess, der Vielfalt, Verantwortung und digitale Sorgfalt braucht. Davon ist Susanne Siegert zutiefst überzeugt: Beim offiziellen Gedenken an die Opfer der Judenverfolgung und -ermordung durch die Nazis gehe es viel zu oft nicht wirklich um die Opfer und ihre Nachkommen, sondern um uns, um das eigene gute Gewissen der ehemaligen Tätergesellschaft, die sich selbst als aufgeklärt und moralisch geläutert inszenieren will. Die, an die erinnert werden solle, würden wieder an den Rand gedrängt. Und die Journalistin belegt die Richtigkeit dieser Kritik mit Beispielen.

Sie plädiert für eine pluralistische, neue Gedenkarbeit mit einem Schwerpunkt auf der Verantwortung der Nachfahren der Tätergeneration anstelle unserer einstudierten gemeinsamen Rückschau mit den Opfern. Es geht um weniger bekannte NS-Verbrechen, um weniger bekannte Orte, um bisher vernachlässigte Opfergruppen wie Sinti und Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, . Gleichzeitig zeigt dieses Buch, wie wichtig eine aktivere, vielfältigere Gedenkkultur ist, um künftige Generationen auch ohne direkte Zeitzeugenberichte… Genug Erinnerung für alle, lautet einer der Zwischentitel in dem lesenswerten Buch. Klingt flapsig, trifft damit aber den Punkt: Die Juden sprechen von der Shoah, Sinti und Roma von Porajmos. Beide Bezeichnungen meinen den Völkermord durch die Nazis.

Lesung: 08. Januar 2026. Um 20:00 Uhr Im Wizemann, Quellenstraße 7, Stuttgart. Autorin Susanne Siegert spricht über „Gedenken neu denken“ 

Gedenken neu denken – der Titel des im Piper-Verlag veröffentlichten 237-seitigen Buchs lässt im ersten Moment zurückschrecken. Schon wieder die Kritiker von der falschen, rechten Seite?! Nein, der Autorin ist es ernst mit dem Nicht-Nichtvergessen, mit dem Erinnern und Gedenken der Verbrechen in der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft von 1933 bis 1945. Susanne Siegert scheut auch nicht, das Reizthema, die Beteiligung und Mitschuld der deutschen Wehrmacht an den Verbrechen, aufzugreifen.

Mit 27 Jahren fängt sie die Recherche in der eigenen Familie an.   Ur-Opas, die zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs auf der Seite der Nazis gekämpft haben – was taten sie, was wussten sie?   Da besuchte sie auch erstmals das ehemalige Lagergelände in Mühldorf. Tatorte waren eben nicht nur weit entfernt von ihrer oberbayrischen Heimat: Ausschwitz, Treblinka, Dachau, Bergen-Belsen.  Orte des Terrors lagen auch ganz in der Nähe, zum Beispiel das KZ-Außenlager Mühldorfer Hart – ein Außenlager des KZ Dachau.

Plötzlich lernte sie ihre Heimat im Kontext von Massenmord kennen. Sie recherchierte, empfiehlt dies auch generell jungen Menschen. Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges gab es 23 Stammlager und 1154 KZ-Außenlager. Ihre Schlussfolgerung: Dadurch sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass es in Deiner Umgebung Tatorte von Naziverbrechen gab. Sie liefert Adressen für die Recherche, so für die Online-Beständen des Arolsen-Archivs, beim Bundesarchiv.Alles, was du in der Schule garantiert NICHT über Naziverbrechen lernst – das wurde zum Slogan ihres Instagram- und Tik-Tok–Kanals @keine.erinnerungskultur, für den sie mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Zurecht!

Susanne Siegert, geboren 1992, ist Journalistin und eine der bekanntesten Stimmen der digitalen Erinnerungskultur in Deutschland. Sie klärt auf Instagram und TikTok über den Holocaust auf. Für ihre innovative und engagierte Arbeit wurde sie 2024 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet, 2025 erhielt sie den Margot Friedländer Preis. Siegert lebt in Leipzig

• Siegert argumentiert, dass das kollektive Erinnern an den Holocaust kein starres Monunent, sondern ein dynamischer, politisch verflochtener Prozess ist. Erinnerungspraktiken müssten heute multiperspektivisch, dekonstruktiv und sensibel gegenüber Fragen von Antisemitismus, Kolonialismus (so die Ermordung von 100.000 Herero und Nama in den Jahren 1904 bis 1908 im heutigen Namibia durch deutsch-kaiserliche Truppen), Migration und Ungleichheit gedacht werden. Dabei bleibt die zentrale moralische Verantwortung unbestritten: Die Würde der Überlebenden, die Anerkennung der Leidensgeschichten und die Verpflichtung zur Bildungsarbeit gegen Antisemitismus und Diskriminierung hält die Autorin für weiterhin notwendig. Traditionelle Narrative könnten hilfreich sein, doch sie reichten meist nicht aus, um die Vielstimmigkeit der Erfahrungen abzubilden. Siegert plädiert für die systematische Einbeziehung von Stimmen Betroffener, Nachfahren und marginalisierter Gruppen.Wer erinnert wen, wer erzählt, wer wird ausgeschlossen? 

• Digitale Formate, Datenbanken und Algorithmen eröffnen, so ihr Fazit, neue Zugänge, bergen aber die Gefahr der Fragmentierung.

© Foto: Ina Lebedjew

Das Buch hat einen klaren Bezug zur Gegenwart: Siegert verortet Gedenken in aktuellen Debatten zu Kolonialismus, Trauma- und Erinnerungskritik. Susanne Siegert wirft die richtigen Fragen auf, liefert auch die Antworten dazu. Das Buch hat mich auf keiner Lese-Strecke gelangweilt. Auch nicht die Passagen über die Debatten um den richtigen Holocaust-Gedenktag.

Die Mischung macht das Buch sowohl anspruchsvoll als auch zugänglich für ein breites Publikum.Theoretische Tiefgang bei gleichzeitig lesbarer Sprache: Trotz komplexer Konzepte gelingt es, eine Verständlichkeit zu wahren, sodass auch Leserinnen und Leser ohne Vorwissen der Gedächtnisstudien mitgenommen werden.

Ein brisantes Thema, ein Stück Vergangenheit, das die Deutschen nicht einfach abstreifen können. Und viele wollen es auch nicht abtreifen. Erinnerungsarbeit lokal – ein Beispiel aus unserer Nachbarschaft, die KZ-Gedenkstätte in Vaihingen an der Enz. (bä)

Susanne Siegert: Gedenken neu denken – Wie sich unsere Erinnerung an den Holocaust verändern muss. Piper-Verlag. 240 Seiten, Klappenbroschur. 13,6 cm x 21,5 cm. 18.00 Euro. Mit umfangreichem Daten- und Adressenmaterial im Anhang. EAN 978-3-492-06545-0

Lesestunde zur jüngeren Heimatgeschichte

Jetzt erschien mit dem Werk Mühlacker + Mit Millionen gelockt oder von Richtern gezwungen: Wie fünf Ortschaften zur Senderstadt kamen. Zur Kommunalreform vor 50 Jahren und andere Geschichten der zehnte Band der Reihe Beiträge zur Geschichte der Stadt Mühlacker. Die beiden Lesungstermine gemeinsam mit den Autoren Günter Bächle und Hans-Peter Vaas. 

  • Freitag, 12. Dezember, um 18 Uhr im Vereinszimmer des Stadtteilrathauses Großglattbach
  • Mittwoch, 17. Dezember, um 19 Uhr im Evangelischen Gmeindehaus Lienzingen
Auftakt war jetzt in Großglattbach - Von links Hans-Peter Vaas, Günter Bächle und OB Frank Schneider

Das vergessene Buch

1979 erschienen

Nacht und Nebel - Die Geschichte von Floris B. Bakels (1915-2000), der durch die Hölle der KZ ging. Wobei ihm sein christlicher Glaube half. So Jesus Worte: Er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie los sein sollen.

Mit drei Geschwistern in der Geborgenheit einer großbürgerlichen Familie in Den Haag aufgewachsen, studiert Floris in Leiden, wird 1939 wie der Vater Jurist, tritt in eine Kanzlei ein. Der Vater wendet sich später der Malerei zu, die Mutter organisiert den Familienbetrieb, stammt aus einer angesehenen und wohlhabenden Familie. Die Bakels sind, wie viele andere auch, deutsch orientiert: literarisch mit Goethe, Schiller, musikalisch mit Beethoven, Mozart und Brahms. Man nahm Gesangsunterricht in Leipzig und Dresden. Man fuhr in die Ferien nach Wiesbaden und Heidelberg. Man kleidete sich in Hannover ein und tanzte in Bentheim.

Später verwendet er häufig das Schimpfwort für die Deutschen: Mof und in der Mehrzahl Moffen. Es wird zu seinem Wort-Repertoire. Bakels macht aus seinen Überzeugungen und Empfindungen kein Hehl. Er kann nicht vergessen, Unverzeihliches nicht verzeihen. Er zeigt schonungslos, was von deutschen Besetzern dem niederländischen Volk angetan wurde und wie problematisch der niederländische Widerstand war, er hat ihm angehört. Über Leben, Unleben und Tod, viele Tode in den Konzentrationslagern gibt er genauen Bericht: auch über den Kampf ums Überleben, den grausamen biologischen Ausleseprozess, nicht zuletzt aber über die rettende Kraft des Glaubens.

Wir haben eine gewisse Grenze überschritten, kamen in ein Reich, das ein Mensch eigentlich nicht betreten darf, und wir sind dort Emotionen begegnet, die nur sehr schwer zu ertragen sind. Wir sind aus diesem Reich zurückgekehrt. Wir haben wieder zu und selbst gefunden – so gut wie möglich. Wir haben unser Leben wieder zu leben begonnen. Diesseits.

Am 10. Mai 1940 marschiert die deutsche Wehrmacht in den Niederlanden ein, fünf Tage lang hält die kleine Armee des Königsreichs dem Ansturm Stand, Königin Wilhelmina und die Regierung fliehen nach London.  Vier Tage darauf steht Rotterdam in Flammen. Eine ihm sich bietende Möglichkeit, mit einem Boot auch nach Großbritannien zu fliehen, lehnt Floris B. Bakels ab, schließt sich der holländischen Widerstandsgruppe Leeuwengard (Löwengharde) an. Am 9. April 1942 wird er morgens um 6.30 Uhr in seinem Haus durch einen billigen Hin-zu-und-Her-Gong geweckt, sein Bruder Hans öffnet die Tür, zwei Herren von der deutschen Polizei durchwühlen Schränke und Koffer, behalten ihre Hüte auf. Ihr Mann kommt mal mit. Vielleicht ist er heute Abend schon zurück, sagt einer zu seiner Frau. Der Mercedes, in der er einsteigen muss, hat das Kennzeichen POL-1A 9807. Aber heimkehren wird er nicht am selben Abend, sondern erst im Mai 1945 und somit drei Jahre später.  Mit der Festnahme durch die beiden Gestapo-Männer beginnt für den niederländischen Patrioten, Rechtsanwalt und Christ eine Zeit des Martyriums.

Sie verhören ihn im Deutschen Gefängnis in Scheveningen. Gangster nennt Bakels sie später in seinem Buch über die folgenden Jahre. Danach bringt man ihn ins Polizeiliche Durchgangslager Amersfoort, das Kriegswehrmachtgefängnis Utrecht, es folgen die Konzentrationslager Natzweiler und Dachau, die Außenkommandos Dautmergen und Vaihingen/ Enz des Lagers Natzweiler und, kurz vor Kriegsende, am 5. April 1945 noch einmal das KZ Dachau.

Floris Bertold Bakels

In den drei Jahren seiner Leidenszeit gehört Bakels zu denjenigen, die heimlich Tagebuch schreiben. Nein, niemals darf die Welt vergessen, wir alle werden uns dafür einsetzen, wir werden schreiben, notiert er in sein Tagebuch, und: Es ist sinnlos, etwas zu erleben, ohne darüber zu schreiben. Er schreibt heimlich auf von Zementsäcken abgerissenen Papierfetzen und versteckt die Zettel bei Durchsuchungen an seinem Körper. An die dreitausend Eintragungen können so – auch mit Unterstützung von Helfern und Helfershelfern – gerettet werden, ein Teil geht verloren. Die Ehefrau eines Arztes tippt die Aufzeichnungen nach seiner glücklichen Heimkehr ab, während Bakels in einer Klinik in seiner Heimat behandelt wird – er leidet zeitweise unter 40 Grad Celsius Fieber. Allein sein Utrechters Tagebuch umfasst etwa 1000 Blatt Toilettenpapier.

Bakels schreibt selbst, der Leser solle einen wahrheitsgetreuen Eindruck erhalten, eine sachliche Auseinandersetzung mit der KZ-Existenz. 1947 erscheint Bakels’ Tagebuch aus dem Konzentrationslager unter dem Titel Verbeelding als Wapen (Phantasie als Waffe). Nacht und Nebel folgt unter diesem Titel 1977 als erste Auflage der niederländischen Ausgabe. Für die deutsche Ausgabe fand sich 1977 einzig der Verlag S. Fischer in Frankfurt. Neun Verlage antworten auf Bakels Anfrage gar nicht oder lehnen ab.

Keine einzige – wirklich nicht eine einzige – Sekunde des Tages und der Nacht sei ein Häftling seines Lebens sicher gewesen. Ein KZ sei nicht beschreibbar. Es gehöre einer anderen Welt an, es sei ein fremder Planet, schreibt Bakels.  Immer konnte alles geschehen, und man konnte es sich nicht schrecklich genug vorstellen, denn die Wirklichkeit übertraf jede Vorstellung. Wir wurden mit vollster Absicht und dauernd von der Lagerleitung terrorisiert. Vollzogen worden sei dieser Terror durch Leute, die reine Verbrecher gewesen seien – Verbrecher, entsprungen aus Alpträumen. Zusammen hätten sie eine satanische Macht geformt. Jedes Schamgefühl sei abhandengekommen. Durchfall, immer und überall an der Tages- und Nachtordnung.

Seine Beschreibungen lassen den Gefangenen ihre Würde, ohne die Wahrheit auszugrenzen. Hungersnot, Krankheit, Elend, trotzdem harte Arbeit in Steinbrüchen und an Straßen, Schleppen von Steinen, Balken, Zementsäcken und Schmalspurgleisen. Wer sich bei der Arbeit nicht wunschgemäß benimmt, riskiert eine Meldung und wird, zurück im Lager, mit 25 oder mehr Peitschenhieben bestraft. Ohne Freundschaften hätte man, wie Bakels schreibt, ein Moffenlager nicht überleben können. Sind SS-Leute Teufel? Auf diese Frage eines Mit-Häftlings in Natzweiler gibt Bakels eine überraschende Antwort: Nein, sie sind Besessene. Sie seien vom Satan besessen, von Dämonen.  Und auf die Gegenfrage, ob denn auch in den SS-Leuten der Teufel sei:  Ja. Der Schöpfer ist in allen Kreaturen. Man könne ja manchmal feststellen, dass sogar in den SS-Leuten noch ein Rest Gutes stecke, eine Erinnerung an das Gute. Wir beten um ihre Erlösung von dem Bösen. Wir dürfen sie nicht hassen – es kostet uns unendliche Mühe, diese Mitmenschen nicht zu hassen.

Dann Station sieben von acht, vom 21. November 1944 bis 2. April 1945, Vaihingen an der Enz, Außenkommando von Natzweiler. 46 Seiten dazu in Nacht und Nebel. Bei einem Besuch Jahre nach dem Krieg nennt Bakels Vaihingen eine Villenstadt.

Ursprünglich befinden sich in dem Lager dort nur polnische Juden aus Radom und Krakau. Aus verschiedenen Lagern werden Krankentransporte nach Vaihingen geschickt, dreiviertel der Lagerinsassen sind ständig krank, schreibt Bakels.  Die Läuseplage habe geradezu unbeschreibliche Formen angenommen. In Vaihingen sei ein großer Teil der Häftlinge, darunter fast alle Holländer, zugrunde gegangen. Zunehmende Zahl der Luftangriffe, die Front kommt näher – und die Befreiung durch die Amerikaner?   Am 2. Januar 1945 schreibt Blakes in sein Tagebuch: Heute bin ich seit tausend Tagen in Gefangenschaft. Wie gut, dass ich es nicht früher gewusst habe.

Ende Februar greift der Tod in Vaihingen wieder einmal nach Blakes, wie er schreibt. Im Lager sei die Zahl der Kleiderläuse, die die Übertragung des Fleckfiebers oder Flecktyphus sind, auf einige Trillionen angestiegen. Die Läuse sind allgegenwärtig, auch auf der Brotrinde, die man gerade isst. Die grauen Pferdedecken total verlaust. Hunderte von Häftlingen liegen dort in allen Stadien des Fleckfiebers krepierend, schreiend, stöhnend, phantasierend, kackend, pissend, quer durch die drei übereinander angeordneten Pritschenreihen.  Er hat 40,8 Grad Fieber.

Dann schildert der Autor eine Nacht, die die furchtbarste für ihn werden sollte, wie er empfindet. Am Abend starben noch viele Fleckfieberkranke (oder eher: verreckt). Sie werden zum Mittelgang der Baracke geschleift, nicht weiter, denn die Leichenträger dürfen im Dunklen nicht ausrücken. Während dieser Nacht muss Blakes wieder ganz dringend nach draußen. Da mir die Kraft fehlte, auf eine normale Weise aus der Pritsche nach unten zu gelangen, ließ ich mich mehr oder minder rollend und mich festklammernd fallen. Ich tastete mich an den Pritschen mit den Sterbenden vorbei, fand die Tür zum Gang. An Ende des Ganges sah ich einen – gelblich – leuchtenden Schein, dort wo die Türen zum Kübel sein musste.

 Doch unter seinen Füßen spürt er eine große, eisige, schlüpfrige Masse. Der Holzboden scheint ihm wie eingeseift, so glatt ist er. Als er nach einem festen Halt greift, vernimmt  er das klatschende Geräusch von Armen und Beinen, die von dem Berg herunter gleiten. Er stolpert und fällt mit seinem gelben, glühenden, gespaltenen Schädel zwischen die Gliedmaßen. Doch schließlich erreichte ich den Scheißkübel, und in der eisigen Kälte klatschte wieder ein Stück Leben aus mir neben der Tonne in den Dreck.

Der Eintrag am 8. März 1945: Zum Schreiben zu krank. Jetzt 38, 37,6 Grad, das ist gut, Krise hinter mir. Aber grausiger Durchfall mit Dreck im Bett. Auch Kotzen. Und bodenlose Niedergeschlagenheit.

6. März: Also vor 2 Jahren haben sie mich geholt. Ich bin Gott sei Dank wieder aus Block 4 heraus und wieder in 2 - welch eine Anstrengung! Erst nur kotzen wegen des Gestanks. Dann Suppe, aber gleichzeitig Riesenhunger auf alles und Ekel vor allem Lageressen. Jetzt, ein ergreifender Triumphzug durchs Frühjahr. Heulte um Steinerweichen. Verschont!

Glück, Gottvertrauen, Robustheit?

KZ Vaihingen bei der Befreiung Ende April 1945 durch die Franzosen

Von Vaihingen nach Dachau, seine letzte Station als Häftling der NS-Schergen.

Am 29. April 1945 wird das Konzentrationslager Dachau von amerikanischen Truppen befreit. Zehn Tage später setzt sich Floris Bertold Bakels ab und gelangt nach einer zweiwöchigen Irrfahrt wieder in seine niederländische Heimat, wo er mehrere Monate im Krankenhaus verbringt und anschließend ein halbes Jahr zur Erholung in die Schweiz geht.

Seit zwanzig Jahren steht Nacht und Nebel von Floris B. Bakels (1915-2000) in meinem Bücherschrank. 387 Seiten ungelesen! Immer wieder schob ich die Lektüre auf. Denn diese Geschichte ist nicht einfach zu verarbeiten. Bakels' Erfahrungen in deutschen Gefängnissen und Konzentrationslagern während des Zweiten Weltkriegs, so der Untertitel.

Jetzt legte ich das Buch endlich ganz oben auf den Stapel.  Bakels' authentische Dokumentation von Not, Glaube und Rettung erschüttert. Es ist der Bericht eines Überlebenden des sadistischen und mörderischen Nazi-Systems, ein direkter Einblick in die Hölle, der über den Kampf ums Überleben und schreckliche Momente sachlich und gut beschreibt – eine schwer zu verkraftende Lektüre. Das Buch belastet einen auch emotional, der Leser erlebt Momente, in denen er es beiseitelegen möchte. Aber dies käme einer Flucht vor der Realität gleich. Solche Zeugnisse sind besonders in der aktuellen politischen Diskussion über die Stärkung und Sicherung von Demokratie, Freiheit und Frieden unverzichtbar. Nie wieder ist jetzt.

Floris B. Bakels: Nacht und Nebel, Der Bericht eines holländischen Christen aus deutschen Gefängnissen und Konzentrationslagern. Aus dem Niederländischen übersetzt von Suzanne Koranyi. 387 S., 23 cm. S. Fischer Verlag. 1979: 3-10-004706-0. 2016: ISBN 978-3-10-561357-3. Taschenbuch, 1982.  ISBN: 3596234689

Ludwigsburger Kreiszeitung, 13. April 2003: Vaihingen hält das Gedenken an die NS-Mordopfer wach

Erstmals Buslinie Großglattbach-Vaihingen

Der 707er

Die jahrlangen Bemühungen und das ständige Bemühen gerade auch von mir als Kreisrat haben sich gelohnt – erstmal verkehrt ein Linienbus zwischen Großglattbach und Vaihingen. Der Umwelt- und Verkehrsausschuss des Kreistags stimmte der Vergabe des Auftrags jetzt einmütig zu. Vom Fahrplanwechsel am 14. Dezember 2025 bedient dann die Linie 707 Großglattbach anstatt den Ortsteil Roßwag. Das dazu vom Verkehrsverbund Pforzheim/Enzkreis (VPE) in Abstimmung mit dem Verkehrsverbund Stuttgart (VVS), dem Landkreis Ludwigsburg und dem Enzkreis entwickelte Fahrplankonzept liegt inzwischen vor.

Danach startet die erste Fahrt montags-freitags um 5:40 Uhr ab Großglattbach nach Mühlacker über Vaihingen (Enz), in Gegenrichtung um 05:21 Uhr ab Mühlacker.  Ab ca. 8:00 Uhr fahren die Busse -mit wenigen Ausnahmen - stündlich zu Minute 06 ab Großglattbach bzw. zur Minute 55 ab Mühlacker.
Letzte Fahrt von Großglattbach nach Mühlacker ist 18:06 Uhr, nach Vaihingen (Enz) um 20:06 Uhr und in Gegenrichtung um 18:55 Uhr ab Mühlacker bzw. 20:27 Uhr ab Vaihingen (Enz) nach Großglattbach. Samstags verkehrt die Linie 707 im Stundentakt, sonntags im 2-Stundentakt.

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Enkel Walter löst das Rätsel: Mühlacker Firma Friedrich Schuler in den Fünfzigern beim Gastspiel im Lienzinger Hirsch-Saal

Das Rätsel ist gelöst, somit die Frage beantwortet, die ich am Ende meines Textes über das altehrwürdige Lienzinger Gasthaus Hirsch den geneigten Leserinnen und Leser mit auf den Weg gab: Wer kennt wen auf den Fotos?  

Walter Schuler bei der Schau historischer Bilder (Foto: Caroline Becker)

Schwarz-weiß-Bilder, aufgenommen bei einer Feier in offensichtlich ausgelassener Stimmung im beliebten Hirsch-Saal, der bis zur Einweihung der Gemeindehalle 1967 deren Zweck miterfüllte. Zwar ist dieser Saal längstens für Wohnzwecke umgebaut, doch die Aufnahmen finden sich im Familienbesitz von Hans und Martina Geißler, den jetzigen Eigentümern. Aber auch sie mussten die Antwort schuldig bleiben auf die Frage nach dem Anlass für diese Fotosession in dem beliebten Lienzinger Treffpunkt.

Ein Versuch, Antworten zu finden. Die Fotos hochladen für diesen Beitrag zu meiner Blog-Serie Lienzinger Geschichte(n) in der Hoffnung, dass irgend jemand irgend einen – oder eine – aus der flotten Gesellschaft im Saal kennt. Bei zwei war ich selbst auf der richtigen Spur mit dem Mühlacker Bürgermeister Erich Fuchslocher und Lina Ehrenreich, die bediente.

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Wahrscheinlich war, daß er dißmahl nicht besoffen, so wurde er ehrlich beerdigt den 19. Januar 1762

Das Ortsfamilienbuch Lienzingen, 2023. Stadtarchiv Mühlacker und Kreisarchiv Enzkreis

„7 Kinder, davon noch 2 lebend“, heißt es bei David Görzner aus Lienzingen und Anna Maria, geborene Schleitshafter, aus Schorndorf stammend, Heirat in Lienzingen 1662. „6 Kinder, davon noch drei lebend“ steht bei Abraham Grieß und seiner Frau Anna Dorothea Hafner aus Bad Liebenzell, Heirat 1675 in Lienzingen. Nebenbei: Der Vater von Abraham Grieß, der den gleichen Vornamen trug, wanderte aus Mosenrieth im Berner Land ein.

Die hohe Kindersterblichkeit wird deutlich bei der Lektüre des ersten Ortsfamilienbuches, um das sich Ruth Schneider, unsere Stadtarchivarin Marlis Lippik und Kreisarchivar Huber verdient gemacht haben. Als Lienzinger sage ich herzlich danke schön – auch dem Oberbürgermeister unserer Stadt, Frank Schneider, für seine Begrüßung.

Freud und Leid sind hier eng beieinander. Wer sich für Krankheiten und Todesursachen interessiert, ist hier genau richtig. Aber auch Ahnenforscher, Lokalhistoriker und ganz normale Leute, die sich dafür interessieren, wie ihre Vorfahren lebten. Geschichte reich an Details.

Mit Verlaub - zu Beginn kurze Nachrichten aus dem Ortsfamilienbuch als Text-Probe und zur Einstimmung. So ist zu lesen von

  1. So ist zu lesen von Louise Margarethe Arnold, Tochter des verstorbenen N. Arnold, gewesener Stallknecht, bei S[einer] Durchlaucht Herzog Carl, eine ledige, 36jährige   Dienstmagd, die seit 14 Tagen zu Besuch war bei Johannes Straubens Weib in Lienzingen. Am 4. Juli 1809 raffte sie der Tod hinweg. Die Ursache Brand, also hohes Fieber; Gewebezerfall; Nesselsucht.
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Zwang, Überzeugung, Opportunismus? Von Mitläufern und Minderbelasteten im Dorf

Kommunale Selbstverwaltung adieu. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten verloren die Bürgerinnen und Bürger ihr Recht, Bürgermeister und Gemeinderat zu bestimmen. Nicht einmal Kommunalwahlen sah der NS-Staat vor.  Die Partei bestimmte den Kurs der Gemeinde, setzte die Entscheidungsträger ein. Auch in Lienzingen. Doch so ganz auf Linie ließen sich in dem 700-Einwohner-Dorf nicht alle bringen. Es bedurfte eines mehr oder minder sanften Drucks, um alle vier Ratsmitglieder zu Parteigenossen zu machen. Nach 1945 mussten sie sich deshalb vor der Spruchkammer verteidigen. Die Akten sind dick. Beispiele aus unserem Ort - darunter von zwei sozialdemokratischen Kommunalpolitikern die sich plötzlich bei den Nazis einreihten.

Bürgermeister Jakob Straub, zweiter Lienzinger Nachkriegsbürgermeister (1945 bis1947), und seine Gemeinderäte ergreifen Partei für Emil Geißler im Spruchkammerverfahren (Repro Staatsarchiv Ludwigsburg, EL 902/23)

Die Vorgeschichte zum Einordnen der lokalen Personal- und Parteipolitik beginnt mit der Machtergreifung der Hitler-Bewegung. Durch das im Frühjahr 1933 vom Reichstag verabschiedete Ermächtigungsgesetz schaltete sich der Reichstag – gegen den bewundernswerten Widerstand der SPD-Fraktion - als Gesetzgebungsorgan selbst aus, siedelte alle Macht bei der Regierung an. Diese Gleichschaltung nach dem Führerprinzip reichte von Berlin bis zum kleinsten Dorf im Reich. Und so klein war Lienzingen nun auch wieder nicht.  Die letzte freie Gemeinderatswahl fand 1931 statt, die erste nach dem Krieg 1946.


Mehrere Beiträge der Online-Serie Lienzinger Geschichte(n) befassten sich mit Karl Brodbeck. Aber gab es in den Machtstrukturen des Dorfes noch andere Machthabende? Dazu vor allem Akten im Staatsarchiv Ludwigsburg - Teil des Landesarchivs Baden-Württemberg - ausgewertet und die Ergebnisse hier präsentiert (Signatur EL 902/23).


Im April 1933 waren die Gemeinderatsmandate erstmals nicht wie von 1919 an vom Volk vergeben, sondern von den Nationalsozialisten zugeteilt worden – dabei orientiert am Ergebnis der Reichstagswahl im März 1933: In Lienzingen vier für die NSDAP und von der benannt (Paul Gaupp, Gustav Kontzi, Gottlob Pfullinger und Josef Ruess, letzterer zuvor Sozialdemokrat), zwei für den Kampfbund Schwarz-Weiß-Rot und dem Bauern- und Weingärtnerbund, beide ebenfalls rechtsstehend (Karl Schneider und Richard Geißler). 

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Das Geschichtsportal des Enzkreises - Neu im Netz

Der Dreißigjährige Krieg (von 1618-1648) im Großraum Pforzheim wurde bisher weder wissenschaftlich noch heimatkundlich aufgearbeitet. Diese Lücke ist jetzt geschlossen worden. Dieses erstklassige Geschichtsprojekt machte der Enzkreis möglich. Der Leiter seines Kreisarchivs, Konstantin Huber, und sein achtköpfiges Team, leisteten Wunderbares, nicht Alltägliches: Sie bauten mit den Resultaten gleichzeitig ein digitales Enzkreis-Geschichtsportal auf. Ein Portal, einzigartig unter den bundesdeutschen Landkreisen, das nicht nur Experten anspricht, sondern gerade auch interessierte Laien. . Titel des Projektes: Sterben und Leben – der Dreißigjährige Krieg zwischen Oberrhein, Schwarzwald und Kraichgau.

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Archivchef Konstantin Huber (links) über die Kirchenbücher als Nachrichtenquelle - bei der wissenschaftlichen Tagung im Landratsamt Enzkreis in Pforzheim.

Erstes Projekt also: Der Dreißigjährige Krieg, ausgelöst im Mai 1618 durch den Prager Fenstersturz, ein Akt der Auflehnung protestantischer Adliger, den der katholische Habsburger Kaiser Matthias als Kriegserklärung wertete. Er hatte die Rechte der Protestanten eingeschränkt, doch diese forderten Religionsfreiheit. Gewaltsam will der Kaiser in Wien die protestantische Rebellion im Keim ersticken. Es beginnt der Dreißigjährige Krieg, der fast ganz Mitteleuropa in den Abgrund reißt. Er brachte Not und Elend über Europa. Verwüstete Städte und Dörfer blieben zurück, alles im Namen der sich wegen der Konfession streitenden katholischen und protestantischen Herrscher. Wir wissen vieles/manches aus Schulbüchern, Nachschlagewerken, Filmen und allgemein in Publikationen über Kriegsparteien, Schlachten, über Wallenstein, Gustav II. Adolf, Tilly. Die Pest gab den Menschen den Rest.

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Zwei Maultaschen, ein Bier und einen Schnaps für frierende Ehrengäste. Der 69-er Maientag oder: War früher eigentlich vieles besser?

Streitobjekte: Historische Stadtansicht als Massenware

Der Maultaschen-Krieg von Vaihingen. Dazu fuhren die beiden Parteien in der Sitzung des Gemeinderates (an einem Abend anno 1969)im Rathaus der Kreisstadt schwere Geschütze auf. Und die sonst mehr der Ruhe zugewandten Volksvertreter schossen diesmal aus allen Rohren. Als Ziel hatten sie sich den einzigen CDU-Stadtrat Karl Jelden, seit 18 Jahren Mitglied des Gremiums und schon immer ein kritischer Außenseiter, ausgesucht. Als Rechtsanwalt in juristischen Dingen bewandert, hatte er beschlossen, sich die Ausgaben beim Maientag vorzuknöpfen. Was dabei herauskam, waren schwerwiegende Beschuldigungen gegen Bürgermeister Gerhard Palm.

Am 23. Juli 1969 hatte Jelden seinen Brief geschrieben. In dieser Bombe in Papierform, stand gleich zu Beginn: „Beiliegend gebe ich Ihnen den Nachdruck des Stichs der Stadt Vaihingen a. d. Enz, den Sie mir am Maientag überreicht haben, zurück und bitte Sie, dafür zu sorgen, daß der Betrag für den Stich wieder der Stadtkasse zugeführt wird."

und zwei Maultaschen.

Für die Ausgabe von Geschenken an die Gemeinderäte, so schrieb der streitbare Jurist, am Maientag durch Palm sei kein Gemeinderatsbeschluß vorgelegen. Dafür sei auch im „Haushalt keine Deckung vorhanden.“ Da für die Stadt ein Defizit von 2000 Mark entstanden sei, sei der Haushalt um diesen Betrag überschritten worden.

Da die Gemeinderäte ehrenamtlich tätig seien und sie lediglich für ihre Sitzungen Tagegelder erhalten, bestehe keine Veranlassung, „den Gemeinderatsmitgliedern am Maientag noch Sonderzuwendungen zu machen". Und so stand weiter in dem Brief: „Ich vermag deshalb in Ihrer (Palms Red.) Handlungsweise nur einen Verstoß gegen die Haushaltsvorschriften und eine Veruntreuung von Haushaltsmitteln und Steuergeldern in Höhe von mehreren hundert DM zu erblicken.

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Von der Kohlplatte bis zum Hamberg – Lienzingen, seine Gruben und der Beginn der Müllabfuhr 1967 - Immer Ärger mit den Behörden - Quälende Suche nach Alternativen

Die Lienzinger taten sich schwer, mussten auf Fallstricke achten - bei der langwierigen Suche nach einer Antwort auf die immer drängender werdende Frage: Wohin mit dem Hausmüll?  Denn mehr als zehn Jahre lang beschäftigte das ihren Gemeinderat. Letztlich nahm ihm ein Zweckverband der Kommunen, dann der Enzkreis die Aufgabe ab. Aber zunächst war jede Gemeinde und jede Stadt bis 1972 für sich selbst verantwortlich. Ein Problem, das in den ersten Nachkriegsjahren noch keines war. Umweltschutz, das war vor allem auf dem Land noch ein Fremdwort. Zumindest auf dem Dorf regelte sich zunächst alles von allein. Müll landete auf dem Misthaufen, im Ofen oder auf dem Kompost.

Heute Waldstück, bis Mitte der sechziger Jahre eine offene Müllgrube der Gemeinde Lienzingen an der B35: die Kohlplatte. (Foto: G. Bächle)

So gab es 1949 in dem damals 940 Einwohner zählenden Dorf 145 landwirtschaftliche Betriebe, elf Jahre später noch 101, im Jahr 1971 immerhin 49. Abfälle, die sich nicht kompostieren oder verbrennen ließen, gab es nur wenige und was doch anfiel, wurde in einer Müllgrube deponiert, schreibt der Historiker Konrad Dussel in dem, 2016 erschienenen Ortsbuch von Lienzingen (S. 202). Heutzutage wird sortiert auf Teufel komm raus, getrennt, verwertet - und trotzdem produzierte 2021 jeder Einwohner des Enzkreises durchschnittlich 130,9 Kilogramm Restmüll (aus: Abfallbilanz des Landes)

So ähnlich sah es in der Kohlplatte aus. Aufnahme einer illegalen Müllhalde. (Foto: ZDF)

Das Thema nahmen die Kommunen in den ersten Jahren nach Kriegsende nicht sonderlich ernst. Doch das Landratsamt Vaihingen an der Enz regte schon 1956 eine staubfreie Müllabfuhr an. Landrat Dr. Friedrich Kuhnle schrieb am 1. Februar 1956 an die Bürgermeisterämter im Landkreis, geplant sei die Gründung eines Zweckverbandes. Ein Anschluss werde wohl nur für größere Gemeinden und für Kommunen, in denen die Landwirtschaft nur eine untergeordnete Bedeutung habe, in Betracht kommen. Dem vorausgegangen war eine Dienstbesprechung mit den Rathauschefs am 19. Januar 1956.

Lienzinger Geschichte(n) heute zu einem leicht anrüchigen Thema: Müll. In Deutschland gilt es als nahezu selbstverständlich, dass Abfälle gesammelt und entsorgt werden. Diese Selbstverständlichkeit steht aber am Ende eines langen Entwicklungsprozesses der Abfallwirtschaft, der Abfalltechnik und des Abfallrechts in Deutschland, heißt es beim Umweltbundesamt. Lienzingen, das Dorf, eignet sich als Musterfall für das Stück: Von den Müllkippen bis zu den Deponien oder Von der Beseitigung zum Kreislauf. Ratsprotokolle und Akten der früher selbstständigen Gemeinde Lienzingen sind durchaus ergiebig. Der neue Beitrag zu meiner digitalen Serie.

 

"Von der Kohlplatte bis zum Hamberg – Lienzingen, seine Gruben und der Beginn der Müllabfuhr 1967 - Immer Ärger mit den Behörden - Quälende Suche nach Alternativen" vollständig lesen