Mein Top-Tipp: Heimatroman der besonderen Art

Zwanzig Leseproben von zwanzig Autoren, die für den Deutschen Buchpreis 2025 vorgeschlagen wurden. Kostproben im handlichen Auswahlbändchen, darunter aus dem Roman Russische Spezialitäten von Dimitrij Kapitelman. Diese literarischen Spezialitäten machten neugierig. Drei Seiten, die ahnen ließen, dass das neueste Buch des 1986 in Kiew geborenen und seit 1994 in Deutschland lebenden Schriftstellers heiter, traurig und unterhaltend ist.  Mein Top-Tipp an der Lektüre der 183 Seiten: einfach lesen!

Gleich der Einstieg lässt Freude am geschriebenen Wort des in Berlin lebenden Autors aufkommen.: Der russische Wetterreporter warnt das russische Fernsehvolk. Und somit auch meine russisch fernsehvölkische Mutter. Die seit Jahren vom sichersten aller Ostdeutschlands aus an der russischen Welt teilnimmt, Leipzig.

Dmitrij Kapitelmans Roman trägt autobiografische Züge.  Im Mittelpunkt seine ukrainisch-stämmige Familie in Leipzig, deren politische Auffassungen sich widersprechen. Die Eltern. Die Mutter: Kettenraucherin, kyjiw-kompatibel geschminkt, also üppig, und mit der Gabe, Sterne vom Himmel zu pflücken. Der Vater: ambitioniert, tiefhängende Hose, schlaganfallgebeutelt, jüdisch und auf Du mit den toten Fischen in der Frischetheke. Die scheinen ihn nämlich unaufhörlich fröhlich anzuquasseln. Die Brüche in der Familie werden deutlich.

Die Mutter neigt zu pro-Putin-Haltungen, der Sohn positioniert sich klar gegen den Überfall auf sein Heimatland, die Ukraine.  Der Schriftsteller nutzt in den beiden Teilen des Romans – der eine spielt im Raum Leipzig, der andere in Kyjiw – seine Sprachkunst, die (Un-)Möglichkeit der Verständigung in Zeiten alter und neuer Kriege fast schon heiter, zärtlich und auch komisch aufzuschreiben. Sprachlich brillant.  Bittersüß und zutiefst politisch, nennt das der Hanser-Verlag, in dem der Roman erschien. Kein Widerspruch!

Die Familie aus Kyjiw verkauft in Kleinzschocher bei Leipzig im eigenen Magasin russische Spezialitäten. Wodka, Pelmeni, Kaviar, gezuckerte Kondensmilch, Flusskrebse in Tomatensauce, SIM-Karten, Matrosenshirts – und ein irgendwie osteuropäisches Zusammengehörigkeitsgefühl.  Jeden Tag kommt Genadij, der Mann mit seltsam kindlichen Knopfaugen, und jeden Tag der gleiche Dialog: Und was kostet das Eis heute dann? / Für Sie fünfzig Cent, Genadiji, / Nein, das ist zu wenig, ich gebe Ihnen einen Euro. Und jeden Tag zieht er mit einem Eis ab. Wobei Letzteres seit dem russischen Überfall auf die Ukraine nicht mehr zu haben ist.

Dimitrij Kapitelman © Paula Winkler

Die Mutter steht an der Seite Putins. Russische Propaganda glaubt sie aufs Wort, weshalb sie meint, dass an der aktuellen Lage der Ukraine nicht etwa Putin, sondern Selenski Schuld trägt.  Und ihr Sohn, der keine Sprache mehr als die russische liebt, keinen Menschen mehr als seine Mutter, aber auch keine Stadt mehr als Kyjiw, verzweifelt. Klug ist es nicht von ihm, mitten im Krieg in die Ukraine zurückzufahren. Aber was soll er tun, wenn es nun einmal keinen anderen Weg gibt, um Mama vom Faschismus und den irren russischen Fernsehlügen zurückzuholen? Er konfrontiert die paranoiden Vorstellungen der Mutter mit der Realität. An der Grenze bewahrt ihn sein deutscher Pass, von den Grenzkontrolleuren zur ukrainischen Armee zwangsverpflichtet zu werden.

Ein Heimatroman der unerwarteten Art.

Dmitrij Kapitelman, 1986 in Kyjiw geboren, kam im Alter von acht Jahren als jüdischer Kontingentflüchtling mit seiner Familie nach Deutschland. Er studierte Politikwissenschaft und Soziologie an der Universität Leipzig und absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München. Heute arbeitet er als freier Journalist. 2016 erschien sein erstes, erfolgreiches Buch Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters, für das er den Klaus-Michael Kühne-Preis gewann. 2021 folgte Eine Formalie in Kiew, für das er mit dem Buchpreis Familienroman der Stiftung Ravensburger Verlag ausgezeichnet wurde.

Dmitrij Kapitelman: Russische Spezialitäten. Hanser-Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783446282476. Gebunden, 192 Seiten, 23,00 EUR

Mein Lese-Tipp: Die spannende Lebensgeschichte des W.S.C.

Abenteurer, Militär, Autor, Abgeordneter, Minister, Maler, Journalist, Kriegsführer, Staatsmann – all dies war Winston Spencer Churchill (1874 bis 1965). Er lebte diese Rollen. Und die Klammer, die sich um alle legt?  Der Journalist und Churchill-Biograf Thomas Kielinger findet hier das Wort von Perikles passend: Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, das Geheimnis der Freiheit aber der Mut. An dem mangelte es ihm nicht.  Er war kein Mann der Political Correctness. Seine Markenzeichen: Zylinder, Havanna, Gehstock und das Victory-Zeichen. Sein Motto findet sich in seinen Memoiren:  Im Krieg: Entschlossenheit. In der Niederlage: Trotz. Im Sieg: Großmut.

Als Winston Churchill 25 Jahre alt war, hatte er Kriege auf drei Kontinenten erlebt, fünf Bücher geschrieben und einen Sitz im britischen Unterhaus gewonnen. Als er 60 war, galt er politisch als gescheiterter Mann. Doch dann kam mit dem Zweiten Weltkrieg Churchills größte Stunde.

An Selbstbewusstsein mangelte es ihm nicht. Wir sind doch alle Würmer. Aber ich glaube, ich bin ein Glühwurm. Der Ausspruch des damals 32-jährigen verrät, wie der spätere britische Premierminister sich selbst sah: Ein ungeheurer Anspruch, nicht frei von Arroganz, schreibt Kielinger in seiner Churchill-Biografie Der späte Held.

Winston – sein Vater war Lord Randolph Churchill, dritter Sohn des siebenten Herzogs von Marlborough. Weil aber nur der älteste Sohn eines Herzogs den Titel erbt, galt Winston als bürgerlich. Von nun an war ich Herr meiner Geschicke, zitiert ihn Sebastian Haffner in seiner 1967 erschienen Monografie Winston Churchill. Zwischen Haffners biografischem Essay und Kielingers Sachbuch liegen rund 50 Jahre – letzterer konnte sich auf erst inzwischen verfügbare, weit umfangreichere Quellen stützen. Beide zu lesen, lohnt sich trotzdem. Garantiert ein Lese-Vergnügen: Zuerst Haffners 200 Seiten, dann Kielingers 400. Keine Chance für Langeweile.

In beiden Büchern wird Churchills schwierige Kindheit geschildert – geprägt durch die emotionale Vernachlässigung durch seine Eltern, insbesondere durch seine Mutter Jennie Jerome und den ehrgeizigen, oft abwesenden Vater Lord Randolph Churchill. Schon früh sei sein Eigenwille, sein Ehrgeiz und sein Hang zur Selbstbehauptung deutlich. Der junge Winston, stets auf Anerkennung bedacht, entwickelte früh eine kämpferische Haltung, die sein gesamtes späteres Leben prägen sollte, sowie ein Gespür für Machtpolitik und Inszenierung.

Hoffnungsloser Schulversager

Der Journalist Sebastian Haffner, beibehaltenes Pseudonym des Juristen Raimund Pretzel, der 1938 ins Exil nach London ging und 1954 wieder nach Berlin zurückkehrte, schildert den jungen Winston als hoffnungsloser Schulversager, der nicht einmal das Abitur schaffte, der aber einer der bedeutendsten Staatsmänner des 20. Jahrhundert wurde. Berufsoffizier, Husarenleutnant, begnadeter Schriftsteller, Politiker, im reifen Alter Premierminister des Königreichs. Zweimal wechselte er die Partei, zuerst von den Tories zu den Liberalen und dann wieder zurück – nicht aus Opportunismus, wie er schrieb, sondern weil sich deren Programm jeweils gewandelt hatte. Im Februar 2014 zitierte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel in einer Rede vor beiden Häusern des britischen Parlaments den Staatsmann: Leben heißt sich ändern, und vollendet sein heißt sich oft geändert zu haben.

Eine spannende Lebensgeschichte

Der heute 84-jährige Autor Kielinger, jahrelang Korrespondent der WELT in London, bringt es auf den Punkt:  Seine Laufbahn begann im Glorienschein des Kriegers und Abenteurers. Churchill sammelte Erfahrungen als Soldat und dann auch als Kriegsreporter in den Kolonialkriegen - in Indien, Südafrika, mit seiner Flucht aus dem Gefangenenlager der Buren: Churchill, ein Held des Empires, schlüpfte nicht selten auch in beide Rollen gleichzeitig. Soldat und Reporter. Er schrieb Zeitungsberichte, recycelte diese in Büchern, finanzierte aus den Honoraren wesentliche Teile seines Lebensunterhalts.

Eine erste Kandidatur fürs Unterhaus ging anno 1900 schief. Doch just die Geschichte vom tapferen Winston, der den Buren entschlüpfte, verbreitete sich aus von Gazette zu Gazette, schaffte zusätzlichen Bekanntheitsgrad, die Engländer applaudierten, was wiederum seiner nun zweiten Kandidatur fürs Unterhaus höchst förderlich war. Somit holte er sich 1901 sein erstes Mandat im Westminster-Palast noch zu Zeiten der legendären Königin Victoria, nach der eine ganze Ära benannt worden war - er blieb Member of Parlament mit kurzen Unterbrechungen bis 1964 und damit bis zur Ära der Königin Elisabeth II. Zweimal Premierminister, mit 66 und mit 77 Jahren, als andere schon an den Ruhestand denken. Vor allem aber Nationalheld: Anführer der Briten im Krieg gegen Hitler-Deutschland.

Es kam wie von Churchill prophezeit

Die von Churchill gegeißelte Appeasement-Politik seines Vorgängers Chamberlain war gescheitert. Es kam, wie der in großen Linien denkende Stratege Churchill es prophezeit hatte. Dem deutschen Diktator war nicht zu trauen. Als Hitler im September 1939 Polen überfiel, erklärte Großbritannien Deutschland den Krieg. Dass er Polens Freiheit nicht retten konnte, weil der russische Bär und damit die Kommunisten sich des Landes nach 1945 bemächtigten, empfand der britische Regierungschef als Niederlage.  Seine Gegenstrategie, von Süden her Europa vom Nazi-Terror zu befreien, stieß bei US-Präsident Franklin D. Roosevelt nicht gerade auf Gegenliebe.  Roosevelt wollte Stalin nicht verprellen, Churchill dagegen möglichst viele Gebiete für Briten, Franzosen und Amerikaner unter Kontrolle bringen. Eine solche Taktik umzusetzen, dauerte den Amerikanern zu lange, sie wollten den kürzeren Weg durch die Landung an den Küsten der Normandie (1944: D-Day). Churchill beklagt in dem sechsten und letzten Band seiner 1953 vorgelegten Kriegsmemoiren: Den Krieg gewonnen, den Frieden verspielt. Letztlich hatten die beiden Großen ihre jeweiligen Einflusssphären schon abgesteckt

Der Aufstieg zur politischen Führung

Churchills Weg in die Politik und sein rastloses Engagement in unterschiedlichsten Regierungsämtern – von Kolonialminister über Kriegsminister bis hin zum Premier – werden von Sebastian Haffner als Ausdruck eines unbändigen Willens zur Gestaltung interpretiert. Er beschreibt, wie Churchill häufig gegen den Mainstream schwamm, Risiken einging und auch Niederlagen und Skandale in Kauf nahm, ohne sich entmutigen zu lassen. Diese Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden und unerwünschte Wahrheiten auszusprechen, hebt Haffner als wesentliches Element von Churchills Führungspersönlichkeit hervor.

Churchill als Kriegspremier – Der einsame Rufer

Der wohl wichtigste Teil der Bände gilt Churchills Rolle während des Zweiten Weltkriegs. Haffner stellt heraus, wie Churchill in den entscheidenden Wochen des Jahres 1940, nach dem Zusammenbruch Frankreichs, als Premierminister zum Inbegriff des britischen Widerstands gegen Nazi-Deutschland wurde. Er beschreibt eindrucksvoll, wie Churchill, oft einsam in seinem Widerstandswillen, die britische Nation mit seinen Reden, seinem Mut und seinem unerschütterlichen Optimismus durch die dunkelste Stunde führte. Vor dem Unterhaus rief er am 13. Mai 1940 aus: Er habe nichts anzubieten außer Blut, Schweiß und Tränen.  Seine rhetorische Brillanz, der Glaube an die Gerechtigkeit der eigenen Sache und die Bereitschaft, notfalls allein gegen Hitler-Deutschland zu stehen, werden als Schlüssel für den britischen Durchhaltewillen und letztlich für den Sieg über den Faschismus herausgearbeitet.

Kielinger analysiert die berühmten Reden Churchills und dessen politisches Geschick, aber auch die psychologischen Aspekte seines Führungsstils. Die Zweifel, Ängste und der immense Druck, dem der Regierungschef ausgesetzt war, werden eindrücklich geschildert: Einerseits der unbeirrbare Optimist, der Großbritannien in finsterster Stunde Hoffnung gab, andererseits der Realpolitiker, der auch harte Entscheidungen traf und nicht frei von Fehlern war. Das Buch beleuchtet Churchills Verhältnis zu Roosevelt und Stalin, zeigt die diplomatischen Herausforderungen und die persönlichen Belastungen, die mit der Rolle als Retter Europas verbunden waren.

Hobby eine äußerst wichtige Strategie

Mit dem Nobelpreis für Literatur 1952 wurden seine schriftstellerischen Leistungen gewürdigt. Er schrieb die Geschichte des Ersten und des Zweiten Weltkrieges – sie ergaben genauso mehrteilige Bände genauso wie Geschichte, vier Bände mit der Invasion Cäsars in Britannien beginnend und mit dem Ende des Victorianischen Zeitalters schließend sowie seine eigenen Lebenserinnerungen und die Familiensaga des Herzogs Marlborough. 34 Bücher brachte er auf den Markt, allesamt Bestseller. Und allesamt Mitarbeitenden diktiert, was ein höheres Tempo erlaubte, als wenn er alles hätte zu selbst zu Papier bringen müssen - Aber auch Essays wie den mit dem unpolitischen Titel Zum Zeitvertreib, in dem er sich feinsinnig und humorvoll mit dem Lesen und Malen beschäftigt auf 60 kleinformatigen Seiten. Abwechslung ist der Schlüssel schlechthin. (…)  Ein Hobby und neue Interessen zu pflegen ist daher für jemanden, der im öffentlichen Leben steht, eine äußerst wichtige Strategie.

Der Mensch Churchill – Genie und Exzentriker

Haffner zeichnet Churchill nicht als makellosen Helden, sondern als komplexe Persönlichkeit mit Licht und Schatten. Er beschreibt seine Eitelkeit, seinen Hang zu theatralischen Gesten, seine emotionale Unberechenbarkeit, aber auch seinen Charme und Humor. Churchill erscheint als ein Genie, das gerade aus seinen Fehlern und Niederlagen eine fast übermenschliche Resilienz zog. Die Ambivalenz seines Charakters – zwischen Hybris und Selbstironie, zwischen Übermut und Verzweiflung – macht ihn zu einer außergewöhnlichen, faszinierenden Figur.

Ein weiterer wichtiger Teil des Buches ist der Blick auf Churchills Nachkriegszeit. Kielinger beschreibt, wie Churchill nach dem Krieg politisch und persönlich mit der neuen Weltordnung ringt, sich als Architekt Europas zu profilieren sucht und schließlich aus dem Amt scheidet. Auch Churchills künstlerische Seite, seine Leidenschaft für das Malen und Schreiben, aber auch seine Schwächen, wie der Hang zu Zigarren und Alkohol, werden beleuchtet und tragen dazu bei, ein menschliches und authentisches Bild zu zeichnen. Ich kann mich nicht damit abfinden, den Rest meines Lebens müßigzugehen.

Legendenbildung um den Ex-Premier

Nicht zuletzt geht Kielinger auf das Nachleben Churchills ein – wie sein Bild bis heute weltweit nachwirkt, welche Verehrung und Kritik ihm zuteilwurde und wie sich die Bewertung seiner Leistungen im Laufe der Jahrzehnte wandelte. Auch der Mythos und die Legendenbildung um Churchill werden nüchtern betrachtet.

Kritische Würdigung

Kielinger gelingt mit Der späte Held das Kunststück, Churchill weder zu glorifizieren noch zu entzaubern. Stattdessen zeigt er einen Menschen mit Ecken und Kanten. Haffner betont, dass Churchill, anders als viele andere Kriegspremiers, auch nach dem Ende der Kampfhandlungen eine gewichtige Stimme blieb. Er warnte früh vor den Gefahren des Kommunismus und der sowjetischen Expansion, prägte Begriffe wie Eiserner Vorhang und setzte sich unermüdlich für ein vereintes Europa ein so in seiner bekannten Züricher Rede 1946. Haffners Resümee: Doch auch hier bleibt Churchill der Außenseiter – sein Einfluss auf die konkrete Entwicklung Europas blieb begrenzt, und viele seiner Visionen wurden erst Jahrzehnte später realisiert.

Sebastian Haffner: Churchill. Verlag Rowohlt. Verlag: Rowohlt. Erscheinungstermin: 01.10.2017. ISBN: 978-3-644-51721-9. 160 Seiten. Taschenbuch. 14 Euro

Thomas Kielinger: Winston Churchill. Verlag C.H.Beck.  ISBN 78-3-406-71377-4. Erschienen am 29. August 2017, 3. Auflage, 2022. 400 S., mit 43 Abbildungen. 16,95 Euro

Winston Churchill: Zum Zeitvertreib. Vom Lesen und Malen. Hoffmann und Campe, 11,5 x 18,5 cm, 64 S., geb. 15 Euro

Geschichte von Cäsar bis Victoria - Winston Churchills Monumentalwerke erschienen meist mehrbändig. Insgesmt schrieb er 34 Bücher, eines dicker als das andere.llesamt sorgten sie für kräftige Einnahmen.

 

 

 

 

Unerhört macht neugierig - mein Buchtipp

Zugegeben: Ein Buch über die ersten Frauen im Schweizer Parlament gilt nicht unbedingt als Anwärter auf einen Bestseller-Platz in Deutschlands Hitlisten, dürfte auch nicht zum Verkaufsschlager werden, drängt sich als Lesestoff hierzulande kaum auf. Zumal die Autorin nicht zu den bekannten Büchermachern zählt. Trotzdem: Die gut 200 Seiten lohnen sich, gelesen zu werden. Unerhört macht neugierig, schon gar bei einer Schweiz-Affinität. Die ganzseitige Rezension in der Neuen Zürcher Zeitung gibt den Ausschlag. Der Kaufwillige in mir obsiegt. Zurecht, wie sich beim Lesen zeigt. Denn irgendwo spiegelt es auch unsere Geschichte wider.

Eine spannende Lektüre selbst für jemand aus einem Land, in dem bereits 1918 politische Gleichberechtigung durchsetzt. Doch auch wir sind (noch) nicht perfekt. Frauen - in den deutschen Parlamenten ganz überwiegend in der Minderheit, ebenfalls in den meisten Regierungen, selbst in lokalen Parlamenten frauenlose Fraktionen. Das Frauen-Quorum bleibt ein Dauerbrenner. Obwohl wir eine Frau als Kanzlerin hatten.

Parallelen zwischen Bern und Berlin? Was ist Politik?

Der Schulweg eurer Kinder, die Butter auf eurem Frühstücksbrot und der Rock und der Mantel. Alles ist Politik! Das schreibt in einem der Beiträge Rosmarie Zapfl, 1995 bis 2006 Nationalrätin der Christlich-sozialen Volkspartei (CVP) und macht deutlich,  wie wichtig das Politisieren für Frauen ist.  Die Historikerin Fabienne Amlinger von der Universität Bern formt aus den Ergebnissen ihres Forschungsprojekts Ein gemeinsamer Raum. Unerzählte Schweizer Frauengeschichte ein interessantes Buch. Fünf Essays, beginnend mit dem Jahr 1971, als die ersten Politikerinnen ins Bundeshaus einziehen und die Schweizer Männerdemokratie aufmischen. Das ist nicht immer einfach; mal gelten die Anliegen der Frauen als unerhört, mal bleiben sie ungehört. Zwei Jahre zuvor hatte die Volksabstimmung – nach mehreren vergeblichen Anläufen – eine Mehrheit für das nationale Frauenstimmrecht gebracht.

Ein historischer Moment also, an jenem 29. November 1971, zehn Nationalrätinnen (die Elfte rückte kurz Zeit später nach) und eine Ständerätin nahmen Platz in den Ratssälen des Bundeshauses in Bern. Viel war nötig, bis man Schweizer Frauen endlich politische Rechte und damit zum politischen Wahrzeichen der Nation gewährte. Davor: Zwei Frauenbewegungen, zwei eidgenössische sowie mehr als neunzig kantonale und lokale Abstimmungen zum Frauenstimmrecht, immer wiederkehrende Enttäuschungen der Stimmrechtsaktivistinnen, die Spott und Demütigungen ertragen mussten, schreibt Amlinger.

Ganze 80 Sekunden lange dauert der Bericht in der Filmwochenschau des Schweizer Fernsehens über den historischen Moment. Mehr war ihm der nicht wert. Statt politischer Inhalte dominieren Äußerlichkeiten wie jene drei Nelken und der einen Rose, die jede der ersten Parlamentarierinnen auf ihren Tischen vorfinden. Bunte Tupfer zwar, aber die zehn Nationalrätinnen und schon gar die eine Ständerätin – ist die zweite Kammer - versinken in einem Meer von dunklen, ernst und streng wirkenden Herrenanzügen. Sichtbare Männerdominanz.

Doch nach dem Einzug ins Parlament bleibt der Weg steinig. So einfach wollen die Männer sich das Heft nicht aus der Hand nehmen lassen. Das gilt nicht nur für die Schweiz. In den fünf Essays eröffnet die Historikerin neue Perspektiven auf das politische Treiben hinter den altehrwürdigen Sandsteinmauern im Zentrum von Bern: vom Gelächter, das die Politikerinnen ernten, wenn sie im Ratssaal ans Redepult treten, über die von Männern geprägten Konventionen des Politisierens, bis zur medialen Berichterstattung und den zahlreichen Dramen rund um die Wahlen von Bundesrätinnen. Persönliche Sichtweisen vermitteln verschriftlichte Gespräche mit den Polit-Pionierinnen Lili Nabholz, Gabrielle Nanchen, Monika Stocker, Rosmarie Zapfl und Elisabeth Zölch.

Trotz der fundamentalen gesellschaftlichen Bedeutung, die der Einschluss von Frauen in die eidgenössische Politik darstellt, sind die politische und die historische Relevanz der frühen Bundespolitikerinnen sowie ihre Erfahrungen und Lebensgeschichten weitgehend unbekannt, stellt Amlinger fest.

Die Partei habe sich mit ihr als Frau auch profiliert und sie als weibliches Aushängeschild gerne an Anlässe und Vorträge geschickt, erinnert sich eine der Pionierinnen. Natürlich hätten es damals einige am liebsten gehabt, wenn ich jeweils in einer Tracht aufgetreten wäre. Die bürgerlichen Parlamentarierinnen hätten eigene Formen des Protests angewandt gegen jene Männer, die sie nicht ernst nahmen: Wir machten uns lustig über sie, sagt die Züricherin Eliabeth Zölch im Buch. Es war ein Protest aus Selbstsicherheit heraus.

Amlinger hat die Ratsprotokolle für die erste Legislaturperiode mit Frauen im Parlament ausgewertet und ist auf auffallend viele Vermerke von Heiterkeit gestoßen. Die Späßchen, mit denen Parlamentarier auf Wortmeldungen ihrer Kolleginnen reagierten, hätten entweder eine sexualisierte Note enthalten oder sich stereotyper geschlechtlicher Zuschreibungen bedient.

So verlangte etwa Hanna Sahlfeld-Singer, Sozialdemokratin aus St. Gallen, 1974 vom Bundesrat Auskunft zur Flüchtlingspolitik. Dessen Antwort überzeugte sie nur bedingt. Entsprechend drückte sie ihre Unzufriedenheit mit den durchaus üblichen Worten Ich bin teilweise befriedigt aus. Das Protokoll vermerkt zwar keine Heiterkeit, doch Sahlfeld hat den Zwischenfall nicht vergessen: Ich höre noch, wie von verschiedensten Ecken am liebsten ein lautes Lachen ausgebrochen wäre, weil die Fantasie in den Männerköpfen offenbar etwas ausgelöst hat. Die 28-jährige Theologin wagte, ohne wirtschaftliche Absicherung, die Politik zum Hauptberuf zu machen. Denn sie musste zuerst ihre Tätigkeit als evangelisch-reformierte Pfarrerin aufgeben oder aufs Mandat verzichten. Beides vertrug sich laut Bundesverfassung nicht.

Es gab sie, die rebellischen und zuweilen spöttisch-amüsanter Aktionen von Frauen unter der Bundeshauskuppel. Da sind etwa Nationalrätinnen, die gegen den Gedenkanlass zur Kriegsmobilmachung strickten oder im Bundeshaus einen Sack voller Schnecken verteilt und so auf das Tempo in Sachen Geschlechtergleichstellung hinwiesen. Die linke Berner Nationalrätin Barbara Gurtner leistet 1984 einen textilen Protest, indem sie in einem Leopardenkleid gegen den geplanten Kauf von Leopard-Armeepanzern Stellung bezieht. Als sie nach vorne zum Rednerpult geht, klopfen die Politiker der rechtsstehenden Schweizer Volkspartei (SVP) aus Protest mit ihren Pultdeckeln. Die Aktion bringt ihr eine Rüge durch das Ratsbüro wegen unschicklichen Benehmens ein.

Und die Landesregierung?  Amlinger lässt auch bewegte Episoden im Zusammenhang mit Bundesratswahlen Revue passieren – insbesondere die von Intrigen und Skandalen geprägten Bundesrätinnenwahlen, von der Nichtwahl Lilian Uchtenhagens 1983, über den Rücktritt von Elisabeth Kopp 1989 bis zur Schlammschlacht um Christiane Brunner 1993.

Seit den turbulenten Tagen im März 1993 hat es keine frauenlose Landesregierung mehr gegeben. Wer glaube, dass sich die Geschlechterfrage im Bundesrat inzwischen erübrigt habe, tappe in die Falle der Selbstverständlichkeit, merkt Amlinger an. Das zeige gerade die Geschichte der Bundesrätinnen, die nicht entlang einer gleichmäßigen Fortschrittslinie Richtung Gleichheit verlaufen sei: Politikerinnen hatten sich den Zutritt ins oberste Regierungsorgan selbst zu erkämpfen. Just dies hat auch Gültigkeit mit der bundesdeutschen Wirklichkeit.  Das macht das Buch auch hierzulande höchst lesenswert und aktuell. (bä)

Fabienne Amlinger , Unerhört, 2025. 240 Seiten, ca. 10 sw Abbildungen, gebunden, 15 × 23 cm, 978-3-03919-605. Verlag Hier und Jetzt!, CHF/Euro 36.00

 

 

Der Buchtipp: Vorsicht beim Schauen

Schon der Prolog ist deftig: Wer ist der Chef? Autor Alexander Teske schreibt:

Auf dem Weg aus dem Konferenzzimmer wollte ich vom Chef vom Dienst wissen, ob ich als Planer das Thema für die Abendausgabe bestellen soll.

Seine Antwort: Nö!

Aber der Chefredakteur hat es doch gewünscht?

Ist mir scheißegal!

Wir haben das Thema ignoriert.

Alexander Teske hat sechs Jahre bei der Tagesschau die Themen der Sendungen geplant. In seinem Blick hinter die Kulissen zeigt er wie Karrieristen, Machtkämpfe und politische Überzeugungen die Sendung prägen. 

Das zeigt schon, wer Einfluss hat bei der Tagesschau. Die zehn Chefs vom Dienst, zwei Drittel Männer, alle über 45, fast alle mit Studienabschluss, keiner mit Migrationshintergrund, keiner Ostdeutscher. Diese sind der Öffentlichkeit unbekannt, steuern wesentlich die Meinungsbildung im Land. Ihre Stellen werden nicht ausgeschrieben – wer etwa aus Altersgründen ausscheidet, empfiehlt den eigenen Nachfolger. Der engere Kreis wird dadurch nicht gestört. Und die Chefredakteure? Die bezeichnet der Autor als Könige ohne Reich, ihre täglichen digitalen Konferenzen als ein Ritual, bei dem sie sich gegenseitig Themen für den Tag vorlesen, die alle schon wissen - eine Farce. Wer in den Tagesthemen den Kommentar (jetzt Meinung) sprechen darf, wählen sie aus. Jedenfalls nur Redakteure, die auf einer extra dafür geführten Namensliste stehen.

Die Tagesschau schmort im eigenen Saft. Der typische Chef ist ein Einser. Unbefristet angestellt, in der höchsten Gehaltsgruppe 1, Stufe 6. Der Autor verrät das Monatsgehalt (Stichtag 1. Dezember 2022): Genau 11.434 Euro (brutto). De facto sind sie unkündbar. Das macht Einser selbstbewusst. Nachrichten müssen in ihr Weltbild passen. Die Einser stehen politisch eher links der Mitte im Gegensatz zur Mehrheit der Bevölkerung. Diese heimlichen Chefs haben ihre persönlichen Vorlieben und danach geschieht auch die Themenauswahl. Die Tagesschau – kein neutraler, objektiver Bobachter der Nachrichtenwelt? Wohl eher nicht. Also: Vorsicht beim Schauen. Tendenziös, elitär, links.

Man kennt sich: Wenn Redakteure plötzlich auf die andere Seite als Pressesprecher eines Ministers wechseln und umgekehrt, als Rückkehrer leitende Posten bei ARD oder ZDF übernehmen. Für ihren dauerhaften oder zeitweisen Ausflug in die Politik kündigen sie nicht, sie lassen sich einfach beurlauben. Teske schildert den Fall von Michael Stempfle vom Südwestrundfunk mit festem Sitz im Hauptstadtstudio der ARD. Euphorisch lobt er am 17. Januar 2023 in einem Beitrag für tagesschau.de den neuen Bundesverteidigungsminister Pistorius nach allen Regeln der Kunst – sieben Tage später wird bekannt: Stempfle ist neuer Pressesprecher des Verteidigungsministers. Schon sein Vorgänger kam aus dem Hauptstadtstudio der ARD.

Teskes Buch ist spannend. Entlockt dem Leser öfters ein erstauntes: Das kann doch nicht wahr sein! Der Autor beschreibt die Verquickungen zwischen Politik und öffentlich-rechtlichem Rundfunk, die Kungeleien, macht aber auch Vorschläge zur Reform des Systems.

Doch, Vorsicht! Das Buch ist keine Anklage gegen den ÖRR, kein Plädoyer für Privat-TV, sondern eine kritische Diagnose mit Therapie-Rezepten.Teske widerspricht entschieden dem Vorwurf, Staatsfunk zu sein. Er rechnet mit Ministerpräsidenten ab, die einerseits Einsparungen von ARD und ZDF fordern, andererseits verlangen, ihre Landesstudios auszubauen. Kleinstaaterei im öffentlich-rechtlichen Rundfunk heißt denn auch ein Zwischentitel. Als Beispiel nennt er Reiner Haseloff, Regierungschef des Zwei-Millionen-Einwohner-Bundesländchens Sachsen-Anhalt. Der Christdemokrat habe für den überdimensionierten Ausbau des Studios Halle gesorgt und später die Verkleinerung verhindert, gleichzeitig dem ÖRR die notwendigen, von einer externen Kommission für vertretbar gehaltenen Gebührenerhöhungen verweigert.

Schwachstellen der Öffentlich-Rechtlichen aufzuzeigen, heißt nicht, gegen das System zu plädieren. Wir brauchen gerade in einer Zeit der Face-News die mediale Grundversorgung und solide Nachrichtensendungen. Ich erinnere mich an Karl Krafft, meinen ersten Chefredakteur bei der Ludwigsburger Kreiszeitung. Er, eher leicht rechts der Mitte stehend, orientierte sich bei seinen Entscheidungen über den Aufmacher auf Politik 1 sowie die Wertung und Platzierung weiterer Nachrichten an der 20-Uhr-Tagesschau – freute sich, wenn seine Wertung in Ludwigsburg gleich oder ähnlich war wie die der Redaktion in Hamburg. Nur, als Willy Brandt 1971 den Friedensnobelpreis bekam, war ihm dies nur einen Ein-Spalter wert, immerhin auf der Politik 1.

Die Tagesschau muss ihren guten Ruf wieder aufpolieren. Da darf kein Platz für Einser sein. (bä)

Der Autor: Alexander Teske arbeitet seit 30 Jahren als Journalist, zuletzt sechs Jahre als Redakteur bei der Tagesschau in Hamburg. Davor war er 15 Jahre beim MDR in Leipzig. Dort verfasste er Beiträge für Tagesthemen, Brennpunkt oder Brisant und plante die Nachrichten des MDR. Er stand vor und hinter der Kamera. Seine Anfänge liegen im Print: Nach einem Volontariat bei der Morgenpost veröffentlichten Stern, Focus, Bild und taz seine Artikel. Zum Schreiben ist er zurückgekehrt– als freier Autor lebt Teske in Hamburg. Die ARD ließ Focus auf Anfrage wissen: Die im Buch erhobenen Vorwürfe gegenüber ARD-aktuell und der ARD sind einseitig und beruhen auf den subjektiven Erinnerungen eines einzelnen, ehemaligen Mitarbeiters. Dass Tesken Falsches veröffentlichte, behauptet nicht einmal die ARD.

Info: Verlag Langenmüller, ISBN 978-3-7844-3731-6, 292 Seiten, Paperback und als E-Book, 22.00 Euro.

Mit frohem Mut und gutem Gewissen

Er selbst schrieb etwa zwei Monate vor seinem überraschenden Tod: Mir war mein Lebensweg nie mit Rosen bestreut. Ich wünsche das auch nicht in Zukunft. Gleichwohl werde ich meine Straße weiter ziehen, sicher und fest, mit frohem Mut und gutem Gewissen! Vom Schneidersohn aus Heidelberg zum Reichspräsidenten und damit zum ersten demokratischen Staatsoberhaupt Deutschlands: Friedrich Ebert (1871-1925). Sattler von Beruf, auf Wanderschaft, Gastwirt in Bremen, Parteifunktionär, Abgeordneter, SPD-Vorsitzender. Geehrt, geachtet, angefeindet, verleumdet.

Das Computerspiel „Friedrich Ebert. Der Weg zur Demokratie“ ist jetzt auch als analoges Kartenspiel erschienen. Es basiert auf dem gleichnamigen digitalen Serious Game der Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte, das 2023 veröffentlicht und mit dem Deutschen Computerspielpreis 2024 in der Kategorie „Bestes Serious Game“ ausgezeichnet wurde.

Er steuerte die erste deutsche Republik mit dem Ende des Ersten Weltkrieges durch die Wirren der Revolution. Kaiser Wilhelm  II. war schon in Holland im Exil beim Holzspalten. Der rein sozialdemokratische Rat der Volksbeaufttragten, ein Übergangskabinett, legte ein Reformpaket vor, zu dem erstmals auch das Frauenwahlrecht gehörte. Ebert und seine Kollegen hielten  1918/19 den Staatsapparat vor allem auch mit Hilfe der alten Fachleute aus der Kaiserzeit am Laufen. Millionen kamen aus dem Krieg zurück, wollten Arbeit und Brot und Kohle - dafür zu sorgen war Ebert wichtiger als die Sozialisierung. Sie könne später folgen. Was ihm heftige Kriik der Linken in der SPD einbrachte, die bis zur Abspaltung führte.

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Wahrscheinlich war, daß er dißmahl nicht besoffen, so wurde er ehrlich beerdigt den 19. Januar 1762

Das Ortsfamilienbuch Lienzingen, 2023. Stadtarchiv Mühlacker und Kreisarchiv Enzkreis

„7 Kinder, davon noch 2 lebend“, heißt es bei David Görzner aus Lienzingen und Anna Maria, geborene Schleitshafter, aus Schorndorf stammend, Heirat in Lienzingen 1662. „6 Kinder, davon noch drei lebend“ steht bei Abraham Grieß und seiner Frau Anna Dorothea Hafner aus Bad Liebenzell, Heirat 1675 in Lienzingen. Nebenbei: Der Vater von Abraham Grieß, der den gleichen Vornamen trug, wanderte aus Mosenrieth im Berner Land ein.

Die hohe Kindersterblichkeit wird deutlich bei der Lektüre des ersten Ortsfamilienbuches, um das sich Ruth Schneider, unsere Stadtarchivarin Marlis Lippik und Kreisarchivar Huber verdient gemacht haben. Als Lienzinger sage ich herzlich danke schön – auch dem Oberbürgermeister unserer Stadt, Frank Schneider, für seine Begrüßung.

Freud und Leid sind hier eng beieinander. Wer sich für Krankheiten und Todesursachen interessiert, ist hier genau richtig. Aber auch Ahnenforscher, Lokalhistoriker und ganz normale Leute, die sich dafür interessieren, wie ihre Vorfahren lebten. Geschichte reich an Details.

Mit Verlaub - zu Beginn kurze Nachrichten aus dem Ortsfamilienbuch als Text-Probe und zur Einstimmung. So ist zu lesen von

  1. So ist zu lesen von Louise Margarethe Arnold, Tochter des verstorbenen N. Arnold, gewesener Stallknecht, bei S[einer] Durchlaucht Herzog Carl, eine ledige, 36jährige   Dienstmagd, die seit 14 Tagen zu Besuch war bei Johannes Straubens Weib in Lienzingen. Am 4. Juli 1809 raffte sie der Tod hinweg. Die Ursache Brand, also hohes Fieber; Gewebezerfall; Nesselsucht.
"Wahrscheinlich war, daß er dißmahl nicht besoffen, so wurde er ehrlich beerdigt den 19. Januar 1762" vollständig lesen

Einen Einundzwanziger beim Onkel Gustav

Einer seiner vielen Stationen in Maulbronn. Im Jahr 1923, in sonnigen Herbsttagen, hielt sich ein 39-jähriger Redakteur und Dozent an der Hochschule für Politik in Berlin wieder einmal in dem Oberamtsstädtchen auf. Maulbronn war ihm ans Herz gewachsen, dem liberalen Politiker Theodor Heuss. Ein Jahr später rückte der Politiker in den Deutschen Reichstag ein.

Der Mann aus dem Zabergäu, in Brackenheim groß geworden, verband die Lust an der Politik mit der Lust an der Poesie. Er schaffte ein enormes Redner-Pensum pro Tag, hielt seine Eindrücke auf dem Papier fest, schuf so literarische Genussstücke. Eines davon fiel mir vor mehr als einem halben Jahrhundert in die Hände. Seinerzeit entstand daraus ein Beitrag für das Württembergische Abendblatt, erschienen in der Ausgabe vom 27. August 1970. Er ist das Kernstück der heutigen Geschichte.

Für Maulbronn hatte er viel übrig. Das zeigen seine Aufzeichnungen über die Spaziergänge im Städtle, am Elfingerberg, auf der Reichshalde. Beides auch Lagen, auf denen – welch Glück nicht nur für ihn! - Reben wachsen, Trauben gedeihen. Der Politiker und Poet rühmte diese Produkte aus den Weinbergen. Er wusste um die guten Tropfen. Der spätere Bundespräsident widmete sich bei seinem Besuch in den Herbsttagen 1923 dem Kloster, im zwölften Jahrhundert von Zisterzienser-Mönchen gegründet.  In seinen Erinnerungen, mit Herbsttagen in Maulbronn betitelt, führte er über den Wein in die Landschaft ein.

In einer milden Sonne zum See hinab

Theodor Heuss’ Herbsttage erschienen im Jahr 1959 im Tübinger Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins im Rahmen des 309-seitigen Bandes Von Ort zu Ort, Wanderungen mit Stift und Feder.  Einfühlsam sein Stil, keiner der versucht, auf der Glatze noch Locken zu drehen. So schildert Theodor Heuss zuerst die wein- und wasserspendende Umgebung von Maulbronn.

Aber den Eilfinger Berg stiegen wir in einer milden Sonne zum See hinab, zwischen den Rebstöcken, in einiger Sorge, dass Regen und Sonne an den Trauben noch ihr gutes Werk tun.

Theodor Heuss 1924 - Foto aus dem Abgeordnetenausweises des Reichstags

Ein paar Hundert Meter weiter liegt die Reichshälde. Und wir grüßten sie dankbar; sie ist nicht ganz so berühmt, und von ihrem Gewächs gab’s in der behaglichen Wirtsstube beim Onkel Gustav einen Einundzwanziger. Der Eilfinger aus diesem gesegneten Jahr ist weggetrunken. oder, schnöde genug, da einer göttlichen Gabe dies geschehen darf, zur Kapitalanlage verwandelt: in ein paar Häusern und Kellern bewahrt man ihn noch als feierliche Familienlegende. Über den Reichshäldener haben sie keine Gedichte gemacht, er wird auch nicht etikettiert; deshalb blieb einiges für uns davon übrig.

Seltsame Geister

Der Redakteur schreibt von seltsamen Geistern, die sich in dieser Ecke Württembergs, die zum nördlichen Schwarzwald guckt und in den badischen Kraichgau ihre Hügel laufen lässt, nach Bretten und Bruchsal begegnen. Theodor Heuss zeigt sich als ein profunder Weinkenner, der die Maulbronner Gegend richtig einstuft: Sie ist dem eigentlichen Weinland schon etwas entrückt; aber mit einer letzten Anstrengung haben es die schwäbischen Weine hier erreicht, flaschenreif zu werden und ihre Spitze zu finden. Die wichtigste Weinlage sei Krongut mit pfleglichster Behandlung gewesen: In einer liebenswürdigen Bewegung habe die junge Republik sie dem letzten König bei der Finanzauseinandersetzung zum Familiengut geschlagen. Also der heutigen Hofkammer.

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Von Feldstreben, kurzen Fußstreben und Mannstreben sowie geschweiften Kreuzen und Feuerböcken

Hofstraße 17, Dürrmenz (Foto: Antonia Bächle)

Schon der Titel des fast 300-seitigen Buches ist ungewöhnlich: Fachwerk lesen lernen. Tatsächlich reihen die Autoren Susanne Kaiser-Asoronye und Uwe Kaiser nicht Bild neben Bild, unterbrochen durch kurze Texte. Viel (Lese-)Stoff: Sie liefern ein wirkliches Lesebuch mit Geschichte und Geschichten, gleichzeitig aber auch einen Führer durch die Baukunst in mehr als drei Jahrhunderten - zeigen den Wandel bäuerlicher und bürgerlicher Bauten, wie Dr. Rainer Laun das Auftaktkapitel überschreibt. Er kennt den Enzkreis, war vor Jahren für dieses Gebiet beim Landesdenkmalamt zuständig.

Mehr als 100 Fachwerkbauten werden in dem jüngst erschienenen ersten Band (von zwei Bänden) vorgestellt. Mühlacker ist dabei gut vertreten: durch Dürrmenz und – mit Ausnahme von Lomersheim – mit den Stadtteilen, allen voran  Lienzingen. Ursprünglich plante das J.S. Klotz Verlagshaus (Bauschlott) einen einzigen Band, doch die Menge des Materials zwang zum Teilen. Sie passt nicht zwischen zwei Buchdeckel: die schier unerschöpfliche Vielfalt des Fachwerks im Enzkreis. Deshalb musste eine Auswahl getroffen werden, heißt es denn auch in einer Pressemitteilung aus dem Landratsamt Enzkreis, das das Projekt unterstützt.

Von Verblattung und Verzapfung, von Feldstreben, kurzer Fußstrebe und Mannstreben, die Gefache, von geschweiften Kreuzen und Feuerböcken – wer diese und andere Fach-Bezeichnungen als rätselhaft empfindet, erhält Antworten auf seine Fragen in mehreren eingeschobenen, ein- oder zweiseitigen Kapiteln, die dazu beitragen, aus dem Buch einen dreifachen (Reise-)Führer zu machen, der sein Geld wert ist: durch die Fachwerk-Landschaft Enzkreis, die Baugeschichte und das ABC der Fachwerk-Baukunst. Eine wohltuende Mischung aus schönen Fotos und nicht zu langen Texten.

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Schutzgebiete von heute werden zu den Gefängnissen von morgen

Das Buch, das in die aktuelle politische Landschaft passt. Zum Ruf der Grünen nach einer Klimaregierung. Eine Handreichung und Argumentationshilfe gegen Klimawandelleugner. Wieviel Klimaschutz darf, ja muss es in der neuen Koalitionsvereinbarung im Bund sein? Das eine Modell ist Berlin, das andere Stuttgart: Die Schwarzen zusammen mit dem Grünen in Baden-Württemberg seit der Bildung des dritten Kabinetts Kretschmann - nach der Landtagswahl vom März 2021 - auf verschärftem Klimaschutzkurs. Global und regional gleichermaßen greift Benjamin von Brackel auf 288 Seiten spannend und anschaulich das Thema Nr.1 auf: zeigt auf, wie sich der Klimawandel in Zukunft auf Tier- und Pflanzenarten auswirkt. Dramatische Auswirkungen des Klimawandels – nicht zuletzt auch auf den Menschen, an dem die Wanderung der Arten nicht spurlos vorbeigeht.

Ausgerechnet die Schutzgebiete von heute würden zu den Gefängnissen von morgen, schreibt Benjamin von Brackel. Artengemeinschaften, wie wir sie heute kennen, brechen in einzelne Bestandteile auseinander. Manche Arten sterben aus, andere können an neuen Orten überleben. NASA-Forscher erklärten schon 1985, spätestens zur Jahrtausendwende würden die allermeisten Arten ihren langen Marsch über den Globus antreten und der globalen Erwärmung eine Gestalt geben. Meeresbewohner stoßen im Schnitt 72 Kilometer pro Jahrzehnt vor, Landbewohner 17 Kilometer.

Der Autor will die Leser auf eine Spurensuche mitnehmen - vom Nordpol bis zu den Tropen. Trotz Warnungen tat sich nichts. Die Länder der Erde sollten den Ausstoß von Kohlendioxid drosseln, um den Klimawandel so weit wie möglich zu begrenzen. Das größte Freilandexperiment aller Zeiten nahm ungehindert seinen Lauf. Man kann auch sagen: die ökologische Katastrophe. Die Arktis schrumpft. Biber tauchten in der Tundra auf, fanden Nahrung und Baumaterial für ihre Dämme, mit denen sie Gewässer aufstauten und so das Bild der Flusslandschaft veränderten.

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Schäubles gedruckte Gedanken-Börse

Im ersten Moment irritiert das Inhaltsverzeichnis. Steht da Wolfgang Schäuble nur drauf und ist wenig Wolfgang Schäuble drin? Nein! Da schreibt nicht einer am Stück durch vom ersten bis zum letzten Blatt, um dann mehr als 300 Seiten vorzulegen mit eigenen Analysen, Eindrücken, sozusagen als seine gebundene Meinung. Wie wir an Krisen wachsen - Grenzerfahrungen lautet der Titel des im Siedler-Verlag erschienenen Buches. Eine Anstiftung, über die Zukunft zu streiten, und eine Ermutigung, das Bewährte zu wahren und Neues zu wagen, steht an einer Stelle des Druckwerkes. Das ist Anspruch und Anreiz zugleich.

Mir fällt dazu ein anderes, jedoch früheres Medienformat ein. Wer erinnert sich noch an die beliebte Gesprächsreihe im Fernsehen von Günter Gaus (1929-2004)? Schäuble statt Gaus, Buch statt TV. Gaus? Klicken wir Wikipedia an: Bekannt wurde seine Sendereihe Zur Person, die zum ersten Mal am 10. April 1963 im ZDF ausgestrahlt wurde. Hierin stellte Gaus jeweils einen Gast in Form eines Interviews vor. Die so entstandenen Porträts von Politikern, Wissenschaftlern und Künstlern gelten als Klassiker. Journalist Gaus selbst war in den Sendungen meist nur zu hören war.  Gaus‘ Art, nachzufassen, glich denn auch eher einem Gedankenaustausch statt der reinen Auflistung von Lebensstationen.

Wolfgang Schäubles gedruckte Gedanken-Börse. Das soll nicht despektierlich sein, ich meine den Reichtum an Ideen, Meinungen und persönlichen Erfahrungen. Der christdemokratische Spitzenmann aus Baden will den Menschen die Furcht vor politischen Grenzerfahrungen nehmen. Die Coronakrise stelle mit ihren Folgen für unsere Art, zu leben und zu wirtschaften, viele unserer Gewissheiten infrage und gefühlte Selbstverständlichkeiten auf den Kopf. Sie bedeute eine Art kollektive Grenzerfahrung, in dem sie Knappheiten aufzeige und uns dadurch Wertigkeiten neu oder anders bestimmen lasse. Von dieser optimistischen Position aus argumentiert der Bundestagspräsident. Er lässt sich in diesem Buch von einer Grundprämisse westlichen Denkens leiten: von der Bereitschaft zu kritischer Selbstreflektion und zur kontroversen Debatte.

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