„Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch“

"Außer Corona gibt es auch noch Friede und Freude in Gottes freier Natur."

Nach der Krise wird es nicht mehr so sein wie vor der Krise. Ein beliebter Satz, immer wieder aufpoliert. Die Worte fallen einem ein bei der weltweiten Inflation des  Corona-Virus. Wir kennen sie. Sie wiederholen sich. Die Menschen hörten diese Ankündigung  auch in der weltweiten Finanzkrise 2008/2009.

Als sich zeigte, dass den Zeitungen die Abonnenten wegbrechen und keine packende Gegenstrategie zu erkennen war, begann auch der Verleger der Tageszeitung damit seinerzeit seine Rede in der Betriebsversammlung. Quasi als ummäntelte  Aufforderung, sich rechtzeitig an den Abbau von Wohlstand zu gewöhnen. Deregulierung, Kürzungen bei den Tarifverträgen, Stellenabau - die Begründung für Sozialabbau. Die Botschaft: Nach der Krise werden viele weniger erhalten. Schon fällt der Satz in der aktuellen Corona-Krise. Vorbereitung auf Einschnitte, die dann doch nicht kommen?

Stimmt: Schon verändert sich manches. Vielfältig. Zum Glück, nicht unbedingt zum Schlechteren. Das Vertrauen in die Bundesregierung, in die Kanzlerin, in die CDU, in Spahn, ja selbst in Söder wächst sprunghaft. Die Verkünder der Merkeldämmerung sind stumm geworden. Ist ja durchaus berechtigt: Politiker, die handeln und nicht lange diskutieren, wenn schwere Zeiten am Horizont aufziehen, schätzt der Wähler. Merkel könnte 2021 wieder antreten. Wäre mir ganz lieb, denn sie schafft Vertrauen, beruhigt, nimmt Stress weg. Der Merkel-Effekt ist ein Vertrauenseffekt.

Kehrtwende

Einen solchen erleben auch die Tageszeitungen. Nicht mehr das Geschimpfe von der Lügen-Presse, der sture Glauben an die Meldungen in den sozialen Medien, die sich als Fake-News erweisen,  bestimmen das Bild - in einer Krisenzeit suchen die Menschen nach Verlässlichkeit, wollen Vertrauen. Selbst Trump wird immer häufiger eingeholt von den Realitäten, die seine eigenen Wahrheiten als Lügen entlarven.

Von der Krise profitieren auch die Tageszeitungen. Corona-Pandemie steigert das Bedürfnis nach vertrauenswürdigen Informationen, meldet der Bundesverband der Deutschen Zeitungsverleger (BDZV). Schließlich geht es um einen selbst. In der vergangenen Woche (16.-22.03.) haben demnach mehr als zwei Drittel (67,1 Prozent) der deutschsprachigen Bevölkerung  von  16 Jahren an auf die Informationsangebote der Zeitungen im Web zugegriffen. Ende Januar lag die wöchentliche Reichweite noch bei 50,1 Prozent, das bedeutet ein Plus von 34 Prozent, zeigt eine aktuelle ZMG-Auswertung der AGOF daily digital facts.

Gerade regionale Nachrichten und Informationen zur Situation in der Heimat erweisen sich für die Menschen im Moment essenziell. Das dokumentieren auch die erheblich gestiegenen Zugriffe auf die Webseiten der regionalen Abonnementzeitungen. Sie sind das am stärksten nachgefragte digitale Zeitungsangebot und erreichten in der vergangenen Woche 57,3 Prozent der Bevölkerung. Das entspricht 39,4 Millionen Nutzern und einem Zuwachs von 52,8 Prozent seit Januar.

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7 von 26: Die kleine Schar von Stadträten auf (letztem?) Sender-Besuch

Der Sender steht fest

Heute Abschiedsbesuch von der langen Nadel oder Mutmacher für alle, die den Sender erhalten wollen? Genau wissen wir das noch nicht. Ein Besuchstermin jedenfalls für Gemeinderat, Medien und Senderverein Mühlacker.  Letzterer war vielköpfig vertreten. doch von 26 Stadträten kamen zu dem offiziellen Termin der Stadt nur sieben, die meisten aus Neugier, weil sie die Anlage noch nie von innen gesehen hatten, jedoch über den Kauf durch die Stadt entscheiden sollen. Doch von den lautesten Kaufgegnern fand sich niemand ein. Abgehakt!  

Inzwischen steht fest: Die Zeit zerrinnt uns zwischen den Fingern. Wie Sand an einem Strand. Strandet die Debatte nach der wenige Tage alten Abbruchgenehmigung des Regierungspräsidiums Karlsruhe für den stillgelegten Mittelwellensender des SWR? Mich bestärkte der Besuch, weiterhin für den Erhalt einzutreten. Nicht nur, weil der Sender vom gleichen Jahrgang ist wie ich: 1950. Doch der SWR will ihn am 24. März um 11 Uhr fällen, erfuhren wir aus dem Rathaus. Der Sender kämpft ums Überleben, schreibt die BNN in Karlsruhe. Roland Weisenburger schreibt ganz einfühlsam:

Er ist höher als das Ulmer Münster, länger als der Stuttgarter Fernsehturm und größer als der Aufzugtestturm von Rottweil. Der Mühlacker Sender ist das höchste Bauwerk im Ländle. Von weitem sieht er aus, wie ein Strich in der Landschaft.

Doch je näher man dem großen Sendemast kommt, desto beeindruckender wird seine Erscheinung. Wie eine riesenhafte Nadel balanciert er dort auf seinem wuchtigen Fundament, oben auf der windigen Höhe über der Stadt, die ohne ihn wohl heute noch ein kleines Dorf wäre.

Ich werde nie verstehen, wie einem Mühlackerer egal sein kann, was aus dem Wahrzeichen seiner Heimatstadt wird. Oder gar den Abriss wünscht, weil es sich angeblich nur um ein totes Rohr handelt. Aber ich bin Lienzinger, jedoch trotzdem für den Erhalt.

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Lienzinger Geschichte(n): Bauen, um zu dreschen - Stress wegen kommunalem Serviceangebot

Draufgesetzt zum Entlüften - Dach der einstigen Dreschhalle. (Fotos: Antonia Bächle)

Was dem Mühlacker Gemeinderat über Jahre der Mühlehof, war den Ratsmitgliedern der bis 1975 selbstständigen Gemeinde Lienzingen bis 1966 die Dreschhalle. Kein anderes Projekt zog sich 20 Jahre lang wie ein roter Faden durch die Sitzungsprotokolle: Lienzingens Dreschhallen-Geschichte ist lang und trotzdem spannend. Für die seinerzeitigen Protagonisten brachte sie Stress. Was heute nicht mehr viele wissen: Die drei Hallen stehen noch. Eine lässt  durch ihren länglichen typischen Entlüftungsdachaufsatz und den Feldscheunen-Charakter den einstigen Zweck erahnen. Die Adresse: Brühlstraße 34, seit  1966 Lienzinger Betriebsstätte des Bauunternehmens Straub. Die andere ist - auch für mich überraschend - der Kelter-Vorbau an der Zaisersweiherstraße, vor 100 Jahren gebaut, um darin zu dreschen. Zudem ist an der  Raithstraße eine ehemals private Dreschhalle zu einer "normalen" Scheune mutiert.

Brühlstraße 34, heute Lagerstätte eines Bauunternehmens, doch 1956 gebaut als kommunale Dreschhalle für Lienzingen, 1966 verkauft. Denn Mähdrescher machten den Dreschmaschinen Konkurrenz

Ende der sechziger Jahre kamen Dreschmaschinen und damit auch -hallen außer Mode. Bei den Dreschmaschinen karrten die Bauern ihr  geschnittenes und dann noch auf dem Acker zu Garben gebundenes Getreide an, um die Körner in der meist scheunenähnlichen Halle maschinell  herausschlagen zu lassen.  Sie mussten das dabei vom Halm gelöste Korn anschließend  genauso zu ihrem Hof abtransportieren wie die nun ährenlosen Strohballen. Mehrere Arbeitsgänge, die Zeit und Nerven kosteten. Dagegen erledigen Mähdrescher fast alles schon auf dem Feld, bieten somit mehr Komfort und ein Rund-um-Sorglos-Paket.

Lienzingen, ein Bauerndorf: Noch 1950 erfasste die Gemeindestatistik unter 537 Erwerbspersonen 249 in der Landwirtschaft Tätige, damit 46 Prozent. Der gravierende Wandel zeigt sich daran, dass es 1961 noch 15 Prozent waren, zehn Jahre später gut fünf Prozent. Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe schrumpfte in dieser Zeit von 155 auf 41, mit zwei bis fünf Hektar Fläche von 63 auf 6, die Betriebe mit mehr als 20 Hektar stiegen von Null auf fünf. Zeichen der Konzentration. (Konrad Dussel, „Lienzingen“, Ortsbuch, 2016, Verlag Regionalkultur, S. 204 ff) Das Statistische Landesamt Baden-Württemberg gibt in der amtlichen Agrarstruktur-Statistik für 2016 noch sieben Betriebe an, davon fünf mit 50 und mehr Hektar Fläche, zwei mit zwei bis fünf Hektar.

Kelter um Dreschhalle erweitert
Eine Dreschhalle war demnach noch in den fünfziger und beginnenden sechziger Jahren ein für Lienzingen wichtiges kommunalpolitisches Thema. Ein Dauer-Brenner. Und zuvor erst recht. Die Geschichte des maschinellen Dreschens an einem zentralen Ort beginnt denn auch schon nach dem Ersten Weltkrieg. 1919 liefen die Vorarbeiten für den Bau der ersten kommunalen Dreschhalle an: Am 16. Juli schrieb Lienzingens Schultheiß Adolf Fallscheer dem Baumeister des Oberamts

Die 1932 genehmigte private Dreschhalle des Landwirtes Josef Rueß, heute normale Scheune

Maulbronn,  Aeckerle, wegen der notwendigen Genehmigung eines Grundstücksgeschäftes mit der Forstdirektion Stuttgart, das Voraussetzung dafür war, die Kelter für eine solche Halle zu erweitern. Schon drei Tage später ging die Zustimmung der Behörde im Rathaus ein.

Im Juli 1921 legte die Gemeinde Lienzingen ein Baugesuch „betreffs Erbauung einer Dreschhalle“ am Ortsweg (heute Zaisersweiherstraße) als elf Meter breiter und 10,50 Meter langer Vorbau an der Kelter vor, gefertigt von Architekt Aeckerle, unterschrieben vom 1920 eingesetzten neuen Schultheiß Karl Brodbeck. Sein Vorgänger hatte schon Angebote eingeholt, darunter vom Gemeinde-Verband Elektrizitätswerk Enzberg (später EVS), das am 11. Juni 1919 einen Drehstrom-Motor fürs Dreschen mit 15 PS für 3900 Mark, mit 17 PS für 4270 Mark offerierte, freilich ohne Installation. Ein Motor offener Bauart mit Schleifringanker Aluminiumwicklung, mit normaler Riemenscheibe samt Anlasser für Volllastenlauf (Quelle. Stadtarchiv Mühlacker, STAM, Li A 8, Li A 79/36).

Landwirt Rueß baut später
Eine privat betriebene Dreschhalle baute zu Beginn der dreißiger Jahr der Dreschmaschinenbesitzer und Landwirt Josef Rueß aus Lienzingen am Feldweg Nummer 23 (heute Raithstraße) auf der Parzelle Nummer 1329/1 des Karl und Otto Stahl. Am 31. Juli 1932 stellte ihm die Gemeinde Lienzingen die Genehmigung gegen eine Gebühr von 12 Reichsmark aus. Besondere Auflage: Die Umfassungswände seien durchweg mit Bretterverschalung auszuführen, welche mit Deckleisten zu versehen seien. Bei einer Baukontrolle im September 1932 beanstandete der Mitarbeiter des Oberamtes Maulbronn, dass die vollständige Verschalung noch fehle und setzte eine Frist bis 1. Oktober 1932. Das Gebäude steht heute noch und wird als Scheune genutzt (Quellen: Stadtarchiv Mühlacker, Li A 80/19).

Wo die Lienzinger heute Feste feiern
Unter dem Vordach der Kelter, das die Lienzinger heutzutage bei Festen schätzen, wurde also in der Erntezeit das Getreide maschinell gedroschen. Sehr zum Ärger der Nachbarn auf der gegenüber liegenden Straßenseite, weshalb der Betrieb 1941 eingestellt werden sollte. Doch das blieb Theorie.

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Ringscheuern, merkwürdige Kammern, unterkellerte Flüchtlingsräume oder ganz einfach: Lienzinger Gaden, das Markenzeichen

Die Gaden dien(t)en als Vorratskammern (2020)

Zunächst irritiert die Passage im Protokoll der Lienzinger Gemeinderatssitzung am Vorabend des Heiligabends anno 1957. „Erneuerung der Ringscheuern um die Dorfkirche“, lautet der zweite Punkt der Tagesordnung. Doch rasch wird klar, dass damit die Gaden rund um die Peterskirche gemeint sind. Ob die vorweihnachtliche Stimmung die Bescherung beförderte oder die Überzeugung, ein „kultur- und heimatgeschichtlich wertvolles Baudenkmal“ zu sichern, sei dahingestellt. Möglicherweise kam beides zusammen. Jedenfalls beschlossen die Räte, dass sich die Kommune an den Baukosten der Instandsetzung der Ringscheuern maßgeblich beteiligen werde und beauftragten Bürgermeister Richard Allmendinger, die Verhandlungen fortzusetzen.

Ringscheuern, Gaden oder „merkwürdige Kammern auf dem Kirchhof“, wie sie Friedrich Wißmann im „Ortsbuch von Lienzingen“ (1970, Walter-Verlag, Ludwigsburg, S. 34ff) nannte, oder "unterkellerte Flüchtlingsräume" als "eine besondere Merkwürdigkeit dieser (Kirchenburg-)Anlage", so Dr. R.W. Schmidt, Konservator beim Württembergischen Landesamt für Denkmalpflege in Stuttgart, in "Lienzingen, ein Dorfbild im Unterland" (in: Schwäbisches Heimatbuch, Stuttgart, 1927, S. 112-126): Die eineinhalb Dutzend Gaden stammen aus dem 15. Jahrhundert.

Sie seien, heißt es in dem Ratsprotokoll von 1957, in einem so bedenklichen Zustand, dass eine möglichst baldige Erneuerung nicht zu vermeiden sei. Das Landratsamt Vaihingen an der Enz startete deshalb eine Initiative beim Landesamt für Denkmalpflege, das einen eventuellen Zuschuss von 3000 Mark in Aussicht stellte. Auch der Landkreis wolle sich an den Kosten beteiligen, wenn dies die damals 1100 Einwohner zählende Gemeinde auch tue.

Eigentümer fragen

Kreisbaumeister Vogelmann sagte zu, so ist der Sitzungsniederschrift zu entnehmen, einen Kostenvoranschlag zu fertigen. Doch: Zunächst wäre festzustellen, inwieweit sich die beteiligten Eigentümer der 17 Gaden entschließen, die erforderlichen Instandsetzungsarbeiten an ihren Anteilen durchführen zu lassen.  -(Stadtarchiv Mühlacker, Li B 325,  S. 181)

Das Modell der Lienzinger Kirchenburg steht im Heimatmuseum Mühlacker, Kelterplatz

Über einen Erfolg der Bemühungen von Bürgermeister Allmendinger in dieser Sache ist nichts bekannt. Trotzdem endete das Projekt erfolgreich, wenn auch unter veränderten politischen Rahmenbedingungen und durchaus verspätet - zwölf Jahre nach der Anfang Juli 1975 erfolgten Eingemeindung nach Mühlacker, vom Staatsgerichtshof Baden-Württemberg im Mai 1975 durchgewunken. Letztlich ist die Gadensanierung ein Vorhaben der gesamten Stadt geworden. Lienzingen brachte dieses Juwel in die größere Kommune ein.

Kirchenburg im Denkmalbuch

Die Kirchenburg mit ihren Gaden ist Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung gemäß § 2 in Verbindung mit § 12 des Landesdenkmalschutzgesetzes, eingetragen ins Denkmalbuch.  Höchster Schutzstatus also. Am 20. März 1979 hatte ich in einer Gemeinderatsanfrage (Nr. 43/79) auf den „teilweise erbärmlichen Zustand“ der Gaden hingewiesen und auf bei Reparaturen verwendetes Material, das absolut nicht zur Anlage passe. Ich regte an, die Stadtverwaltung solle „entweder über Land oder Kreis oder selbst nach Wegen suchen, um eine Erhaltung zu erreichen“. In der Antwort schrieb die Verwaltung am 28. Mai 1979, sie habe schon vor einiger Zeit Kontakt mit den Eigentümern aufgenommen, doch als diesen die relativ hohen Baukosten bekannt geworden seien, sei keiner mehr bereit gewesen, mitzuarbeiten,  sie nähmen die Reparaturen in eigener Regie vor. Ein Rückzug, den auch das baden-württembergische Innenministerium in einer Antwort vom 5. August 1982 (V 746 Mühlacker/1)  auf ein Schreiben von mir als Stadtrat bedauerte hatte.

 

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Lienzinger Geschichte(n) um die Alte Steige - Bereits1958 ärgert der Schleichverkehr den Gemeinderat

Alte Steige/Schützinger Straße schon vor 60 Jahren ein Problem bei der Gemeinde Lienzingen. Lösung: Lightboys sollen dem Schleichverkehr das Abkürzen verleiten

Als Richard Allmendinger (1910-1992) im Lienzinger Rathaus regierte, da zählte der Gemeinderat zehn Mitglieder. Die sparsam besetzte Verwaltung bestand aus Bürgermeister, Gemeindepfleger, einer Sekretärin, dem Amtsboten und dem Fronmeister. Letzterer war so etwas wie der Bauhof in Person. Und weil das Personal knapp und die Kommune sparsam war, musste der Bürgemeister auch das Protokoll der Ratssitzungen schreiben. Allmendinger tat dies mit Akribie und Können, führte sehr genau das Register. Sechs Bände füllen seine Niederschriften, beginnend 1947 und endend 1975 mit der Zwangseingemeindung nach Mühlacker, in deren Stadtarchiv (STAM) sie inzwischen stehen.

Zuletzt gut 1700 Einwohner
Der Verwaltungsfachmann Allmendinger war der elfte Schultes der Gemeinde Lienzingen seit 1801 (damals etwa 600 Einwohner) und gleichzeitig ihr Letzter. Gut 1700 Menschen lebten in dem Ort im Jahr des vom Landtag angeordneten Verlustes der Unabhängigkeit, heute sind es 2100.

In den Protokollbüchern zu blättern, ähnelt einer Reise durch die Lienzinger Nachkriegsgeschichte. Die großen Themen wie Wohnungsnot, Markungstausch mit Mühlacker, Bau von Schule, Kindergarten und Gemeindehalle mischen sich mit den kleinen Dingen wie dem Verkauf von alten Schulbänken an die Nachbargemeinde Schmie, die Entschädigung für den Farrenhalter, das Pfarrbesoldungsholz und der "unvermutete Kassensturz" im Rathaus. Oder mit Geschichten über Streitfälle und Versöhnungsgesten.

Schleichverkehr seit 60 Jahren
Plötzlich taucht ein Thema auf, das aktuell und einem dadurch bestens bekannt ist, das 1958 den Lienzinger Gemeinderat beschäftigte und heute noch die Stadtverwaltung Mühlacker: Der Schleichverkehr auf der alten Steige, dem Ortsweg Nummer 11, der seit der Eingemeindung 1975 Schützinger Straße heißt. Dass der obere Teil nur frei ist für landwirtschaftliche Fahrzeuge, schert manche Autofahrer nicht. Ich war heute Morgen nur kurz zu Fuß auf der alten Steige, da fuhren zwei Fahrzeuge, eines mit KA und eines mit BB völlig unbeeindruckt und schneller als 30 km/h durch. Ich bin unendlich sauer, schrieb mir ein Anwohner im Juni vorigen Jahres. Immer wieder beschweren sich Bürger über den verbotenen Ausweichverkehr im morgendlichen und abendlichen Berufsverkehr (morgens zwischen 6 und 8 Uhr), durch den die kurvenreiche Landesstraße somit auch "tempohemmende“ Lkws umgangen werden, notierte ich in einer Anfrage an die Stadt.

Schwere Regenfälle
Eine unendliche Geschichte. Sie begann vor über 60 Jahren. Eine Art Déjà-vu-Erlebnis, denn in seiner Sitzung vom 14. November 1958 beriet der Lienzinger Gemeinderat über die Sperrung der alten Steige. Nachdem sie wieder instandgesetzt sei und eine Teerdecke erhalten habe, werde die Straße von auswärtigen Fahrzeugen in zunehmendem Maße befahren, steht im Protokoll. Die Arbeiten waren im Juli 1957 beschlossen worden, nachdem schwere Regenfälle diese Gefällstrecke unterspült hatten (STAM, Li B 325, S.157).

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Geschichte(n): Heidenwäldle-Vertrag bringt Lienzingen eine Million für eine neue Halle

Die Karte über den Tausch von 1963 über den aktuellen Stadtplan gelegt. Links die rote Fläche, die Lienzingen an Mühlacker abgab, rechts die blaue Fläche, die Lienzingen dafür bekam. Jeweils 8,7 ha. Montage: Stadtverwaltung Mühlacker (Geoinformation)
Ex-Lienzinger Markungsteil nördlich Beliner Ring. (2020) Bild: Antonia Bächle

Lienzinger Geschichte(n):  Erst der nördliche Nachbar macht das "Heidenwäldle" in seiner jetzigen Größe möglich. Taktik, Störfeuer, Unmut und dann doch 1964 Zustimmung nach mehr als  dreijährigen Vertragsverhandlungen. Das größte Grundstücksgeschäft der Gemeinde Lienzingen seit Jahrhunderten dürfte das gewesen sein. Trotzdem passte das Kernstück der Vereinbarung auf eineinhalb Seiten der Größe DIN A 4, getippt auf der Schreibmaschine mit mehreren Durchschlägen. Im zweiten Schriftstück ging es ums Geld. Am 12. November 1965 unterschrieben die Bürgermeister von Lienzingen und Mühlacker, Richard Allmendinger und Erich Fuchslocher, das kommunale Abkommen über einen Markungstausch von 8,7 Hektar. Der kleinere Partner ließ sich den Handel mit gut einer Million Mark entschädigen. Und finanzierte damit 1966 den Bau seiner Gemeindehalle.

Mit einer „Bekanntmachung“ vom 12. Januar 1966 teilte das Regierungspräsidium Nordwürttemberg in Stuttgart im Gesetzblatt auf Seite 26 der Öffentlichkeit seine Genehmigung unter der Nummer 14 - 512/35 Mühlacker-Lienzingen/1 mit: die Umgemeindung eines unbewohnten Gebietsteils der Gemeinde Lienzingen von 8 ha 70 ar 32 qm in das Gebiet der Stadt Mühlacker und eines unbewohnten Gebietsteils der Stadt Mühlacker von 8 ha 70 ar 6 qm in das Gebiet der Gemeinde Lienzingen. Rechtswirksam wurde der Tausch dieser zweier Kommunen des Landkreises Vaihingen am 1. Februar 1966.

Willkommen in der Waldsiedlung 2020. Bild: Antonia Bächle

So stehen die Häuser nördlich der Ernst-Reuter-Straße, des Berliner Rings (hier springt an einer Stelle die alte Markungsgrenze etwas zurück), an der Louise-Schroeder-Straße und östlich des Berliner Rings bis kurz vor der dreispurigen Zufahrtsstraße sowie die Reihenhäuser zwischen Berliner Ring und katholischem Gemeindezentrum auf ehemals Lienzinger Markung. Hier sind die Karten zum Tauschvertrag und der heutige Stadtplan von der Geo-Information der Stadtverwaltung Mühlacker übereinander gelegt: 1963_Flaechentausch_Heidenwaeldle_Plan_mit_KAT_2019.pdf

Zuerst Fläche vom Land

Um die Siedlung realisieren zu können, tauschten schon 1962 Staatsforstverwaltung und Stadt Mühlacker jeweils 27,7 ha Fläche. Zudem musste die Kommune für das dem Heidenwäldle vorgelagerte, 2,54 ha große Flurstück Nr. 2413/2 dem Land Baden-Württemberg 223.432 Mark bezahlen, schon abgezogen ein  Sozialrabatt von 2,50 Euro pro Quadratmeter, den die Stadt nachträglich bezahlen müsse, wenn es nicht innerhalb von drei Jahren für den öffentlich geförderten Wohnungsbau verwendet werde, hieß es am 29. Oktober 1963 im Gemeinderat, der einstimmig dafür war (Stadtarchiv Mühlacker=STAM, GR 73, S.112).

Doch die mit dem Land getauschte und gekaufte Fläche reichte nicht. In seiner Sitzung vom 16. Juli 1963 ließ Bürgermeister Fuchslocher den Mühlacker Gemeinderat wissen, der vom Gremium am 10. Oktober 1961 genehmigte Bebauungsvorschlag des Baudirektors Gerber von der Regionalen Planungsgemeinschaft Württemberg-Mitte (RPW) mache einen Markungstausch von je rund 8,3 ha mit Lienzingen erforderlich (STAM, GR 79, S. 56).

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Das Gutachten, das nur ein Anwaltsschreiben ist oder Die Sache mit den Emotionen

Haushaltsplan 2020 noch in Arbeit
Es sei richtig, die Diskussion um die Senderzukunft intensiv zu führen. Und naturgemäß hingen an einem Wahrzeichen auch jede Menge Emotionen, die sich nicht in Gänze ausblenden ließen. Doch - trotz aller subjektiver Betrachtung – hätten die Ansichten der jeweiligen Gegenseite ebenso ihre Berechtigung. Jede Meinung sei legitim. Und die Debatte sollte nicht zu einer Spaltung führen, wie sie in der Gesellschaft inzwischen viel zu oft vorkomme. Das sagte Oberbürgermeister Frank Schneider am Dienstagabend im Gemeinderat von Mühlacker. Kluge Sätze, passend dazu. Sendererhalt oder nicht sei, so sein Einstieg zur kleinen Nachhilfe für gegenseitigen Respekt bei so konträren Meinungen, letztlich keine parteipolitische, eher eine Frage des Grades des emotionalen Verhältnisses zur langen Nadel. Eine zutreffende Analyse, wie sich fast täglich in Diskussionen und Gesprächen zeigt.

Tatsächlich lief die fast zweistündige Debatte über einen gemeinsamen Antrag von Stadträten aus vier der sechs Fraktionen, bei allem Konträrem in den Positionen, sachlich ab. Eine Sternstunde des Gemeinderats, meinte danach  Fraktionskollege Matthias Trück. Sachlich, ernsthaft, überfraktionell, klares Ergebnis.

Das Aus drohte

Zwei der sechs Fraktionen (FW und AfD) votierten einheitlich dagegen, quasi als Block, obwohl es bei der FW zunächst durchaus Bewegung gab. Ulrich Hagenbuch sagte, eigentlich könne er dem Antrag zustimmen, vollzog aber nicht. Mir war es wichtig zu betonen, dass es an diesem Abend nicht um die Entscheidung zwischen Erhalt oder Abbruch des 273 Meter hohen Sendemastes, auch nicht um das gesamte Kaufangebot des SWR, sondern um den Start eines Verfahrens geht, an dessen Ende der Gemeinderat die Ergebnisse - besonders die finanziellen Folgen - wertet, abwägt und dann in der Sache entscheidet.

Für diesen Weg brauchen wir Zeit, die uns Land und SWR zugestehen müssen. Die Ratsmehrheit tat am Dienstagabend zunächst nur eines, wie es Sozialdemokrat Jürgen Metzger formulierte: Wir geben dem Sender eine Chance.  Mehr nicht, aber auch nicht weniger. Das ist aber mehr als noch im Dezember in der legendären Ratssitzung, als letztlich leider alles nach dem endgültigen Aus des Projekts SWR-Angebot roch.

Fehlt die Geduld?

Viel Zustimmung zur Entscheidung erreichte mich nach dem Dienstag, mehr als vermutet. Aber auch Widerspruch und Kritik, weil gemeint wird, damit sei die lange Nadel schon gekauft. Ein Punkt, der mir rätselhaft ist. Wer alle Punkte zunächst aufbereitet, offene Fragen beantwortet haben möchte, um in Kenntnis aller Fakten danach zu entscheiden, ist jetzt noch auf dem Weg. Fehlt manchen die Geduld, auf eine breite Entscheidungsbasis zu warten?

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