Lienzingen vor 75 Jahren - Die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs und die Zeit danach

Bürgermeister Allmendinger im Herbst 1948 zu den letzten Kriegstagen 1945 (Quelle: Hauptstaatsarchiv Stuttgart J 170 Bü 19 [Lienzingen])
Lienzingen vor 75 Jahren. Die Besetzung durch feindliche französische Truppen fand am 7. April 1945 vormittags 9 Uhr statt. Es waren Fremdenlegionäre (de Gaulle Truppen). Viele Vergewaltigungen kamen vor. 

Dreieinhalb Jahre nach dem Tag der Befreiung schrieb Bürgermeister Richard Allmendinger, sachlich und nüchtern, zur geschichtlichen Darstellung der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs. Der Anlass: Eine Umfrage des Landratsamtes Vaihingen an der Enz im Herbst 1948.

Kriegsende. Die 2. Marokkanische und 3. Algerische Division überquerten Ende März auf breiter Front den Rhein und drängten auf deutscher Seite die 16. und 17. Volksgrenadierdivision über die Enz zurück. Ohne auf große Widerstände zu stoßen, besetzten sie am 6. April Maulbronn und Ötisheim, anderntags folgten Schmie und Lienzingen. Mit dem Einmarsch französischer und US-amerikanischer Truppen ging zwischen dem 27. März und dem 30. April 1945 in Württemberg, Baden und Hohenzollern der Zweite Weltkrieg zu Ende – noch vor der offiziellen, bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reichs am 8. Mai 1945.

  • Antworten des Bürgermeisters von 1948 jetzt online

Einen Fragebogen schickte das Landratsamt Vaihingen im Herbst 1948 den Bürgermeistern der 42 Kreisgemeinden zu. Ihre Schilderungen und viele weitere Unterlagen zum Ende des Zweiten Weltkriegs sind vom Landesarchiv Baden-Württemberg digitalisiert und online zugänglich gemacht. Kurz und knapp die Antworten von Allmendinger, seit Ende 1947 im Amt, die auf Zeugenaussagen basierten. Der gebürtige Horrheimer (Jahrgang 1910) erlebte das Ende des Zweiten Weltkriegs als Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung Wernau am Neckar.

Unser Ort blieb von Luftangriffen ganz verschont. Des Nachts haben wir bei

Jakob Straub (1882 - 1961), 1945 bis 1947 Bürgermeister von Lienzingen, lange Jahr auch Vorsitzender des Männergesangvereins Lienzingen. Aufgenommren um 1940 (STAM, Smlg Rolf Schäfer)

feindlichen Einflügen immer die elektrischen Leitungen ausgeschaltet und es fiel, da kein Licht zu sehen war, keine einzige Bombe im Ort. Wohl auf der Markung. Beim Einmarsch fiel nur eine Scheune in der Lienzinger Mühle dem Brand zum Opfer,weil dort noch deutsche Soldaten gesehen wurden, notierte der Bürgermeister. Artilleriebeschießung fand nicht statt. Brücken wurden keine gesprengt.


Lienzinger Geschichte(n): Heute aus Anlass des Kriegsendes am 8. Mai 1945. Was geschah in Lienzingen? Was kam nach der Befreiung von der Diktatur? Eine kommunale Selbstverwaltung, die wieder relativ zügig in Gang kam mit Otto Knopf, Jakob Straub (Großvater des späteren Stadtrats Rolf Schäfer (SPD), der für Lienzingen von 1984 bis 1999 im Mühlacker Gemeinderat saß), Gottlob Hermle und Richard Allmendinger - alle als Bürgermeister. Dazu nicht nur in Lienzinger Ratsprotokollen geblättert


Panzersperren seien beim Einmarsch am Ortseingang und im Ort durch deutsche Truppen errichtet worden. Da das Dorf freigegeben worden sei, seien Plünderungen an der Tagesordnung gewesen.

Die Bevölkerung habe anfangs Hausverbot (gemeint war wohl ein ganztägiges Ausgangsverbot, Anm. des Autors), nachher sei der Ausgang bis 19 Uhr zur Felderbestellung erlaubt worden.

Zu Evakuierungen gab Allmendinger an, diese hätten gleich 1940 stattgefunden. Es seien Leute aus dem badischen Mörsch, dann auch 1943 aus dem Elsass, von der Saar und vom Rheinland in Lienzingen evakuiert gewesen. Von hier wurde niemand evakuiert. Die Kirchenglocke aus dem Jahr 1777 war, so der Bürgermeister auf die neunte und damit letzte Frage, 1942 durch Deutsche abmontiert worden (HStAS J 170 Bü 107 [Lienzingen]).

  • Am 7. April 1945 rückten französische Soldaten ein
Das erste Mal nach Kriegsende 1945 tagte am 3. Juli 1945 wieder der Lienzinger Gemeinderat (Quelle: STAM, Li B 323)

Die französischen Besatzer setzten noch am 7. April Karl Brodbeck als Bürgermeister ab, seit Ende 1920 im Amt, Otto Knopf, den früheren zweiten Beigeordnete und Hafner, als neuen Rathauschef ein. Zuerst gehörte Lienzingen zur französischen Besatzungszone, dann üübernahmen die  Amerikaner, die Knopf schon am 25. Juli 1945 seines Amtes enthoben und als Nachfolger Stellwerkmeister im Ruhestand, Jakob Straub ins Amt brachten. Straub gehörte vor 1933 der SPD an. Fünf der sechs Beigeordneten und Gemeinderäte, unter dem NS-Regime 1935 eingesetzt, behielten ihre Funktionen, darunter der Erste Beigeordnete und spätere Gemeindepfleger Emil Geißler. Als neue Gemeinderäte benannten die Amerikaner Friedrich Heinzmann und Friedrich Kälber. Unterdessen war Karl Brodbeck (1886 – 1967) interniert worden und kam  erst im September 1947 wieder frei. Brodbeck amtierte von 1933 bis 1937 gleichzeitig auch als Bürgermeister von Zaisersweiher, gab diese zweite Funktion aus gesundheitlichen Gründen ab, worauf in dem Nachbarort der Landwirt August Glöckler zum ehrenamtlich tätigen Nachfolger berufen wurde (Konrad Dussel, Lienzingen – Altes Haufendorf, moderne Gemeinde, Ortsbuch, 2016. Verlag Regionalkultur, S. 172 f und 184 ff).

Entscheidungen des Bürgermeisters

Rund 90 Prozent der Lienzingen wählten, als es am 28. Januar 1946 um den neuen, seit mehr als zwölf Jahren erstmals wieder demokratisch bestimmten Gemeinderat ging. 1964 Stimmen erhielt der Wahlvorschlag Christlich-demokratische Wählervereinigung und damit fünf Sitze. 946 Stimmen entfielen auf den Wahlvorschlag der demokratischen Einheitsliste, die damit drei Mandate holte (STAM).

Die Stimmenzahlen der Kandidaten bei der Gemeinderatswahl 1946 - fein mit Bleistift festgehalten (STAM).

Offenbar zum letzten Mal vor der Befreiung hatte der Lienzinger Gemeinderat - ohne Gemeinderäte - am 31. Dezember 1944 getagt, wobei im Protokoll der Passus Entscheidungen mit den Gemeinderäten gestrichen wurde. Denn anwesend war nur Bürgermeister Brodbeck, dessen Unterschrift denn auch  als einzige unter dem Protokoll stand. Eine Ratssitzung an Silvester als Farce. Die Entscheidungen des Bürgermeisters - so in der Kopfzeile der Niederschrift -  stehen auf zwei Seiten und umfassen drei Punkte. Top 1: Nachdem Amtsbote Wilhelm Scheck am 4. September 1944 zur Wehrmacht eingezogen worden sei, habe an diesem Tag Karl Reiß stellvertretend die Aufgabe des Ausrufers der amtlichen Bekanntmachungen übernommen und erhalte als Belohnung jährlich 200 Mark, auszuzahlen in vier Raten. Top 2: Die Unterbringung von Evakuierten, so von Lieselotte Schlangen aus Leverkusen mit zwei Kindern im Gemeindehaus für monatlich zehn Reichsmark sowie als Top 3 die Information über die Beschäftigung von 20 Zivilfranzosen als Holzhauer im Gemeindewald, da 1300 Festmeter Holz einzuschlagen seien. Der Gemeinde fehlten die notwendigen Kräfte, das Ziegelwerk habe aus Kohleknappheit nicht mehr genügend Arbeit.

Die  vom Regime zwangsrekrutierten Fremdarbeiter wurden in der Turnhalle, dem Kelter-Anbau, untergebracht, die Betten stellte das Ziegelwerk (STAM, Li B 323, S. 08).

  • Schneller Schultes-Wechsel - Erste Ratssitzung am 3. Juli 1945

Lienzingen am Kriegsende. 940 Einwohner, landwirtschaftlich geprägt, belastet durch den Durchgangsverkehr der Reichsstraße 35 (heute Bundesstraße 35). Die Kommunalpolitik lief nach kurzer Pause wieder an. Am 3. Juli 1945 tagte der

Gemeinderat erstmals wieder, um fünf Entscheidungen zu treffen: Das Krankengeld von Amtsdiener Wilhelm Scheck, der wieder von der Wehrmacht entlassen wurde, auf die Gemeindekasse zu übernehmen. Zudem bewilligte das Gremium Ausrufer Karl Reiß eine Abfindung von 120 Reichsmark, denn er hatte Scheck während dessen Soldatenzeit vertreten. Die  Evangelischen Kirchengemeinde betrieb inzwischen wieder in der, an die Kelter angebauten Turnhalle den Kindergarten - der Gemeinderat sagte einen jährlichen Zuschuss von 240 Reichsmark zu. Beim vierten Punkt der Tagesordnung beschloss der Rat, das Gemeindeobst in öffentlichem Aufstreich abzugeben. Abschließend legte das Gremium fest, die Gemeindekrankenschwester Marie Orth zu behalten, bis eine andere Schwester zur Verfügung gestellt wird. Für die Niederschrift über die Beratungen des Bürgermeisters Kopf und des Beigeordneten Geißler mit den drei anwesenden Gemeinderäten Kontzi,  Rueß und (Unterschrift unleserlich) diente noch die gleiche Vorlage aus der Formulardruckerei Salach wie vor dem Kriegsende (STAM Li B 323, S. 10).

Das Ratsprotokoll der der nächsten Sitzung vom 18. August 1945 trug erstmals die Unterschrift von Bürgermeister Jakob Straub. Am  20. Dezember 1945 tagte Straub mit sich alleine.   Er traf die Entschließung über Weihnachtszuwendungen an die Gefolgsleute, ein Begriff, den er aus der Zeit vor Kriegsende übernahm. Die Liste der Empfänger von jeweils 20 Reichsmark gibt gleichzeitig Aufschluss, wer seinerzeit Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung von Lienzingen war: Bürgermeister Straub, Gemeindepfleger Geißler, Amtsbote Scheck sowie die Schreibgehilfinnen Lehner, Brodbeck und Schmollinger (STAM Li B 323, S. 14).

  • Der Bürgermeister tagte am 31. Dezember 1944 mit sich allein: Das Protokoll (Quelle: STAM Li, B 323)
  • 50 Mark aus der Gemeindekasse für die Hilfslehrerin

Anderntags war es dagegen eine "richtige" Sitzung, auch wenn in der Niederschrift steht "Entschließung des Bürgermeisters", unterzeichneten das Protokoll nicht nur Straub, sondern auch der Beigeordnete Geißler sowie die Gemeinderäte Kontzi, Rueß, (unleserlich), Heinzmann und Kälber - versehen mit dem Hinwis, der Posten des Ersten Beigeordneten sei unbesetzt. Das Gremium benannte Otto Hess als Gemeinde-Forstwart für Karl Metzger, bis dieser aus der Gefangenschaft zurück kehrt. Das Jahresgehalt: 1100 Reichsmark. Gleichzeitig erhielt Amtsbote und Pumpwärter Wilhelm Scheck zum 1. Januar 1946 eine Erhöhung auf 1200 Mark jährlich. Da Hilfslehrerin Hella Geiger keinen Lohn bezog, genehmigte ihr  der Gemeinderat einmalig 50 Mark aus der Gemeindekasse (STAM Li B 323, S. 16).

  • Am 28. Januar 1946  fanden auch in Lienzingen die Gemeinderatswahlen statt

Der eigentliche Neubeginn der kommunalen Selbstverwaltung, wenn auch unter Aufsicht der Besatzungsmacht, begann mit den ersten demokratischen Wahlen nach Ende des Zweiten Weltkrieges, der so viel Leid über die Menschen brachte: Am 28. Januar 1946  fanden auch in Lienzingen die Gemeinderatswahlen statt. Acht Vertreter der Bürgerschaft waren zu bestimmen. In der Ratssitzung vom 19. Februar 1946 wurden sie von Bürgermeister Straub feierlich verpflichtet, bevor sie sich in derselben Sitzung mit den eigentlich kleinen, in dieser schweren Zeit für die Menschen aber großen Themen des Alltags beschäftigten: Zuzugsgenehmigungen (Einholen einer Auskunft beim Herrn Landrat), Entlohnung der Schuldienerin (15 Reichsmark während der Wintermonate), Erhöhung  des Gehalts für Gemeindepfleger Emil Geißler (Beschluss zurückgestellt), Entsendung von Friedrich Heinzmann und Friedrich Kälber in die Farren- und Eberschaukommission, Überlassung von Stangen an Wilhelm Bolay zur Einrichtung einer elektrischen Anlage (STAM, Li B 323, S. 17).

  • Zwei Wahlvorschläge eingereicht - Demokratischer Aufbau von unten her
Je 20 Mark Weihnachtsgeschenk 1945 für die Gefolgschaftsmitglieder - ein Begriff, der sich nach Kriegsende zunächst hielt (Quelle: STAM, Li B 323)

Das demokratische Leben sollte von unten her aufgebaut werden, schrieb der Historiker Konrad Dussel. Im Juni 1946 folgte die Wahl der Verfassungsgebenden Landesversammlung Württemberg-Baden. Rund 90 Prozent der Lienzingen wählten, als es am 28. Januar 1946 um den neuen, seit mehr als zwölf Jahren erstmals wieder demokratisch bestimmten Gemeinderat ging. 1964 Stimmen erhielt der Wahlvorschlag Christlich-demokratische Wählervereinigung und damit fünf Sitze: Neben den beiden schon amtierenden Gemeinderäten Friedrich Heinzmann und Friedrich Kälber kamen zum Zuge: Karl Geiger, Gotthold Scheck und Wilhelm Straub. 946 Stimmen entfielen auf den Wahlvorschlag der demokratischen Einheitsliste, die damit drei Mandate holte: Friedrich Häcker, Gottlob Hermle und Ernst Roos (Konrad Dussel, Lienzingen – Altes Haufendorf, moderne Gemeinde, Ortsbuch, 2016, Verlag Regionalkultur, S. 188).

  • Jakob Straub als Bürgermeister vom neuen Gemeinderat bestätigt

Der personelle Umbruch war im Rat nun vollzogen, die demokratische Legitimation erstmals gegeben. Einstimmig bestätigte der neue Gemeinderat am 12. März 1946 den im Juli 1945 von den Amerikanern als Bürgermeister eingesetzten Jakob Straub in seinem Amt und billigten ihm ein  Monatsgehalt von 175 Mark zu (STAM, Li B 323, S. 19). In den folgenden Monaten finden sich in den Niederschriften des Gemeinderats zahlreiche Entscheidungen über neue Gremien. So am 29. August 1946: Da bildete das Ortsparlament ein Wohnungsamt, bestehend aus Alois Pix, Hermann Rieger und Friedrich Deegler sowie im zugeordneten Ausschuss Adolf Brüstle, Jakob Seitz und Otto Kälber. Nachlassrichter wurden Bürgermeister Straub und Gemeinderat Wilhelm Straub, Weinberghüter (mit einem Tagegeld von fünf Mark) Paul Rösch und Jakob Seitz. Am 15. Oktober 1946 drückte der Gemeinderat seine Überzeugung aus, dass im Rathaus wegen großer Überhäufung des Geschäfts nur Vollzeitkräfte eingestellt werden könnten, beklagte die vielen Wildschweinschäden und kann es nicht verstehen, dass unser Förster kein Gewehr erhält, wo doch so viele Wildschweine vorhanden sind.

Weihnachtsgeld für die Gefolgschaftsmitglieder 1944

Der Bürgermeister erhielt den Auftrag, nochmals eine Eingabe zu machen.

  • Zum Ausmessen der Wohnungen wurde Maurer Karl Straub bestimmt

Eine förmliche Vereidigung der acht Gemeinderäte und sechs Gemeindeangestellten erfolgte erst in der Sitzung vom 12. Februar 1947. Sie schworen Treue der demokratischen Verfassung und gewissenhafte Erfüllung ihrer Pflichten. Aus derselben Sitzung: Leiter des Wohnungsamtes war nun Rudolf Carda, zum Ausmessen der Wohnungen wurde Maurer Karl Straub bestimmt und Alwine Brodbeck in ihr früheres Amt eingesetzt, ohne dass im Protokoll Näheres genannt wurde. Am 20. Mai erhöhte das Gremium das Gehalt des Bürgermeisters auf 195 Mark (es ist im Voraus zu bezahlen), setzte den ersten Termin für das   Einsammeln der Kartoffelkäfer auf 3. Juni 1947 an und stimmte dem Kauf einer Motorspritze zu (STAM, Li B 323, S. 24, 26, 29, 31 und 34).

  • Richard Allmendinger, 37 Jahre alt, Obersekretär aus Altbach

Zur personellen Zäsur kam es in der Sondersitzung am 16. Oktober 1947: Nach der Verabschiedung der ersten Hauptsatzung, sozusagen Verfassung der Kommune, wählte der  Gemeinderat einstimmig  Richard Allmendinger, 37 Jahre alt, Obersekretär bei der Gemeindeverwaltung Altbach im Kreis Esslingen,  zum neuen Bürgermeister bis zur endgültigen Wahl im Frühjahr 1948 durch die Bürgerschaft. Die feierliche Amtseinsetzung durch Landrat Dr. Friedrich Kuhnle erfolgte in der von Vize-Bürgermeister Gottlob Hermle geleiteten Ratssitzung am Tag vor Heiligabend des Jahres 1947. Kuhnle sagte, ein Beamter schwöre nun nicht mehr einem Manne den Eid, sondern einer demokratischen Verfassung. Das sei der Unterschied. Pfarrer Gerhard Schwab wünschte eine enge Zusammenarbeit zwischen Gemeindeverwaltung, Kirche und Schule. Es war das erste Protokoll, das Allmendinger unterschrieb.  Ein der Feier anschließendes gemütliche Beisammensein in der Krone verlief recht harmonisch (STAM, Li B 323, S. 49).

  • Vize-Bürgermeister Gottlob Hermle überbrückte die Vakanz nach Straubs Rücktritt

Sein Vorgänger Jakob Straub war seit 18. September 1947 erkrankt und hatte seinen Dienst nicht wieder aufgenommen, steht im Protokoll der Ratssitzung vom 1. Dezember 1947. Es gab, so Dussel im Ortsbuch von 2016, immer wieder Reibereien zwischen Straub und dem Gemeinderat, aber auch mit Bürgern, vor allem wegen der Unterbringung von Heimatvertriebenen – fürwahr keine vergnügungssteuerpflichtige Arbeit. Er hatte schon zweimal seinen Rücktritt erklärt: zum 30. April und dann zum 30. September 1947. Seine Aufgaben nahm seit dem 18. September der

Lienzinger Friedhof: Grab von Karl Brodbeck (1886 - 1967)

stellvertretende Bürgermeister Gottlob Hermle wahr, weshalb das Gremium ihm rückwirkend ein monatliches Gehalt von 195 Mark bewilligte (STAM, Li B 323, S. 38 und 42).

Jakob Straub stand viele Jahre dem Männergesangverein Freundschaft Lienzingen vor. Im Frühjahr 1955 war er 30 Jahre Vorsitzender. Seine Verdienste wurden bei der Generalversammlung gewürdigt. Der Gemeinderat genehmigte ein Geschenk: eine Schachtel Zigarren (STAM, Li B 325, S. 12).

  • Liste DVP, CDU, Landwirte holte 1947 sechs der acht Sitze

Schon am 7. Dezember 1947 hatte es landesweit die Wahl neuer Gemeinderäte gegeben. In Lienzingen lag die Wahlbeteiligung bei 84 Prozent. Jetzt gab es die Liste DVP, CDU und Landwirte, die sechs statt fünf Sitze holte. Je ein Mandat entfiel auf Vereinte Wählerschaft und Freie Wählergemeinschaft. Von den Wiederkandidierenden schaffte es nur Gottlob Hermle erneut in den Rat. Die Amtszeit der Bürgervertreter dauerte nun sechs Jahre, wobei alle drei Jahre die Hälfte vom Bürger neu bestimmt wurde; eine Regelung, die zu Beginn der 1970er Jahre vom Land wieder abgeschafft wurde. Seitdem gilt: alle auf fünf Jahre.

  • Ratsausschuss für Schuhverteilung und einen für Wohnungsangelegenheiten

Einen Tag vor Silvester 1947 vollzog sich der Wechsel in der Ratssitzung. Friedrich Heinzmann, Friedrich Kälber, Karl Geiger und Wilhelm Straub waren nicht mehr angetreten, somit die Hälfte. Gewählt wurden Landwirt und Ortsobmann Erwin Bonnet mit 704 Stimmen, Landwirt Fritz Häcker 359, Landwirt Ernst Roos 344, Rangiermeister Christian Aichelberger 168, Schuhmacher Robert Seethaler 258, Meister August Rössler 289, Landwirt Christian Benzenhöfer 274 und Flaschnermeister Gottlob Hermle mit 273 Stimmen. Stimmenkönig Bonnet war nun stellvertretender Bürgermeister. Das Gremium bildete drei, jeweils dreiköpfige Ausschüsse: einen für Wohnungsangelegenheiten, einen für Schuhverteilung und einen für Spinnstoffe und Möbelverteilung – allesamt Folgen der Zwangsbewirtschaftung (STAM, Li B 323, S. 50 f).

  • Von den 605 Wahlberechtigten stimmten 453 für Richard Allmendinger
Straßenname im Lienzinger Wohngebiet Vordere Raith erinnert an Lienzingens letzten Bürgermeister und Ehrenbürger Richard Allmendinger (1910 - 1992) (Fotos: Günter Bächle)

 

Mit Unterschrift bestätigt: In Treue zur Verfassung. Vereidigung von Gemeinderäten und -bediensteten im Februar 1947 (Quelle: STAM, Li B 323)

Am 8. Februar 1948 wurde erstmals der Bürgermeister direkt gewählt: Von den 605 Wahlberechtigten stimmten 453 für Richard Allmendinger, dem einzigen Bewerber, elf Stimmzettel waren ungültig. Schon im Dezember 1947 übermittelte das Landratsamt Vaihingen die Zustimmung der US-Militärregierung in Esslingen zu einer Wahl von Allmendinger (Konrad Dussel, Lienzingen – Altes Haufendorf, moderne Gemeinde, Ortsbuch, 2016, Verlag Regionalkultur, S. 187 ff).

Fast drei Jahre nach dem Kriegsende 1945 war die Selbstverwaltung der Kommunen neu geordnet. In Lienzingen begann mit Allmendinger eine Ära. Sie endete am 5. Juli 1975 mit dem Zwangsanschluss an Mühlacker. Heute erinnert ein Straßenname im Stadtteil an den Mann, der im Herbst 1948 den Bericht über die letzten Kriegstage 1945 zu Papier brachte.

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