Neue Lienzinger Geschichte(n) oder Als die Straße noch der Pausenhof unserer Volksschule war

Kirchenburggasse als Pausenhof bis 1960, aufgenommen 1927. (Quelle: Stadtarchiv Mühlacker=STAM, Smlg. Roland Straub)

Der Herr Landrat habe ihm erst bei der Schulhauseinweihung versichert, dass er sehr sparsam wirtschafte und die Finanzierung des Schulhausbaus weit besser als andere Gemeinden gelöst habe, verriet Lienzingens Bürgermeister Richard Allmendinger seinem zehnköpfigen Gemeinderat bei dessen Sitzung am 11. November 1960, als er sich über seinen Gemeindepfleger Emil Geißler beschwerte. Denn die andauernden Reibereien mit Geißler, so der Schultes, zehrten an seiner Nervenkraft, die er doch für die Bewältigung der großen Aufgaben der Gemeinde brauche (STAM, Li B 326, S. 66).  Der Landrat hieß Friedrich Kuhnle, promovierter Jurist und Chef des Landratsamts in Vaihingen, und war Ehrengast bei der Einweihung des neuen Gebäudes der Volksschule Lienzingen am 29. Oktober 1960. Im Jahr 1957 hatte die Gemeinde mit den Bauarbeiten an der Dr.-Otto-Schneider-Straße begonnen. Dass das Projekt solide und vorausschauend, um nicht zu sagen vorbildlich finanziert war, zeigt ein Blick in das Ratsprotokoll vom 24. Februar 1956.


Lienzinger Geschichte(n) heute ums Sparen und zusätzliche Holzeinschläge für eine neue Volksschule, wie der Landrat dem Bürgermeister den Rücken stärkte, vom Votum für Mühlacker und gegen Zaisersweiher wegen Standorts der Hauptschule als Vorstufe zu Eingemeindung sowie über eine heftige Veränderung der Schullandschaft nach 1965. Dazu in Akten und Ratsprotokollen geblättert (Serie in meinem Blog)


Der Schultes listete fein säuberlich auf, was schon auf der Haben-Seite stand, vor dem ersten Spatenstich. Die Kommune hatte für den Bau auf der hohen Kante: 23.300 Mark angelegte Festgelder bei der Kreissparkasse Mühlacker,

Umzug von der alten Schule in der Kirchenburggasse (Foto) in die neue Schule am 29. Oktober 1960, vorne Schulleiter Karl Kießling, dahinter noch auf der Staffel Oberlehrer Wlhelm Wagner (Quelle: STAM, Smlg.  Roland Straub).

16.500 Mark ausgeliehene Baudarlehen, 24.300 Mark Erlös aus dem Sonderholzeinschlag 1955 bei 254 Festmetern Mehrnutzung, 33.000 Mark geplanter weiterer Sonderholzeinschlag, verteilt auf drei Jahre mit jeweils 120 Festmeter, somit zusammen 112.100 Mark, von denen wiederum 10.000 Euro abzuziehen seien für gesetzliche Umlagen, so dass 102.100 Mark für die neue Schule eingesetzt werden könnten, so Allmendinger weiter. Das war freilich nicht alles: 25.000 Mark Bauspardarlehen, zu verzinsen mit fünf Prozent, sowie ein Zuschuss des Landes von 40.000 Mark, womit sich das finanzielle Polster für das Vorhaben auf 167.100 Mark beziffern ließ. Eventuell kämen noch 10.000 Mark durch eine Stiftung des Jagdpächters und Mühlacker Fabrikanten Friedrich Münch hinzu. Das Baugelände an der Ecke Friedrich-Münch-Straße/Dr.-Otto-Schneider-Straße gehörte bereits der Kommune, erstanden aus dem Nachlass von Dr. Otto Schneider. Leztlich lägen noch 70.000 Mark als stille Reserve aus den Aktien der Kommune bei der Energie-Versorgung Schwaben bereit - quasi für alle Fälle, die jedoch nicht angegriffen werden sollten. Abschließend genehmigte der Gemeinderat zwei Anträge Allmendingers: Bei der Öffentlichen Bausparkasse Württemberg einen Bausparvertrag über 50.000 Mark abzuschließen und bei der Forstdirektion den weiteren Sonderholzeinschlag genehmigen zu lassen.

  • Beispiel für die zweckmäßigste Finanzierung: das Ansparen
Kirchenburggasse 19: Alte Schule als Wohnhaus. (Foto: Günter Bächle)

Zwar stand nichts in der Niederschrift über die Sitzung, mit  welchen Gesamtkosten die Bürgervertreter rechneten (es waren letztlich rund 400.000 Mark), doch das Beispiel belegt, weshalb Lienzingen in der Ära Allmendinger einerseits seine Infrastruktur zielstrebig ausbauen konnte, andererseits praktisch ohne Schulden 1975 ein Stadtteil von Mühlacker wurde. Der Chef der kleinen Lienzinger Verwaltung sprach ganz schnörkellos von der "zweckmäßigsten" Finanzierung. Die hieß: Zuerst ansparen! Und generell sparsam zu sein. Eine neue Volksschule war dringend notwendig und sollte schon vor dem Zweiten Weltkrieg gebaut werden, sagte der Bürgermeister in dieser Sitzung im Februar 1956. Es solle nicht mehr geprüft werden, weshalb die Baupläne einst aufgeschoben worden seien. Die hohe Priorität ergab sich aus der vom Bürgermeister präsentierten Mängelliste der 1837 errichteten Schule in der heutigen Kirchenburggasse 19: unübersichtliche und zu kleine Schulräume (zwei befanden sich im ersten Stockwerk, ein weiterer in der zweiten Etage neben einer Mietwohnung), hygienische Minuspunkte (die Klos lagen hinter dem Gebäude in dem 1925 gebauten Schülerabtrittsschuppen, wie es im Plan hieß, zuwenig Licht in den Räumen, in denen je zwei oder drei Jahrgänge gleichzeitig den Lehrstoff paukten, störende Einwirkungen von den angrenzenden Grundstücken - vor allem

Das alte Schulhaus Kirchenburggasse 19. Mit amputiertem Treppenaufgang. Aus der doppel- wurde eine einläufige Treppe. Der jetzige Eigentümer nahm sich die Freiheit. (Foto: Antonia Bächle)

aber fehlte für die etwa 170 Schüler, davon ich einer seit 1957, ein Pausenhof- oder zumindest eine Pausenhalle. Die Straße vor dem prägnanten Gebäude mit den doppelläufigen Treppen auf der Westseite, das war der Schulhof (STAM, Li B 325, S.76 f), (Friedrich Wißmann, Das Ortsbuch von Lienzingen, 1970, Verlag Walter, S. 259 f). Eine Fülle von Beanstandungen wurden bei einer amtsärtzlichen Besichtigung  am 24. Februar 1956 notiert (STAM, Li B 325, S. 86).

  • Turnhalle ursprünglich leicht versetzt neben der Schule geplant

Derweilen liefen die Planungen für den Schulneubau, wobei Architekt Jakob Buck die voraussichtlichen Kosten mit 322.000 Mark angab. 20.000 Mark sollte ein Zwischenbau zu einer Turnhalle kosten, die etwas abseits der Schule für 195.000 Mark vorgesehen war. Keine Chance hatte der in einer Bürgerversammlung geäußerte Vorschlag, die Turnhalle oberhalb der Schule zu platzieren. Umstritten blieb zunächst, ob im Erdgeschoss der Volksschule für 22.000 Mark ein Lehrschwimmbecken eingebaut werden sollte. Bürgermeister Allmendinger listete detailliert auf, wie der Schulneubau bezahlt werden sollte: Aus eigenen Mitteln und einem Zuschuss des Landes – zusammen 195.000 Mark – sowie einem Kredit von 125.000 Mark. In Sitzung am 25. Januar 1957 genehmigte der Gemeinderat das gesamte Paket (STAM, Li B 325, S. 131 f). Doch schon am 7. März 1958 präsentierte Buck einen überarbeiteten Entwurf, weil der Landeszuschuss in der erwarteten Höhe nicht sicher war. Um Kosten zu sparen, verzichtete der Gemeinderat auf einen Teil des Ausbaus des Untergeschosses. Trotzdem konnte, wie der Bürgermeister protokollierte, das geforderte Raumprogramm umgesetzt werden: Im Obergeschoss drei Schulräume, je ein Lehrer-, Bücherei-, Lernmittel- und Schulleiterzimmer. Im Erdgeschoss je einen Handarbeits- und Werkraum sowie ein Brausebad. Die Räte wollten dann aber doch im Untergeschoss einen Raum soweit herrichten, dass er später als Werkraum verwendet werden könnte. Der neue Schul-Preis: 302.500 Mark (STAM, Li B 325, S. 193 f).

  • Anschließend lud die Gemeinde die geladenen Gäste in den "Adler"

Im wahrsten Sinne des Wortes zogen die festlich gekleideten Kinder am 29. Oktober 1960 und damit zwei Wochen später als ursprünglich geplant um von der  Kirchenburggasse 19 in die Dr.-Otto-Schneider-Straße 2, somit von der alten in die neue Volksschule Lienzingen. Wir freuten uns schon auf die neuen Räume. Den Reden im künftigen Schulhof folgte die Besichtigung der neuen kommunalen Immobilie. Anschließend lud die Gemeinde die geladenen Gäste in den "Adler" (heute Bäckerei Schmid, erste Etage) ein - und vermutlich dort plauderte der Landrat mit dem Bürgermeister und lobte ihn für seine geschickte Finanzpolitik.

  • Kampf um die dritte Lehrerstelle an der Volksschule Lienzingen

Der Kampf um die dritte Lehrerstelle an der Volksschule Lienzingen überlagerte die Pläne für eine neue Schule. Das Oberschulamt in Stuttgart plante, zu Ostern 1955 diese Stelle – neben den Lehrern Karl Kießling und Wilhelm Wagner – wegen Rückgang der Schülerzahl nicht mehr zu besetzen. In der Ratssitzung vom 24. Februar 1955 argumentierten die beiden Pädagogen, die Zahl werde wieder steigen. Zudem herrsche an der Schule ein erhöhter Förderbedarf, denn in der Gemeinde fehle ein Kindergarten, den Mädchen und Jungen bei der Einschulung deshalb die notwendige Schulreife. Die völlig einmütige Meinung im Gremium: Die dritte Stelle muss bleiben (STAM, Li B 325, S. 11). Trotzdem ordnete das Oberschulamt am 16. April 1955 die Streichung an, worauf der Gemeinderat am 6. Mai 1955 ein Gegenangebot beschloss: Die dritte Stelle nicht aufzuheben, sondern zunächst unbesetzt zu lassen, sie somit beim Schulstellen-Beitrag nicht zu berücksichtigen (STAM, Li B 325, S. 25).  Der dritte Lehrer blieb zunächst, doch im Frühjahr 1958 erlebte die Auseinandersetzung darüber eine Neuauflage. Denn das Oberschulamt unternahm einen neuen Anlauf, die Stelle zu streichen, was in der Ratssitzung am 28. März erneut auf Widerstand stieß. Die Belastung für den Lehrer der unteren vier Klassen – das war Wilhelm Wagner, einer der Schüler seit 1957 ich – wäre zu groß und die Belegung des in Frage kommenden Klassenzimmers durch eine so hohe Zahl von Kindern unverantwortlich. In der Unterstufe waren es 57 Schüler, darunter 15 ABC-Schützen. Immer noch gab es keinen Kindergarten (STAM, Li B 325, S. 196).

  • Schulleiter: Haushälterische Berührung der heranreifenden Mädchen fehlt

Einblick in die Gedankenwelt des seinerzeit nur aus Männern bestandenen neunköpfigen Lienzinger Gemeinderats erlaubt die Diskussion beim ersten Punkt der öffentlichen Sitzung vom 9. Oktober 1959. Der Ortsschulrat hatte vorgeschlagen, den Mädchen, die nach der regulären achtjährigen Schulzeit die Volksschule Lienzingen verlassen, die Möglichkeit zu eröffnen, an der Volksschule Mühlacker das neue Fach Hauswerk zu belegen. Die Gemeinde sollte die Kosten übernehmen. Der Lienzinger Schulleiter Karl Kießling warb im Gemeinderat um Zustimmung. Die Mädchen erhielten in vier Stunden pro Woche einen gewissen Einführungsunterricht in Gesundheitspflege, Kochen und Hausarbeit. Dies sei wichtig, als heute vielmehr eine haushälterische Berührung der heranreifenden Mädchen fehle, zitierte Bürgermeister Allmendinger den Schulleiter im Protokoll. Lienzingen war eine der letzten Gemeinden im Kreis Vaihingen, die dieses Angebot noch nicht wahrnahmen. Skepsis äußerte die Männerrunde im Rathaus. Man könne den Eindruck gewinnen, dass in dieser Beziehung mehr als notwendig getan werde, zumal die dabei entstehenden Kosten beachtlich seien. Die Schulabgängerinnen bekämen auch noch Fortbildungsunterricht. Mehr als ein Verhandlungsmandat für Kießling war an diesem Abend nicht drin (STAM, Li B 325, S. 295).

  • Fuchslocher: Dann werden wir uns als Stadt beugen müssen

Grundschule: rechts Alt- (1960) und links Neubau (1996), beim Schulfest 2011 (Quelle: Smlg. Günter Bächle)

Schullogo: Schnecken, Spitzname der Lienzinger.

Doch nicht einmal fünf Jahre später kündigte sich eine Veränderung der baden-württembergischen Schullandschaft an, eingeleitet 1965 von der Einführung der neunten Klasse. Das Kultusministerium legte den Entwurf eines Schulentwicklungsplanes vor, über den der Lienzinger Gemeinderat am 30. Juli 1965 beriet. Kernstück des Konzepts: eine Differenzierung in einen Primär- und einen Sekundarbereich. Konkret hieß dies: Sogenannte Mittelpunkts(haupt)schulen für die Klassen fünf bis neun in größeren Kommunen, daneben Grundschulen (Klassen eins bis vier) weiterhin in jedem Ort. Da Lienzingen 1970 voraussichtlich nur von 177 Schülern besucht werden würde, komme die Gemeinde nicht als Standort einer Hauptschule in Frage, referierte der Bürgermeister. Bei einer Besprechung im Juli 1965 mit dem Landrat habe er gesagt, Lienzingen tendiere in dieser Frage nach Mühlacker und er deutete seine Hoffnung an, dass die Stadt eine neue Hauptschule im Heidenwäldle baue (was letztlich nicht geschah, denn es wurde eine Grundschule). Mühlackers Bürgermeister Erich Fuchslocher habe mitgeteilt, wenn Lienzingen dies wünsche, würde sich die  Stadt beugen müssen. Der Gemeinderat gab sich damit zufrieden, protokollierte der Schultes im letzten Satz des Tagesordnungspunktes 3 (STAM, Li B 327, S.32).

  • Allmendinger: Außerdem geht der Zug nach Mühlacker und nicht ins Hinterland

Das Thema Schulreformen stand am 1. Oktober 1965 erneut auf der Agenda der Bürgervertretung, auch diesmal als Punkt 3: Errichtung von Nachbarschaftsschulen. In seinem Sachvortrag stützte sich der Bürgermeister auf die  Ergebnisse einer weiteren Besprechung im Landratsamt Vaihingen am 22. September. Der Bezirksschulrat überraschte dabei mit dem Vorschlag, Lienzingen solle zusammen mit Zaisersweiher eine Hauptschule unterhalten, wobei diese in Zaisersweiher gebaut werden solle. Doch die Aussicht, zwischen Lienzingen und Zaisersweiher pendeln zu müssen, löste Widerstand in Lienzingen aus. Auch im Protokoll über die Beratungen am 1. Oktober machten Gemeinderat und Bürgermeister ihre Ablehnung deutlich. Lienzingen habe nach Zaisersweiher keinerlei Beziehungen, während Mühlacker nur drei Kilometer von Lienzingen entfernt liege und dorthin engste Kontakte bestünden. Außerdem gehe der Zug nach Mühlacker und nicht ins Hinterland. Das Gremium mahnte, den Willen der Bevölkerung auf alle Fälle zu respektieren. Sicherlich sei niemand unter den Eltern für Zaisersweiher, zudem habe Lienzingen ein Drittel mehr Einwohner als der kleinere Nachbarort, wolle aber nicht unbedingt eine Hauptschule, sondern sehe diese für sich klar in Mühlacker - und bekräftigte dies durch einen entsprechenden Ratsbeschluss (STAM, Li B 327, S. 42 f). Damit

Einschulung Jahrgang 1947/48 im Jahr 1954 im Hof neben der Schule am Durchgang zwischen Kirchenburggasse und Rathaus. (Quelle: STAM, Smlg. Mamber)

1926, Schulklasse mit Lehrer Kaiser (Quelle: STAM, Smlg. Nachlass David Regele, Ludwigsburg)

stärkte Lienzingen (unbewusst) die sozio-kulturellen Verflechtungen mit der Senderstadt - gut acht Jahre später eines der Hauptargumente von Landesregierung und Stadt Mühlacker für die vom Landtag im Juli 1974 beschlossene, vom Staatsgerichtshof Baden-Württemberg im Mai 1975 bestätigte und auf den 5. Juli 1975 vollzogene Eingemeindung von Lienzingen nach Mühlacker (Günter Bächle in Konrad Dussel, Ortsbuch "Lienzingen - Altes Haufendorf, moderne Gemeinde", 2016, Verlag Regionalkultur, S. 242 ff).

  • Schulvertrag: Der Teufel steckt im Detail

Ihr schriftliches Ja-Wort schickte die Senderstadt am 26. Juli 1966 an ihren nördlichen Nachbarn, dessen Ortsparlament einen Monat später erneut die künftige schulische Landschaft diskutierte. Was geschehe eigentlich mit den nun nicht mehr gebrauchten Räumen, wenn fünf von neun Klassen in Mühlacker unterrichtet werden? Da der Friedrich-Münch-Kindergarten dringend erweitert werden müsse, prüfe die Verwaltung, ob im unteren Schulraum eine Kindergartengruppe eingerichtet werden könne, so der Bürgermeister. Vom wirtschaftlichen Standpunkt aus sei es auf Dauer untragbar, zwei Kindergärtnerinnen für nur 40 bis 45 Kinder zu beschäftigen - Entscheidungen dazu wurden allerdings vertagt, fielen auch nie  (STAM, Li B 327, S. 106). In derselben Sitzung zeigte sich, dass der Teufel im Detail steckt.

  • Sonst in seiner Auswirkung untragbar

Zwar sollten die Lienzinger zu Beginn des Kurzschuljahres am 1. Dezember 1966 erstmals in die Mühlacker Hauptschule, doch konnte sich das Gremium am 4. November 1966 noch nicht zu einem Beschluss über den Entwurf einer öffentlich-rechtlichen Vereinbarung zwischen beiden Kommunen durchringen. Insgesamt 765 Hauptschüler sollten aktuell in Mühlacker aufs weitere Leben vorbereitet werden, davon zum Stand der Beratungen 65 aus Lienzingen, somit 8,5 Prozent, woraus sich die Kostenbeteiligung errechnete. Doch gefiel Allmendinger und seinen Räten die Kalkulationsgrundlage nicht. Lienzingen sollte umgerechnet für eine Nutzfläche von 430 Quadratmetern,  sozusagen ihr anteiliger Raum, zwei Mark pro Quadratmeter monatlicher Miete, insgesamt also 860 Mark bezahlen, zudem 90 Mark pro Schüler und Jahr für die Betriebskosten, was zusammen 12.000 Mark ausmachte. Bereits abgezogen waren da die Einsparungen an der neuen Grundschule. Allmendinger sah schwarz: Wenn es bei dieser Belastung für den Lienzinger Etat bleibe, müsse an anderer Stelle kräftig gestrichen werden. Ziel müsse es sein, die Miete kräftig zu drücken, sonst sei das alles für die Gemeinde auf Dauer unerschwinglich und in seiner Auswirkung untragbar, weshalb ihn der Gemeinderat mit einem Verhandlungsmandat ausstattete (STAM, Li B 326, S.127).

  • Mühlacker kommt Lienzingen entgegen

Schon drei Wochen später lag ein neuer Vertragsentwurf auf dem Ratstisch. Mühlacker verzichtete auf die Anrechnung der Unterhaltskosten und versicherte, auch bei der Berechnung der Schulbetriebskosten großzügig zu verfahren, berichtete der Schultes. Gleichzeitig werde Lienzingen ein weitgehendes Mitwirkungsrecht eingeräumt. Zudem verzichte die Stadt auf eine finanzielle Beteiligung im ersten Monat. So nachgebessert, stimmte der Lienzinger Gemeinderat am 25. November 1966 zu - vier Tage vor Inkrafttreten der öffentlich-rechtlichen Vereinbarung. Nachdem das Land Baden-Württemberg bald darauf im Rahmen des kommunalen Finanzausgleichs mitbezahlte, musste der Vertrag angepasst werden, erstmals zum Rechnungsjahr 1967. Jetzt waren die Lienzinger pro Jahr und Kind mit 110 Mark aus der Gemeindekasse dabei. Am 22. März 1968 stimmte

In der Kirchenburgasse: Klassenfoto von etwa 1940, Jahrgang 1927-1929. (Quelle: STAM, Smlg. Gerhard Metzger)

der Gemeinderat zu, gleichzeitig änderten die Kommunen den Passus über Regelungen für den Streitfall. Das Landratsamt Vaihingen entschied jetzt bei Konflikten nicht mehr anstelle der beiden Kommunen, weil dies rechtlich nicht gegangen wäre, sondern ihm wurde nur die Rolle eines Streitschlichters zugewiesen (STAM, Li B 327, S. 209 f). Nur noch als eine Information für den Lienzinger Gemeinderat gedacht war am 9. März 1973 die Mitteilung des Bürgermeisters, Lienzingen müsse für den Umbau der Räume des alten Gymnasiums in der heutigen Schillerschule ein Viertel der Kosten von 600.000 Mark bezahlen (74 Kinder aus Lienzingen bei insgesamt 243 Schülern). Die 150.000 Mark würden voraussichtlich 1974 fällig. Das alte Gymnasium war in der Schillerschule, erhielt aber bald darauf einen Neubau und heißt seitdem Theodor-Heuss-Gymnasium (STAM, Li B 328, S. 212).

  • 1969 gingen aus Lienzingen zehn Kinder auf die Realschule, drei aufs Gymnasium

Seinerzeit wechselte das Gros der Fünftklässler aus Lienzingen auf die Hauptschule. Im Herbst 1969 gingen zehn Kinder auf die Realschule (vormalige Mittelschule), drei aufs Gymnasium. Vorbei die Zeit, als die Nachbargemeinden noch einen Antrag stellen mussten, um Kinder auf die Mittelschule in Mühlacker schicken zu dürfen - für maximal 150 Mark pro Schüler und Jahr. Das war 1960. Das Ortsparlament stimmte zu, verlangte aber von den Eltern, einen Teil der Kosten zu übernehmen - Letzteres eine Lienzinger Spezialität  (STAM, Li B 326, S.2). Die Übertrittsquoten auf die weiterführenden Schulen veränderten sich über die Jahre grundlegend, wie sich aus der

Ende Juni 1976 feierte Lienzingen das 400-Jahr-Jubiläum seiner Volksschule (Auszug MT). Organisiert von Schulleiter Günter Kurz

Gemeinderatsvorlage 280/2016 der Stadt Mühlacker entnehmen lässt. Mitte April 2016 wechselten von den Grundschülern auf die Werkrealschule 6,06 Prozent, die Gemeinschaftsschule 19,05 Prozent, die Realschule 43,29 Prozent und das Gymnasium 31,17 Prozent. Inzwischen gibt es keine Werkrealschule mehr in Mühlacker.

Sichtlich schwer tat sich der Gemeinderat mit dem Antrag auf Umwandlung der Lienzinger Volksschule in eine Grundschule. Nicht zu Unrecht. Die Änderung in der Schullandschaft sei vom Land veranlasst, ergo sei dies auch Sache des Landes und nicht der Kommune. Dass nur noch die Klassen 1 bis 4 in Lienzingen unterrichtet werden, sei zudem in der öffentlich-rechtlichen Vereinbarung der Gemeinde mit der Stadt Mühlacker über Errichtung und Erhaltung der Hauptschule als Nachbarschaftsschule in Mühlacker vom November 1966 festgezurrt. Es sei also eine geschaffene Tatsache, zudem drohe der Abzug einer Lehrkraft der Grundschule (GR 17. März 1967). Doch die Räte unterschätzten die Beharrlichkeit des Staatlichen Bezirksschulamtes in Mühlacker, das auf einem Antrag bestand. Um ihre Ruhe zu bekommen, stimmte der Gemeinderat neun Tage vor Weihnachten 1967 zu (STAM, Li B 327, S. 154 f, 192).

Immerhin zwei Schulgebäude gehörten der Kommune. Rund 400.000 Mark hatte Lienzingen der 1960 eingeweihte Neubau an der Friedrich-Münch-Straße gekostet. Am 24. April 1969 genehmigte der Gemeinderat den Verkauf des alten Schulgebäudes an der Kirchenburggasse für 40.000 Mark. Mit Irrungen und Wirrungen lässt sich dieses Kapitel überschreiben.

  • Zick-zack-Kurs des Gemeinderates: vermieten oder verkaufen?

Zunächst steuerte die Kommune einen anderen Kurs. Als das Thema "Weitere Verwendung des alten Schulgebäudes" am 11. November 1960 erstmals auf der Tagesordnung stand, war noch geplant, es vollständig für Wohnzwecke umzubauen und

Beliebtes Motiv: Peterskirche mit dem ersten Lienzinger Schulhaus, jetzt Kirchenburggasse 14 (rechtes Fachwerkhaus, höchstwahrscheinlich erbaut 1561). Foto: Ulrich Straub, 2016

Flüchtlingsfamilien unterzubringen, die zunächst in die von der Gemeinde gebaute Holzbaracke nahe der Gärtnerei Mannhardt eingewiesen worden waren. Doch das kostete Geld. Inzwischen suchten die Ziegelwerke Mühlacker Wohnraum für ausländische Arbeitnehmer und klopften auch im Lienzinger Rathaus an. Sie wollten den notwendigen Umbau selbst finanzieren. Bei der Diskussion wurden die Meinungen teilweise hart ausgefochten, protokollierte der Bürgermeister, wobei in der Mehrheit die Auffassung vertreten worden sei, dass die Bewohner der Baracke wegen ihrer Haltung sich keine Unterstützung erhoffen dürften, während die Gemeinde sich einen ganz ansprechenden Mietertrag von den Ziegelwerken verschaffen könne. So fiel auch der Beschluss aus (STAM, Li B 326, S. 63).

  • Holzbaracke sollte weg - Staat bezahlte Prämie

Doch die Ziegelwerke winkten ab, als sie die genaue Kalkulation für Umbau und Vermietung näher angeschaut hatten. Das Unternehmen bot an, die Immobilie für 40.000 Mark zu kaufen. Doch der Gemeinderat vollzog am 2. Dezember 1960 eine Kehrtwende: Weder Verkauf noch Vermietung kämen in Frage. Das Gremium kehrte zur alten Position zurück, die Familien aus der Holzbaracke doch in der alten Schule unterzubringen. Nicht aus hehren Gedankengängen, sondern weil Bund und Land günstige Mittel für die Räumung von Wohnlagern und Baracken anböten, wie Bürgermeister Allmendinger berichtete. Den Auftrag zur Planung des Umbaus erhielt in der Sitzung der Architekt Buck aus Mühlacker (STAM, Li B 326, S. 67). Nachdem die Arbeiten aber auf sich warten ließen, genehmigte der Gemeinderat am 3. März 1961 die vorübergehende Vermietung der beiden ehemaligen Schulräume in der ersten Etage an das Bauunternehmen Ernst Seybold aus Stuttgart für monatlich 200 Mark. Seybold, in jenen Wochen in Lienzingen mit dem Ausbau von Straßen beschäftigt, wollte - wie es Allmendinger sagte - seine Fremdarbeiter dort für diese Zeit unterbringen (STAM, Li B 326, S 79). Endgültig für den Umzug der vier Familien aus der Holzbaracke gerichtet wurde die alte Schule nach der Ratssitzung am 31. August 1962 - da entschieden die Bürgervertreter über die Belegung der einzelnen Wohnungen. Denn nun stand fest, dass die Kommune für die Beseitigung der Baracke eine Prämie des Staates von 27.500 Mark erhielt. Die Monatsmiete im alten Schulhaus lag zwischen 47,50 und 67,50 Mark. Der Gemeinderat untersagte den Mietern das Halten eines Hundes (STAM, Li B 326, S. 162).

  • Doch noch den Verkauf beschlossen

Eher schleppend voran gingen die Verkaufsbemühungen. Aufgeschreckt durch die Nachricht, das Dach des alten Volksschulgebäudes sei so schadhaft, dass es neu gedeckt werden müsse, beschloss der Gemeinderat am 27. Februar 1969, die Immobilie den Mietern zum Verkauf anzubieten. Denn auch die Toiletten müssten an die Kanalisation angeschlossen werden. Architekt Link aus Schmie hatte Kosten von 20.000 Mark ausgerechnet. Das Gebäude, so der Bürgermeister, werfe eh keinen sichtlichen Ertrag ab, also frage er sich, ob diese Investition sich lohne, wenn bei einem Verkauf 40.000 bis 45.000 Mark erzielt werden könnten. Gleichwohl sollten die Mieten in den fünf kommunalen Gebäuden um zehn Prozent angehoben werden, was die Räte auch beschlossen (STAM, Li B 327, S. 260). Das Ortsparlament setzte den Verkaufspreis auf 45.000 Mark fest und bekam in den folgenden Tagen das Angebot des Mieters B.H., das Haus für 42.000 Mark zu erwerben. Da H., wie die anderen Bewohner auch, zu den sozial Schwachen gehören würden, protokollierte Allmendinger, werde der Verkauf an den Interessenten nicht ohne die Beschaffung von Sondermitteln unter entsprechender Bürgschaft der Gemeinde möglich sein. Die Einnahmen aus den Mieten müssten zu drei Viertel für Zins und Tilgung der Darlehen eingesetzt werden.  H. müsse ein erststelliges Hypothekendarlehen organisieren, dann erhalte er den Zuschlag (GR 28. März 1969/STAM, Li B 327, S. 266).

Doch den verlangten lückenlosen Nachweis der Finanzierung konnte Mieter H. nicht beibringen, so dass der Gemeinderat am 24. April 1969 einem externen Bewerber den Zuschlag für das Gebäude Nr. 116 an der Schulgasse (heute Kirchenburggasse) erteilte - der Mühlacker Bullinger GmbH, einem Kartonagen-Hersteller, für 40.000 Mark, die es im Herbst 1970 für knapp 60.000 Mark an ihren damals 23-jährigen Mitarbeiter S. veräußerte, einem in Lienzingen lebenden Italiener. In dessen Eigentum befindet sich das Gebäude heute noch und er versuchte frühzeitig, die Räumlichkeiten für ihn bestens auszunutzen (auch: Konrad Dussel, Ortsbuch Lienzingen - Altes Haufendorf, moderne Gemeinde, 2016, Verlag Regionalkultur, S. 227 ff). Im Ratsprotokoll wird das Projekt, das die Bullinger GmbH übernahm, so beschrieben: Gebäude Nummer 116 Schulhaus mit Treppe, Abtritt, Schülerabort und Hofraum mit 5 ar 60 qm. Der Käufer tilgte die Restschulden der Gemeinde auf dem Objekt mit zusammen rund 25.000 Mark, den Rest erhielt die Gemeinde auf ihr Girokonto (STAM, Li B 327, S. 272).

  • 30 Mark für eine Schulbank - Schmie hatte Bedarf

Selbst für nicht mehr gebrauchte Schulbänke kassierte die Gemeinde, wie einem Punkt der Beratungen des Gemeinderats am 14. November 1958 zu entnehmen ist. Die Nachbargemeinde Schmie kaufte Lienzingen acht bis zehn Schulbänke ab. Stückpreis: 30 Mark (STAM, Li B 325, S. 240).

  • Bürgermeister scheiterte mit Umzugsplan der Verwaltung ins Erdgeschoss der neuen Schule

Was tun mit leeren Schulräumen? Bürgermeister Allmendinger scheiterte am 17. März 1967 mit seinem Vorstoß, in den frei gewordenen Räumen der neuen Schule – die nur noch vier statt neun Klassen hatte – im Erdgeschoss die Verwaltung der Gemeinde unterzubringen. Im Rathaus müssten neue Öfen angeschafft werden, das Kamin zum Vorzimmer des Bürgermeisters sei nicht intakt, bei Windböen gebe es Rückstöße, so dass sich ein starker Geruch von Heizöl entwickle, der gesundheitsschädigend sei. Im Ratssaal gebe der Parkettboden nach. Durch den Umzug in die Schule könne die Gemeinde etwa 2000 Mark im Jahr sparen. In der von Gemeinderat Schmollinger beantragten geheimen Abstimmung votierten fünf Mitglieder dafür, je drei dagegen oder enthielten sich. Seinerzeit wurden Enthaltungen zur Feststellung der Mehrheit als Ablehnung gewertet STAM, Li B 327, S. 155.).

 

Monika und Frank Becker (links) sanierten das erste Schulgebäude von Lienzingen und retteten es so vor dem Verfall. Über die Geschichte des Lienzinger Schulwesens sprach Dr. Petra Schad (Dritte von links) im Rahmen der Veranstaltungen zum 1250-Jahr-Jubiläum von Lienzingen 2016 im ersten Stock des Fachwerkhauses, das links des Zugangs zur Peterskirche steht. Die Historikerin und Archivarin in Markgröningen schrieb über die Anfänge des Schulwesens in Lienzingen im 16. Jahrhundert auch einen interessanten Beitrag zum Ortsbuch, ebenfalls 2016 erschienen. Die Veranstaltung mit ihr organisierten Monika und Frank Becker. (Quelle: Smlg. Günter Bächle, Foto: Norbert Kollros)

Lienzingen und das Schulwesen - ein stolzes Stück Ortsgeschichte, wie auch das entsprechende Kapitel im 2016 erschienenen Ortsbuch belegt. Die promovierte Historikerin Petra Schad schreibt darin übers erste Schulhaus des Dorfes. Das sei höchstwahrscheinlich 1561 auf dem Platz der heutigen Kirchenburggasse 14 errichtet worden, das zusammen mit der Dorfkirche im Hintergrund ein beliebtes Fotomotiv ist, zumal seit der Sanierung vor wenigen Jahren. Es gehört der Familie Monika und Frank Becker, beherbergt das Cafe Kirchenburg. 1739 war dieses erstes Schulgebäude saniert worden. 1837 entstand dann einige Schritte weiter, ebenfalls an der Kirchenburggasse, das bis 1960 genutzte zweite Schulgebäude. Die Grundschule wurde von der Stadt Mühlacker 1995/96 für 2,71 Millionen Euro um vier Klassenräume erweitert (Kostenfeststellung, GR, Vorlage 60/65/97).

  • Lienzingen mit stolzer Schulgeschichte seit 1561

Rechtlich verbindlich mussten nach der von Württembergs Herzog Christoph 1559 erlassenen Großen Kirchenordnung die sogenannten deutschen Schulen in allen Orten eingerichtet werden. Vom Jahr der Reformation in Württemberg - 1535 - bis zur Großen Kirchenordnung gab es bereits in rund 150 Dörfern des Herzogtums Württemberg deutsche Schulen - Lienzingen gehörte dazu (Konrad Dussel, Ortsbuch "Lienzingen - Altes Haufendorf, moderne Gemeinde", 2016, Verlag Regionalkultur, S. 52 ff).

PS: Herzlichen Dank dem Stadtarchiv Mühlacker für die historischen Fotos. Wer kennt wen auf den Bildern? Für Mithilfe bei der Auflösung der Rätsel wären Archiv und Autor dankbar. Einfach melden!

1912 verschickte Ansichtskarte mit der (zweiten) Lienzinger Schule (Vorder- und Rückseite), heute Kirchenburggasse 19. Aus der Sammlung Appenzeller. Dank nach Keltern an den badischen Enzkreis-Landsmann Walter Appenzeller, dass er sich in Facebock aufgrund des Teasers für meinen Blogbeitrag zur Lienzinger Schule mit diesem Schatz aus seiner Sammlung gemeldet hat.

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