Mein Buch-Tipp: Eugen Bolz – Ein vergessener Widerstandskämpfer
Eugen Bolz, der letzte demokratisch gewählte Staatspräsident des Landes Württemberg, war ein Zentrumspolitiker, gläubiger Katholik und entschiedener Gegner des Nationalsozialismus. Geboren 1881 in Rottenburg am Neckar, wurde er im Januar 1945 von den Nazis in Berlin-Plötzensee mit dem Fallbeil ermordet. Seine Geschichte ist die eines aufrichtigen Menschen, der trotz seiner bedeutenden Rolle in der deutschen Geschichte bis heute nicht im kollektiven Gedächtnis des Landes verankert ist.
Thomas Schnabel, Leiter des Hauses der Geschichte in Stuttgart, bedauert dies und hat gemeinsam mit anderen Historikern einen wertvollen Beitrag zur Aufarbeitung von Bolz' Leben und Wirken geleistet. Herausgegeben vom Haus der Geschichte, liegt seit 2017 ein 217 Seiten starkes Buch vor, das den hoffentlich geglückten Versuch darstellt, Bolz der Vergessenheit zu entreißen. Selbst als Widerstandskämpfer gegen Hitler galt er lange Jahre in der Geschichtsschreibung nur als regionale Figur. Peter Steinbachs Beitrag macht jedoch deutlich, dass Bolz eine zentrale politische Rolle beim Umsturzversuch am 20. Juli 1944 hatte. Er war nach einem geglückten Attentat auf Hitler als Reichskultusminister vorgesehen – ein Beweis für seinen Einfluss und seine Bedeutung in einer der turbulentesten Zeiten der deutschen Geschichte.
Landes- und Reichspolitiker in einem
Der Titel des Buches, „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“, ist ein Zitat von Bolz und spiegelt seine tief verwurzelten Überzeugungen wider. Der erste Teil des Buches beleuchtet seine Rolle als einflussreicher Zentrumspolitiker in der Weimarer Republik. Bolz war ein überzeugter Parlamentarier, der 1912 im Alter von nur 31 Jahren in den Reichstag gewählt wurde. Im selben Jahr trat er auch in den Stuttgarter Landtag ein. Von 1919 bis 1923 war er Justizminister, danach bis 1933 Innenminister und seit 1928 gleichzeitig Staatspräsident des Landes Württemberg.
Trotz seiner starken Verankerung in Stuttgart nahm Bolz seine Aufgaben als Reichstagsabgeordneter des Zentrums in Berlin sehr ernst. Dies zeigt sich an seiner aktiven Teilnahme an den Sitzungen seiner Fraktion. Anders als viele seiner Ministerkollegen, die oft Berufspolitiker waren, verstand Bolz die Regierung als eine Art Oberverwaltung, die gute Verwaltungsarbeit leisten sollte. In einer Zeit, in der politische Stabilität schwer zu erreichen war, war seine pragmatische Herangehensweise sowohl ein Vorteil als auch eine Herausforderung.
Wechselnde Koalitionen in Württemberg
Die politische Landschaft in Württemberg war geprägt von wechselnden Koalitionen. Bolz arbeitete zunächst in einer Weimarer Koalition aus SPD, Zentrum und Linksliberalen, bevor er in eine bürgerliche Minderheitsregierung überging. Nach der Landtagswahl 1924 bildete er eine Mitte-rechts-Koalition, die 1928 ihre Mehrheit verlor. In einer Zeit, in der es in Deutschland als verpönt galt, wagte Bolz es, ein Minderheitskabinett zu bilden und mit wechselnden Mehrheiten zu regieren. Diese Entscheidung war nicht nur mutig, sondern auch ein Zeichen seiner Entschlossenheit, die demokratischen Strukturen zu bewahren.
Eugen Bolz trug in Württemberg ganz wesentlich dazu bei, dass in den 20er Jahren eine rigide Sparpolitik betrieben wurde, die dazu führte, dass es im Land die geringste Krise Pro-Kopf-Verschuldung aller Ländern im Deutschen Reich gab. Diese Finanzpolitik ermöglicht es der württembergischen Regierung, in der Weltwirtschaftskrise die Staatsschulden dramatisch zu erhöhen, um die Steuerausfälle zu kompensieren und Notstandsarbeiten wie zum Beispiel den Neckarkanal zwischen Heilbronn und Stuttgart zu finanzieren. Noch im Dezember 1932 konnten die soliden Württemberger als einziges deutsches Land große Auslandskredite aufnehmen.
Bau von Radwegen schon 1928 ein Thema
Bekannt kommt uns heute vor, was im Februar 1928 ein Thema des Innenministers Bolz war. Es ging um einen Antrag, bei Neubau und Erweiterung von Staatsstraßen überall ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse Radfahrwege anzulegen. Bolz sah die Schwierigkeiten für die Radfahrer bei dem starken Autoverkehr. Radwege würden in erster Linie in der Umgebung von größeren Städten infrage kommen.
Die wachsende nationalsozialistische Bewegung stellte Bolz vor große Herausforderungen. In Württemberg erzielte die NSDAP jedoch immer unterdurchschnittliche Ergebnisse im Vergleich zum Reichsgebiet. Bolz und seine württembergische Polizei gingen konsequent gegen alle revolutionären Veränderungen vor, sowohl gegen Kommunisten als auch gegen Nationalsozialisten. Im Vorfeld des Hitler-Putsches vom 9. November 1923 ließ er die Funktionäre der NSDAP in Schutzhaft nehmen und die Parteibüros von der Polizei besetzen. Diese Maßnahmen zeugen von seinem Mut und seiner Entschlossenheit, die demokratischen Werte zu verteidigen. Im Dezember 1932 lehnte Bolz die Übertragung einer Rede des zweiten Mannes in der NSDAP, Gregor Strasser, im Stuttgarter Rundfunk ab.
Jetzt sind wir das Volk schrien die braven Bürger.
Doch die politischen Umstände änderten sich rasch. Anfang 1933 wurde er im Landtag abgewählt und durch den NS-Gauleiter Wilhelm Murr ersetzt. Bei der Abstimmung im Reichstag über das Ermächtigungsgesetz im März 1933 fügte er sich der Fraktionsmehrheit und stimmte zu. Im Juni 1933 legte er sein Landtagsmandat nieder, was seine wachsende Frustration über die Entwicklungen und die Machtübernahme der Nationalsozialisten widerspiegelt. Wenig später erhielt Bolz in Berlin eine Vorladung zur Stuttgarter Gestapo im ehemaligen Hotel Silber. Trotz der Warnungen seiner Freunde leiste er dieser Folge. Als er nach mehrstündigen Verhören vor das Gebäude trat, hatte eine aufgehetzte Menschenmasse auf ihn gewartet. Der Pöbel beleidigte ihn, beschimpfte ihn als Landesvertreter, bespuckte ihn. Wie bestellt, war dies Anlass für die Nazis, ihn in Schutzhaft zu nehmen und auf den Hohenasperg bringen. Schandfahrten nannte man das. Jetzt sind wir das Volk schrien die braven Bürger. Schon im Februar 1933 drohte ihm Hitler in Stuttgart: Herr Staatspräsident Bolz, mit Ihnen reche ich noch ab.
Wiederentdeckung von Bolz’ Leben und Wirken
Das Buch „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ bietet nicht nur einen tiefen Einblick in das Leben und die politischen Überzeugungen von Eugen Bolz, sondern es ist auch ein wichtiger Beitrag zur Erinnerungskultur in Deutschland. Es erinnert uns daran, dass es Menschen wie Bolz gab, die für ihre Überzeugungen einstanden und bereit waren, gegen das Unrecht zu kämpfen, auch wenn sie dafür ihr Leben riskieren mussten.
Die Wiederentdeckung von Bolz’ Leben und Wirken ist ein notwendiger Schritt, um das historische Gedächtnis zu erweitern und die Bedeutung des Widerstands gegen den Nationalsozialismus zu würdigen.
Das bereits 1934 niedergeschriebene Manuskript Katholische Aktion und Politik aus der Feder des ehemaligen württembergischen Staatspräsidenten gilt als ein wichtiges Manifest des frühen Widerstands gegen den Nationalsozialismus und ist der dritte Beitrag im Buch, so der Historiker Peter Steinbach. Es gehört zu den zentralen Zeugnissen der deutschen Opposition, nicht nur des katholischen Widerstands, und weist durch seine grundsätzliche Bedeutung für das Verständnis des Naturrechts weit über seine engere Entstehungszeit hinaus.
Schrift gegen den totalen Staat
Eugen Bolz setzt sich hier mit der Struktur des totalen Staates auseinander und reflektiert ebenso die Möglichkeit wie die Notwendigkeit, im Kampf gegen einen totalitären Staat Gegenpositionen zu beziehen und zu begründen. Er reflektiert überdies die Folge- und Anpassungsbereitschaft seiner Zeitgenossen. Deshalb lohnt es bis heute, sich über die Lektüre des Manifestes zu befassen. Bolz, ein überzeugter Katholik, der sein Todesurteil durch den Volksgerichtshof kommen sah. Schon lange ging es ihm nicht mehr um Parteipolitik, sondern, wie er sagte, um Deutschland, dann um sein Verhältnis zu Gott, dem er auf eine Weise vertraute, dass seine Angehörigen daraus Trost und Kraft schöpften. Am 23. Januar 1945 kam er in der Hinrichtungsstätte Plötzensee unters Fallbeil. Die neun anderen Regimekritiker kamen an den Galgen.
„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“. Eugen Bolz 1881 bis 1945. Hrsg. vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Redaktion Irene Pill. Mit Beiträgen von Peter Steinbach und Thomas Schnabel. 224 S. mit 36 Abb., Broschur. Verlag Regionalkultur. ISBN 978-3-95505-048-1. 14,90 Euro.








