Ihre Heimat im Kontext von Massenmord
Gedenken neu denken zeigt: Die Shoah ist kein abgeschlossenes Kapitel, sondern ein fortlaufender Lernprozess, der Vielfalt, Verantwortung und digitale Sorgfalt braucht. Davon ist Susanne Siegert zutiefst überzeugt: Beim offiziellen Gedenken an die Opfer der Judenverfolgung und -ermordung durch die Nazis gehe es viel zu oft nicht wirklich um die Opfer und ihre Nachkommen, sondern um uns, um das eigene gute Gewissen der ehemaligen Tätergesellschaft, die sich selbst als aufgeklärt und moralisch geläutert inszenieren will. Die, an die erinnert werden solle, würden wieder an den Rand gedrängt. Und die Journalistin belegt die Richtigkeit dieser Kritik mit Beispielen.
Sie plädiert für eine pluralistische, neue Gedenkarbeit mit einem Schwerpunkt auf der Verantwortung der Nachfahren der Tätergeneration anstelle unserer einstudierten gemeinsamen Rückschau mit den Opfern. Es geht um weniger bekannte NS-Verbrechen, um weniger bekannte Orte, um bisher vernachlässigte Opfergruppen wie Sinti und Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, . Gleichzeitig zeigt dieses Buch, wie wichtig eine aktivere, vielfältigere Gedenkkultur ist, um künftige Generationen auch ohne direkte Zeitzeugenberichte… Genug Erinnerung für alle, lautet einer der Zwischentitel in dem lesenswerten Buch. Klingt flapsig, trifft damit aber den Punkt: Die Juden sprechen von der Shoah, Sinti und Roma von Porajmos. Beide Bezeichnungen meinen den Völkermord durch die Nazis.
Lesung: 08. Januar 2026. Um 20:00 Uhr Im Wizemann, Quellenstraße 7, Stuttgart. Autorin Susanne Siegert spricht über „Gedenken neu denken“
Gedenken neu denken – der Titel des im Piper-Verlag veröffentlichten 237-seitigen Buchs lässt im ersten Moment zurückschrecken. Schon wieder die Kritiker von der falschen, rechten Seite?! Nein, der Autorin ist es ernst mit dem Nicht-Nichtvergessen, mit dem Erinnern und Gedenken der Verbrechen in der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft von 1933 bis 1945. Susanne Siegert scheut auch nicht, das Reizthema, die Beteiligung und Mitschuld der deutschen Wehrmacht an den Verbrechen, aufzugreifen.
Mit 27 Jahren fängt sie die Recherche in der eigenen Familie an. Ur-Opas, die zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs auf der Seite der Nazis gekämpft haben – was taten sie, was wussten sie? Da besuchte sie auch erstmals das ehemalige Lagergelände in Mühldorf. Tatorte waren eben nicht nur weit entfernt von ihrer oberbayrischen Heimat: Ausschwitz, Treblinka, Dachau, Bergen-Belsen. Orte des Terrors lagen auch ganz in der Nähe, zum Beispiel das KZ-Außenlager Mühldorfer Hart – ein Außenlager des KZ Dachau.
Plötzlich lernte sie ihre Heimat im Kontext von Massenmord kennen. Sie recherchierte, empfiehlt dies auch generell jungen Menschen. Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges gab es 23 Stammlager und 1154 KZ-Außenlager. Ihre Schlussfolgerung: Dadurch sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass es in Deiner Umgebung Tatorte von Naziverbrechen gab. Sie liefert Adressen für die Recherche, so für die Online-Beständen des Arolsen-Archivs, beim Bundesarchiv.Alles, was du in der Schule garantiert NICHT über Naziverbrechen lernst – das wurde zum Slogan ihres Instagram- und Tik-Tok–Kanals @keine.erinnerungskultur, für den sie mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Zurecht!
Susanne Siegert, geboren 1992, ist Journalistin und eine der bekanntesten Stimmen der digitalen Erinnerungskultur in Deutschland. Sie klärt auf Instagram und TikTok über den Holocaust auf. Für ihre innovative und engagierte Arbeit wurde sie 2024 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet, 2025 erhielt sie den Margot Friedländer Preis. Siegert lebt in Leipzig
• Siegert argumentiert, dass das kollektive Erinnern an den Holocaust kein starres Monunent, sondern ein dynamischer, politisch verflochtener Prozess ist. Erinnerungspraktiken müssten heute multiperspektivisch, dekonstruktiv und sensibel gegenüber Fragen von Antisemitismus, Kolonialismus (so die Ermordung von 100.000 Herero und Nama in den Jahren 1904 bis 1908 im heutigen Namibia durch deutsch-kaiserliche Truppen), Migration und Ungleichheit gedacht werden. Dabei bleibt die zentrale moralische Verantwortung unbestritten: Die Würde der Überlebenden, die Anerkennung der Leidensgeschichten und die Verpflichtung zur Bildungsarbeit gegen Antisemitismus und Diskriminierung hält die Autorin für weiterhin notwendig. Traditionelle Narrative könnten hilfreich sein, doch sie reichten meist nicht aus, um die Vielstimmigkeit der Erfahrungen abzubilden. Siegert plädiert für die systematische Einbeziehung von Stimmen Betroffener, Nachfahren und marginalisierter Gruppen.Wer erinnert wen, wer erzählt, wer wird ausgeschlossen?
• Digitale Formate, Datenbanken und Algorithmen eröffnen, so ihr Fazit, neue Zugänge, bergen aber die Gefahr der Fragmentierung.
Das Buch hat einen klaren Bezug zur Gegenwart: Siegert verortet Gedenken in aktuellen Debatten zu Kolonialismus, Trauma- und Erinnerungskritik. Susanne Siegert wirft die richtigen Fragen auf, liefert auch die Antworten dazu. Das Buch hat mich auf keiner Lese-Strecke gelangweilt. Auch nicht die Passagen über die Debatten um den richtigen Holocaust-Gedenktag.
Die Mischung macht das Buch sowohl anspruchsvoll als auch zugänglich für ein breites Publikum.Theoretische Tiefgang bei gleichzeitig lesbarer Sprache: Trotz komplexer Konzepte gelingt es, eine Verständlichkeit zu wahren, sodass auch Leserinnen und Leser ohne Vorwissen der Gedächtnisstudien mitgenommen werden.
Ein brisantes Thema, ein Stück Vergangenheit, das die Deutschen nicht einfach abstreifen können. Und viele wollen es auch nicht abtreifen. Erinnerungsarbeit lokal – ein Beispiel aus unserer Nachbarschaft, die KZ-Gedenkstätte in Vaihingen an der Enz. (bä)
Susanne Siegert: Gedenken neu denken – Wie sich unsere Erinnerung an den Holocaust verändern muss. Piper-Verlag. 240 Seiten, Klappenbroschur. 13,6 cm x 21,5 cm. 18.00 Euro. Mit umfangreichem Daten- und Adressenmaterial im Anhang. EAN 978-3-492-06545-0
















