Mark Twain in Berlin

Andreas Austilat: "Mark Twain in Berlin - Bummel durch das europäische Chicago",  mit einem Vorwort von Harald Martenstein. Übersetzung der Twain?Texte von Horst Fugger. 216 Seiten, 140 x 220 mm, erschienen in der berlin edition im be.bra verlag GmbH, September 2014. 19,95 Euro. ISBN 978-3-8148-0206-0.

Er hieß Samuel Langhorn Clemens, nannte sich Mark Twain: heißt Zwei Faden Wassertiefe. das sind fast vier Meter. Steuermann, Goldgräber, dann Verleger und - obwohl Autodidakt - viel gelesener Schriftsteller, der am höchsten honorierte seiner Zeit. Dass just der  Autor der Abenteuer von Tom Sawyers und Huckleberry 1891 und 1892 mit seiner Familie auch  in Berlin lebte, ist weitgehend unbekannt. Auf seinen Spuren begab sich Andreas Austilat, auch wenn die Quellen nicht allzu reichlich sprudelten. Entstanden ist auf gut 110 Seiten eine vergnügliche Geschichte, wie Twain mit Frau und Töchtern zuerst in der Körnerstraße und dann, weil es dort die versprochenen adligen Nachbarn nicht gab, im Hotel Royal Unter den Linden/Ecke Wilhelmstraße wohnte. Fünf Geschichten von Mark Twain und drei Artikel aus der deutschen Presse jener Zeit runden die Spurensuche ab. 

Vieles fand der Amerikaner erstaunlich bis befremdlich, zum Beispiel die Berliner Hausnummernvergabe ("manchmal gibt man einem Haus zum Beispiel die Nummer 4, dann geht es weiter mit 4a, 4b, 4c, und man wird alt und gebrechlich, bis man endlich Haus 5 gefunden hat").  Twain beschwerte sich wiederholt über die Qualität der Matratzen, die er für viel zu hart hielt. Mehr als einmal brachte er den Hausbesitzer dazu, ihnen neue zur Verfügung zu stellen, aber das war nur der Wechsel von »Kalkstein zu Granit und von Granit zu Splitt«, wie er beklagte. Ärger und Verdruss bereitete ihm der Fiskus, der ihn zur Kasse bat. Angetan hatten  es ihm die Straßenbahnen, die durch Pferde gezogen wurden ("In der ersten Klasse ist man schneller unterwegs, denn das Pferd in der zweiten Klasse ist alt"). Überhaupt: die Straßenkarte von Berlin sei ein Labyrinth aus bunten Farben, sie sehe aus wie die Darstellung des Blutkreislaufs. 

Die Texte, die Mark Twain zu dieser Zeit verfasste, geben auch seine Eindrücke über die boomende Metropole wieder. Diese Texte liegen hier erstmals in deutscher Sprache vor. "Berlin ist eine neue Stadt; die neueste, die ich je gesehen habe", schrieb Twain voller Staunen in seinem Reiseessay für die Chicago Daily Tribune (heute Chicago Tribune), der im April 1892 veröffentlicht wurde. Er verkehrte mit Diplomaten, Gelehrten, Prinzen und Prinzessinnen, und er wurde sogar von Wilhelm II. eingeladen, schreibt Austilat. Über Twain erschienen Artikel in Zeitungen, Berliner grüßten ihn auf der Straße. Er arbeitete an Büchern, Artikeln und Reisegeschichten, er hielt Reden, er forschte, etwa über den Philosophen Arthur Schopenhauer und über Wilhelmine von Preußen, die Schwester Friedrichs des Großen. Er übersetzte den Struwwelpeter, um ihm in seinem Verlag in den USA herauszubringen, was misslang. 

Zwei Kostproben aus "Berlin - das Chicago Europas": 

"Um es noch einmal zu erwähnen: Berlin sieht neuer aus als jede andere Stadt, auch heller und sauberer. Keine Stadt macht einen derart geräumigen Eindruck, frei von Gedränge." 

"Alles ist ordentlich. Die Feuerwehr marschiert in Reih und Glied, in kuriosen Uniformen, und ihr Auftreten wirkt so streng als sei sie die Heilsarmee und überzeugt, sich schwer versündigt zu haben."

Ein Bummel durchs Berlin, der Hauptstadt. Manches, was Twain schrieb, liest sich so als sei es ganz aktuell. "Ich glaube, es gibt nichts auf der ganzen Welt was du in Berlin nicht lernen kannst, außer der deutschen Sprache." Aber das ist ein anderes Kapitel. 1880 erschien "The Awful German Language – Die schreckliche deutsche Sprache".

Lehrstück für Politiker und andere Menschen

Bahnfahren fördert das Bücherlesen. Tägliches Bahnfahren lässt die Zahl der gelesenen Bücher schneller steigen als beim täglichen Autofahren. Da werden Bände in die Hände genommen, die seit Jahren im Bücherschrank stehen. Bis dato ungelesen. Zum Beispiel:

Helmut Schmidt, "Außer Dienst", eine Bilanz, erschienen 2008 zum 90. Geburtstag des ehemaligen Bundeskanzlers, Siedler-Verlag. 350 Seiten. 22,95 Euro. ISBN 978-3-88680-863-2:

"Eine Pflichtlektüre für den Wähler" schreibt die Berliner Morgenpost. Der Kölner Stadt-Anzeiger nennt es ein "Lehrstück für Politiker und andere Menschen". Beides trifft's. Da ist der SPD-Politiker, der seine Erfahrungen als Kanzler, Minister und Bundestagsabgeordneter bündelt mit der eines Moralisten nach der aktiven Zeit eines Politikers als Herausgeber der "Zeit". Helmut Schmidt zählt zu den großen Figuren der deutschen Politik, über die Parteigrenzen hinweg verkörperte er für viele Deutsche den idealen Staatsmann schlechthin. Er beschäftigt sich in dieser Bilanz vor allem mit der Nachkriegsgeschichte, eher erzählend und nicht irgendwelche Jahreszahlen aneinander reihend. Spannend geschrieben. Eingestreut sind höchst private Reflexionen und Bekenntnisse zum Beispiel über sein Verhältnis zur Religion. Helmut Schmidts Bilanz ist - da hat der Verlag in seinem Waschzettel recht - ein lebendiges Buch voller Gedanken und Erinnerungen, sorgfältiger Analysen und kleiner Anekdoten. Es ist auch ein Ratgeber, so wenn er jungen Menschen rät, die in die Politik gehen wollen, zuerst einen ordentlichen Beruf zu erlernen und auch auszuüben, um jederzeit zurückkehren zu können, denn dies bewahre ihnen ihre Unabhängigkeit. Es mag als eine Petitesse erscheinen, wenn er Abgeordneten mit auf den Weg gibt, sich nicht nur in der englischen, sondern auch in der französischen Sprache auszukennen - um den Blick von außen auf Deutschland zu erleichtern. Wichtiger ist aber dies: "Er (der Abgeordnete) soll die ersten zwanzig Artikel des Grundgesetzes verinnerlicht haben und das übrige in seinen Grundzügen kennen." Schmidt beklagt den Mangel an Kenntnissen über volkswirtschaftliche Zusammenhänge bei Politikern. Zweimal innerhalb des 20. Jahrhunderts hätten die Deutschen eine weltpolitische Führungsrolle angestrebt, beide Male seien sie damit jämmerlich gescheitert. Er empfiehlt, sich auf Europa zu beschränken, auf das Gelingen der europäischen Einigung zu achten, auf das gute Verhältnis zu unseren Nachbarstaaten, aber die Finger wegzulassen von militärischen Einsätzen auch außerhalb Europas - höchst aktuelle Gedanken angesichts des Engagements deutscher Soldaten in  Syrien, Afghanistan und Mali. ("Lasst uns die sorgsame Pflege guter Nachbarschaft wichtiger sein als jede Beteiligung an fremden Konflikten in anderen Kontinenten.") Bei aller Freundschaft zu den USA (und er hat das Land häufig besucht, verrät auch eine Zuneigung zu ihm), bewahrte er sich eine kritische Distanz. Offen schreibt er, was manche schon vermutet haben: "Manchmal wird einer sogar Minister, damit er nichts Besonderes zustande bringt." Wichtig war Schmidt die Tolernz zwischen den Weltregionen, er wirbt für den Kompromiss als Voraussetzung für den Frieden, zieht das Fazit: Wer zum Kompromiss nicht fähig ist, hat in der Politik nichts zu suchen. der jüngst verstorbene Ex-Kanzler sieht die Verantwortung beim Politiker, mahnt Vernunft an - eine Tugend genauso wie die  der inneren Gelassenheit. Im Zweifel soll ihnen das Gemeinwohl höher stehen als ihre Karriere, der Erfolg des Ganzen höher als ihr eigener oder der Erfolg ihrer Partei. "Für mich bleibt das Gewissen die oberste Instanz." 

Noch ein kleiner Nachsatz zu den Gedanken des Hamburgers Schmidt. Der Marbacher Stadtarchivar Albrecht Gühring schrieb kurz vor Weihnachten in der Beilage "Hie gut Württemberg" (Verlag Ungeheuer+Ulmer, Ludwigsburg), dass Helmut Schmidts Vorfahren aus Württemberg und auch aus dem Kreis Ludwigsburg stammen [Seite 29]. Der Ururgroßvater Schmidts war demnach der 1797 in Wüstenrot geborene Christian Heinrich Wenzel, der sich als Wurstmacher in Hamburg niederließ. Welche schwäbischen Tugenden bei dem Hanseaten Schmidt nachwirkten?
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Max Frisch im zerstörten Pforzheim

Eine neue Rubrik hier im Blog: Bücher-Funde. Durchaus doppeldeutig gemeint: In Büchern Gefundenes und Bücher, die für sich schon Fundstücke sind. Zum Auftakt: Max Frisch und Pforzheim.
Er war ein  begnadeter Tagebuchschreiber. Max Frisch (1911-1991) vertrat die Auffassung, dass die Tagebuchform die einzige ihm entsprechende Prosaform sei und er sie daher ebenso wenig wählen könne wie die Form seiner Nase [Sybille Heidenreich: Max Frisch. Joachim Beyer Verlag, 1978, Seite 126]. Und er forderte ununterbrochenes Interesse ein. In seinem "Tagebuch 1946-1949" [Ausgabe für die DDR im Verlag Volk und Welt, Berlin, 1987]  mahnt der Schriftsteller und Architekt: "Der Leser täte diesem Buch einen großen Gefallen, wenn er, nicht nach Laune und Zufall hin und her blätternd, die zusammensetzende Folge achtete; die einzelnen Steine eines Mosaiks, und als solches ist dieses Buch zumindet gewollt, können sich allein kaum verantworten." (Zürich, Weihnachten 1949). Frisch bereiste nach Kriegsende die zerstörten Städte Warschau, Berlin, Prag, München, Frankfurt - und Pforzheim.
Ein halbe Seite, überschrieben mit "Unterwegs". Anfang 1947 erreicht Max Frisch im Schlafwagen, von Straßburg kommend, die zerbombten Geleise von Karlsruhe, beschreibt verbrannte Eisenbahnwagen. "Später öffnen wir das Fenster im Korridor; wir sind in Pforzheim, wo man kaum noch ein Dach sieht, nichts als verzackte Mauern, Ruinen voll Schnee. Irgendwo raucht es aus einem Keller, und Kinder stehen auf einer verschneiten Straße, blicken zu uns." Constanze, seine Begleiterin, schüttelt den Kopf, als sie das sieht und Frisch zitiert sie: "Vollkommen kaputt:" Und weiter aus dem Buch: "Ein Sieger, ein junger Offizier, der gerade durch den Korridor kommt und in den Speisewagen will, blickt sie an: 'Gott sei Dank, Madame -'" Betroffenheit bleibt zurück.
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