Open-Air-Galerie, die Freude macht
Street-Art unter dem Motto Mühlacker bunt - eine Open-Air-Galerie, die Freude macht. Vom Gemeinderat beschlossen, von der Jugendsozialarbeit der Stadt umgesetzt. OB Stephan Retter als Motivationsförderer – und alles als praktische Kinder- und Jugendbeteiligung an der Kommunalpolitik. Als wir es aufgehängt haben, war es ein Wau, verrät Stadtjugendpflegerin Nathalie Pavan in ihrer emotionalen Rede.
Wau sagten auch die Passanten am Nachmittag beim offiziellen Start mit Jugendlichen, OB, Stadträten sowie Gästen aus den Partnerstädten Bassano del Grappa und Schmölln, die zum Straßenfest angereist waren. Wau sage auch ich. Viel Beifall gab es zurecht für dieses Projekt der Mobilen Jugendarbeit, des Stadtjugendreferats Mühlacker und der Künstler Giorgio Eazy und Scud 76. Umgesetzt wurde es mit 160 Schülern der Gemeinschaftsschule/Schillerschule, der Uhlandschule und eben der offenen Jugendarbeit Mühlacker. Der Stoff kam aus 120 Spraydosen. Mühlacker - eben die junge Stadt.
Und wer hat es erfunden, fragt das Rucola-Männchen in der Werbung. Mit der Idee zu dieser Kunst auf dem Bauzaun kam Stadtrat und Glasermeister Matthias Trück im März 2024 in die Sitzung der CDU-Gemeinderatsfraktion, erzählte von seinen Überlegungen und wir alle waren davon angetan. Das Mühlehof-Loch einfach hinter Straßenkunst auf Bauzäunen verschwinden lassen, wenn wir es schon nicht füllen können, erschien uns einen Antrag wert.
Straßenkunst am Mühlehof-Loch – mit diesem Vorschlag möchte die CDU-Fraktion im Gemeinderat für eine buntere Senderstadt sorgen und gleichzeitig die Wunde in der Innenstadt optisch etwas abmildern. Konkret beantragt die Fraktion, rund um das Mühlehof-Loch eine für Street-Art geeignete Plane ziehen und künstlerisch gestalten zu lassen. Zu dieser Aktion sollten Künstler dieses Genres eingeladen werden. So schrieb am 24. Mai 2024 das Mühlacker Tagblatt.
Der Vorschlag stieß bei der Stadtverwaltung auf wenig Gegenliebe; auch der Gemeinderat lehnte ihn letztlich ab, wie die Bürgerinnen und Bürger zudem am selben Tag auch aus der Pforzheimer Zeitung erfuhren. Holger Weyhersmüller vom Umwelt- und Tiefbauamt erklärte, der derzeitige Zaun sei nicht geeignet, da er nicht stabil genug sei, um Planen zu tragen. Bei starkem Wind könne er umkippen. Das Anbringen einer Folie an einem Bauzaun setze voraus, dass dieser so verankert wird, dass er die Windlasten aufnehmen kann. Auch die Folien selbst müssten aus statischen Gründen winddurchlässig sein, um die Belastung der Zaunelemente zu verringern.
Sollte der vorhandene Zaun entsprechend ertüchtigt werden, sei mit Kosten von mindestens 7500 Euro für 200 Meter Bauzaun zu rechnen. Hinzu kommen die Kosten für die Folien, die bei 40 bis 80 Euro je Zaunelement liegen. Die Hersteller gingen dabei von einer Haltbarkeit von drei bis fünf Jahren aus. Die von der CDU gewünschte optische Abmilderung der Baugrube sei also nur partiell möglich. Ob das Anbringen künstlerisch gestalteter Folien der Aufwertung dient, liegt im Auge des Betrachters, heißt es weiter aus dem Rathaus. Die Baugrube wie auch der Bauzaun selbst seien in einem ordentlichen Zustand, so dass diese nicht hinter bunten Folien versteckt werden müsse.
Unser Versuch scheiterte. Das unerwartete Aus für die Trück-Idee. Ich gab dem Vorschlag daraufhin auch keine Chance mehr.
Doch, oh Wunder, ich täuschte mich. Der neue Oberbürgermeister beantragte am 21. April 2026: Der Bauzaun am sogenannten Mühlehofloch soll durch gesprayte Kunstwerke von Jugendlichen, die von einem professionellen Street Art-Künstler angeleitet werden, gestaltet und optisch aufgewertet werden.

Stephan Retter, OB seit 1. Januar 2026, griff mit seinem Konzept zur temporären Gestaltung des Bauzauns an der Freifläche des ehemaligen Mühlhofs das Ergebnis einer Debatte im Gemeinderat vom Dezember 2025 auf, die einen neuen Kurs der Ratsmehrheit bedeutete. Danach sollte der Bauzaun an der Freifläche des ehemaligen Mühlehofs überarbeitet und damit verbunden eine Nutzung des Zauns für von Jugendlichen entworfene und ausgeführte gesprayte Graffitis und Street Art auf einem geeigneten Trägermaterial (zum Beispiel Mesh-Gewebe) erfolgen. Es sollte zudem geprüft werden, ob dafür gegebenenfalls Fördergelder beantragt werden könnten – just mit ihrem Antrag, nach Zuschüssen zu suchen, lockerte die FDP-Fraktion die Bremse für die Street-Art am Mühlehof-Loch, löste damit eine lebhafte Debatte im Rat aus, bekam eine Mehrheit und bescherte uns von der CDU-Fraktion unbewusst ein Weihnachtsgeschenk.
Denn das bedeutete eine neue Chance für den acht Monate zuvor noch abgeschmetterten Trück-Vorschlag. Fair fand ich vom neuen OB, dass er im Verwaltungsausschuss auch den ursprünglichen Ideen-Geber namentlich nannte. Das Gremium machte dann im April 2026 den Weg frei für gesprayte Kunstwerke von Jugendlichen, die von einem professionellen Street Art-Künstler angeleitet werden, gestaltet und optisch aufgewertet werden.
Die Finanzierung erfolgt als außerplanmäßige Ausgabe im Haushalt 2026.
Das macht die Kommunalpolitik so erfrischend, so erfreulich und so abwechslungsreich. Bei guten Argumenten verschanzen wir (zumeist) uns nicht hinter einmal getroffenen Positionen, erklären sie nicht für in Stein gehauen, brauchen keine Ideologie – wir kommen entscheidend weiter durch Vernunft, Pragmatismus und der gemeinsamen Suche nach Lösungen.
In diesem Fall kam eines positiv dazu: Der neue OB setzte, wie er auf meine Frage im Verwaltungsausschuss im April sagte, auf Vertrauen, hier zur Stadtjugendreferentin, die mit ihm über ihre Überlegungen sprach, worauf er pauschal grüne Licht gab: Machen Sie mal – wir gehen damit direkt in den Gemeinderat.
Ein neuer Stil. Kein langer Dienstweg und somit keine Chancen für Bedenkenträger, Bremser oder Besserwisser auf dem Weg zum VA zu migga. Wir Stadträte hatten eh das letzte Wort. Wieso dann Umwege?
Geht doch! Das Ergebnis ist ein Erlebnis
Das Risiko lohnte sich: Begeisterung statt Bruddeln im Verwaltungsausschuss. Resultat: Ein einstimmiges Ja!
Geht doch! Das Ergebnis ist ein Erlebnis. Die Stadtmitte rund um das Mühlehof-Loch wartet nun mit Neuem auf: Bauzäune mit Graffitimotiven zur Stadtidentität unter dem doppelsinnigen Motto: Mühlacker wird bunt. Jugendliche durften legal sprayen. Entstanden sind kleine und große Kunstwerke - sehenswert, anregend, Blickfänge.
Die Workshops richteten sich an Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 12 bis 27 Jahren statt. Die Teilnehmenden erhielten eine Einführung in die Graffiti- und Streetart-Kultur sowie verschiedene Sprüh- und Gestaltungstechniken. Ein besonderer Schwerpunkt lag darauf, den Jugendlichen Raum für ihre eigenen Gedanken und Perspektiven zu geben. Gemeinsam entwickelten sie Motive und Entwürfe, die zeigen, wie sie Mühlacker wahrnehmen, welche Orte ihnen wichtig sind und was sie mit ihrer Stadt verbinden, steht in einer Mitteilung der Stadtverwaltung zu lesen.
Die Teenager haben an mehreren Terminen gemeinsam mit den Künstlern Giorgio Eazy (Pfalz) und Scud 78 (Enzkreis) insgesamt 39 Platten mit der Spraydose gestaltet. Die Arbeiten wurden daraufhin digitalisiert und gedruckt – und die Resultate am Samstagnachmittag quasi der Öffentlichkeit übergeben. Die aus Mesh-Gewebe bestehenden Bahnen zeigen die Wappen der Mühlacker Stadtteile, der Partnerstädte, den Sender, das Enzle der Mühlacker Gartenschau von 2015 und nicht zuletzt den Maulwurf, der die Mülleimer in den Enzgärten ziert.

Nicht nur das Engagement der Kinder und Jugendlichen zählt. Die jungen Künstler sehen ihre Stadt positiv, bunt und vielfältig. Hier können sich die Erwachsenen noch ein Stück abschneiden. Ehrlich!
(Fotos: Johanna und Günter Bächle)
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