Auf Einkaufstour
(1/2) Einmal quer durch den Mediengarten soll es heute hier im Blog gehen. Eine Sammlung persönlicher (Berufs-)Erfahrungen mit Rückschau auf die Vergangenheit als es noch richtige Verleger wie Konrad Ulmer (LKZ) und Eugen Händle (MT) gab oer mkit Albert Kiefer-Esslinger (PZ) noch gibnt und keine jederzeit auswechselbare Geschäftsführer, deren Stuhl wackelt, wenn die von der Zentrale geforderte Rendite nicht erreicht wird. Oder um die Großen, die die Kleinen fressen, um sich ein Monopol zu schaffen. Und die Austräger wussten um ihren Wert für das Produkt und verstanden sich als Gemeinschaft, fühlten sich fast als Familie. Und es tauchen Namen von Menschen auf, die mir über den Weg liefen oder fester Bestandteil des Tages waren. Also um Historie, Gegenwart und Zukunft.
Die Zeitungslandschaft verändert sich gewaltig. Der Deutsche Journalistenverband (DJV) berichtet, Axel Springer stelle den Hamburg-Teil der Welt am Sonntag zum Jahresende ein. Er bezieht sich auf das Hamburger Abendblatt. Zudem sei die Ausgabe aus NRW betroffen. Das Ende der Welt-Lokalredaktionen wäre, so der DJV, ein weiteres Ausdünnen des publizistischen Angebotes. Nun, Hamburg ist weit, NRW auch, und Welt am Sonntag ist nicht gerade das typische Lokalblatt. Wir brauchen aber gar nicht so weit gehen, um beobachten zu können, wie der Kozentrationsprozess bei den Tageszeitungen abläuft.
Mühlacker, Vaihingen an der Enz, Bietigheim-Bissingen – sie fielen in kurzer Zeit reihenweise in den Warenkorb der Ulmer Südwest-Presse. Die Gewerkschaft Verdi schimpft, deren Eigentümer, die Neue Presse-Gesellschaft (NPG), sei eine als Familienunternehmen getarnte Heuschrecke. Die NP-Gesellschaft ist auf Einkaufstour.

Aktuelle Frage, die mich umtreibt: Wo sitzen die Gefahren für die Pressefreiheit? Artikel 5 unseres Grundgesetzes garantiert ihn. Lassen wir nicht zu, dass an ihm gesägt wird. Zur Pressefreiheit gehört die Vielfalt und nicht die Einfalt.
Bleiben wir beim Mittelzentrum Mühlacker und seinem Mittelbereich, dem östlichen Enzkreis. Nie hätte ich mit dem Verkauf unserer Heimatpostille gerechnet. Aber dann geschah das Undenkbare doch. Ungläubig las ich im Juni im Urlaub in Sassnitz auf Rügen die Schreckensnachricht. Und dann auch noch an die Südwest-Presse im fernen Ulm. Droht dem Lokalen der Ausverkauf?
Mit Pforzheim eine zweite Liebe
Für mich waren MT und Mühlacker immer eins. Allerdings halte ich mir seit Jahrzehnten sozusagen eine zweite Liebe, die den monatlichen Medienkonsum durchaus mehr kosten ließ als bei anderen Leuten, den Ein-Zeitungs-Leser. Wurden Spar-Prozesse in der Familie ausgerufen, traf der Rotstift nie eines der beiden Abos, auch wenn zu meinem Leidwesen der Preis stetig nach oben geht. In den Ohren mancher Leute mag der Begriff Heimatzeitung altertümlich oder anachronistisch klingen – für mich sind sie es nicht. Eine Sonderrolle spielte bei mir die Ludwigsburger Kreiszeitung – dort stand vom 1. Juli 1971 bis 31. August 2016 im ersten Stock des Verlagsgebäudes in der Körnerstraße mein Schreibtisch, den mir der Verlag zum Abschied schenkte. Dem vorausgegangen war mein zweijähriges Volontariat und noch ein Vierteljahr Jungredakteur bei der PZ – also vom 1. April 1969 bis 30. Juni 1971.
Hier und heute blogge ich über Lokalblätter einst und heute, über den Lokalblattmacher mit dem Kürzel bä, über Zeitungsausträger und Verleger. Und aktuell über Heuschrecken. Beginnen wir einfach mit meiner Karriere in der lokalen Medienwelt.
Pforzheim, 1. April 2019: Exakt 50 Jahre nach dem Volontariat ging ich in Pforzheim wie einstmals am ersten April-Tag des Jahres 1969 wieder durch die Tür an der Ecke Poststraße/Kiehnlestraße. Ich stieß auf freundliche und aufmerksame Menschen. Während der Ausbildungszeit arbeitete ich nicht nur im Stammhaus in Pforzheim, sondern auch in der Bezirksredaktion in Vaihingen an der Enz. Die Ausgabe für den Altkreis Vaihingen führte den ungewöhnlichen Namen Württembergisches Abendblatt – die Redaktion zog nach der Kreisreform 1973 nach Mühlacker um, hieß nun im Untertitel Mühlacker Zeitung.
Ludwigsburg, 31. August 2026: Zehn Jahre nach meinem letzten Arbeitstag und nach der Verabschiedung im Verlagshaus - Rückkehr für einige Stunden zur Ludwigsburger Kreiszeitung. Ein B'süchle. Kolleginnen und Kollegen, die ich seit Jahren kenne und neue, die ich erstmals sehe. Allesamt gute Leute! Die LKZ ist eine der wenigen Tageszeitungen in Baden-Württemberg, deren Redaktion das gesamte Blatt selbst macht - von der ersten bis zur letzten Seite, auf der Höhe der Zeit. Ein selbstständiger Verlag - Ungeheuer+Ulmer, das Medienhaus im Familienbesitz. U+U.
Mit 16 aus dem Lienzinger Gemeinderat berichtet
Dazwischen liegen 47 Jahre Journalismus. Wenn ich meine Zeit als freier Mitarbeiter von PZ, aber auch des MT und der StZ vor dem 1. April 1969 hinzurechne, wird das halbe Jahrhundert voll. Als 16-Jähriger schrieb ich meine ersten, tatsächlich auch abgedruckten Texte, zum Beispiel von den Sitzungen des Gemeinderats der selbstständigen Kommune Lienzingen. Es war eine doppele Lehrzeit.
Zurück in die Jetzt-Zeit, zurück nach Mühlacker, zurück zu dem inzwischen nach Ulm verkauften Mühlacker Tagblatt. Was führte zu diesr Entscheidung? Die allgemeinen schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse bei den Tageszeitungen in Gesamt-Deutschland? Wollte niemand aus der Familie in die Fußstapfen von Vater Hans-Ulrich und Großmutter Brigitte treten? Wurde die Konkurrenz zu übermächtig? Fragen, auf die es nur pauschale Antworten gab. Natürlich ist das die Entscheidung der Unternehmer, die diese zu verantworten haben. Aber Zeitung ist kein Stück Butter, keine Schokolade, kein Bier - Zeitung ist mehr. Demokratie ohne Zeitungen kann nie rund laufen. Städte wie Mühlacker, die kein eigenes Amtsblatt haben, brauchen sie als doppelten Transportweg, auf dem sie mit Nachrichten die Bürger erreichen, diese wiederum darauf reagieren können.
Das Mühlacker Tagblatt verkauft, ebenso der ehemalige Enzbote, die heutige Vaihinger Kreiszeitung, obwol es VAI als Landkreis seit mehr als ein halbes Jahrhundert nicht mehr gibt. Noch bemerken die Lesenden nichts davon. es sei denn, sie werfen einen Blick in das vorgeschriebene Impressum. In Mühlacker, Vaihingen und Bietigheim-Bissingen sind gestandene Journalistinnen und Journalisten am Werk, kommen täglich ihrem publizistischen Auftrag nach. Kollegen und Kolleginnen, die ihren Job von der Pike auf gelernt haben und die dies täglich beweisen. Denen wohl niemand aus Ulm ins tägliche Tun des Zeitungsmachens hineinredet. Zumindest nicht gleich...
Neue NPG-Töchter: Mühlacker Tagblatt, Vaihinger Kreiszeitung und Bietigheimer Zeitung.
Von einem der Geschäftsführer der NPG wird der Satz kolportiert, Ulm befinde sich auf Einkaufstour. Sie wollen möglichst alle Lokalblätter im Sack, die zwar ihren Mantel von Südwest Presse oder Stuttgarter Nachrichten beziehen und dafür bezahlen, die aber bisher noch ihrem jeweiligen Verleger gehörten. Jetzt nicht mehr. Neue NPG-Töchter: Mühlacker Tagblatt, Vaihinger Kreiszeitung und Bietigheimer Zeitung.
Nehmen wir nochmals Anleihe bei Verdi: Die Heuschrecken verspüren großen Hunger. Die magere Kost der kleinen selbstständigen Blätter passen in ihr Beuteschema. Die wirtschaftliche Lage von Verlagen ist alles andere als rosig. Der lokale Anzeigenmarkt schrumpft bei allen genauso wie die Leserzahl. Den wegsterbenden Abonnementen kommen nicht genügend Junge nach. Zu allem Übel noch: Google bietet kostenlos lokale Nachrichten – manchen Usern reichen fünf oder sechs Zeilen, um sich informiert zu fühlen, was sie aber letztlich nicht sind – sie scheuen selbst die paar Cent Einsatz, um die Bezahlschranke anzuheben. Was sind denn die Ergebnisse geistiger Arbeit wert? Der Lese-Stoff für Zeitungen, Bücher etc. Dann kommt noch KI.
Doch: Hätte sich zum Beispiel das Mühlacker Tagblatt nicht über die Krise als selbstständiger Verlag retten können? Die Frage beschäftigt manchen, wie ich aus Gesprächen weiß,
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