Eltern und Kinder müssen länger warten - Zielkonflikt zwischen Finanzlage und Prävention
Steigende Wartezeiten bei den beiden Beratungsstelle des Enzkreises für Kinder, Eltern und Familien? Eine Information, die ich als Kreisrat und Mitglied des Jugendhilfeausschusses des Kreistages eher beiläufig erhielt. Auf meine Anfrage bestätigte dies Landrat Bastian Rosenau. Auch im laufenden Jahr rechne der Landkreis mit mehr als 900 Fällen.
Wie kann diesem Trend entgegengewirkt werden? Ehrlicherweise müssen wir sagen: Mit mehr Personal. Doch das kostet Geld. Und den Landkreisen fehlt es an allen Ecken und Enden an eben diesem. Die 294 deutschen Landkreise gehören zu den Lasteseln der Nation. Die Rufe nach ihrer Beteiligung an der Umsatzsteuer verhalten bisher ungehört. Die von den Städten und Gemeinden an den jeweiligen Landkreis zu bezahlende Umlage reicht hinten und vorne nicht mehr.
Dies als Hintergrund und Einordnung zu unseren Zielkonflikten bei den Beratungsstellen.
Der Verteilungskampf ist längst ausgebrochen, er wird in den nächsten Monaten noch härter. Denn Bund und Länder legen den Kommunen - trotz aller gegenteiliger Versprechungen - immer wieder zusätzliche Lasten auf. Jüngstes Beispiel: Der Bund entlastet die Krankenkassen, auf dass diese ihre Versichertenbeiträge nicht erhöhen müssen. Die Mittel werden nicht eingespart, sondern verschoben - hier auf die Stadt- und Landkreise als Krankenhausträger. Allein beim Enzkreis wird sich voraussichtlich das Defizit der Kliniken aus dem laufenden Betrieb auf 20 Millionen Euro verdoppeln. Woher der Enzkreis zehn Millionen mehr erhält?
Die Antwort des Landrates auf meine Fragen (beide im Original wiedergegeben) zeigen die ganze verzwickte Lage. Denn gerade in dieser Arbeit mit Kindern, Eltern und Familien ist Vorbeugung ganz wichtig, spart mittel- und langfristig an Euro. Präventionsstark – das zeichnete den Enzkreis unter allen Landräten seit der Bildung des Landkreises zum 1. Januar 1973 aus. Das Enz-Markenzeichen: die niedrigsten Sozialausgaben pro Einwohner in Baden-Württemberg. Dieser Sparkurs ist höchst gefährdet. Weil die Einzelberatungen mehr Kapazitätern erfordern – auf Kosten der vorbeugenden Arbeit. Und dieses Weniger für einen Bereich müsste ausgeglichen werden beim anderen. Müsste! Das kostet zusätzliches Personal, und das gibt es nicht umsonst.
Meine fünf Fragen und die fünf Antworten des Landrats:
Trifft es zu, dass die Beratungsstellen wachsende Wartezeiten haben?
Ja, die Nachfrage nach Beratung ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. In der Beratungsstelle Mühlacker liegt die reguläre Wartezeit für ein Erstgespräch derzeit bei etwa zwei Wochen, wenn die Ratsuchenden bei der Terminwahl flexibel sind. Bei engeren zeitlichen Möglichkeiten verlängert sie sich auf etwa drei bis vier Wochen. Akute Krisen und dringliche Fälle werden selbstverständlich weiterhin priorisiert.
Wie entwickelten sich die Wartezeiten seit Anfang 2024?
Die hohe Auslastung hat sich seit 2024 verfestigt. In Mühlacker wurden 2024 insgesamt 972 Fälle und 2025 974 Fälle beraten. Auch für 2026 rechnen wir mit mehr als 900 Fällen.
Bemerkenswert ist dabei vor allem die längerfristige Entwicklung: Im Vergleich zu 2015 ist die Zahl der Beratungsfälle bis 2025 um insgesamt rund 39 Prozent gestiegen – trotz des zwischenzeitlichen Rückgangs während der Corona-Jahre 2020 und 2021.
Die vorhandenen Kapazitäten werden deshalb inzwischen sehr stark durch die Einzelfallberatung gebunden. Präventive Angebote, insbesondere in Kindertageseinrichtungen, mussten bereits deutlich reduziert werden. Das sehen wir fachlich durchaus kritisch, weil gerade gute Präventionsarbeit dazu beitragen kann, Probleme frühzeitig aufzufangen und spätere, intensivere Hilfen zu vermeiden.
Welche Ursachen gibt es dafür?
Hier kommen mehrere Entwicklungen zusammen. Wir sehen zum einen eine zunehmende psychische und seelische Belastung von Kindern und Jugendlichen. Diese Entwicklung zeigt sich auch bei den Hilfen nach § 35a SGB VIII und ist regelmäßig Gegenstand unserer Berichterstattung im Jugendhilfeausschuss.
Gleichzeitig ist die medizinische und therapeutische Versorgung in der Region angespannt. Das betrifft insbesondere den kinderärztlichen Bereich sowie die Kinder- und Jugendlichen Psychotherapie. Wenn Familien dort lange auf Diagnostik oder Behandlung warten, wenden sie sich häufiger an unsere Beratungsstellen und bleiben zum Teil auch länger in Beratung.
Hinzu kommt, dass die Fälle komplexer werden. Psychische Belastungen, schulische Probleme, familiäre Konflikte oder Trennungssituationen treten häufig nicht isoliert, sondern gleichzeitig auf. Damit steigt neben der Zahl der Anfragen auch der zeitliche und fachliche Aufwand pro Fall.
In welchem Umfang wäre eine Personalaufstockung notwendig?
Eine einfache Zahl lässt sich seriös nicht nennen, weil es für die Erziehungsberatung keinen gesetzlich festgelegten Personalschlüssel gibt. Erziehungsberatung ist allerdings eine gesetzlich verankerte Leistung nach § 28 SGB VIII; der Landkreis muss als öffentlicher Träger der Jugendhilfe ein bedarfsgerechtes Angebot gewährleisten.
Aus fachlicher Sicht wäre angesichts der Entwicklung eine Verstärkung der Beratungsstellen durchaus begründbar. Sie würde nicht nur helfen, Wartezeiten zu begrenzen, sondern vor allem wieder mehr Spielraum für präventive Arbeit schaffen. Gerade diesen Aspekt halte ich für wichtig, weil wir sonst Gefahr laufen, immer stärker auf bereits verfestigte Problemlagen reagieren zu müssen.
Was plant die Verwaltung auch angesichts der Finanzlage?
Hier besteht ein klarer Zielkonflikt. Fachlich sehen wir den zusätzlichen Bedarf. Gleichzeitig steht der Stellenplan angesichts der Haushaltslage unter der Vorgabe, insgesamt keine zusätzlichen Stellen zu schaffen.
Wir müssen deshalb innerhalb der Verwaltung sehr genau priorisieren. Vorrang haben zunächst Bereiche, in denen gesetzliche Leistungen unmittelbar sichergestellt werden müssen, existenzsichernde Leistungen betroffen sind oder ein unmittelbarer Kinderschutzauftrag besteht.
Das heißt aber nicht, dass wir die Entwicklung bei den Beratungsstellen aus dem Blick verlieren. Wir werden Fallzahlen, Wartezeiten und die Einschränkungen bei der Präventionsarbeit weiter beobachten. Dauerhaft lassen sich steigende Fallzahlen und zunehmende Fallkomplexität allerdings nicht allein durch organisatorische Maßnahmen auffangen. Wenn sich die Entwicklung fortsetzt, werden wir den daraus entstehenden Personalbedarf bei den kommenden Stellenplan- und Haushaltsberatungen diskutieren müssen.
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