Gedenken an Pforzheims eiligem Geist

Eine Erinnerung in Facebook. Andreas Bonnet (Pforzheim) postete dieser Tage zum 20. Todestag von Siegbert Frank (1933-1998). Da wurden bei mir persönliche Gedenken wach an Siegbert, seine auch so kluge und couragierte Frau Irene, die Kinder Caroline und Tobias - mit ihnen allesamt befreundet (gewesen) zu sein, erfüllt mich noch heute mit Freude und Stolz.

Die Bürgermeister-Bank im Pforzheimer Ratssaal ums Jahr 1990: Von links Erster Bürgermeister Siegbert Frank, Oberbürgermeister Dr. Joachim Becker sowie die Bürgermeister Hermann Kling und Matthias Wittwer. (Foto: BNN-Archiv, Oliver Linde)

Gedenken an den überzeugten (Wahl-)Pforzheimer pflegt auch die Stadt, das Oberzentrum der Region Nordschwarzwald. Mit dem Spatenstich auf dem Gelände des Alten Friedhofs | Ehemalige Stadtgärtnerei wurde im Februar der Startschuss für den Umbau zum neuen Quartierspark in der Oststadt gegeben. Benannt wird das umgestaltete Areal nach der Fertigstellung nach dem ehemaligen Bürgermeister Siegbert Frank in Siegbert Frank Park. Damit wird auch dem Wunsch aus den Reihen des Gemeinderats entsprochen, den ehemaligen Ersten Bürgermeister der Stadt Pforzheim gebührend zu würdigen. 

Siegbert Frank hätte Pforzheim weiterhin gut getan - wie vor seinem allzu frühen Tod. Als Stadtrat, Fraktionsvorsitzender und Erster (Bau-)Bürgermeister brachte er Pforzheim voran. in Mann voller Ideen, über die er nicht nur sprach, die er auch realisierte (wie die Landesgartenschau 1992), ein Schaffer, ein Menschenfreund, herzensgut und bei allem tiefen Glauben an den Herrgott jemand, der das Leben genoss. Glaube, Freude und Humor waren für ihn eine Einheit.

Die Treffen seines Freundeskreises gingen lang, ja länger, waren unterhaltsam, voller Fröhlichkeit - für alle immer ein besonderes Erlebnis. Der Politiker Frank lebte die Bürgernähe, die Demokratie, die Offenheit aller Religionen (weshalb er sich auch stark einsetzte für den Bau der ersten Moschee in Pforzheim). Vielleicht, weil er aus einer kleineren Gemeinde stammte (Untergrombach bei Bruchsal) und einige Jahre auch in Wilferdingen wohnte mit seiner Familie, begegnete er den Nachbarkommunen als Erster Bürgermeister auf Augenhöhe, nit Sympathie und Respekt. Er sprach nicht von den Negerdörfern, wie eine spätere Oberbürgermeisterin,

Ein Kommunalpolitiker mit Herz, Seele und Verstand: Sein Lebenstraum war, OB seines zu seiner Heimatstadt gewordenen Pforzheims zu werden. Amtsinhaber Dr, Willi Weigelt, der ihm in herzlicher Abneigung verbunden war, schied freiwillig früher aus dem Amt - Frank, seiner Zeit Bürgermeister für Stadtwerk, Kliniken, Feuerwehr etc. wurde davon auf dem falschen Fuß erwischt. Weigelts Amtszeit hätte bis zum 31. Januar 1986 gedauert. Am 19. März 1985 kündigte er im Gemeinderat seinen Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen zum 30. April 1985 an. Ein Start-Handicap selbst für den erfahrenen und sonst erfolgreichen Frank. Der Apparat musste erst angeworfen werden, doch der seines Konkurrenten Dr, Joachim Becker, Leiter des Rechtsamtes der Stadt, und Weigelts Wunsch-Nachfolger-Kandidat schnurrte schon. Ein geschickter Schachzug der beiden SPD-Männer Weigelt und Becker.

Dann streuten die Pforzheimer Oberpfeffersäcke, die Sozialliberalen W. & Co. in der Endphase vor dem Wahltag diesen fiesen, ja bösen Satz:  Lieber Becker als einen Bäcker. Natürlich wollte es wieder niemand gewesen sein. Man fand es fein, sich offen zu distanzieren ud trug damit zur weiteren Verbreitung bei. Auch wenn er es kaum zeigte, die Schwähung setzte ihm doch mehr zu, als er selbst einräumte. Mein Kommentar: Mies und schändlich. Obwohl die CDU in den siebziger Jahren bei Kommunalwahlen in Pforzheim dominierte, gewann der Sozialdemokrat im Juni 1985 im ersten Wahlgang 55,8 Prozent der Stimmen.

Beckers Erkenntnis: Für die SPD sei jede Strategie falsch, die nur darauf abzielt, die Stammwähler zu mobilisieren, weil dadurch keine Mehrheiten möglich sind. Er gefiel sich und anderen Gewnossen auch aus Bonn und Stuttgart daraufhin als Ratgeber, der in einem selbst verfassten Leitfaden für Kandidaten (Erfolg im Wahlkampf) persönliche Erfahrungen zu Papier brachte. Einer der zahlreichen jungen Oberbürgermeister im Ländle, die als Kraftreserven für die Landes-SPD galten. Den 43-jährigen Juristen Becker sah das Polit-Magazin Spiegel als jungen John F. Kennedy des Nordschwarzwaldes - und veröffentlichte Auszüge seines Wahlkampf-Einmaleins mit der Kern-Botschaft: Sozialdemokratische Bewerber haben bei Bürgermeister-Wahlen in Baden-Württemberg nur dann eine echte Chance, wenn sie aussehen wie CDU-Mitglieder.

Siegbert Frank kam aus einer Handwerker-Familie, lernte zuerst Bäcker und Konditor, wollte den väterlichen Betrieb in Untergrombach übernehmen. Doch dann zog es ihn zum Studium an die damalige Fachhochschule in Pforzheim - aber die dortige CDU suchte gerade einen neuen Kreisgeschäftsführer und fand ihn in dem agilen, kommunikationsfreudigen und agilen Siegbert Frank, der in Untergrombach zusammen mit dem späteren Fernsehmoderator Dr. Franz Alt die Junge Union in seinem Dorf umtrieb.

Als Spitzenkandidat der CDU bei den Kommunalwahlen 1975 holte sf mit der CDU-Liste, die die gesamte Bandbreite einer Volkspartei repräsentierte, zum ersten und bisher einzigen Mal die absolute Mehrheit im Gemeinderat der gar nicht so goldigen Goldstadt. Er wurde Fraktionsvorsitzender. Weigelt sah in dem Newcomer aus der Bruchsaler Gegend wohl so etwas wie ein störendes Element, zumal der ihm von der starken Position des Fraktionsvorsitzenden heftig zusetzte - mit täglichen Pressemitteilungen, Anträgen und Anfragen. Als die Leute erkannten, dass da einer sich um ihre Anliegen, um die großen und kleinen Sorgen kümmerte, brachte der Alltag die Themen. Ich sage offen: Das auf Öffentlichkeit fixierte kommunalpolitische Geschäft lernte ich, mehr oder minder nebenbei bei Siegbert - in meiner Freizeit. Meine Pforzheimer Kommunal-Schule mit Dauerwirkung. Enzkreis-Verwaltung und Amtschefs im Rathaus Mühlacker müssen damit auch heutzutage noch leben respektive damit umgehen lernen.

1977 wählte der Gemeinderat Siegbert Frank zum Bürgermeister und Leiter des Dezernats IV - ganz gegen den Willen von Weigelt, der ihm diesen Coup nie verzieht. Beide verkehrten einige Jahre nur schriftlich miteinander. Man ging sich aus dem Weg. Aus diesem Mangel an Verständnis, Missachtung und Eitelkeit wuchs sein zentrales Ziel. einen OB Frank zu verhindern. Da kam der Bäcker gerade recht. Wahre Größe zeigte dagegen der neue Oberbürgermeister Joachim Becker: Er plädierte 1986 dafür, Siegbert Frank durch den Gemeinderat zum Bau- und Planungsdezernenten  sowie Ersten Bürgermeister und somit OB-Vize  zu wählen. Becker erkannte: Der Bäcker bringt die Stadt voran - zusammen mit dem Becker aus der Au, diesem eher sozialdemokratisch geprägten Stadtteil, in dem auch der spätere Bürgermeister Matthias Wittwer - der  starke Chef der Porzheimer CDU nach Frank - wohnte. Ein kluger Schachzug zum Wohle Pforzheims. Typisch Frank: Wo werde ich jetzt gebraucht? Was machen wir jetzt? Ein Fortschritt-Macher, der auch seine Ämter auf Trab hielt.

Siegbertz Frank (rechts) mit Ministerpräsident Günther Oettinger (Foto: CDU Enzkreis/Pforzheim

PZ-Kolumnist Marc Klimanski erfand im Rückblick für Frank eine ganz feinsinnige Bezeichnug.  Den eiligen Geist. Es verbindet den tiefen Glauben des Katholiken mit der Rolle des umtriebigen und ideenreichen Kommunalpolitikers. Passt! sf war – lassen wir Klimanski auflisten - Vater etwa der Landesgartenschau 1992, und einer der Väter beim Neubau von Stadttheater, CCP und Feuerwache, Gestalter zahlreicher Entwicklungen in der Pforzheimer CDU hin zu der modernen, dominanten Großstadtpartei, die sie dann um die Jahrtausendwende war. Gerade den Pforzheimer Christdemokraten täte Frank besonders heute gut.

Als der Landtagsabgeordnete der CDU im Wahlkreis Pforzheim, Hugo Leicht (1934-2000) auf eine erneute Kandidatur 1996 verzichtete, spielte - was viele nicht wissen - Siegbert Frank mit dem Gedanken, sich um die Nachfolge zu bewerben. Doch seine Frau war dagegen, dass er sich zusätzliche Last auflädt. Eines späten Abends klingelte bei mir in der Brühlstraße 14 das Telefon. Siegbert auf Kandidatensuche: Was ich von meinem  jungen Mühlacker Stadt- und Kreisratskollege Stefan Mappus halte, ob ich ihm eine erfolgreiche Kandidatur in Pforzheim, somit in Mappus' Geburtsort, zutraue. Ich bejahte die Frage und legte damit wohl einen ersten Grundstein für die landespolitische Karriere des Enzbergers, der, gerade frisch nominiert, nach Pforzheim wechslete, seine Mühlacker Mandate niederlegte und den Wahlkreis Monate später auch souverän holte.

Siegbert Frank, auch Strippenzieher, Machtfaktor, Personalsucher der Pforzheimer CDU.

Es war eine seiner letzten Wochen, seiner letzten Lebenszeit, als ich zu einem Termin in der Goldenen Pforte; gleich neben dem Landratsamt des Enzkreises war. Plötzlich tippte mich jemand auf die Schulter, ich drehte mich um – und erschrak.  Siegbert kahlköpfig. Er merkte das, lachte und freute sich, dass ihm die Überraschung gelungen war. Da war er wieder, der gute und fröhliche Geist aus dem Pforzheimer Rathaus, der die Menschen liebte, ihnen zugeneigt war, trotz aller politischer Gegensätze die Fähigkeit zum Kompromiss nie verlor, der zu seinen christlich-demokratischen Werten stand und bei allemn Kontroversen auf Harmonie, aufs Gemeinsame in der Stadt setzte. Siegbert durchstand gerade die Behandlung seiner Krebs–Krankheit, die zu Haarausfall führte. Nein, er setzte sich keine Perücke auf, sondern bekannte sich auch öffentlich zu seiner Krankheit.  Er überstand sie – doch sie kehrte nach einigen Monaten zurück und blieb. Am 22. Juli 1998 – acht Tage, bevor unser erstes Kind, Johannes, das Licht der Welt erblickte. Siegbert hatte nach der Geburt das getan, was er immer gerne tat – anzurufen und hier zu gratulieren. Johannes  wurde im damaligen Städtischen Klinikum Pforzheim geboren und dort starb wenige Tage später mein Freund Siegbert.

 

 

Trackbacks

Trackback-URL für diesen Eintrag

Kommentare

Ansicht der Kommentare: Linear | Verschachtelt

Noch keine Kommentare

Kommentar schreiben

Kommentare werden erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet!


Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss, um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA

Umschließende Sterne heben ein Wort hervor (*wort*), per _wort_ kann ein Wort unterstrichen werden.
Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.