Vom Vorzeigeobjekt zum Sanierungsfall - Eine Sechs für die Tiefgarage Stadtmitte/Rathaus

Zu groß, zu teuer, inzwischen auch zu unsicher: Vom Vorzeigeobjekt in vierzig Jahren zum Sanierungsfall und Sicherheitsrisiko. All dies ist die Tiefgarage Stadtmitte/Rathaus in Mühlacker.

Gestern Abend der Öffentlichkeit im Gemeinderatssitzung präsentiert (Quelle: Stadtverwaltung, Ratsinfosystem

Denn die Senderstadt hatte Mitte der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts nicht einen der üblichen Parkhaus-Erbauer verpflichtet, sondern Walter Anselment. Ein Name, ein Programm: Er revolutionierte die Parkhaus- und Tiefgaragenarchitektur, indem er Pionierarbeit für stützenfreie Parkgassen leistete. Dieses Konzept kombiniert schräg angeordnete Stellplätze mit Einbahnverkehr, wodurch lästige Stützen zwischen den Autos entfallen und das Parken wesentlich übersichtlicher, sicherer und komfortabler wird. Wir waren ganz schön stolz auf unsere nutzerfreundliche Garage unter dem 1992 eingeweihten Rathaus im Stadtzentrum.

Der Schreck in den Abendstunden, in denen Gemeinderat und Öffentlichkeit das hörten, was sich auch als Offenbarungseid bezeichnen lässt: Die grob geschätzten Kosten der Generalsanierung der Tiefgarage liegen zwischen 15 und 26 Millionen Euro – eine gewaltige Spanne – sie lässt sich laut IGF erst eingrenzen, wenn die Pläne für die Sanierung der TG stehen. Das muss spätestens 2028 der Fall sein, denn dann soll auf jeden Fall mit der Erneuerung des Bauwerks angefangen werden. Und sobald die Zahlen auf sicherem Fundament stehen, entscheidet der Gemeinderat über die zentrale Frage: Wird die Tiefgarage saniert wieder in Betrieb genommen oder bleibt sie nach der Zwangspause durch die Sanierung geschlossen?

 

AMP Parking Europe GmbH nennt sich das einstige Anselment-Büro, weiterhin mit einer Niederlassung in Karlsruhe. Mit mehr als 300 realisierten Parkhäusern und Tiefgaragen und über 70.000 Stellplätzen haben wir Maßstäbe in Wirtschaftlichkeit und Kundenfreundlichkeit gesetzt, heißt es auf der Unternehmenshomepage. Doch inzwischen bestimmen nicht mehr Parkhausbauer und -instandsetzer das Bild der Untertage-Immobilie, sondern Betonsanierer das Bild von der dreistöckigen Garage im Herzen unserer Stadt.

Wir sind Abdichter aus Leidenschaft

Als Teil der ISOTEC-Gruppe mit über 150 Standorten und mehr als 120.000 Sanierungen verweisen sie auf Kunden im gesamten Raum Karlsruhe, Ettlingen, Rastatt und Gaggenau. Das Büro IGF Ingenieur-Gesellschaft für Bauwerksinstandsetzung wurde im November 2025 von der Stadt mit einer erweiterten Untersuchung der Betonsanierung (ihr Motto: Wir sind Abdichter aus Leidenschaft) sowie mit der Erstellung eines Kostenrahmens für die Generalsanierung beauftragt. Aufgrund umfangreicher Untersuchungen konnte ein Ergebnis der Verwaltung im April 2026 vorgelegt werden, heißt es in der Gemeinderatsvorlage 108/2026.

Von der Note 1 zur Note 6. Die IGF gelangt zum Ergebnis, dass das Bauwerk nach einer Standzeit von zirka 35 Jahren ohne Beschichtung und mit zu geringer Betonüberdeckung stark geschädigt ist und einen sehr hohen Instandsetzungsbedarf mit erheblichen Eingriffen in die Tragkonstruktion der Tiefgarage aufweist.

Aufgrund des festgestellten IST-Zustandes an der freigelegten Bewehrung und in Verbindung mit dem festgestellten Gesamtzustand der Betonbauteile der Tiefgarage muss davon ausgegangen werden, dass bereits erhebliche Schäden an der Tragkonstruktion vorliegen und die Standsicherheit gefährdet ist. Es besteht dringender Handlungsbedarf. (O-Ton IGF)

Der Gemeinderat beschloss, für die Sanierung (Planung und Umsetzung) einen Projektsteuerer anzuheuern, die europaweite Ausschreibung dieses Auftrags lief schon an. Die Kosten der Projektsteuerung liegen zwischen 210.000 Euro und 630.000 Euro und sind in dem Kosten-Fenster nicht berücksichtigt, ebenfalls keine etwaigen Kostensteigerungen bis zum Beginn der Baumaßnahme und schon gar nicht Ausgaben der Stadt für Ausweichparkplätze.

Lageplan der TG aus dem Baugesuch von 1987 (Quelle: Gutachten IGF, 2026)

Übrigens: Die Tiefgarage kostete laut Ratsvorlage Nummer 60/58/67 vom 23. Juni 1987, beraten in der Gemeinderatssitzung am 29. Oktober 1987, genau 16.915.000 Mark (GR-Protokoll, Seite 68. Stadtarchiv Mühlacker). In Euro sind dies: 8.658.728,01.

Dringende Sofortmaßnahmen sind notwendig, sagen die Experten. Sie gehen davon aus, dass bereits erhebliche Schäden an der Tragkonstruktion vorliegen und die Standsicherheit gefährdet ist. Es bestehe dringender Handlungsbedarf. Die bereits so weit fortgeschrittenen Eindringtiefen der Chloride und die daraus resultierende Reduktion der Bewehrung dulden kein weiteres Aufschieben. Auch ein Schließen der Tiefgarage sei keine dauerhafte Option: Die fortschreitende Korrosion der Bewehrung könne, aufgrund der Rahmenkonstruktion, zu einem Versagen des Bauwerks und damit zu einer Gefährdung der umliegenden Bebauung führen. Soll heißen: Vor allem das Mittelgebäude - unter anderem mit Wohnungen, Optiker, Dritte-Welt-Laden und Café – drohe, buchstäblich in die Knie zu gehen.

Paket von Sofortmaßnahmen

Ohne Murren brachte der Gemeinderat die erste der drei Sofortmaßnahmen auf den Weg. Um den Verlust der Standsicherheit und ein Versagen der Konstruktion bis zur Instandsetzung der Tiefgarage auszuschließen, lief der erste Teil der Sofortmaßnahmen an: Abstützung/ Verstärkung der Bohrpfähle in den Achsen D/ 6-7, D/ 7-8, D/ 12-13. Kostenpunkt: noch offen, Haushaltsposten dafür: keiner. Das teilweise über der Tiefgarage liegende Wohn- und Geschäftshaus sei unter anderem auf diesen drei Pfählen gegründet. Die freigelegte Bewehrung dieser Pfähle weise erhebliche Korrosion und Querschnittsverluste auf. Zudem seien großflächige Hohllagen und Betonabplatzungen vorhanden, die Grund zu der Annahme geben würden, dass die außenliegende Bewehrung nicht mehr im Verbund liege. Die Schäden an der angrenzenden Geschossdecke könnten dazu führen, dass die planmäßig hergestellte Pressfuge zwischen Geschossdecke und Bohrpfahl nicht mehr funktionstüchtig ist und die Knicklänge der Pfähle deutlich erhöht.

Klare Aussage der Gutachter: Dies führt zu einer maßgeblichen Beeinträchtigung des Tragverhaltens und gefährdet die Standsicherheit des darüber liegenden Wohn- und Geschäftshauses. Die Tragfähigkeit der Pfähle kann somit nicht mehr ohne weitere Maßnahmen sichergestellt werden. Noch offen ist, wie viel diese Sofortmaßnahme kostet, die laut IGF-Experten unbedingt noch 2026 umgesetzt werden müssen. Klar sei aber auch, dass einer der immer wiederkehrenden Ratschläge aus der Bevölkerung uns nicht weiterbringt: Die Tiefgarage einfach zuzuschütten. Denn an den angegriffenen Pfählen des Mittelgebäudes würde dies nichts ändern, die Chloride würden sich weiter vorwärts fressen, die Standbeine für das Wohn- und Geschäftshaus vor dem Finanzamt auf Dauer weich wie Butter.

Die Sofortmaßnahmen II: Die Decke über zweitem und drittem Untergeschoß abzustützen. Kostenpunkt: offen, Haushaltsposten dafür: keiner.

Die Sofortmaßnahmen III: Reparatur der Sprinkleranlage: Kostenpunkt: offen, Haushaltsposten dafür: keiner.

Chloridgehalt in Prozent (Alle Quellen: Gutachten IGF in Sitzungsvorlage für den Gemeinderat der Stadt Mühlacker, Nummer 108 aus 2026))

Für mich und meine Fraktion steht fest, dass nicht so lange zugewartet werden darf, bis die Finanzierung auch des letzten Euro gesichert ist. Sowenig dies in die finanzpolitische aktuelle Lage passt – nicht das Geld ist entscheidend, sondern die gewaltigen Schäden und das Sicherheitsminus.

Klar ist, dass die Horror-Geschichte Tiefgarage auf Mühlacker lastet wie ein gewaltiger Brocken auf der 26.000-Einwohner-Stadt. Mühlacker und sein Umland, bis rauf nach Pforzheim, haben wieder ihr Thema.  Und wer den Schaden hat, muss für den Spott nicht zu sorgen. Auch wenn Oberbürgermeister Stephan Retter weder unsere Heimatstadt noch dem Gemeinderat noch der Verwaltung noch sich selbst dem Spott aussetzen wollte – es wird ihn geben. Sei’s drum.  Des OB flotter rhetorischer Parforceritt vor dem Gemeinderat war ein Schnelldurchlauf – der Parforceritt, ein zügiges, oft oberflächliches Behandeln eines großen Themas oder Wissensgebiets in sehr kurzer Zeit. Stephan Retter machte es kurz und bündig, brachte die Sache ohne Umschweife auf den Punkt, fand klare Worte:  Bereits 2012 habe man vom Chlorid- Eintrag gewusst, geschehen sei nichts.

Sie dürfen schon einmal runter vom Armesünderbänkchen

Der OB kündigte an, den Fall der Eigenschadenversicherung zu melden, da die Stadt einen Vermögensschaden erlitten habe. Er will auch eine juristische, neutrale Aufarbeitung quasi ohne Ansehen der Person – was von der CDU-Fraktion voll unterstützt wird. Meine Fraktion ergänzt dies durch einen Antrag auf Akteneinsicht.  Wir stehen zu den Beschlüssen und Aussagen dieser Ratssitzung. Aber der Verwaltungschef verteilte schon vor Beginn dieser Prüfung, sozusagen in einer Turbo-Eigenprüfung, Persilscheine an den Ersten Beigeordneten, Armin Dauner und Amtsleiter Thomas Brandl. Sie seien das Thema sofort angegangen, als sie in Verantwortung gekommen seien. Sie dürfen schon einmal runter vom Armesünderbänkchen – auf das sie sichtlich nicht gehören. Aber der Gemeinderat BLEIBT DRAUF: Und wer sonst noch? Oder doch niemand?

Die marode Tiefgarage Stadtmitte beschäftigt die Facebook-Gemeinde schon ganz ordentlich. Und der Ratschläge und er Schuldzuweisungen sind viele. Auffüllen mit Beton rät ein Frank Vogt. Zeigt wieder den kompletten Zustand der Stadt, so das Schnellurteil von Ronny E. Bismarck (ob der wirklich so heißt?). Micha Woes versucht sich in Ironie: Die beste Stadtverwaltung überhaupt. Schaut jahrelang zu bis alles verfault ist... lasst es einstürzen, damit das Leiden ein Ende hat... bezüglich der Thematik Mühlehof, Loch, Tiefgarage kann man sich kaum dümmer anstellen. Man darf gespannt sein, das Geld ist vermutlich nicht vorhanden?

Die Schäden an der Tiefgarage unter Rathaus und Innenstadt in Mühlacker sind jedenfalls deutlich gravierender als bislang bekannt. Auf Facebook bringt Tobias Gutscher seine Position auf den Punkt: Das soll keine Schwarzmalerei oder Anschuldigung gegen irgendjemanden sein, doch es ist schon schade, dass über Jahrzehnte nicht viel bis nichts unternommen wurde. Dies sieht man nicht nur an der Tiefgarage. Dies zieht sich durch die Stadtgeschichte wie ein roter Faden.

Der OB drückt aufs Gas - und wir alle mit

Nicht grundlos bricht sich Wut und Enttäuschung Bahn. So auch unter Mühlackers Stadträten. Eine Horrorgeschichte, ein Schreckensbild, ein Schock …  Sehenden Auges nicht gehandelt: Das Ergebnis findet sich in einem 114-seitigen Gutachten, das öffentlich im Gemeinderat vorgestellt wurde. Der OB drückt aufs Gas - und wir alle mit. Das Mühlacker Problem zeigt sich bei diesem Objekt wieder wie schon beim Mühlehof. Vor Jahren zu groß, zu teuer, über den Bedarf hinaus gebaut, dabei aber die laufende Unterhaltung und Folgekosten vernachlässigt.  Und wenn das Geld nicht mehr ausreichte, um die Objekte in Schuss zu halten, dann sollte privates Kapital alles richten.

Beispiel: Tiefgarage unter Rathaus und Mühlehof. 1992 ging die Tiefgarage in Betrieb. Eigentlich sollten nur zwei Geschosse gebaut werden, doch dann legte der Gemeinderat eine Park-Reserve an, beschloss den Bau eines dritten Stockwerks, sperrte es zu, bis Bedarf für diese Plätze bestand. Doch der stellte sich nie ein.  Die Stadt suchte, der eigenen knappen Kasse wegen, einen Käufer, fand diesen in der Firma Echo in Berlin (die Eigentümer saßen in Wien) und seit 2006 gehörten der Echo GmbH der Mühlehof, Tiefgarage und sie versprach, diesen Komplex zu sanieren. Ich habe die Ankündigung noch im Ohr: Zwölf Millionen Euro warten darauf, hier investiert zu werden – sagte der jüngere Mann mit österreichischer Klangfärbung in der Stimme. Doch darauf warten wir heute noch.  Im Juni 2011 nahm die Kommune das Gesamtobjekt zum symbolischen Preis von einem Euro zurück.

Das Mittelgebäude

Die Stadt ließ den Sanierungsstau berechnen (5,54 Millionen Euro), wollte die Arbeiten 2013 und 2014 umsetzen. Doch der dazu erstellte Gemeinderatsvorlage Nummer 229/2012 fehlte ein Beschlussantrag der Verwaltung: Wie in all den Jahren danach meist auch, es erfolgte Kenntnisnahme.

Am 22. Oktober 2013 befasste sich – auch im Vorfeld der Gartenschau 2015 in den Enzgärten - das Stadtparlament umfassend mit Kelterplatz und Tiefgarage. Für 26.418 Euro hatte die Stadt die Kirn Ingenieure Pforzheim auf der Basis des vorhandenen Bauwerksgutachtens des Büros Sancon in Möglingen, das dem Gemeinderat am 6. November 2012 vorgestellt worden war, beauftragt, mögliche Instandsetzungsarbeiten, die kostengünstiger sind, zu erarbeiten und gleichzeitig den Grad der Dringlichkeit zu benennen.  Kirn legte ein Konzept nach dem Prinzip des Kathodischen Korrossionsschutzes (KKSD) vor - dabei wird die Eisenauflösung durch einen entgegengesetzt gerichteten Gleichstrom unterbunden. Kosten:  4,8 Millionen Euro. Dagegen schlug Scancon  vor, die Chlorid-Bereiche der Tiefgarage abzutragen, sowie die abgebrochene mit einem PCC-Mörtel wieder aufzubauen. Kosten: 5,44 Millionen Euro, also 733.000 Euro mehr. Während der Sanierungsarbeiten mit KKSD sei jeweils nur ein Geschoss zu schließen, beim Verfahren Sancon zwei Geschosse. Die Bauabschnitte 0, 1 und 2 sollten kurzfristig – in den folgenden fünf Jahren mit gleichzeitiger gutachterlicher Begleitung die anderen Abschnitte danach saniert werden.  

Die Verwaltung schlug vier Maßnahmen zur optischen Aufwertung und zur Verbesserung des Leitsystems vor für zusammen 180.000 Euro - als da waren Malerarbeiten, Verbesserung des Leitsystems, Betonsanierungen des Abgangs vom Kelterplatz zu den Tiefgaragen, Verbesserung der Beleuchtung, Abdichtung der Tiefgarage von oben. Der Gemeinderat nahm von den Berichten des Pforzheimer Ingenieurbüros Kirn Kenntnis und stimmte dem dargestellten weiteren Vorgehen zu. Übrigens einstimmig. Laut Protokoll der Sitzung äußerte ich Zweifel, ob der Betrag ausreicht.

Wir hatten unseren Kopf bei den Enzgärten – hinter deren großem Erfolg verblassten die Tiefgaragen-Gutachten

Das zeigt:  Gemeinderat und Verwaltung versuchten, die Objekte Gartenschau und Tiefgarage zu koppeln. Wiewohl wir mit unseren Gedanken schon auf der anderen Seite der Bundesstraße 10 waren. Also verschob die Stadt die Garagen-Sanierung nach Gutachter-Empfehlung auf die Zeit danach, ließ die Parkgarage mit grüner und weißer Farbe optisch deutlich aufwerten. Natürlich konnte einem die Frage kommen: War die Sanierung nun nicht mehr in dem ursprünglich gedachten Ausmaß notwendig? Genügten ein paar Eimer Farbe mehr? Irgendwie waren wir Stadträte doch auch froh, wenn niemand von den Millionen für die TG-Sanierung sprach, schon gar nicht die Verwaltung. Wir hatten unseren Kopf bei den Enzgärten – hinter deren großem Erfolg verblassten die Tiefgaragen-Gutachten. 

2014 sollte das Thema erneut behandelt werden, die Vorlage war auch fertig, verschwand aber im Nirwana. Als ich sie diese Woche bei der Geschäftsstelle des Gemeinderats sie anforderte, erhielt ich eine bemerkenswerte Antwort: Bitte beachten Sie, dass die Vorlage 143/2014 nie in den Gemeinderat eingebracht wurde und deshalb nicht zur Verfügung steht.

Die Nummer 108 aus dem Jahr 2026

Umso deutlicher fiel die Bewertung in der GR-Vorlage 254 aus dem Jahr 2024 aus. Sie ist in wesentlichen Teilen wortgleich mit der aktuellen, auf die wir unsere gestrigen Beschlüsse stützten: die Nummer 108 aus dem Jahr 2026.

Die CDU-Fraktion will sich ein eigenes Bild von den Vorgängen machen, zum Beispiel von dem Beschluss vom 22. Oktober 2013, Was wurde daraus? Deshalb stellten wir Antrag auf Akteneinsicht nach § 24, Absatz III, Satz 2 der Gemeindeordnung Baden-Württemberg für alle damit direkt oder indirekt zusammenhängenden Unterlagen. Ein Viertel der Gemeinderäte kann in Angelegenheiten im Sinne von Satz 1 verlangen, dass dem Gemeinderat oder einem von ihm bestellten Ausschuss Akteneinsicht gewährt wird. In dem Ausschuss müssen die Antragsteller vertreten sein.

Ein Nachwort zur Sprinkleranlage:  2008 (Eigentümer: Echo GmbH) wurden, wie sich jetzt zeigte, bei einer Anlagenprüfung daran erste Mängel festgestellt, welche die Betriebssicherheit und Wirksamkeit der Anlage in Frage stellten – die Experten der IGF-Ingenieur-Gesellschaft für Bauwerksinstandsetzung sprachen jetzt von sicherheitsrelevanten Mängeln. Die dokumentierten Sicherheitsmängel seien teilweise noch nicht behoben. Im Abstand von 12,5 Jahren finde die VdS-Altanlagenprüfung statt. Die letzte Prüfung (Eigentümer: Stadt) - im Herbst 2025 bis Februar 2026 - habe nun gezeigt, dass sich das Ausmaß der Schäden deutlich vergrößert habe. Es ist dokumentiert, dass die aktuelle Sprinkleranlage in der Tiefgarage nicht mehr betriebssicher ist. Die Mängel sind im Rahmen der Betreiberverantwortung unverzüglich zu beheben.

Zwischenzeitlich versuchte die Verwaltung eigenen Angaben zufolge, ein Angebot zur Reparatur der Sprinkleranlage einzuholen. Die bisherige Wartungsfirma habe im Juni 2026 eine Kostenschätzung für die Reparatur in Höhe von rund 514.000 Euro (netto) vorgelegt. Weitere Firmen wurden angefragt, alternative Angebote liegen noch nicht vor. Die Verwaltung sucht hier zudem noch nach Möglichkeiten, einen Weiterbetrieb ohne (vollständige) Ertüchtigung der Sprinkleranlage durch eventuelle Alternativlösungen zu ermöglichen.

Zum jetzigen Zeitpunkt kann, so heißt es in der Beratungsvorlage für den Gemeinderat, zu dieser Sofortmaßnahme noch keine abschließende Aussage getroffen werden. Nach Vorliegen der Planung und der geschätzten Kosten für die Sofortmaßnahmen werde der Gemeinderat umgehend informiert, versicherte die Stadtverwaltung.

Zurück ins Jahr 1986 - Ich stimmte für zwei statt drei Geschossen

Zu groß gebaut? Durchschnittlich stehen laut IGF werktäglich bis 17.30 Uhr rund 240 bis 250 Fahrzeuge in der Tiefgarage. Platz wäre für 370, verteilt auf drei Geschosse. Die Kommune baute also auf Vorrat, machte sich auch wenig Gedanken um die Folgekosten…. Denn ursprünglich sollten es nur zwei Etagen sein.  246 hätten demnach auch noch 40 Jahre später ausgereicht. Vor der Entscheidung sagte Stadtrat Heinz Kärcher für die Freie Wählerschaft, eine dreigeschossige Garage sei kostengünstiger, weshalb seine Fraktion für diese Lösung plädiere. Rolf Leo, Vorsitzender SPD-Fraktion, sagte, angesichts 17 Millionen Mark Ausgaben für Kraftfahrzeugstellplätze sei der Fraktion aber eine Entscheidung selten so schwergefallen. Die SPD rechne aber mit einem weiteren starken Zuwachs beim Kraftfahrzeugbestand. Deshalb sehe sie aber keine andere Möglichkeit, um mit den Parkplatzproblemen in der Innenstadt fertig zu werden, weshalb seine Fraktion mehrheitlich für drei Geschosse stimmen werde.

Protokoll der Ratssitzung 1986 (Stadtarchiv Mühlacker)

Und die CDU? Mein Fraktionskollege Friedrich Hetzel aus Mühlhausen begründete sein Ja zu drei Etagen damit, dass die Stadt sich so alle Möglichkeiten für eine weitere Bedarfsdeckung in der Zukunft offenhalte.  Eine andere Stimme aus der Unionsfraktion laut Ratsprotokoll sei hier ganz zitiert:

StR Bächle favorisiert eine zweigeschossige Tiefgaragenlösung, unter anderem seien die Gesamtkosten hierfür niedriger. Da die Zuschussstelle bei Innenministerium die Zuschussbewilligung nicht von einer Kostenobergrenze, wie vom Vorsitzenden ausgeführt, abhängig mache, würde auch bei der Befürwortung einer zweigeschossigen Tiefgarage die Sanierungsmittel nicht infrage gestellt.

Auch wenn ich der gänzlich ablehnenden Haltung der Grünen nichts abgewinnen konnte – in einem Punkt war ich mit deren Stadtrat Thilo Schäfer einig: Ein solches Projekt mit einem Zuschussbedarf von einer halben Million Mark sei zu teuer für Mühlacker. Weniger würden auch reichen. Das wollte Oberbürgermeister Gerhard Knapp (SPD) so nicht stehenlassen. Unabhängige Gutachter hätten berechnet, dass Mühlacker zirka 1000 Stellplätze benötige.  Da neben einer Tiefgarage noch weitere Stellplätze auszuweisen seien, sei es kurzsichtig, nur eine zweigeschossige Tiefgarage zu bauen, bei der der einzelne Stellplatz teuer sei. Eine zweigeschossige Tiefgarage sei deshalb nicht billiger.

Dritte Etage gebaut und gleich versperrt

Gerhard Knapp setzte sich mit 26 Ja- und fünf Nein-Stimmen bei zwei Nichtteilnahmen durch. Ich votierte wie angekündigt dagegen. Mit dem Beschluss m Jahr 1986 für eine Garage mit drei Geschossen war verbunden eine zweite Ein- und Ausfahrt – über eine Spindel von und zur Hindenburgstraße. Die unterste, also dritte Etage blieb aber jahrelang den Nutzern versperrt – sie war nie notwendig, wie sich jetzt wieder zeigt.

Im Oktober 1990 konnte die Tiefgarage unter Rathaus und Konrad-Adenauer-Platz - mit einer Nutzfläche von rund 12.000 Quadratmeter - eingeweiht werden. Zwar gehörte das unterirdische Parkhaus von 2006 bis 2011 zum Besitz der Firma Echo – sie hatte den Mühlehof und ein Teil der Tiefgarage von der Kommune gekauft, die Tiefgarage unterm Rathaus und Konrad-Adenauer-Platz dazu gepachtet. Die Stadtverwaltung schaute dem neuen Eigentümer ständig über die Schultern. Die in Berlin ansässige Firma hatte sich vertraglich zur Sanierung der Tiefgarage verpflichtet. Gottfried Kautter, seinerzeit Chef des städtischen Amtes für Grundstücks- und Gebäudemanagement (Amt 23) , schrieb in einer Beratungsvorlage für den Gemeinderat (Nummer 099/2010) und dessen öffentliche Sitzung am 11. Mai 2010: Die von der Firma Echo seither vorgenommenen Sanierungsmaßnahmen sind nicht ausreichend und werden allenfalls als Kosmetik betrachtet. Insbesondere im Bereich der Spindel sei an mehreren Stellen die Bewehrung offen. Der seitherige Tausalzeintrag lässt befürchten, dass die Bewehrung großflächig beschädigt ist. Die Stadträte stimmten einem Auftrag zur Untersuchung zum Preis von 26.340,65 Euro durch das Planungsbüro Sancon GmbH in Stuttgart zu.

Dies sollte der Stadt die Möglichkeit geben, die entsprechenden rechtlichen Schritte vorzubereiten und durchzusetzen. Dazu würden aus dem Beton Proben entnommen, um die Festigkeit der Konstruktion und die Chloridbelastung zu prüfen. Es schlossen sich Potenzialfeldmessungen an. Die Bewehrung werde elektrisch geprüft, um die Standfestigkeit der gesamten Konstruktion beurteilen zu können. Dieses umfangreiche Verfahren stelle sicher, dass bei einer Sanierung der Tiefgarage die richtigen Schritte unternommen werden, um eine langfristige Erhaltung des Bauwerks sicher zu stellen.

Nach der Rücknahme der Immobilie mitsamt Parkierungsbauwerk im Jahr 2011 beauftragte die Stadt zwei Jahre später die Stuttgarter Firma Gottfried Rommel, rechtzeitig vor der Gartenschau den Beton am Abgang vom Kelterplatz zur Tiefgarage instand zu setzen. Kosten: knapp 82.000 Euro.

2006 an die Berlinger Echo GmbH verkauft - 2011 für einen Euro zurückgeholt

Das Ratsinformationssystem der Stadt Mühlacker gibt gerade über jene Zeit nicht viel her, die anbrach, als die Stadt (Wieder-)Eigentümer wurde. In der 254. Gemeinderatsvorlage aus dem Jahr 2024 findet sich eine Passage, in der ein Blick zurückgeworfen wird. Schon in den Jahren 2013/2014 sei über Sanierungskonzepte für die Tiefgarage Stadtmitte/Rathaus/Konrad-Adernauer-Platz im Gemeinderat diskutiert worden, steht dort zu lesen. Tiefgreifende Sanierungen hätten jedoch zwischenzeitlich nicht stattgefunden. Nachdem nun über die letzten Monate verstärkt Abplatzungen und freiliegende Armierungen insbesondere an der Spindel der Tiefgarage festgestellt werden mussten, hat das Amt 23 – im Rahmen der Verkehrssicherungspflicht – vor den Sommerferien und vor der Fahrbahnsanierung an der B10 eine Reparatur der Schadstellen veranlasst.

Aus dem Gutachten

Im Zuge der Reparaturarbeiten sei festgestellt worden, dass Armierungseisen teilweise stark korrodiert seien. Deshalb habe das Fachamt vorsorglich einen Statiker hinzugezogen. Punktuell sei die Bewehrung im Bereich der Auflager freigelegt, da die Fahrbahn beidseitig eingespannt sei, das heißt auch die obere Bewehrung sei statisch auf Zug belastet und erforderlich, steht in dem von Amtsleiter Thomas Brandl unterzeichneten Papier vom 22. August 2024 an die Stadträte.

Ein „weiter so“ ohne Sanierung der Tiefgarage ist nicht mehr möglich

Nach Freilegung sei es möglich gewesen, den Zustand der Bewehrung statisch einzuschätzen. Glücklicherweise sei die Statik noch tragfähig genug, so dass die Tiefgarage im Moment noch nicht geschlossen werden müsse. Angesichts des Zustandes der Bewehrung forderte der Statiker, die Tragfähigkeit der Statik zu reduzieren und dringend zu sanieren. Man werde hier vermutlich bis zur Sanierung regelmäßige Sichtkontrollen vornehmen müssen. Brandl: Ein „weiter so“ ohne Sanierung der Tiefgarage ist nicht mehr möglich.

Bereits im Jahr 2012, schreibt er, sei das Bauwerk der Tiefgarage überprüft worden. Die damals kalkulierten Sanierungskosten der Tiefgarage hätten zwischen 4,8 und 5,5 Millionen Euro betragen (siehe Sitzungsvorlage 250/2013). Warum auch immer habe in den Jahren danach keine substanzerhaltende Sanierung der Tiefgarage stattgefunden. Brandl: Leider ist der Schadverlauf bei Eintragung von Chloriden nicht linear, sondern exponentiell. Das bedeutet, dass nicht nur mit Baukostensteigerungen seit 2012 zu rechnen ist, sondern auch deutlich größere Schäden zu erwarten sind. Das Offenlegen der Schadstellen hat teilweise massive Korrosion von Bewehrungsstahl durch Eintragung von Chloriden gezeigt, so dass zwingend weitere Sanierungsschritte erforderlich sind.

Deshalb ließ die Stadtverwaltung im Jahr 2024 erneut das gesamte Bauwerk unter die Lupe nehmen. Daraus leiteten sich dann Maßnahmen ab. Es komme hier insbesondere auch auf die Eindringtiefe von Chloriden in den Beton an. Erneut erhielt die Sancon GmbH – inzwischen in Ludwigsburg – von der dafür zuständigen Verwaltung den Auftrag, den Baukomplex ein weiteres Mal zu untersuchen. Kosten:  45.559,15 Euro. Nach Vorliegen des Ergebnisses der erneuten Bauwerksüberprüfung und der genauen Feststellung des Schadbildes werde der Gemeinderat über die weiteren Schritte informiert. Welcher Beschlussvorschlag stand nun in 254/2024? Es erfolgt Kenntnisnahme. Ganz so wie in Vorlagen zuvor zu diesem Themenkomplex und danach wie in 184/2025.

Mit der IGF ein weiteres Fachbüro 2025 angeheuert

Bleiben wir bei der Vorlage 184 aus dem Jahr 2025. Sie wird von der Verwaltung immer noch unter Verschluss gehalten. Sie wies mich jetzt bei meiner Recherche für diesen Blog-Beitrag auf deren Nichtöffentlichkeit hin. So weit lässt sich aber pauschal sagen: Die Kosten der Betonsanierung wurde im Rahmen der Bauwerksüberprüfung auf rund 6,1 Millionen Euro (netto) geschätzt. Hinzu kommen wohl weitere Kosten für die Erneuerung der Technik (zum Beispiel Brandschutz, Sprinklersystem, Elektrik, Lüftung, Fahrbahnversiegelung und Parkbewirtschaftungssystem). Für die Kostenschätzung einer Gesamtsanierung der Tiefgarage wurde nun ein weiteres Fachplanungsbüros hinzugezogen. Hier kam offensichtlich das Büro IGF Ingenieur-Gesellschaft ins Geschäft mit der Stadt.

Übrigens: Der erste Absatz der Vorlage ist identisch mit dem gleichen Abschnitt in der Vorlage ein Jahr zuvor. Offen bleibt, ob eines der 2012 diskutierten alternativen Verfahren zum Zuge kam - wenn nicht, was wahrscheinlicher ist, welche Gründe dafür den Ausschlag gaben: Ich meine das schon erwähnte Konzept der Pforzheimer Kirn Ingenieure nach dem Prinzip des Kathodischen Korrossionsschutzes (KKSD) oder das teurere von Scancon. Weder die Haushaltspläne noch die Rechnungsabschlüsse der Stadt geben Aufschlüsse: 2018 standen 220.00 Euro im Etat für den Umbau der Lüftung und den Brandschutz  der Tiefgarage 2014 waren es 148.000 Euro, ein Jahr später 353.000 Euro und 2016 rund 272.000 Euro.  2018 wurden 292.000 Euro eingestellt. 57.700 Euro in 2022.

Die Geschichte bleibt spannend

Das Mühlacker Tiefgaragen-Fiasko kam also nicht ganz so überraschend, wie es bei der Gemeinderatssitzung am 29. Juni 2026 dargestellt wurde. Insider wussten um den hohen Preis einer dringend notwendigen Sanierung. Dass IGF gleich eine Spanne von 16 bis 25 Millionen Euro als Sanierungspreis aufrief, verfehlte den Knall-Effekt nicht. Es war als hätte jemand eine Bombe gezündet. Damit aber bleibt offen, wer welche Verantwortung in diesem Tiefgaragen-Poker spielte. Jedenfalls bleibt die Geschichte spannend – und Mühlacker darf weiterraten, wie die Millionen finanziert werden. Ob nun 4, 12, 16 oder 25 Millionen: Es sind 4, 12, 16 oder 25 Millionen zu viel.  

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