Mein schönes Schmölln lob' ich mir - und seine die Partnerschaft mit Mühlacker erst recht

Mühlackers – neben Bassano del Grappa einzige Partnerstadt ist Schmölln und liegt in Ostthüringen. Ein kleiner Steckbrief vorab:  13.693 Einwohner (Zensus 2022:  neun mehr als beim Zensus 2011). Eine Mühlacker Delegation feierte von Freitagnachmittag bis Sonntagmittag zehn Jahre Partnerschaft, eine der garnicht so wenigen innerdeutschen Partnerschaften, die nach der Wende 1990 entstanden - meist aus vielfältigen Hilfen, die westdeutsche Kommunen den ostdeutschen zukommen ließen. So auch Mühlacker der hier aber nicht unbekannten halb so großen Stadt Schmölln. Auch ein Stück deutsch-deutscher Geschichte. 

Bis zum Mauerfall im November 1989 gab es genau 58 offizielle deutsch-deutsche Städtepartnerschaften. Unmittelbar nach der Wiedervereinigung schoss diese Zahl in die Höhe: In der Hochphase wurden über 800 innerdeutsche Kommunalpartnerschaften und -freundschaften gezählt, die vor allem dem Verwaltungsaufbau und dem gegenseitigen Kennenlernen dienten.

Eine wunderbare Idee: Jubiläumstasche mit eingeschobenen Knöpfen, die an die Schmöllner Tradition der Knopf-Herstellung erinnern. Foto: Günter Bächle

Vergangenheit und Zukunft:

Weder Schmölln noch Mühlacker verdankten ihren Aufstieg einer Fürstenresidenz, einer renommierten Universität oder staatlichen Sonderrechten. Beide Städte haben sich ihren Ruf durch Fleiß, Unternehmergeist und industrielle Entwicklung selbst erarbeitet. Schmölln wurde durch die Knopfindustrie bekannt, Mühlacker durch Eisenbahn, Industrie und später den weithin sichtbaren Sendeturm. Diese Städte haben ihren Ruf nicht geerbt, sondern geschaffen, betonte am Samstag Bürgermeister und Gastgeber Sven Schrade. Und sein Kollege Stephan Retter, Mühlackers OB, machte bei der Feier im Rathaus über die Zukunft der Partnerschaft konkrete Vorschläge: digitale Austauschformate, gemeinsame Workshops sowie Hospitationen von Mitarbeitern in der jeweiligen Partnerkommune. Gerade in Zeiten wachsender Herausforderungen könnten Verwaltungen voneinander lernen und gemeinsam Lösungen entwickeln, betonte er.

Ein Steckbrief von Schmölln:

Also: Von der Einwohnerzahl eher stagnierend, von der Fläche dagegen explodierend:  9453 Hektar (entspricht 94,50 Quadrat-Kilometern) umfasst die Gesamtstadt, 1994 waren es 35.000 ha (35 qm/km), 2016 exakt 4461 Hektar.   Zum Vergleich:  Mühlacker Gesamtstadt 5433 Hektar (54,3 qm/km).

Schmölln umfasste nach der Gebietsreform im Jahr 2018  eine Fläche von etwa 95 Quadratkilometern und reichte im Norden bis an die Grenze zu Sachsen-Anhalt. Das städtische und ländliche Leben verteilte sich neben der Kernstadt auf insgesamt 44 Ortsteile. Zum 01. Januar 2026 fand die – bisher letzte - Eingemeindung von Dobitschen statt, die erste – Weißbach - war 1994 vollzogen worden.  Dazwischen lagen die Anschlüsse von Großstöbnitz, Altkirchen, Drogen, Lumpzig, Nöbdenitz und Widenbörten.  

Ein handgestrickter Vergleich M+S:

Schmölln, die Knopfstadt und die Mutzbratenstadt, zählt so viele Stadträte  wie Mühlacker: 26, hat einen Bürgermeister und drei Beigeordnete. Regionalplanerisch Mittelzentrum wie Mühlacker. Hat ein Amtsblatt, im Netz herunterzuladen: den Schmöllner Blick.

Aber Schmölln hat, was Mühlacker fehlt - Vergleichbares mit der KnopfprinzessinÜber 15 Jahre gibt es sie schon, meist für zwei bis drei Jahre gewählt, repräsentiert sie die Stadt Schmölln samt Stadtgeschichte und Kulturgütern. Seit dem 1. Mai 2014 Constanze I, die bei der Feierstunde in der ersten Reihe neben dem evangelischen Stadtpfarrer saß. Denn Schmölln hat eine ganz besondere Industriegeschichte: Im 19. und 20. Jahrhundert entwickelte sich die Stadt zu einem absoluten Zentrum der Knopfindustrie. Damals wurden hier Millionen von Knöpfen gefertigt – erst aus Perlmutt, später aus der Steinnuss und Kunststoff. Im Knopf- und Regionalmuseum kann man diese Geschichte hautnah nachvollziehen, wie ein Teil der Mühlacker Delegation erlebte. 

Wer in Schmölln ist, kommt jedoch an an einer Spezialität nicht vorbei: dem Original Schmöllner Mutzbraten. Das ist ein traditionelles, faustgroßes Stück Fleisch (meist aus der Schweineschulter oder dem Kamm), das mit Salz, Pfeffer und Majoran gewürzt und auf speziellen Mutzbratenständen über Birkenholzfeuer im Rauch gegart wird. Mutzbraten steht schon seit Jahren auf dem Mühlacker Straßenfest als Synonym für Schmölln. Dafür sorgt die Feuerwehr von Schmölln mit ihrem Stand - treue Freunde unserer Stadt. 

Wie steht unsere Partnerstadt im Freistaat da? Was neidisch macht: Schmölln ist auf nur höchst niedrigem Niveau verschuldet. 297 Euro je Einwohner (den Pro-Kopf-Betrag von Mühlacker verschweigen wir mal leicht verschämt). Die Stadt in Ostthüringen nagt jedenfalls nicht am Hungertuch: gut sechs Millionen von Schlüsselzuweisungen des Freistaates Thüringen, rund 1,2 Millionen Euro Anteil an der Einkommensteuer, die die Schmöllner ans Finanzamt bezahlen. Die Gewerbesteuer bringt 1,5 Millionen und die Grundsteuern 1,6 – alles laut Statistischem Landesamt Thüringen. Die Hebesätze im Jahr 2025 in Schmölln: Grundsteuer A 450 (Mühlacker 360), Grundsteuer B 549 (Mühlacker 340), Gewerbesteuer 425 (Mühlacker 360). Als ein Vereinsvorsitzender unserem Oberbürgermeister jetzt am Freitag beim Kennenlern-Abend erzählte, dass der Freistaat Thüringen 60 Prozent der Kosten eines Kunstrasenplatzes übernehme, konnte dieser nur staunen.

Vor zehn Jahren anlässlich der Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde Mühlacker-Schmölln gepflanzt: die Elsbeth, auch Elsbeere genannt. Sie ist eine seltene Laubbaumart und vielen Menschen unbekannt. Die "schöne Else" ist das größte aller einheimischen Rosengewächse und kommt in weiten Teilen Europas vor. Früher wurde aus den Elsbeeren eine Medizin gegen Bauchschmerzen gewonnen. Der Volksmund kennt die Elsbeere auch als Frauenbeeri, Sauerbirl, Wilder Sperber, Ruhrbirne oder Darmbeere. Am Samstag überzeugten sich die Mühlacker Abordnung, wie gut die Elsbeth gediehen ist und somit niemandem Bauchschmerzen bereitet. (bä)

Ein kleiner finanzpolitisch geprägter Ausflug in die Zahlenwelt des thüringischen Landesamtes für Statistik. Wo steht Schmölln gut 35 Jahre nach der Wiedervereinigung? Nach Altenburg das zweite kommunale Machtzentrum, im Landkreis Altenburger Land. Wie steht sie da? Gut, finde ich.

Freilich: Die Jubiläumsfeier gestern im Saal des historischen Rathauses am Markt stand ganz im Schatten einer Premiere, der des ersten Mutzbraten-Wettbewerbes auf dem Platz davor, bei der Mühlackers Alt-OB Frank Schneider nach der Feierstunde in der Jury saß. 

OB Retter und Bürgermeister Schrade nach der Unterzeichnung der Verwaltungsvereinbarung.

Derweilen blieb Retter im wahrsten Sinne des Wortes Gewichtiges zu tun, nämlich das Gewicht seiner Amtskette wie eine Last auf den Schultern zu tragen, dabei seine Rede zum Jubiläum zu halten, eine Verwaltungsvereinbarung zu unterschreiben, sich ins Goldene Buch der Stadt einzutragen.  Bei der Feier im zweiten Stock des Rathauses machte er jedenfalls eine gute Figur. Zusammen mit seinem Schmöllner Kollegen Sven Schrade setzte Retter ein wichtiges Zeichen für die Zukunft: Die beiden Stadtverwaltungen sollen Mitarbeitende austauschen. Der eine möge vom anderen lernen. Der Wessi vom Ossi und umgekehrt. Eine Kooperation auf Augenhöhe. Was manche im Westen vergessen haben oder es noch nie so sahen: Wir können auch vom Osten lernen.   Es war eine würdige Feier, bei der daran erinnert wurde, dass die Partnerschaft zwischen Menschen beider Städte weiter zurück reicht. Auch wenn es ein Vierteljahrhundert brauchte, bis die Verwaltungsbeziehungen 1996 in eine offizielle Städtepartnerschaft mündete. Der seinerzeitige Schmöllner Bürgermeister Herbert Köhler machte sich dafür stark. Auch ich regte sie immer wieder im Mühlacker Gemeinderat an - eine deutsch-deutsche Beziehung. Aber ich habe ja sowieso meine eigene Schmöllner Gesachichte.

Das Jubiläumsprogramm beginnt beim Sportverein:

Ein gemeinsamer erfrischender Begrüßungsabend beim Sportverein Schmölln 1913 e.V. mit einem Altherren-Spiel zwischen Schmölln und Gera, das die Gastgeber klar für sich entschieden. Eine Begegnung mit Gästen aus den anderen Schmöllner Partnerstädten, Dobele in Lettland und Zdar nad Sazavou in Tschechien, beide entstanden zu Beginn der 1900er-Jahre. Dobele war durch den stellvertretenden Landrat, die Volkshochschulleiterin und einer perfekt deutschsprechenden Schulleiterin vertreten. Bei ihnen in Lettland sei das Ehrenamt weitgehend unbekannt, dagegen habe der baltische Staat bei der Digitalisierung des Alltagslebens die Nase weit vorne. Die Gefahren durch den Nachbarn Russland, die kommunale Selbstverwaltung mit kürzeren Amtszeiten fünf Bürgermeister. Interessante Gespräche mit einem Meinungs- und Informationsaustausch wie es sein sollte.  Doch das kommt gerne zu kurz.

Einer der Schmöllner, der diese Freundschaft von Beginn an intensiv lebt, ist - ein Linker. Ein feiner Mensch: Klaus Hübschmann. Ein aktiver Kommunalpoliiker mit einem guten Draht zu den Bürgern. Ihn muss man einfach mögen. 

Da nun meine ganz persönliche Note:

Schon Anfang der sechziger Jahre knüpften die Evangelischen Kirchengemeinden Mühlacker und Schmölln eine Partnerschaft, die heute noch besteht. Es war die große Zeit der Päckchen mit allem, was in der Ostzone rar war wie Kaffee und Schokolade, an die Brüder und Schwestern hinter dem Eisernen Vorhang. Da erhielten wir im Gymnasium Mühlacker von unserer Religionslehrerin, dem – wie sie sich selbst nannte – Fräulein Traub, Adressen von Familien, bei denen 1961/62 Kinder konfirmiert wurden.  Unsere Patenfamilie hieß Valdix und wohnte über dem staatlichen Ladengeschäft Konsum, nur einige Schritte von der Bahnlinie und dem beschrankten Bahnübergang entfernt. Es war die Zeit der Dampfloks. Der Kohle-Geruch lag immer in der Luft. Ich kam an einem April-Abend 1964, mutterseelenallein, mit dem Zug an. Es war schon dunkel, ich ging langsam die Bahnhofstraße entlang, sah am Platz der Neuerer eine Frau aus einer oberen Etage schauen. Und diese: Bist Du Günter?  

Zwar verstand sie meine Antwort nicht, wie sie später immer wieder gerne erzählte, weil Schwäbisch ihr wie eine Fremdsprache anmutete: Aber Gertrude (Trudel) Valdix und ich verstanden uns trotzdem, auch ich und ihr Sohn Alberti. Für mich war die DDR die große weite Welt. Aber als ich von Trudel anderntags in eine Bäckerei am Markt geschickt wurde, um Brötchen zu kaufen, erfuhr ich die natürliche Grenze des schwäbischen Dialekts: Ich verlangte Weckle, worauf die Verkäuferin mich fragend und verzweifelt zugleich ins Blickfeld nahm. Die Situation ließ sich aber rasch klären.  

Geschenk von Mühlacker
Begrüßung der Gäste aus Lettland, Tschechien und Deutschland auf dem Sportgelände des SV Schmölln

Trotz dieser Sprachhürden entstand eine wunderbare Freundschaft über drei Generationen hinweg – inzwischen mit Albertis Witwe und ihrem Sohn Gerrit, die seit der Wende in Pforzheim leben. Aber mein Herz schlägt noch für Schmölln, so auch im Gedenken an die längst verstorbene Charlotte Tittel in ihrem kleinen Häuschen an der Bergstraße, einer Tante von Alberti.

In den vergangenen Tagen erlebte ich Schmölln nach mehrjähriger Pause wieder.  Es hat sich herausgeputzt, schön, reizvoll. Ein Kleinod. In Abwandlung des Goethe-Satzes zu Weimar passt: Mein Schmölln lob' ich mir. Eine charmante Kleinstadt. Sie wird oft liebevoll als die Perle des Sprottetales bezeichnet, da sie idyllisch am Fluss Sprotte liegt. Schmölln im östlichsten Teil von Thüringen, also dort, wo sich manche lieber als Sachsen wähnen. 

Mühlackers Alt-OB Frank Schneider (rechts) als einer der Juroren der Mutzbraten-Meisterschaft.

Übrigens: Lienzingen gilt als eine der Perlen des Unterlandes. Beides kommt nicht von ungefähr. Dieser Zusatz sei mir gewährt.

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