Die Köstliche von Charneux rundet als zwölfte Sorte die Obst-Pallete auf der "Konfi-Wiese" ab
Auf der sogenannten Konfi-Wiese bei der Frauenkirche in Lienzingen ist nun alles abgeschlossen: Die Konfirmanden des Jahres 2026 haben den zwölften und letzten Baum für das bürgerschaftliche Projekt gepflanzt, das von Jutta Heugel-Appu entwickelt wurde. Die Wiese ist nun vollständig und darf genossen werden, bestätigt die Ideengeberin und waschechte Lienzingerin. Seit 2015 verfolgt die Fachwartin für Obst und Garten beharrlich das Ziel der Konfirmandenwiese.

Die Sortenpalette wurde nun durch eine Tafelbirne mit dem ungewöhnlichen Namen Köstliche von Charneux, in Nordeutschland auch Bürgermeisterbirne genannt, ergänzt. Köstliche aus Charneux auch Köstliche von Charneux sowie Köstliche von Charneau (Synonyme laut Wikipedia Legipont, Grashoffs Leckerbissen, Fondante de Charneu, dagegen in Norddeutschland auch Bürgermeisterbirne genannt. Diese sehr alte Sorte wurde um 1800 von Martin Ligipont in Charneux bei Lüttich in Belgien entdeckt. Der Deutsche Pomologen-Verein empfahl sie bereits 1857 zum Anbau, berichtet Jutta Heugel-Appu. Die Sorte zählt neben Bochs Flaschenbirne und Williams-Christ zu den drei Reisobstsorten, die 1922 von der Deutschen Obstbaumgesellschaft als wirtschaftlich wichtig eingestuft wurden.
Die aktuelle Pflanzaktion war ein Gemeinschaftswerk der Konfirmanden aus drei Stadtteilen, die eines eint: Jonathan Hengel führte sie als Pfarrer zur Konfirmation. Aus Lienzingen pflanzten Matthis Riexinger, Leni Aichele, Sarah Köck, Sina Kurz und Hannes Müller - aus Lomersheim beteiligten sich Laura Schäfer und Paulina Hudak sowie aus Dürrmenz Elisa Brüstle, Anne Haumacher, Sharon Ergen, Klara Wilhelm, Lena Jürs, Joel Richter, Matthias Fürbach, Leny Stelzner und Ronja Jourdan an der Aktion.
Mit der Initiative Konfi-Bäume verfolgt man die Idee einer neuen Art von Obstwiese: Den jungen Menschen soll der Bezug zu unserer Kulturlandschaft vermittelt und das Bewusstsein für den Erhalt der ökologisch wertvollen Streuobstwiese gestärkt werden. Die ersten Konfirmanden, die eine Obstsorte auf der Wiese gepflanzt haben, waren diejenigen des Jahrgangs 2015.
Als Jutta Heugel-Appu Unterstützung und vor allem ein geeignetes Grundstück suchte, wandte sie sich zunächst an mich als Lienzinger Stadtrat. Ich war von der Idee begeistert und setzte mich bei der Stadtverwaltung dafür ein, das von Heugel-Appu ausgewählte Grundstück zur Verfügung zu stellen: Ein 1100 Quadratmeter großes Eckgrundstück am Friedhofsgelände in der Nähe der Frauenkirche, das im Besitz der Stadt ist. Die Verwaltung stimmte zu. Damit entfielen Pläne, die Wiese in einen Parkplatz umzuwandeln. Unterlagen aus dem Stadtarchiv Mühlacker zeigen, dass es im Jahr 1987 einen Antrag im Gemeinderat gab, die Wiese in einen Parkplatz für maximal 34 Autos umzuwandeln. Der Antrag fand in der damaligen Haushaltsplanung keine Mehrheit. Stattdessen setzten sich Blumen, Gras und Bäume durch – eine Entscheidung, die Oberbürgermeister Frank Schneider bei der Einweihung der Sitzgruppe im Mai 2020 humorvoll kommentierte: Manchmal ist es gut, wenn ein Antrag abgelehnt wird. Die Stadt ließ am Rand des Wiesengrundstücks sechs Längsparkplätze mit Schotter anlegen und durch einen niedrigen Holzlattenzaun von der Blumenwiese abgrenzen.
Herzenssache Lienzingen, entstanden aus der Zukunftswerkstatt der Stadt Mühlacker im Jahr 2017, entwickelte die Idee weiter: Es sollte ein Treffpunkt der Lienzinger (und anderer) werden – eine artenreiche Blumenwiese, die nur zweimal im Jahr vom örtlichen Bäckermeister Ulrich Schmid gemäht wird. Dazu gehört auch die von Herzenssache Lienzingen ehrenamtlich gestaltete, ummauerte Sitzgruppe inmitten der Wiese. Die Stadt Mühlacker unterstützte das Projekt im Rahmen der Förderung bürgerschaftlicher Aktivitäten. Die Sitzanlage ist quadratisch, von vier Seiten von einer Trockenmauer aus Natursteinen umgeben, sodass Insekten und andere Lebewesen einen Lebensraum und Unterschlupf finden.

Die Konfi-Bäume wachsen und gedeihen: Sie ermöglichen einen Streifzug durch alte Sorten. Zu ihnen gehören unter anderem Rewena, eine robuste Apfelsorte - eine Kreuzung aus Cox Orange, Oldenburger und Zuchtklon. Auf der Lienzinger Blumenwiese reifen zudem irgendwann Danziger Kantäpfel – eine Sorte aus der Gruppe der Rosenäpfel, die früher in Frankreich, Holland und Deutschland weit verbreitet war. Die Apfelsorte Berlepsch ist eine 1880 entstandene Kreuzung aus Ananasrenette und Ribston Pepping. Der Schweizer Orangenapfel wurde 1935 an der Versuchsanstalt Wädenswil am Zürichsee aus Ontario und Cox Orange gezüchtet. Und zuletzt die Köstliche von Charneu – eine dicht verzweigte, mittelstark wachsende Sorte, die als Strauch eine Höhe von bis zu viereinhalb Metern erreichen kann.
Wer noch mehr wissen will - hier geht es zu einer Obstdatenbank.
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