Beim WE 11: Erst Fakten, dann Faktisches

Gebietskulisse von WE11 geringfügig verkleinert, sodass ein optischer Freihaltekorridor von 60 Grad zwischen den Teilflächen entsteht. Die orange Schraffur kennzeichnet das Vorranggebiet, wie es derzeit in der ersten Offenlage ist. Die grünen Flächen zeigen den aktuellen möglichen Stand der zweiten Offenlage.

Nochmals Windpark Großglattbach. Muss sein. Die Kommunalpartner müssten am besten wissen, wie und wann die Öffentlichkeit über solche Planungen zu informieren ist. Sie hätten schon Erfahrung. Hätten zwei Windkraftanlagen im Kreis Tuttlingen realisiert, eine im Ostalbkreis. Jetzt die vierte, und die wäre in Großglattbach. Also verlasse man sich auf die Tübinger Fachleute, hieß es ganz am Anfang, bei einer Klausurtagung des Aufsichtsrates der Stadtwerke Mühlacker. Inzwischen zweifle ich an der Richtigkeit dieser Annahme.

Entweder sind die Menschen in Großglattbach und Serres wissbegieriger als die anderen oder widerspenstiger als anderswo, jedenfalls werden Stadträte immer wieder angesprochen, beklagt wird die Funkstille. Selbst Befürworter sind irritiert, vermissen Informationen, eine Besichtigung des Geländes nd Gespräche. Zudem sei dies bei der Einwohnerversammlung im Mai 2023 zugesagt worden. Stimmt auch.

Unabhängig von diesem Projekt: Ganz grundsätzlich empfiehlt Frank Brettschneider, Professor für Kommunikationswissenschaften an der Universität Hohenheim, die Menschen bei so einem Vorhaben mitzunehmen und ihnen neben Information auch Dialog anzubieten. Zwar sei Information sehr wichtig, aber die meisten Menschen wünschten sich eine über die reine Information hinausgehende, dialog-orientierte Beteiligung, schreibt der allgemein anerkannte Kommunikationswissenschaftler. Zu den Dialog-Instrumenten zählten unter anderem Bürgerforen, Fokusgruppen, Runde Tische und Zukunftswerkstätten.

Doch die Kommunalpartner bleiben bei ihrer Position. Unnachgiebig sind sie. Ihr Sprecher lässt die Argumente des anerkannten Experten links liegen. Dr. Ulrich Schermaul, Teamleiter Kommunikation der Stadtwerke Tübingen, antwortet auf meine Mail mit dem Hinweis auf einen Artikel von Brettschneider.

Schermaul schreibt: Aktuell liege der Genehmigungsantrag nach seiner Einreichung bei der zuständigen Genehmigungsbehörde. Ergänzende Unterlagen würden von der Ecowerk beziehungsweise den Kommunalpartnern noch nachgeliefert. Die Antragsprüfung durch das Landratsamt dauere in der Regel einige Zeit.

Erst, wenn die Ergebnisse vorliegen und klar ist, ob der Genehmigungsantrag erfolgreich war und wie sich daraus abgeleitet die Rahmenbedingungen und Voraussetzungen für das Windparkprojekt darstellen, ergeben sich auch für uns die nächsten neuen Erkenntnisse und lassen sich die weiteren Planungen konkretisieren. Unser Anspruch ist es, der Öffentlichkeit gesicherte und verlässliche Informationen anzubieten.

Die aktuellste und schnellste Informationsstelle ist aus Sicht der Kommunalpartner die Projektseite mit den umfassenden FAQs, die Antworten auf die meisten der bislang geäußerten Fragen liefern. Diesen Service werden wir auch weiterhin aufrechterhalten. Und unsere Projektleitung beantwortet auch Einzelanfragen, die über das entsprechende Formular auf der Projektseite gestellt werden können.

Sobald der Antragsprozess abgeschlossen sei, der Projektfortschritt neue gesicherte Erkenntnisse hergebe und sich für die Bürgerschaft relevante Neuigkeiten ergäben, würden sie gemeinsam mit ihren Partnern und der Gemeinde über ein passendes Format für eine mögliche Infoveranstaltung vor Ort sowie begleitende Pressearbeit beraten.

Soweit die Reaktion aus Tübingen. Erst Fakten, dann Faktisches.

Hierzu wie Kommentare von Menschen, die die Antwort von mir zur Kenntnis erhielten:

Es scheint enorm schwierig zu sein, sich vorzustellen, dass es nicht nur um Fakten geht, sondern auch darum, sich mit seinen Ängsten und Nöten ernst genommen und angesprochen zu fühlen.

Und

Enttäuschend die Antwort aus Tübingen.  In der Sachlage wäre und ist eine dialog-orientierte Beteiligung der Bürgerschaft nicht nur angemessen oder wünschenswert, sondern nach dem demokratischen Prinzip selbstverständlich und erforderlich. Ich unterstütze auf alle Fälle die Nicht-Akzeptanz gegenüber dieser Ignoranz!!

Sollen wir dies den Tübingern belassen? Nein!

Apropos Genehmigung: WE 11 steht für den Standort Großglattbach.

Der Antrag beim Landratsamt kann erst genehmigt werden, wenn der Regionalverband in seinem Teilregionalplan Windenergie den Standort WE 11 als Vorranggebiet festgelegt und der Plan rechtskräftig ist. Ursprünglich sollte dies Ende September geschehen, jedoch hat sich der Satzungsbeschluss der Regionalverbandsversammlung nun auf Dezember 2025 verschoben. Vor Ort wurde kaum wahrgenommen, dass der Standort WE 11 nach der ersten öffentlichen Beteiligung im Mai vom Planungsausschuss des Verbandes bei seiner Sitzung in Loßburg leicht korrigiert wurde. Im Zuge der Überarbeitung des Teilregionalplans hat der Verband alle Gebietskulissen auf optische Überlastung oder Umzingelung von Ortslagen überprüft. Davon profitiert nun auch Großglattbach.

Dabei orientiert sich der Regionalverband Nordschwarzwald (wie die meisten Regionalverbände in Baden-Württemberg) an einem Gutachten aus Mecklenburg-Vorpommern. Aufgrund der aktuellen Kulisse von WE11 würde Großglattbach zu stark umzingelt. Daher wurde die Gebietskulisse von WE11 geringfügig verkleinert, sodass ein optischer Freihaltekorridor von 60 Grad zwischen den Teilflächen entsteht. Die orange Schraffur kennzeichnet das Vorranggebiet, wie es derzeit in der ersten Offenlage ist. Die grünen Flächen zeigen den aktuellen möglichen Stand der zweiten Offenlage.

PS: Damit keine Zweifel bestehen - ich bin für die Anlage, aber auch für den Dialog über das Projekt mit den Menschen vor Ort. Sie mitzunehmen, mit ihnen buchstäblich im Gespräch zu sein, ist dringend nötig.

 

 

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