Das Unterscheidungskennzeichen

Wär' doch was

Nach dieser Untersuchung steht fest:  Autokennzeichen schaffen, ja verstärken sogar noch die Identität der Menschen mit ihrem Stadt- und Landkreis.  Weshalb nutzt der Enzkreis diese Chance immer noch nicht und lässt sich ENZ genehmigen? Denn der Enzkreis ist nicht Pforzheim. Aber die Enzkreis-Menschen müssen sich das PF-Schild ans Heiligs Blechle schrauben. Es ist höchste Zeit, das zu ändern. Wissenschaftlich untermauerte Argumente liefert jetzt eine Forschungsgruppe des Ludwig-Uhland-Instituts für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen. Dazu erschien im EKW-Verlag ein gut 160 Seiten starkes Buch.

Vor 50 Jahren erhielten die 35 Landkreise Baden-Württembergs ihre heutigen Grenzen. Ein halbes Jahrhundert danach untersuchte die Tübinger Forschungsgruppe Aspekte zur Identität der damals neu gebildeten Landkreise. Studierende befragten dazu 56 Menschen im Wartebereich der Kfz-Zulassungsstelle des Landratsamts Tübingen. Professor Dr. Wolfgang Sannwald greift diese Ergebnisse in seinem Beitrag Autos, Nummernschilder und Beheimatung auf, beschäftigt sich grundlegend damit, wie sich Kfz-Halter die Buchstaben und Ziffern auf ihren Nummernschildern kulturell und affektiv aneignen und sie zu einer Art Beheimatungsschild formen. Hubert Klausmann demonstriert am Beispiel gleich mehrerer Landkreise, wie Dialektgrenzen für Menschen handlungsorientierend sind.

Wissenschaftlich untermauerte Argumente für einen Schild-Wechsel

Kfz-Kennzeichen sind mehr als Verwaltungsinstrumente. Sie gibt es, um Halter des Fahrzeugs identifizieren zu können. Auf den Nummernschildern finden bis zu acht Zeichen Platz. Zu Beginn der 1950-er Jahre wurde festgelegt, die Erkennungsnummer nicht mehr nur aus Ziffern bestehen zu lassen, sondern wie heute einen Buchstaben- und einen Ziffernblock zu verwenden. Praktische Erprobungen hatten erwiesen, dass Menschen sich ein derart kombiniertes Kfz-Kennzeichen besser merken können. Damit begann die Zeit der Kürzel. Sie standen - oft lautmalerisch - für Stadt oder Landkreisnamen.

In der Zeit der Kreisgebietsreform in Baden-Württemberg zu Beginn der 1970er Jahre gewannen die Kürzel an Bedeutung, legt Sannwald dar.  25 Kreise verschwanden von der Landkarte und damit auch ihre Kennzeichen. Das Unterscheidungskennzeichen Nummernschild erscheint als umkämpftes Symbol mit teilweise hoher emotionalisierter Zuschreibung. Ein besonders eindrückliches und gut dokumentiertes Beispiel ist das Kfz-Kennzeichen LEO. Zitiert wird ein Gedicht in der Leonberger Kreiszeitung: Sannwald nennt dies Fokussierung auf das Altkennzeichen:

Doch führ ich LEO in dem Schild / dann ist die ganze Welt im Bild / und diese schöne Löwen-Zeichen / das soll nun einer BB weichen.

Viele Aussagen derzeit belegen also, dass Menschen mit dem Kfz-Kennzeichen einen bestimmten Raum und Emotionen zu ihrem Kreis verbanden, die zum Zeitpunkt ihrer Bedrohung sichtbar wurden, schlussfolgert Sannwald. Auch nach Auflösung der Landkreise blieben die Kürzel in den Köpfen der Menschen.  Eine Umfrage des Tourismusforschers Ralf Bochert mit Studierenden von 2010 bis 2012 auf 211 Marktplätzen in ganz Deutschland ergab, dass 72,2 Prozent der Stadtbewohner der einstmals kennzeichenbestimmenden Städte wünschen, die alten Kürzel als Unterscheidungszeichen wieder nutzen zu können. Selbst die überwiegende Mehrheit der 16- bis 30-Jährigen lehnten das Unterscheidungszeichen der neuen Kreisstadt ab. Weil mit dem Verlust des Kreisstadt-Status auch der Verlust von Ämtern und Behörden verbunden war, schafft mancherorts das Verlustgefühl eine zusätzliche Qualität und steigert das zu einem regelrechten Verlierergefühl.

Autor und Professor: Wolfgang Sanwald.

Mit ihrer Gmünder Erklärung zur Neuzulassung auslaufender Kfz-Kennzeichen im Jahr 2010 stützten sich die (Ober-)Bürgermeister der ehemaligen baden-württembergischen früheren Kreisstädte Crailsheim, Nürtingen, Donaueschingen, Leonberg, Hechingen und Schwäbisch Gmünd auf das Ergebnis dieser Untersuchung der Hochschule Heilbronn – mit Erfolg. 2012 stimmte der Bundesrat einer Änderung der Fahrzeug-Zulassungsverordnung zu, die es ermöglichte, mehrere Kürzel pro Zulassungsbezirk auszugeben, so im Kreis Ludwigsburg nicht nur das angestammte LB, sondern auch VAI. Sozusagen ausgabeberechtigt für VAI ist als Rechtsnachfolger des Kreises Vaihingen an der Enz der Kreis Ludwigsburg, nicht der Enzkreis. Allerdings hätte der Enzkreis die Möglichkeit, ein eigenes, landschaftsbezogenes Kennzeichen zu beantragen.

Für den Enzkreis: ENZ statt PF. Zeit wär’s.

Jedenfalls stehen die alten Kennzeichen hoch im Kurs, wie eine Statistik Stand Anfang 2024 beweist. Das zeigt eine starke emotionale Verbindung und das bedeutet eigentlich eine doppelte Identifikation: Wer den Grundsatz Ein Landkreis, ein Kennzeichen vertritt, sorgt sich um die Einheit des neuen Landkreises, identifiziert sich mit diesem, rational und emotional. Genauso wie die Fans der eigentlich ausrangierten Kürzel für die früheren Kreisstädte. Beispiele: Im Hohelohekreis mit KÜN für Künzelsau als neuer Kreisstadt wollten 35.400 und somit 26,1 Prozent das alte Kürzel:  ÖHR für Öhringen, der einstigen Kreisstadt – jedoch umgekehrt rund 100.000 die bisherige Monopol-Kombination KÜN. Im Tauberkreis (TBB) entschieden sich bis dahin 22,3 Prozent nicht fürs Neue, sondern fürs Alte:  Nicht für TBB, sondern für MBH (Bad Mergentheim).

Den Spitzenplatz im Land, aber wohl auch im Bund bei den Umkennzeichnern nimmt der heutige Landkreis Schwäbisch Hall (SHA) ein mit 30,1 Prozent für die alten Kreis-Kennzeichen CR (Crailsheim) und BK (Backnang). Mittlerweile sind bundesweit mehr als 300 Altkennzeichen wieder zugelassen. Bis Anfang 2024 wurden in Baden-Württemberg 24 Unterscheidungszeichen alter Landkreise wieder eingeführt.  Bei Wiedereinführung des Autokennzeichens für den Altkreis Vaihingen gab es einen Ansturm auf die Wunsch-Nummernschilder. Seitdem nimmt die Zahl nur noch allmählich zu. VAI-Kennzeichen – bis jetzt insgesamt 10.000 - sind in allen Kommunen des Landkreises Ludwigsburg vertreten. Durch die wiederzugelassene Kennung GD für Schwäbisch Gmünd nahm der Ostalbkreis zusätzlich 88.000 Euro im ersten Jahr ein.

Obwohl TÜ für Tübingen als Unterscheidungszeichen während der Kreisreform nicht gefährdet war, förderte die Feldforschung im Jahr 2023 zu Tage, dass auch die Zuschreibungen und Bedeutungen für TÜ deutlich über die hoheitliche Funktion hinausgehen. In der Untersuchung zeigte sich, dass die Verbindung zum Landkreis oder zur Stadt auch stark über das Kfz-Kennzeichen wahrnehmbar ist. Dies drückten Befragte häufig mit gefühlsbetonten Bewertungen aus und äußerten zumeist positive Emotionen zum Namen Tübingen. Es fielen, so Sannwald, Sätze wie Ich finde das schon schön - Ich mag Tübingen und kann mich da auch identifizierenWenn ich außerhalb des Kreisgebiets oder im Ausland TÜ entdecke, freue ich mich. In der Ferne erscheine die eigene Region als exklusiv Gemeinsames und Nahes. Zunächst verbinde das Unterscheidungszeichen TÜ das Kollektiv die Autofahrer aus Tübingen und Umgebung miteinander und grenze sie – identitätsstiftend - von Inhabern anderer Kennzeichen ab. Aussage: Das Tübinger Kennzeichen ist schon ein Qualitätsmerkmal.  

Mühlacker-Kennzeichen: Vorschlag des Professors Ralf Bochert aus Heilbronn

Initialen haben eine lange Tradition in europäischen Schriftstücken, Büchern und auf Grabsteinen, aber auch auf Alltagsgegenständen und inzwischen auch bei den Fahrzeugen. Im Internet kursieren regelrechte Bauanleitungen zur Gestaltung von Wunschkennzeichen, um seinem Nummernschild eine persönliche Note zu verleihen – Kombinationen aus Anfangsbuchstaben von Namen, des Geburtsages oder -jahres. Wer sein Nummernschild aktiv mitgestaltet, tritt damit gleichzeitig an die Öffentlichkeit, das Nummernschild wird am Auto veröffentlicht, schlussfolgert Sannwald.  Im Kreis Tübingen lag 2023 monatlich der Anteil der Wunschkennzeichen zwischen 33,5 und 74,9 Prozent.

Autobesitzer verbinden oft viel mehr damit. Sie drücken damit persönliche und kollektive Zugehörigkeit aus, manchmal sogar auch emotionale Bindung.  Bei den Interviews der sechs Studierenden der Empirischen Kulturwissenschaft im Tübinger Landratsamt war von Heimat viel, von Identität dagegen nur selten die Rede. Der Begriff scheint trotz seiner Popularität doch nur begrenzt in die Alltagssprache der vielen aufgenommen worden zu sein. Heimat ist ein alter, ins 18. Jahrhundert zurückreichender Begriff, Identität der neue Begriff in Heimat und Identität (Hermann Bausinger, Neumünster. 1960, S. 4 bis 24). Beide Wörter seien inhaltlich offen, meinten aber recht Unterschiedliches. Dass die beiden Begriffe zusammengerückt sind, so Hermann Bausinger (1926-2021) seien das Ergebnis einer noch jungen Entwicklung.  Heimat in der Gegenwart, das war für Bausinger - 1960 bis 1992 ordentlicher Professor an der Universität Tübingen und bis zur Emeritierung 1992 Leiter des Ludwig-Uhland-Instituts für Empirische Kulturwissenschaft - Sicherheit und Verlässlichkeit des Daseins. Unabhängig davon, ob diese Erwartung mit Landschaft, Dialekt, Tracht oder Liedern ausgedrückt werde, ginge es doch im sozialen Nahraum immer um die Beziehung von Menschen und Dingen. Damit aber war für ihn Heimat nicht nur Kulisse, sondern aktiv gestalteter und identitätssichernder Lebenszusammenhang.

Inzwischen wollen auch Städte auf die Identitätsschiene. 17 baden-württembergische Oberbürgermeister haben beim Verkehrsministerium um Unterstützung für eigene Autokennzeichen geworben. Solche Schreiben an ihre jeweils zuständigen Ministerien verfassten auch Stadtoberhäupter in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Hessen. Das Landesverkehrsministerium in Stuttgart verwies auf den Bund.

Wir sehen in der Idee eine wertvolle Möglichkeit, die regionale Identität unserer Kommunen zu stärken und das Stadtmarketing zu fördern, ohne dass Kosten entstehen, hieß es im Schreiben. Kommunale Kennzeichen könnten ein wirkungsvolles Mittel sein, um die Orte sichtbar zu machen und das Zugehörigkeitsgefühl der Bürgerinnen und Bürger zu fördern.

Im Südwesten wollen neben Weingarten auch Albstadt, Bad Krozingen, Ellwangen (Jagst), Ettlingen, Fellbach, Geislingen an der Steige, Giengen an der Brenz, Herrenberg, Kirchheim unter Teck, Leutkirch, Nagold, Rheinstetten, Schorndorf, Schramberg, Waldkirch und Winnenden ein eigenes Autokennzeichen. 

Erinnerung an 1971/72: Als die Vaihinger sich gegen einen Anschluss an den Kreis Pforzheim wehrten. Landkreis-Kürzel als Kampfistrumente (Foto: Kreisarchiv Enzkreis)

Die Briefe gehen auf einen Vorschlag aus dem Jahr 2023 von selbigem Ralf Bochert, Professor für VWL und Destinationsmanagement an der Hochschule Heilbronn, zurück. Er hatte die Idee, dass 320 Städte in Deutschland eigene Kfz-Ortskennungen bekommen könnten. Der Vorschlag bezog sich auf sogenannte Mittelstädte mit mehr als 20.000 Einwohnerinnen und Einwohnern, die bislang keine eigenen Ortskennungen haben. Laut Bochert würden aktuell über 100 Städte bundesweit eigene Kennzeichen anstreben.

Im Landkreis Ludwigsburg hat der Heilbronner Professor fünf Kommunen ausgeguckt und ihnen auch gleich mögliche Buchstabenkürzel präsentiert: REM für Remseck, BIB für Bietigheim-Bissingen, KWH für Kornwestheim, DIT für Ditzingen und KMÜ für Korntal-Münchingen. Es blieb - zumindest bisher - beim Versuch.

 

Borcherts Vorschlag: Kfz-Kennzeichen für Große Kreisstädte im Kreis Ludwigsburg (Grafik: LKZ)

Und Mühlacker. Im vergangenen November schlug die Stadtverwaltung dem Gemeinderat vor, die Einführung eines eigenen Autokennzeichens MÜA anzustreben. Das neue Kürzel solle künftig als Option für die Bürgerinnen und Bürger, die sich mit dem großstädtischen PF noch nie richtig anfreunden konnten, die enge Verbundenheit mit der Heimatstadt demonstrieren. Ziel sei es, so OB Frank Schneider, in enger Zusammenarbeit mit weiteren betroffenen Städten auf Landes- und Bundesebene eine entsprechende Änderung der Fahrzeugzulassungsverordnung herbeizuführen, die dies erlaubt. Der Vorstoß im Gemeinderat scheiterte deutlich. Wobei nicht wenige der Meinung waren, das Kennzeichen ENZ hätte, um an der eigenen Identität zu feilen, durchaus Charme.

Haben wir nichts Wichtigeres zu tun? Das taucht bei solchen Debatten immer wieder als Totschlagsargument auf. Und jene, die mit dem eigenen Kennzeichen für den Enzkreis liebäugeln, ließen sich jeweils dadurch ins Boxhorn jagen. Aber jetzt liegt quasi der wissenschaftliche Nachweis für diesen Schritt zu ENZ für Enzkreis vor. Tun wird ihn!

Wolfgang Sannwald/Reinhard Johler (Hg.): Landkreise, Nummernschilder, Identitäten, Vertiefungen zur baden-württembergischen Kreisreform 1973. 2025. 164 S., Illustrationen, EKW-Verlag. ISBN: 978-3-947227-22-8. Preis: 20,00 Euro

 

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