Sebastian Haffners und Die Angst vor dem Blick auf die Uhr - Mein Lese-Tipp
Abschied ist ein bemerkenswertes Werk der deutschen Literatur, das 1932 entstand und erst im Juni 2025 beim Hanser Verlag veröffentlicht wurde. Auf 192 Seiten schildert der junge Autor, damals noch als Raimund Pretzel bekannt und Jurist in Ausbildung, eine intensive Liebesgeschichte. Später emigrierte er nach London, wo er als politischer Journalist und Schriftsteller unter dem Namen Sebastian Haffner bekannt wurde. Sein Stil zeichnete sich durch präzise Formulierungen und Unabhängigkeit vom Zeitgeist aus, besonders in Werken wie Anmerkungen zu Hitler. Haffner, der 1999 verstarb, bleibt als eigenständiger und kritischer Denker in Erinnerung.
Das Buch stammt aus dem Nachlass Haffners und ist weniger ein politisches Statement als vielmehr die Erzählung einer Liebesbeziehung zwischen dem jungen Raimund und Teddy. Ihre Geschichte beginnt in Berlin und findet ihren Höhepunkt in Paris, wo sie nach zwei gemeinsamen Wochen getrennte Wege gehen.
Für Raimund bleibt Teddy dennoch eine prägende Gestalt seines Lebens. Laut dem Nachwort von Volker Weidermann verließ Teddy Berlin aus Angst und studierte an der Sorbonne, während sie in Paris von vielen Verehrern umgeben war. Raimund versucht in diesen Tagen, das Glück festzuhalten und wünscht sich, die Zeit anhalten zu können.
Bemerkenswert am Text sind nicht nur die Ereignisse, sondern auch die originellen Formulierungen und Bilder. Haffner verzichtet auf Detailverliebtheit und beschreibt etwa den Louvre mit den Worten: Die Venus von Milo blickte weiter über ihr totes Volk. Auch die Charakterisierung von Personen gelingt ihm durch überraschende Vergleiche und prägnante Beobachtungen. Er schreibt von den Meeresspiegeln von Autodächern. Oder: Der Boulevard strömte und wimmelte, Die Schilderung des Abschieds von Teddy am Bahnhof Gare du Nord bleibt eindrücklich: Die Angst vor dem Blick auf die Uhr wird zur beklemmenden Metapher für Vergänglichkeit und Verlust. Haffner gelingt es, das Augenblicksglück so eindrucksvoll festzuhalten, dass Leser heute noch das Gefühl haben, Teil dieser Pariser Runde zu sein. Die Leichtigkeit und gleichzeitige Tiefe des Werks machen es zu einem bedeutenden Zeitdokument und zeigen Haffner am Beginn seiner schriftstellerischen Entwicklung – unabhängig, streitbar und voller Zärtlichkeit.
Leseprobe
Als ich wieder in meinem Zimmer war, rauchte ich erst eine Gitane. Dann besorgte ich Obst und Gebäck, da ich Franz Frischauer erwartete und Teddy noch vorbeikommen wollte, um sich zu verabschieden. Obwohl wir manchmal böse aufeinander waren, hielten unsere Verabredungen. Teddy brachte Fräulein Gault mit, nach und nach kamen auch Franz und Horrwitz dazu, und bald war mein Zimmer voller Leben. Fräulein Gault, eine ernste junge Frau aus Nordfrankreich, trug einen Schleier und gab Sprachstunden, spielte Cello und zeigte sich stets freundlich und zurückhaltend. Unsere Bekanntschaft begann damit, dass sie mir eine Uhr lieh, da ich meine in Berlin vergessen hatte. Diese Uhr war schlicht und manchmal blieb sie stehen – "il faut la secouer parfois," meinte sie, "elle est capricieuse – comme sa maîtresse." In Wahrheit war Fräulein Gault alles andere als launisch. Zwischen ihr und Teddy bestand eine sanfte Freundschaft voller kleiner Gesten. Ihre Gastfreundschaft zeigte sich in improvisierten Teerunden, zu denen sich oft Freunde einfanden und in verschiedenen Sprachen geredet, geraucht und gelacht wurde.
Sebastian Haffner: Abschied. 192 Seiten, Hanser Verlag, Hardcover, ISBN 978-3-446-28482-1. 24,00 €
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