Unerhört macht neugierig - mein Buchtipp

Zugegeben: Ein Buch über die ersten Frauen im Schweizer Parlament gilt nicht unbedingt als Anwärter auf einen Bestseller-Platz in Deutschlands Hitlisten, dürfte auch nicht zum Verkaufsschlager werden, drängt sich als Lesestoff hierzulande kaum auf. Zumal die Autorin nicht zu den bekannten Büchermachern zählt. Trotzdem: Die gut 200 Seiten lohnen sich, gelesen zu werden. Unerhört macht neugierig, schon gar bei einer Schweiz-Affinität. Die ganzseitige Rezension in der Neuen Zürcher Zeitung gibt den Ausschlag. Der Kaufwillige in mir obsiegt. Zurecht, wie sich beim Lesen zeigt. Denn irgendwo spiegelt es auch unsere Geschichte wider.

Eine spannende Lektüre selbst für jemand aus einem Land, in dem bereits 1918 politische Gleichberechtigung durchsetzt. Doch auch wir sind (noch) nicht perfekt. Frauen - in den deutschen Parlamenten ganz überwiegend in der Minderheit, ebenfalls in den meisten Regierungen, selbst in lokalen Parlamenten frauenlose Fraktionen. Das Frauen-Quorum bleibt ein Dauerbrenner. Obwohl wir eine Frau als Kanzlerin hatten.

Parallelen zwischen Bern und Berlin? Was ist Politik?

Der Schulweg eurer Kinder, die Butter auf eurem Frühstücksbrot und der Rock und der Mantel. Alles ist Politik! Das schreibt in einem der Beiträge Rosmarie Zapfl, 1995 bis 2006 Nationalrätin der Christlich-sozialen Volkspartei (CVP) und macht deutlich,  wie wichtig das Politisieren für Frauen ist.  Die Historikerin Fabienne Amlinger von der Universität Bern formt aus den Ergebnissen ihres Forschungsprojekts Ein gemeinsamer Raum. Unerzählte Schweizer Frauengeschichte ein interessantes Buch. Fünf Essays, beginnend mit dem Jahr 1971, als die ersten Politikerinnen ins Bundeshaus einziehen und die Schweizer Männerdemokratie aufmischen. Das ist nicht immer einfach; mal gelten die Anliegen der Frauen als unerhört, mal bleiben sie ungehört. Zwei Jahre zuvor hatte die Volksabstimmung – nach mehreren vergeblichen Anläufen – eine Mehrheit für das nationale Frauenstimmrecht gebracht.

Ein historischer Moment also, an jenem 29. November 1971, zehn Nationalrätinnen (die Elfte rückte kurz Zeit später nach) und eine Ständerätin nahmen Platz in den Ratssälen des Bundeshauses in Bern. Viel war nötig, bis man Schweizer Frauen endlich politische Rechte und damit zum politischen Wahrzeichen der Nation gewährte. Davor: Zwei Frauenbewegungen, zwei eidgenössische sowie mehr als neunzig kantonale und lokale Abstimmungen zum Frauenstimmrecht, immer wiederkehrende Enttäuschungen der Stimmrechtsaktivistinnen, die Spott und Demütigungen ertragen mussten, schreibt Amlinger.

Ganze 80 Sekunden lange dauert der Bericht in der Filmwochenschau des Schweizer Fernsehens über den historischen Moment. Mehr war ihm der nicht wert. Statt politischer Inhalte dominieren Äußerlichkeiten wie jene drei Nelken und der einen Rose, die jede der ersten Parlamentarierinnen auf ihren Tischen vorfinden. Bunte Tupfer zwar, aber die zehn Nationalrätinnen und schon gar die eine Ständerätin – ist die zweite Kammer - versinken in einem Meer von dunklen, ernst und streng wirkenden Herrenanzügen. Sichtbare Männerdominanz.

Doch nach dem Einzug ins Parlament bleibt der Weg steinig. So einfach wollen die Männer sich das Heft nicht aus der Hand nehmen lassen. Das gilt nicht nur für die Schweiz. In den fünf Essays eröffnet die Historikerin neue Perspektiven auf das politische Treiben hinter den altehrwürdigen Sandsteinmauern im Zentrum von Bern: vom Gelächter, das die Politikerinnen ernten, wenn sie im Ratssaal ans Redepult treten, über die von Männern geprägten Konventionen des Politisierens, bis zur medialen Berichterstattung und den zahlreichen Dramen rund um die Wahlen von Bundesrätinnen. Persönliche Sichtweisen vermitteln verschriftlichte Gespräche mit den Polit-Pionierinnen Lili Nabholz, Gabrielle Nanchen, Monika Stocker, Rosmarie Zapfl und Elisabeth Zölch.

Trotz der fundamentalen gesellschaftlichen Bedeutung, die der Einschluss von Frauen in die eidgenössische Politik darstellt, sind die politische und die historische Relevanz der frühen Bundespolitikerinnen sowie ihre Erfahrungen und Lebensgeschichten weitgehend unbekannt, stellt Amlinger fest.

Die Partei habe sich mit ihr als Frau auch profiliert und sie als weibliches Aushängeschild gerne an Anlässe und Vorträge geschickt, erinnert sich eine der Pionierinnen. Natürlich hätten es damals einige am liebsten gehabt, wenn ich jeweils in einer Tracht aufgetreten wäre. Die bürgerlichen Parlamentarierinnen hätten eigene Formen des Protests angewandt gegen jene Männer, die sie nicht ernst nahmen: Wir machten uns lustig über sie, sagt die Züricherin Eliabeth Zölch im Buch. Es war ein Protest aus Selbstsicherheit heraus.

Amlinger hat die Ratsprotokolle für die erste Legislaturperiode mit Frauen im Parlament ausgewertet und ist auf auffallend viele Vermerke von Heiterkeit gestoßen. Die Späßchen, mit denen Parlamentarier auf Wortmeldungen ihrer Kolleginnen reagierten, hätten entweder eine sexualisierte Note enthalten oder sich stereotyper geschlechtlicher Zuschreibungen bedient.

So verlangte etwa Hanna Sahlfeld-Singer, Sozialdemokratin aus St. Gallen, 1974 vom Bundesrat Auskunft zur Flüchtlingspolitik. Dessen Antwort überzeugte sie nur bedingt. Entsprechend drückte sie ihre Unzufriedenheit mit den durchaus üblichen Worten Ich bin teilweise befriedigt aus. Das Protokoll vermerkt zwar keine Heiterkeit, doch Sahlfeld hat den Zwischenfall nicht vergessen: Ich höre noch, wie von verschiedensten Ecken am liebsten ein lautes Lachen ausgebrochen wäre, weil die Fantasie in den Männerköpfen offenbar etwas ausgelöst hat. Die 28-jährige Theologin wagte, ohne wirtschaftliche Absicherung, die Politik zum Hauptberuf zu machen. Denn sie musste zuerst ihre Tätigkeit als evangelisch-reformierte Pfarrerin aufgeben oder aufs Mandat verzichten. Beides vertrug sich laut Bundesverfassung nicht.

Es gab sie, die rebellischen und zuweilen spöttisch-amüsanter Aktionen von Frauen unter der Bundeshauskuppel. Da sind etwa Nationalrätinnen, die gegen den Gedenkanlass zur Kriegsmobilmachung strickten oder im Bundeshaus einen Sack voller Schnecken verteilt und so auf das Tempo in Sachen Geschlechtergleichstellung hinwiesen. Die linke Berner Nationalrätin Barbara Gurtner leistet 1984 einen textilen Protest, indem sie in einem Leopardenkleid gegen den geplanten Kauf von Leopard-Armeepanzern Stellung bezieht. Als sie nach vorne zum Rednerpult geht, klopfen die Politiker der rechtsstehenden Schweizer Volkspartei (SVP) aus Protest mit ihren Pultdeckeln. Die Aktion bringt ihr eine Rüge durch das Ratsbüro wegen unschicklichen Benehmens ein.

Und die Landesregierung?  Amlinger lässt auch bewegte Episoden im Zusammenhang mit Bundesratswahlen Revue passieren – insbesondere die von Intrigen und Skandalen geprägten Bundesrätinnenwahlen, von der Nichtwahl Lilian Uchtenhagens 1983, über den Rücktritt von Elisabeth Kopp 1989 bis zur Schlammschlacht um Christiane Brunner 1993.

Seit den turbulenten Tagen im März 1993 hat es keine frauenlose Landesregierung mehr gegeben. Wer glaube, dass sich die Geschlechterfrage im Bundesrat inzwischen erübrigt habe, tappe in die Falle der Selbstverständlichkeit, merkt Amlinger an. Das zeige gerade die Geschichte der Bundesrätinnen, die nicht entlang einer gleichmäßigen Fortschrittslinie Richtung Gleichheit verlaufen sei: Politikerinnen hatten sich den Zutritt ins oberste Regierungsorgan selbst zu erkämpfen. Just dies hat auch Gültigkeit mit der bundesdeutschen Wirklichkeit.  Das macht das Buch auch hierzulande höchst lesenswert und aktuell. (bä)

Fabienne Amlinger , Unerhört, 2025. 240 Seiten, ca. 10 sw Abbildungen, gebunden, 15 × 23 cm, 978-3-03919-605. Verlag Hier und Jetzt!, CHF/Euro 36.00

 

 

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