Einen Einundzwanziger beim Onkel Gustav

Einer seiner vielen Stationen in Maulbronn. Im Jahr 1923, in sonnigen Herbsttagen, hielt sich ein 39-jähriger Redakteur und Dozent an der Hochschule für Politik in Berlin wieder einmal in dem Oberamtsstädtchen auf. Maulbronn war ihm ans Herz gewachsen, dem liberalen Politiker Theodor Heuss. Ein Jahr später rückte der Politiker in den Deutschen Reichstag ein.

Der Mann aus dem Zabergäu, in Brackenheim groß geworden, verband die Lust an der Politik mit der Lust an der Poesie. Er schaffte ein enormes Redner-Pensum pro Tag, hielt seine Eindrücke auf dem Papier fest, schuf so literarische Genussstücke. Eines davon fiel mir vor mehr als einem halben Jahrhundert in die Hände. Seinerzeit entstand daraus ein Beitrag für das Württembergische Abendblatt, erschienen in der Ausgabe vom 27. August 1970. Er ist das Kernstück der heutigen Geschichte.

Für Maulbronn hatte er viel übrig. Das zeigen seine Aufzeichnungen über die Spaziergänge im Städtle, am Elfingerberg, auf der Reichshalde. Beides auch Lagen, auf denen – welch Glück nicht nur für ihn! - Reben wachsen, Trauben gedeihen. Der Politiker und Poet rühmte diese Produkte aus den Weinbergen. Er wusste um die guten Tropfen. Der spätere Bundespräsident widmete sich bei seinem Besuch in den Herbsttagen 1923 dem Kloster, im zwölften Jahrhundert von Zisterzienser-Mönchen gegründet.  In seinen Erinnerungen, mit Herbsttagen in Maulbronn betitelt, führte er über den Wein in die Landschaft ein.

In einer milden Sonne zum See hinab

Theodor Heuss’ Herbsttage erschienen im Jahr 1959 im Tübinger Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins im Rahmen des 309-seitigen Bandes Von Ort zu Ort, Wanderungen mit Stift und Feder.  Einfühlsam sein Stil, keiner der versucht, auf der Glatze noch Locken zu drehen. So schildert Theodor Heuss zuerst die wein- und wasserspendende Umgebung von Maulbronn.

Aber den Eilfinger Berg stiegen wir in einer milden Sonne zum See hinab, zwischen den Rebstöcken, in einiger Sorge, dass Regen und Sonne an den Trauben noch ihr gutes Werk tun.

Theodor Heuss 1924 - Foto aus dem Abgeordnetenausweises des Reichstags

Ein paar Hundert Meter weiter liegt die Reichshälde. Und wir grüßten sie dankbar; sie ist nicht ganz so berühmt, und von ihrem Gewächs gab’s in der behaglichen Wirtsstube beim Onkel Gustav einen Einundzwanziger. Der Eilfinger aus diesem gesegneten Jahr ist weggetrunken. oder, schnöde genug, da einer göttlichen Gabe dies geschehen darf, zur Kapitalanlage verwandelt: in ein paar Häusern und Kellern bewahrt man ihn noch als feierliche Familienlegende. Über den Reichshäldener haben sie keine Gedichte gemacht, er wird auch nicht etikettiert; deshalb blieb einiges für uns davon übrig.

Seltsame Geister

Der Redakteur schreibt von seltsamen Geistern, die sich in dieser Ecke Württembergs, die zum nördlichen Schwarzwald guckt und in den badischen Kraichgau ihre Hügel laufen lässt, nach Bretten und Bruchsal begegnen. Theodor Heuss zeigt sich als ein profunder Weinkenner, der die Maulbronner Gegend richtig einstuft: Sie ist dem eigentlichen Weinland schon etwas entrückt; aber mit einer letzten Anstrengung haben es die schwäbischen Weine hier erreicht, flaschenreif zu werden und ihre Spitze zu finden. Die wichtigste Weinlage sei Krongut mit pfleglichster Behandlung gewesen: In einer liebenswürdigen Bewegung habe die junge Republik sie dem letzten König bei der Finanzauseinandersetzung zum Familiengut geschlagen. Also der heutigen Hofkammer.

Das beliebteste Kloster-Maulbronn-Motiv (Fotos: Günter Bächle)

Weiter, mit einem Anflug von Ironie: Der gediegene Alkoholiker weiß Ruhm und Wert der Marken wohl zu schätzen; aber dieser Wein hat nun nicht bloß eine Schwere und Herbe, sein Zuckergewicht und seine Gerbstoffe, sondern sozusagen eine historisch romantische Blume. Und um diese ganz zu würdigen, muss man vielleicht doch etwas mehr als nur Alkoholiker sein.

Keine schönere Klosteranlage

Eingehend widmet sich in seinen Herbsttagen in Maulbronn der spätere Bundespräsident (Jahrgang 1884) mit viel Liebe der Geschichte und dem Zustand des Klosters, das, wie er es formulierte, immer im Fluss der Geschichte blieb. Er stellt das Besondere heraus: Nicht nur haben die Jahrhunderte an ihm und dem weiten Wirtschaftshof gebaut und geschmückt, dass der Kunsthistoriker an sehr individuellen Zeichen Sprachwandels buchstabieren kann (wenn er mag), Maulbronn vermerkt dies: Hier war der Nekromant und Zauberer Johannes Faust, ein Sohn des benachbarten Ackerstädtchens Knittlingen, der Gast der Mönche, hier, in diesen Stuben, saß der junge Kepler über den Schulbüchern, hier, unter diesen Linden, die uralt und mächtig ihre Kronen in die Höhe und Weite dehnen, träumte wohl Hölderlin zu der Musik des nie ermüdenden Brunnens – die erste Liebe band damals das Herz des Knaben.

An einer anderen Stelle seiner Erinnerungen verweist Politik-Dozent Heuss auf weitere Schüler des evangelischen Seminars, sich später einen Namen machten. Das Seminar ist noch heute in dem ehrwürdigen Klostergemäuer untergebracht. Da sind nicht nur Kepler und Hölderlin, da ist Schelling, da der in Württemberg fast etwas fremdartige Herwegh (man kann ihn nicht gut ins Maulbronnische übersetzen), da ist Friedrich Reinhard, von dem der Ephorus launig meinte, dass er es von allen Zöglingen am weitesten gebracht habe: zeitweiliger Außenminister der Französischen Republik, napoleonischer Diplomat, der Gesandte der restaurierten Bourbonen am Frankfurter Bundestag, Pair von Frankreich und ehemaliger Vikar von Balingen!

Über Schicksale träumen

Das Kloster und seine Facetten

Über solche Schicksale mag man träumen, im Hofe schlendernd oder hinterm Weinglas in einer der sauberen Wirtsstuben sitzen, konstatierte Heuss. Aber es gebe in Maulbronn nicht nur Eilfinger oder Mönchslegenden, Ordensregeln und Faust-Theologenwege, es gäbe Steine, Sandsteinbrüche. Jahrhunderte alt, tiefe Risse in den Leib der Erde gleich hinter dem Kloster beginnend, gelber und roter Stein – in der romanischen Zeit habe man ein gelbes Lager angebrochen, unbekümmert habe die Gotik rote Streben auf das Bauwerk gesetzt.

Gestühl, dessen Wangen mit köstlich unbefangenen Novellen der Bibel und des Weinbaues geschnitzt sind (Heuss)

Voller Bewunderung äußerte sich Theodor Heuss über die mönchischen Architekturkünste. Er warf einen Blick zurück in die Zeit, als Mönche, unter Speyers Schirm, ihr Werk begannen, den Wald rodeten, die Seen stauten und eine große, in hellem Sandstein gehaltene Basilika erstellten. Er beschrieb die Regel der Mönchszeit. die dem Bauwerk seine Räume und seine Gliederung gab. Refektorien, Kapitelsaal, Wandelhalle die Kirche bewahrt die Erinnerungen blühenden handwerklichen Könnens: Gestühl, dessen Wangen mit köstlich unbefangenen Novellen der Bibel und des Weinbaues geschnitzt sind, einen gewaltigen gotischen Kruzifixus aus Stein, Ende des 15. Jahrhunderts.

Meisterliches Bauwerk

Maulbronn als eine der Stationen der Reise zu den schönsten Punkten des Schwabenlandes und darüber hinaus. 44 Beiträge entstanden daraus, geschrieben zwischen 1920 und 1957. Irgendwann beschränkte sich Heuss nicht mehr aufs Ländle, Stationen unter anderem Wisby, Chartres, Gotik in Paris, Italien, Mecklenburg, Sachsen. Alles zusammengefasst in dem von Friedrich Kaufmann und Hermann Leins 1959 herausgegebenen Sammlung.

Kloster Maulbronn ist immer wieder ein Ort, der die Dichter inspiriert, so eben auch Heuss, das erste Staatsoberhaupt der Bundesrepublik (1949-1959).  Seine Erinnerungen an die Herbsttage in Maulbronn, im Beipack seine Notizen unter anderem über den Kiliansturm in Heilbronn, über Freudenstadt und Schwäbisch Hall, über das Oberschwäbisches Barock, lassen einen nicht los.

Der Text fasziniert mich immer wieder aufs Neue. Herrliche Poesie,  Geschliffenes aus der Feder, begeisternd, die Konzentration auf das Wesentliche. Der Autor Heuss verlor sich nicht im Detail, sparte trotzdem nicht an Einzelheiten, flocht sie ehr beiläufig ein. Leichtigkeit im Schreiben, gepaart mit profunden Kenntnissen über die Objekte, denen er sich widmete -  das Gefühl, dass ihm beim Schreiben die Gedanken nur so zugeflogen waren.

UNESCO-Weltkulturerbe

Mich ließen seine liebevollen Schilderungen über das Kloster nicht los, über die Mönche, die Wengerter, die Wege zwischen Rebenhängen und See. Das war schon 1970 so, als ich erstmals über Heuss und sein Maulbronn las und diesen Beitrag darüber im Württembergischen Abendblatt veröffentlichte. Nach gut 53 Jahren fiel mir die Seite wieder in die Hände.

Herzlich freie Freude

Theodor Heuss, der Mann aus Brackenheim, der Nationalökonomie, Literatur, Geschichte, Kunstgeschichte und Staatswissenschaften studierte, arbeitete 1923 als Journalist und als Geschäftsführer des Deutschen Werkbundes. Er holte 1924 ein Reichstagsmandat für die Liberalen, redete gegen Hitlers Ermächtigungsgesetz, stimmte aber aus Fraktionszwang dafür. Die Nazis verbrannten öffentlich sein Buch Hitlers Weg, die Nazis belegten ihn mit Berufsverbot. Aber, um Ludwig Uhland zu zitieren: Der wackre Schwabe forcht' sich nit, ging seines Weges Schritt vor Schritt.

Glänzend geschrieben, prunkvoll zurückhaltend, aber genießerisch im Ton, die Sprache abschmeckend wie das „Bodag’fährtle“ (den Abgang) eines guten Weins, so textete der Theaterkritiker und Redakteur Gerhard Stadelmeier (Jahrgang 1950) vor zwölf Jahren in der FAZ. Wer das liest, begreift den Kern und den Zauber seines Wesens und seiner ungeheuren Wirkung. Stadelmaier nannte dies eine schüchterne, herzlich freie Freude, die Heuss in herrlichen Feuilletons (ganz früh auch Theaterkritiken), Reisebeschreibungen, Architekturkritiken, Designvorschlägen, Dichteranalysen, von ihm so genannten Begegnungen mit Bildern und Gestalten an den Tag legte.

Tagung nach Maulbronn geholt

Die Klosterkirche

Vor 100 Jahren: Theodor Heuss in Maulbronn. Verehrter Herr Staatspräsident, beginnt ein Schreiben vom 17. Juli 1923 an Dr. Johannes Hieber in Stuttgart. Heuss ließ ihn wissen, dass die Reichszentrale für Heimatdienst in Verbindung mit der Arbeitsstelle für sachliche Politik drei sogenannte Schulungswochen organisiert, eine im Norden, eine in der Mitte, eine im Süden Deutschlands. Auf seine Veranlassung, so Heuss, finde die im Süden vom 26. August bis 1. September in Maulbronn statt. Vielleicht könne der Oberamtmann von Maulbronn, vielleicht einer der Herren aus dem Ministerium beim Beginn der Woche (…) anwesend sein und zu der Veranstaltung etwas sagen. Ihr dankbar ergebener Theodor Heuss, der hoffte, im Anschluss an die Maulbronner Woche noch ein paar Tage in Württemberg bleiben zu können.

Die 20 bis 30 Teilnehmer sollten Multiplikatoren sein und ihrerseits in den Kreisstädten staatsbürgerliche Bildungstage abhalten, Vorläufer der heutigen Bundeszentrale für politische Bildung. Der Staatspräsident schickte Ministerialdirektor Erlenmeyer in die Klosterstadt. Quelle ist die Sammlung seiner Briefe, geschrieben zwischen 1918 bis 1933, bearbeitet von Michael Dorrmann (Verlag K.G. Saur, München). Da taucht die Klosterstadt an der Salzach mehrmals auf.

Als Redner 1923 in der Klosterstadt

Klosterhof

Es war eine politisch unruhige Zeit in der jungen Republik, dem Volksstaat Württemberg (1918 bis 1933).   Von 1920 bis 1924 bildeten die Demokraten (DDP), denen Heuss angehörte, und das katholische Zentrum das Kabinett Hieber. Eigentlich hätte das Zentrum als stärkste Partei im Landtag Anspruch auf das Amt des Staatspräsidenten gehabt. Doch die katholische Partei verzichtete, weil ein katholischer Staatspräsident der mehrheitlich evangelischen Bevölkerung Württembergs zu diesem Zeitpunkt noch nicht zumutbar erscheine. Der evangelische Kandidat Dr. Johannes Hieber von der DDP erhielt deshalb den Vortritt. Das Kabinett Hieber wurde zeitweise eine von den Sozialdemokraten tolerierte Minderheitsregierung.

Theodor Heuss indessen zog es weniger in die Landes-, mehr in die Reichspolitik. Ziel des Linksliberalen: ein Mandat im Reichstag. Deshalb musste er zuvörderst das heimische politische Feld bestellen. Das hieß: Wahlkampfauftritte in größerer Zahl, um die Menschen zu erreichen. So sprach er 1923 in Maulbronn.

Auch im zweiten Anlauf gescheitert

Imposantes Tor

Theodor Heuss und seine Frau Elli wohnten 1920 im Berliner Bezirk Friedenau, doch er stellte er in einem Schreiben an Friedrich Mück in Heilbronn (Lieber Freund) vom 21. April 1920 seine eventuelle Übersiedlung nach Stuttgart in Aussicht. Er wollte auf Platz 4 der Landesliste für den Reichstag. Zwar Spitzenkandidat der DDP im Wahlkreis Ludwigsburg-Heilbronn, zu dem auch das Oberamt Maulbronn zählte, war seine Absicherung auf der Liste nicht sicher. Wir glauben, dass es ein Missbrauch mit der politischen Kraft von Heuss ist, wenn man seine Agitationshingabe gern sieht, ihn aber den ewigen Durchfallkandidaten spielen lässt, schrieb die DDP-Ortsgruppe von Heilbronn und forderte den vierten Rang für ihn, doch am Ende blieb nur der fünfte. Bei der Reichstagswahl am 6. Juni 1920 schrumpfte die DDP in Württemberg um glatt die Hälfte ihrer Stimmen und rutschte mit 14,3 Prozent hinter Zentrum, Bauern- und Weingärtnerbund und SPD auf den vierten Platz ab, so dass es nur für zwei Mandate reichte. Heuss verlor genauso wie 1919 bei der Wahl zur Weimarer Nationalversammlung.

Baukunst, die Jahrhunderte überstand

Wenn Du diesen Brief bekommst, ist die Schlacht geschlagen, schrieb Theodor Heuss am 4. Juni 1920 aus Tübingen seiner Ehefrau Elly Heuss-Knapp nach Berlin. Ich werde hier durchfallen, weil die Bauern wegen der Zwangswirtschaft alle maßlos verstimmt sind und in die Opposition gehen.  Trotzdem: (…) es war eine nette Zeit und meine Versammlungen sind seit 10 Tagen überall ausgezeichnet gewesen. 26 Auftritte vom 10. Mai bis 4. Juni 1920. Eine gewaltige Leistung. Die Kandidaten mussten zum Volk, ohne zwischengeschalteten elektronischen Medien. Ein unermüdliches Reden und Herumreisen.  An einem Tag, dem 24. Mai, absolvierte er zunächst den Auftritt in Mühlacker, dann jenen in Maulbronn.  

In einem Beitrag für Die Hilfe 26, Nr. 28 – deren Herausgeber er war - verarbeitete Heuss den Stoff literarisch und gut gelaunt. Titel: Empfindsame Wahlreise. Später wurde es ein Kapital in dem Sammelband Von Ort zu Ort. Die Ouvertüre: Es muss doch grässlich sein, stumpfsinnig, ein paar Wochen lang herumzufahren, Abend für Abend eine Rede zu halten, und diese Rede wird langsam die gleiche Rede, und die Menschen sitzen da, und dann kommt der Witz und sie lachen, in Sindelfingen wie in Böblingen, und nachher sitzt man im engeren Kreis beisammen und die Aussichten werden besprochen.

Du fährst zu den Leuten hinaus, um sie zu belehren, und bist selber immerzu ein Lernender. Wahlkampfreisen sind für ihn Labsal, er rühmt die Schönheit des Landes: Ach nie war Schwaben so schön wie an diesem frühsommerlichen Mai, die Wiesen üppig gewachsen, vor dem ersten Schnitt, lustig und schwankend überblüht, die Weinberghänge im gesunden Grün, die Kirschbäume schon bunt, die Wälder kühl und still. Der Kandidat ist mit dem Zug unterwegs. Gewiss, das ist etwas mühsam, Tag für Tag in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett heraus und in die vierte Klasse hinein damit dich der behagliche Zug, der einzige den du hast, noch zeitig zum Ziel der abendlichen Bestimmung trägt. (..) Wir fahren in die kleinen Städte hinaus, suchen Menschen, dikutieren abständig, trinken sauberen Landwein und schreiben alte Wirtshausschilder, verfallene Kirchhöfe und die Kunstfertigkeit gotischer Steinmetzen in unser Gedächtnis. Das ist mehr als nur Wahlkampf. 

Vollkommenste romanische Klosteranlage

Er hatte ein Faible für Maulbronn. 1922 schickt Heuss Reisetipps an seinen Freund und Kollegen, den Nationalökonomen und liberalen Politiker Dr. Gustav Stolper nach Wien. Wenn Sie Zeit haben, schöne Dinge anzusehen, so machen Sie entweder von Mannheim einen Abstecher nach Bruchsal (ausgezeichnetes Barockschloss) oder Maulbronn (vollkommenste romanische Klosteranlage). Und 1927 an seine Frau Elly, die im Anschluss an eine Achtzigerfeier eines Freundes der Familie in Stuttgart noch nach Heilbronn wollte: Borst steht am Mittwoch und Donnerstag Dir mit Auto zur Verfügung, auch zur eventuellen Fahrt nach Maulbronn.

Strahlt Ruhe aus

Inzwischen hatte Heuss sein Ziel erreicht: Im dritten Anlauf zog er im Mai 1924 in den Reichstag ein. Das zeichnete sich wohl im Sommer 1923 schon ab. Heuss‘ Kandidatur auf dem sicheren zweiten Platz des Wahlvorschlags der württembergischen DDP war wohl unumstritten. 17-mal hielt er Versammlungen im Jahr 1923 ab, darunter in Maulbronn. Seinem Parteifreund Albert Hopf in Stuttgart schrieb er: Ich kann gut vier bis fünf Versammlungen an so einem Tag leisten.

Sechs Wochen fast war ich von Berlin weg – Reden, Reden, Reden, dazwischen Flugblätter, Zeitungsaufsätze – nun, Sie kennen den Betrieb. Schließlich hat es doch gereicht.- Das württembergische Ergebnis hätte besser sein müssen; aber gerade wir hatten unter Quertreibereien gelitten.  (…). Gesundheitlich habe ich die Sache gut durchgemacht – wäre das Wetter besser gewesen, wäre es zwischen den Blütenbäumen fast eine Erholung gewesen.  Sehr solid, wenig Alkohol, aber entsetzlich viel Tabak. Nun werde er den Wahlkreis festmachen -gerade seine engeren Heimatbezirke hätten sich sehr gut gehalten. (…) Ich empfinde auch, dass die sechs Wochen ‚Nicht-Arbeit‘ meinen Finanzen recht schlecht bekommen sind.

Ich brauche neue Socken

Hilferuf an die liebe Elli am 6. Januar 1924, geschrieben im Zug in Stuttgart: Lehre der Reise – ich brauche neue Socken, das Flickwerk versagt, ich produziere lauter Löcher.

Das vom Karikaturisten Arthur Johnson geschaffene Wandfresko im Schöneberger Rathaus zeigt den jungen Stadtverordneten Theodor Heuss im Kreise anderer Bezirkspolitiker in der Zeit der Weimarer Republik. Während sich im oberen Teil des Bildes die Politiker „ordentlich beharken“, sind sie im ehemaligen Ratskeller des Rathauses Schöneberg weinselig wieder miteinander vereint. Das Motto der Tafelrunde lautet: “Hart für das Wohl der Gemeinde befehden sich oben die Geister. Unten versöhnt sie des Weins friedensgebietender Geist.” Eine sehr humorvolle, aber vielleicht auch realistische Darstellung politischen Lebens.

Jüngster Abgeordneter des Reichstages, dem er bis zum 12. Juli 1933 mit zwei Unterbrechungen (1928 bis 1930, November 1932 bis März 1933) angehörte. Er galt als fleißiger Parlamentarier, Politiker und Verbandsfunktionär. Bis 1933 trat er als Redner für seine Partei und gegen die Auflösungstendenzen der Weimarer Republik auf. Im Parlament wirkte er in bis zu sieben Ausschüssen mit, unter anderem im Kriegsopfer-, Kultur- und Schulausschuss. Seine Reden beschäftigen sich beispielsweise mit dem Verhältnis von Staat und Kirche, mit Bildungs- und Kulturpolitik, mit dem Problem des Föderalismus und des Auslandsdeutschtums sowie zunehmend mit dem erstarkenden Nationalsozialismus.

Ein Linksliberaler

Erhielt die DDP 1919 in den Wahlen zur Nationalversammlung noch über 18 Prozent. 1928 erreichte die Partei nur noch knapp fünf Prozent; auch Theodor Heuss verlor sein Mandat in dem allgemeinen Abwärtstrend, in den die politische Mitte in der Weimarer Republik zunehmend geriet. Den Selbstauflösungstendenzen in seiner Partei, die in den Juliwahlen 1932 schließlich nur noch ein Prozent auf sich vereinen kann, stemmte sich Heuss entgegen. Sein Glaube an die Bedeutung der bürgerlichen Mitte war noch ungebrochen.

Das Fundstück: bä-Text im August 1970

Um bei den bevorstehenden Wahlen ein Abrutschen der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) in die politische Bedeutungslosigkeit zu verhindern, veranlasste die Parteiführung handstreichartig die Vereinigung mit dem Jungdeutschen Orden, einer aus dem Fronterlebnis erwachsenen sozialromantischen Bewegung mit antisemitischem Einschlag. Die neue Partei nannte sich Deutsche Staatspartei. Heuss war an den Verhandlungen für diese Parteineugründung nicht beteiligt und kritisierte wie viele seiner Parteifreunde die Art und Weise ihres Zustandekommens. In Württemberg zogen sich die Jungdeutschen nach Querelen mit den Liberalen bald aus der Staatspartei zurück. Heuss, nun wieder im Reichstag, wurde zum Geschäftsführer der deutlich geschrumpften Reichstagsfraktion gewählt (Quelle: Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus, hier auch Biografie).

In der Klosterpost abgestiegen

Eine beständige Liebe von Heuss zum Kloster. Ungefähr ein halbes Jahr vor seinem Tod (Dezember 1963) sei Heuss zum letzten Mal nach Maulbronn gekommen. Obwohl er beim Gehen schon hat gestützt werden müssen, ließ er sich einen Gang durchs Kloster nicht nehmen, schreibt Martin Ehlers, Stadtarchivar in Maulbronn. Nachdem Heuss 1949 zum ersten Bundespräsidenten gewählt worden sei, hätten sich seine Kurzaufenthalte gehäuft. Oft habe sich Heuss lange im Kreuzgang ergangen, der auf ihn so rührend und erschütternd und beruhigend wirkte. Er stieg ab in der Klosterpost, schätzte das Viertele, vor allem einen Elfinger oder einen Ochsenbacher Trollinger-Lemberger (Martin Ehlers, Maulbronns Gasthäuser bis in die Nachkriegszeit, in: Maulbronn Heimatbuch, Band 1, herausgegeben von Martin Ehlers und Andreas Felchle. 2012. Stadtverwaltung Maulbronn, S. 2541 f). Schon 1920 schrieb er in seinem Essay Empfindsame Wahlreise: Dann aber kommen die Stunden, wo man all dies ausstreicht. In der gotischen Halle des Maulbronner Kreuzganges, da das Wasser in dünner Wölbung melodisch niederfällt, während in der Brunnenstube oben, durchs offene Fenster vernehmbar, von künftigen schwäbischen Theologen griechisch skandiert wird. 

Als begnadeter Redner blieb er auch nach dem Rückzug aus dem Präsidentenamt aktiv. Heuss sollte im April 1960 noch nach Bonn sowie nach Maulbronn, Haßmersheim und Heidelberg reisen. Reden hielt er in diesem Monat in München, Nürnberg und Stuttgart.

Winterabend im Jahr 2017

Theodor Heuss produzierte Zeitloses – ob nun seine Texte zu Maulbronn, seine großen Reden, das hohe Lied auf den Wein. Und es lohnt sich auch heute noch der Griff nach einem seiner Werke. Wie die Maulbronner Herbsttage.

Quellen: > Spaziergang mit Theodor Heuss, Maulbronn mit seinem Kloster: Nicht nur Eilfinger oder Legenden, Württembergisches Abendblatt, 27. August 1970, Kürzel "bä"  > Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus. > Sammlung seiner Briefe, geschrieben zwischen 1918 bis 1933, bearbeitet von Michael Dorrmann (Verlag K.G. Saur, München). > Theodor Heuss, Herbsttage in Maulbronn, 1959 im Tübinger Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins innerhalb des Bandes Von Ort zu Ort, Wanderungen mit Stift und Feder. > Maulbronn Heimatbuch, Band 1, herausgegeben von Martin Ehlers und Andreas Felchle. 2012. Stadtverwaltung Maulbronn.

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