Die Schwester mit dem weißen Häubchen versorgte auch den Nachbar Schmie - Lienzingen drohte mit Kündigung, wollte mehr Geld

Marie Schneider, Gemeindeschwester in Lienzingen von Anfang der 50er- bis Ende der 60er-Jahre (Foto: Gerhard Schwab)

Politische Gemeinde und evangelische Kirchengemeinde - beide hatten ihr eigenes Gesicht, das für sie stand: Richard Allmendinger bis 1975, Gerhard Schwab bis 1977. Sie arbeiteten seit 1947 neben- und miteinander, hatten thematische Berührungspunkte - Kindergarten, Glocken, Pfarrholz, eine Brücke und die Hilfe für Kranke.

Lienzinger Geschichte(n) – die lokale Serie im Blog geht weiter mit der Zusammenarbeit von bürgerlicher und evangelischer Gemeinde. Ein Kapitel in drei Teilen, hier Teil  3 mit dem Schwerpunkt kranke Menschen pflegen

Immer wieder ein gemeinsames Thema von politischer und kirchlicher Gemeinde: die Brücke zur Kirchenburg

Eines der immer wiederkehrenden Themen in Lienzingen, bis in die heutige Zeit hinein: die Instandsetzung der Kirchenburgbrücke. Der Gemeinderat inspizierte am 24. April 1959 vor Ort den Zustand vor allem der Fundamente, beauftragte den Maurer Ernst Schmid, aufgrund seines Angebots für 1200 Mark die notwendigen Arbeiten zu erledigen (STAM, Li B 325, S. 263). Die Brücke kehrte als Thema immer wieder auf die Tagesordnung zurück, auch nach der Eingemeindung. Ungeklärt schienen die Eigentumsverhältnisse.

Im Jahr 2020 recherchierte ein Mitarbeiter des Umwelt- und Tiefbauamtes der Stadt Mühlacker, dass der Übergang – trotz allgemeiner öffentlicher Nutzung – der Evangelischen Kirchengemeinde Lienzingen gehört. Nachdem dieser jedoch keine Gelder aus dem Sanierungstopf des Landes zustanden, wiederum die Kirchengemeinde die Investitionen nicht allein stemmen konnte, einigten sich Stadt und Kirche. Der Gemeinderat von Mühlacker stimmte im Dezember 2020 dem Kauf der Brücke durch die Kommune zu, die damit auch den Winterdienst übernahm – damit war ein weiteres Streitobjekt abgeräumt (Vorlage 236/2020 für die Gemeinderatssitzung am 15. Dezember 2020).

Von 1922 bis 1970 versorgte der Herrenberger Verband auch Lienzingen mit Krankenschwestern. Einige Daten zur Geschichte des Verbandes.

Persönliche Hilfen für die Menschen: Auch das gehört dazu: Zuerst Krankenpflegestation im Dorf, dann schickte das Mutterhaus keine Schwester mehr, dauerhaft hilft nun das Team der Diakoniestation Mühlacker seit der Einbeziehung von Lienzingen in deren Zuständigkeitsgebiet.

Doch der Reihe nach. Besonders wichtig für die Lienzinger, vor allem für die älteren, war die vom Herrenberger Verband seit 1922 in die Gemeinde entsandten Krankenschwestern. Die Kommune musste eine Wohnung bereitstellen, aber auch die Kosten für Heizung und Strom übernehmen. Gemeindeschwester war seit den 1950er Jahren Maria Schneider.  Die Schwester mit dem weißen Häubchen versorgte auch Schmie, was immer wieder zu Ärger führte – denn die kleine Nachbarkommune bezahlte den Lienzingern nach deren Meinung zu wenig (Bastian, Johannes: Die medizinische Versorgung, Beitrag im Ortsbuch Lienzingen. 2016, Verlag Regionalkultur, S.222 f).

Der Bürgermeister beklagte am 28. Oktober 1949 im Gemeinderat den, seiner Ansicht nach zu niedrigem Anteil von Schmie an den Kosten, gemessen an der Einwohnerzahl. Der dortige Pfarrer sei auf freiwillige Gaben angewiesen, weil es keinen Krankenpflegeverein gebe. Lienzingen hatte einen solchen Verein, der für zusätzliche Einnahmen sorgen sollte, 1947 gegründet. Pfarrer Schwab versprach, mit seinem Kollegen Fischle in diesem Sinne zu verhandeln (STAM, Li B 323, S. 196).

In der Ratssitzung im 13. Juli 1956 legte der Pfarrer eine Liste der Einnahmen und Ausgaben der Krankenpflegestation seit 1948 vor, verbunden mit dem Wunsch, die bürgerliche Gemeinde möge ihren Beitrag erhöhen. Denn jeden Monat schreibe die Station ein Minus von 75 Mark. Jährlich seien es gar 1016 Mark, wie Schwab mitteilte. Von den jährlich 3600 Mark Ausgaben trug die Kommune für Wohnung und Heizung 400 Mark, steuerte zusätzlich noch 480 Mark bei. Schmie überwies insgesamt 480 Mark. Das Krankenpflegeverein Lienzingen brachte die stolze Summe von 900 Mark auf. Zuerst müsse Schmie mehr bezahlen, dann werde auch Lienzingen den Beitrag anheben, so der Gemeinderat (STAM, Li B 325, S. 101 f).

Offenbar fruchtete der Appell an die Adresse von Bürgermeisteramt und Pfarramt in Schmie nicht. Denn am 8. März 1957 stand das Thema erneut auf der Tagesordnung des Lienzinger Gemeinderats. Die Kosten für die gemeinsame Krankenschwester hätten sich seit 1948 nahezu verdoppelt, doch Schmie bezahle immer noch nicht mehr. Das fördere keineswegs die seitherigen gutnachbarlichen Beziehungen. Wenn die roten Zahlen von 1200 Mark im Jahr nicht ausgeglichen würden, drohe die Gefahr des Abzugs der Herrenberger Schwester durch ihr Mutterhaus. Der Gemeinde müsse die Krankenschwester erhalten bleiben, auch wenn Schmie als Teil des Versorgungsgebiets über kurz oder lang wegfallen werde. Das Gremium beschloss einen jährlichen Beitrag von 900 Mark. Wenn Schmie nicht nachziehe, werde Lienzingen den Vertrag zum 1. Juli 1957 kündigen. Jedenfalls war die Krankenpflegestation zunächst gerettet (STAM, Li B 325, S. 134 f). Bei der Sitzung am 4. April 1962 stockte das Gremium den Jahresbeitrag nochmals auf – von 900 auf 1400 Mark und erfüllte damit die Forderung der Evangelischen Kirchengemeinde als Trägerin der Krankenpflegestation (STAM, Li B 326, S. 138).

Schwer taten sich die Bürgervertreter bei ihrer Zusammenkunft am 25. April 1958 mit dem von Pfarrer Schwab unterstützten Wunsch von Schwester Maria Schneider, eine leer werdende Wohnung im Hause von Erika Ulmer, gegenüber der Frauenkirche an der Landesstraße, beziehen zu dürfen. Jetzt wohne sie gegenüber einer Gaststätte und werde des Öfteren in ihrer Nachtruhe gestört. Der Gemeinderat äußerte Verständnis für das Ansinnen, doch eine Krankenschwester solle möglichst zentral im Ort wohnen und nicht am Rande, weshalb er ablehnte. Doch Schwab ließ nicht locker, zumal die Gefahr drohe, dass die Gemeindeschwester sonst Lienzingen verlasse, so dass die Räte am 9. Mai 1958 grünes Licht für den Umzug gaben und zustimmten, auch die um zehn Mark monatlich höhere Miete zu übernehmen (STAM, Li B 325, S. 201 und 208).

Eine empfindliche Lücke hat sich in unserer Gemeinde aufgetan, als unsere Krankenschwester im Sommer den Dienst aufgeben musste und für sie keine Nachfolgerin gefunden werden konnte, beklagte Pfarrer Gerhard Schwab in einem Beitrag für das 1970 erschienene Ortsbuch (Wißmann, Friedrich: Lienzingen, Verlag Walter, S. 330). Das Herrenberger Mutterhaus könne niemand mehr schicken. Wer soll nun den so nötigen Dienst an unseren Kranken und Alten tun? Der Geistliche sah nur einen Ausweg: Um diese Lücke einigermaßen zu schließen, sind wir zur Nachbarschaftshilfe aufgerufen.

Seit 1975 versorgt die Diakoniestation Mühlacker auch Lienzingen, der Krankenpflegeverein wurde 2014 aufgelöst. Jedenfalls ist unser Dorf seitdem gut versorgt.

Teil 1

Teil 2

 

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