Karl-Adolf Deubler: Lienzinger einst Präsident des VfB Stuttgart

Auf Spurensuche. Ein Lienzinger als Präsident des Vereins für Bewegungsspiele (VfB) Stuttgart? Den gab es tatsächlich:  Karl-Adolf Deubler (1888 – 1961). Sein Name steht auf dem vierten Platz der Liste von 16 Männern, von denen jeder einmal die Nummer eins des jetzigen Fußball-Erstligisten war (oder wie Claus Vogt derzeit noch ist).

In Lienzingen geboren, in Köln gestorben: Karl-Adolf Deubler. Auf dieser Lebensstrecke lag Stuttgart und in dieser Stadt der VfB, dessen vierter Präsident nach 1912 er war (Foto: VfB Stuttgart)

Der promovierte Jurist Deubler stand von 1923 bis 1931 an der Spitze des 1912 aus der Fusion zweier Cannstatter Vereine hervorgegangenen VfB 1893 e. V.:  Aus dem Fußballverein Stuttgart, 1893 gegründet, und aus dem Kronenklub, zu dem sich 1897 ehemalige Mitglieder des Cannstatter Fußballclubs zusammenfanden.

Mit seiner achtjährigen Amtszeit liegt der gebürtige Lienzinger in der 109-jährigen VfB-Geschichte auf Rang 3, den er mit Erwin Staudt (2003-2011) teilt, vor ihnen nur Gerhard Mayer-Vorfelder (1975 bis 2000) und Fritz Walter (1944 bis 1968). In den 1920ern, und damit in Deublers Amtszeit, stieg die Mitgliederzahl schnell über 1000 – vor allem Jugendliche waren im Verein aktiv.

Spurensuche nach Deublers in Lienzingen, im Stadtarchiv Mühlacker sowie in den Ortsbüchern, erschienen 1970 (Friedrich Wißmann, Walter-Verlag) und 2016 (Konrad Dussel, Verlag Regionalkultur). Karl-Adolf Deubler erblickte am 26. Februar 1888 in Lienzingen das Licht der Welt. Aus dem im Stadtarchiv Mühlacker aufbewahrten Familienregister Lienzingen Band 1, Blatt 74 geht hervor, dass Karl-Adolf Deublers Eltern der Landwirt und Metzger Christian Jakob Deubler (geboren am 1. November 1857 in Lienzingen) und Julie, geborene Zaiser (geboren am 19. Dezember 1865 in Schwieberdingen) waren. Sie heirateten am 11. Juni 1887 in Schwieberdingen. Karl-Adolf, der Erstgeborene, hatte mit Karl Gustav, Karl, Anna Maria und Elsa vier Geschwister, von denen Bruder Karl Gustav (geboren 20. März 1891 in Lienzingen) im Alter von fünf Monaten an Brechruhr starb. Die Jüngste – Elsa – kam am 8. Oktober 1897 in Lienzingen zur Welt. Die Familie zog 1904 nach Stuttgart.

Der im Fundus des Hauptstaatsarchivs Stuttgart liegende Personalbogen Nummer 8195 des Soldaten und Offiziers Karl-Adolf (Adolf als Rufname) Deubler listet ergänzend die Schul- und Studienstationen in der Rubrik Erziehung auf: Elementarschule Lienzingen, Realschule Dürrmenz, 1906 Abitur an der Oberrealschule Stuttgart, Nachreifeprüfung am Oberrealgymnasium Tübingen, Jura-Studium in Tübingen und Leipzig, erstes juristisches Staatsexamen, Gerichtsreferendar, Promotion, schließlich Anwalt.

Karl-Adolf trat in Tübingen der Studentenverbindung Landsmannschaft Schottland bei, in Leipzig der Afrania. Nach Beendigung des Studiums und des Kriegsdienstes ließ sich Deubler in Stuttgart als Rechtsanwalt und Syndikus nieder. 1931 zog der Jurist berufsbedingt nach Köln um, wo er 1961 starb. Seine erfolgreiche Arbeit für den VfB Stuttgart würdigte der Verein in seinem Nachruf.

Am 4. August 1914 meldete der ehemalige Lienzinger als Kriegsfreiwilliger und kam zum Dragoner-Regiment „König“ 26, das zweite württembergische. 23. 9. 1914 im Feld, steht über Karl-Adolf lapidar in den Personalunterlagen von Offizieren und Militärbeamten. Doch schon im Oktober erlitt er bei einer der Schlachten an der Somme und bei Arras Verletzungen. Mehr als in Vierteljahr kurierte er sie in Lazaretten in Stuttgart aus. Nach einem sich anschließenden Ausbildungslehrgang im Jahr 1915 kämpfte er bis zum bitteren Ende 1918 überwiegend an der Front: Bei den Feldzügen gegen Frankreich und Rumänien, unter anderem in der Westwalachei, bei der Besetzung von Bukarest, in den Schlachten an der Putna, den Stellungskämpfen bei Reims, der Angriffsschlacht an der Marne.

Der zuständige Major und Abteilungsführer bescheinigte ihm ein halbes Jahr vor Kriegsende einwandfreies Verhalten sowie gute militärische Befähigung. Urteil ! –  steht ganz oben auf einem weiteren Bewertungsblatt, aber von 1917. Die Note sehr gut erhielt er für die Reitfertigkeit, gut für das Auftreten vor der Front. Oberleutnant der Reserve und Batterieführer Müller hielt auf einem DIN A 4 großen Blatt fest: Deubler eigne sich im Felde zur Verwendung als Zugführer (Akte im Hauptstaatsarchiv Stuttgart. Signatur M 430/Bü 1849).

Mit dem Beginn des Krieges im Sommer 1914 wohnte die Familie schon seit zehn Jahren in Stuttgart. Über den Vater heißt es in dem besagten Personalbogen des Militärs: Privatier in Stuttgart. Im Lienzinger Familienregister war der Vater 1904 als Kaufmann geführt worden.

200 Jahre Familiengeschichte: Däublers und Lienzingen

Als eine Fundgrube für Familiengeschichte erweist sich das unveröffentlichte Manuskript des Ortsfamilienbuchs Lienzingen im Stadtarchiv Mühlacker. Die Familie von Karl Adolf Deubler (Däubler) findet sich unter der Nummer 0325 von dort zurückgehend auf die laufende Nummer 0318 (S. 34 bis 37).

Deublers heute in Lienzingen? Fehlanzeige, unabhängig von der Schreibweise des Namens – mit „e“ oder „ä“.  Wohl seit 1904 wohnt niemand mehr mit diesem Familiennamen im Dorf, auch in den aktuellen Listen über die Grundsteuerzahler taucht er nicht auf.  Karl Adolfs Schwester Elsa war durch den Umzug nach Stuttgart laut Ortsfamilienbuch die vorletzte in der langen Liste der Däublers in Lienzingen, ihre 1904  verstorbene Oma Dorothea Jacobina 1904 die letzte. Vom beginnenden 18. bis Anfang des 20. Jahrhunderts war die Familie fest verwurzelt im Dorf. Der erster aus der Sippe Däubler (auch Täubler) in Lienzingen: Leineweber Johann Leonhard, 1671 in Diefenbach geboren, 1739 in Lienzingen verstorben. 1701 heiratete er in Lienzingen Anna Maria Gegel (1683-1740). Das Paar hatte neun Kinder, allesamt hier geboren.

Ungewöhnliche Laufbahn des Opas: Bäckermeister, Speisewirt und Gemeinderat, Privatier

Württemberg: Landeskirchliches Archiv Stuttgart > Dekanat Mühlacker > Lienzingen > Eheregister 1837-1901, Band 3: Einheirat in die Familie Pfullinger

Bis ins 19. Jahrhundert hinein verdienten die Däublers ihren Lebensunterhalt vor allem als Weber, teilweise als Schuster. Der, der erfolgreich diversifizierte, sich also wirtschaftlich breiter aufstellte, war Karl-Adolfs Großvater Christian Zacharias: am 16. Januar 1829 in Lienzingen geboren, ehelichte er am 6. November 1855 Dorothea Jacobina Pfullinger. Eine gute Partie, denn die 23-Jährige entstammte einer der Familien, die dazu gehörten - zum augenzwinkernd so genannten dörflichen Bauern-Adel. Pfullinger findet sich erstmals 1511 im Lagebuch von Lienzingen, und das gleich 60 mal (Wißmann, S. 274 f). Dorothea Jacobina erlag 1904 im Alter von 72 Jahren in Lienzingen den Folgen von Brechruhr.  Von ihren acht Nachkommen starben vier schon als Kind oder Jugendlicher. Die Diagnosen: Scharlachfieber, Gichter, Hirnentzündung. Zur festen Größe im Dorf entwickelte sich dieser Christian Zacharias Däubler: Bäcker und Wirt - 1860 Bäckermeister, 1886 Speisewirt und Gemeinderat, 1904 Privatier. Das lässt auf ein finanziell gutes Fundament schließen. Von den acht Kindern war Christian Jakob, Vater des späteren VfB-Präsidenten, der Zweitgeborene. 

Ortsbuch-Autor Wißmann erwähnt Christian Deubler mehrfach mit Grundstücksgeschäften, die er mit der Kommune abschloss. So im Jahr 1869 (S. 171). Anno 1878 verkaufte die Gemeinde ihm einen Feldwegteil  – wie zu lesen ist:  Speisewirt - für 346 Mark. Ein weiterer Allmendplatz von etwa 20 Ruten lag hinter Deublers Scheuer am Scherbentalbach. Darauf stand auf Freipfosten seine Remise; den Platz erwarb er von der Gemeinde für 50 Pfennig je Quadratmeter, somit insgesamt 7,50 Mark (S. 173). War das nun immer der Vater oder der Opa von Karl-Adolf? Beide hießen mit dem ersten Vornamen Christian, sie unterschieden sich durch den zweiten Vornamen, jedoch den lässt Wißmann einfach weg. Zacharias oder Jakob? Im Kaufvertrag über den Feldweganteil anno 1878 steht Speisewirt und das war mit Sicherheit der Großvater.

Im Jahr 1891 kaufte Christian Deubler - welcher auch immer - eine zwei Ar und 83 Quadratmeter große Fläche in den Ziegelwiesen. Eine nasse Wiese, die der Pfarrei gehörte und zwischen zwei Wiesen von Deubler lag, der sie für drei Mark gepachtet hatte. Der Kaufpreis: 125 Mark, obwohl er nur 80 bis 100 Mark bezahlen wollte. Das Kameralamt beharrte auf 125 Mark, der Pfarrer hatte gegen den Verkauf nichts einzuwenden, 1891 segnete die Domänendirektion den Handel ab (S. 174).

1754 wurden Gottlieb Däubler und Jörg Adam Däubler in der Liste des Pfarrzehnten, des Heuzehnten und der Kartoffelländer in Lienzingen, genannt, desgleichen 1777 in der Aufstellung mit insgesamt 167 Namen. Wißmann vermutete, dass darauf alle Familien des Dorfes namentlich erfasst waren. 1786 war es nur noch Gottlieb Däubler, dessen Namen gelistet war (S.  290, 292, 293).)

Deubler oder Däubler –  was galt?

Anno 1850 wanderte der 1826 geborene Johann Georg Deubler nach Nordamerika aus - so schreibt Johannes Bastian im Ortsbuch, herausgegeben von Konrad Dussel (S. 137). Bei Wißmann steht, der ledige Johann Georg Däubler sei 1850 nach Sachsen ausgewandert (S. 306). Ein Widerspruch, der sich nicht klären lässt.

Karl Adolf Christian Jakob Deubler (Repro aus Württemberg: Landeskirchliches Archiv Stuttgart > Dekanat Mühlacker > Lienzingen > Taufregister 1868-1928 Band 3) Taufzeugen: Mina Essig und Albert Zaiser, beide Schwieberdingen sowie Dorothea Deubler, Lienzingen, verheiratet mit Bierbrauer Koch aus Dürrmenz

Deubler oder Däubler – je älter die Nennung war, umso häufiger verwendete Wißmann die Variante mit dem Umlaut, im Namensregister gänzlich. Ging der Umlaut beim Umzug nach Stuttgart verloren? Die Schreibweise hat sich im 20. Jahrhundert in der Regel nicht mehr geändert, erläutert die Mühlacker Stadtarchivarin Marlies Lippik. Karl Adolfs Eltern haben sich bereits Deubler geschrieben und alle in den Standesamtsunterlagen (also seit etwa 1875) von Lienzingen aufgeführten Namensvettern auch, nur Christian Zacharias, der eine Pfullingerin heiratete, wird dort noch als Däubler geführt. Im Ortsfamilienbuch hat man diese Unterscheidung nicht gemacht, so Lippik, um nicht zu unnötigen Verwirrungen Anlass zu geben. In den ganz überwiegenden Fällen ist die Schreibweise bei Namen auch schon im ganzen 19. Jahrhundert fest.

Karl-Adolf Deubler, acht Jahre der VfB-Chef

Spurensuche beim VfB. Leider ist im VfB-Archiv nur wenig über Dr. Karl-Adolf Deubler überliefert. Ich sende Ihnen einen im Jahr 2010 erschienenen Artikel aus unserem Vereinsmagazin dunkelrot sowie den Nachruf auf Dr. Deubler aus unseren Vereinsnachrichten des Jahres 1961, antwortete mir auf meine Anfrage mit weiß-roten Grüßen Dr. Florian Gauß von der Historischen Abteilung des VfB Stuttgart. 

VfB-Stuttgart: Die Präsidentengalerie

Bei der Internet-Recherche finden sich zur Person mehrere Beiträge und Links in Wikipedia und im HefleswetzKick. Zitat aus Letzterem zu Karl-Adolf: Unser Ehrenspielführer gehörte seit 1903 dem VfB an und war im Besitz der goldenen Ehrennadel des Vereins. Von 1923-1928, 1929-1930, 1930-1931 lenkte er in einer bewegten Zeit die Geschicke des VfB als dessen 1. Vorsitzender. Aktiv war er besonders im Rugby-, Tennis- und Hockeysport; als Rugbyspieler war er mehrfach, repräsentativ für Süddeutschland tätig. In seine Amtszeit an der Spitze des VfB fielen die als wegweisend geltende Verpflichtung von Trainer Tom Hanney und die erste Württembergisch-badische Meisterschaft des VfB.

Das hohe Lied auf Rugby überrascht. Viele von uns verdanken Rugby ihre körperliche Ertüchtigung, ihren persönlichen Mut, ihre rasche Entschlusskraft, die sich natürlich auch entsprechend auf das spätere Leben ausgewirkt hat. Ich kenne eine Reihe von Rugby-Spielern, die als Studenten gefürchtete Fechter waren. Niemals hätte ich die Strapazen des Kriegs mit meinen schweren Verwundungen so durchgehalten, wenn ich mir nicht Kraft und Abhärtung beim Rugbyspiel gesammelt hätte. Ich halte Rugby für das beste Spiel für die Ausbildung der Armee, Marine und Polizei. Das schrieb Karl-Adolf Deubler 1933 in seinen Erinnerungen.

Eine Sportart als Kriegsmittel. Das erschreckt. Wird aber dann doch relativiert. Als Magazin für Tradition, Mythos und Kultur, unabhängige Vereinspage über die Profimannschaft des VfB Stuttgart 1893 e.V, präsentiert sich im Netz das Online-Meisterstück HefleswetzKick. Darin wird gut geschildert, weshalb Rugby für die Gründergeneration des VfB stets ein besonderes Spiel war. Es sei das Spiel, das die Persönlichkeit in mehrfacher Hinsicht präge. Fünfzehn Spieler pro Mannschaft und ein kompliziertes Regelwerk — was Zuschauer eher abschreckte — waren eine Herausforderung für Körper und Geist. Die Rugby-Spieler hätten das Rückgrat der aufstrebenden VfB-Fußballmannschaft gebildet, und ehemalige Rugbyspieler leiteten in der wichtigen Phase von 1912 bis 1930 den Verein.

Als Jugendlicher erlebte Deubler den Rugby-Sport. Seine Schilderungen 1933, entkleidet vom martialischen Ton, nannte der HefleswetzKick-Autor aufschlussreich für die ursprünglichen Verhältnisse, hätten sie doch noch viel von den Schwierigkeiten gezeigt, mit denen die Pioniere zu kämpfen hatten, aber auch von der Wirkung, die von dem Spiel ausging. Aus den Erinnerungen Deublers 1933 lässt sich ein Bild zeichnen vom Alltag des jungen Karl-Adolf. Da wohnten am Neckartor in Stuttgart einige Jungens, die nach Schulschluss nicht schnell genug ihre Büchermappen heimschaffen und sich mit einem Butterbrot zu allerlei Streichen treffen konnten. Sonntag vormittags nahmen sie an dem allgemeinen Training teil. Die Eltern durften natürlich nicht wissen, dass sie den Sonntag durch Kicken schändeten, obwohl sie ihnen 1902 großzügig den Eintritt in den F.B.V.93 erlaubten. So wurde samstags die Sportkleidung zu Freunden geschafft und sonntags spielte man den frommen Kirchgänger, um gleich danach zum Spiel zu eilen.

Der Präsident liebte Latein und bekannte sich immer wieder dazu

Hochgebildet, belesen, höchst interessiert und engagiert – diese Attribute passen zu dem Menschen und angesehenen Anwalt Deubler, den Harald Jordan von der Historischen Abteilung des VfB in seinem Beitrag fürs Vereinsmagazin dunkelrot in den Vordergrund rückte. Der Präsident liebte Latein und bekannte sich immer wieder dazu in seinen Ansprachen durch geschickten Einbau desselben. Nach dem direkten Wiederaufstieg 1924 in die Erstklassigkeit hielt Deubler eine preisende Rede auf unseren lieben Benges, Kapitän der Elf, gleichzeitig Trainer, Mannschaftsbetreuer, Spieler und Stimmungsmacher. Benges habe die erste Mannschaft zu einer einheitlichen Kampforganisation gestaltet. Wie ein dilligens pater familias habe er die Mannschaft zu einer Familie zusammengeschmiedet. Dilligens – ein achtsamer, sorgfältiger, genauer, gewissenhafter, pünktlicher, umsichtiger Hausvater. Die Elf stehe im Kampf gegen unsere offenen und verkappten Feinde. Eine militaristische Rhetorik, die sich so gar nicht mit einer anderen Aussage Deublers vertrug: Mit unserem lieben VfB geht es vorwärts und aufwärts, wurde er in den Vereinsnachrichten 1925 zitiert.

Deubler 1917 beim Militär

Der VfB hatte auch in der Amtszeit von Deubler eine gut sortierte Vereinsbibliothek und arbeitete gegen das lang gehegte Vorurteil, den Rasensportlern liege das Geistige etwas fern, schrieb Harald Jordan. Für den Verein sei Bildung seit Gründerzeiten ein wichtiges Merkmal des runden und eierrunden Balles. Die Vorsitzenden des VfB seien bis in die Zeit der Bundesliga hinein Lehrer oder Juristen gewesen, meist promoviert, die Gründer hätten sich aus Schüler der Gymnasien und Oberrealschulen rekrutiert. Zur Gründerzeit sei auch die Rolle des Mannschaftskapitäns eine andere gewesen: Er hatte das allgemeine Sagen, er bestimmte, wer spielte, wie man sich vorbereitete, welche Mittel man brauchte. Und der Vorstand hielt sich daran. Heute sei der Mannschaftskapitän nurmehr der verlängerte Arm des Trainers auf dem Platz und mancher in der Öffentlichkeit sehe als Aufgaben nur Wimpeltausch und Platzwahl, zeichnet Jordan in seinem Text den Unterschied nach.

Erschöpfte sich darin die Lektüre zum vierten VfB-Präsidenten, der aus Lienzingen stammte? Florian Gauß empfahl ergänzend die Publikation von Gregor Hofmann mit dem Titel Der VfB Stuttgart und der Nationalsozialismus (Wissenschaftliche Schriftenreihe des Instituts für Sportgeschichte Baden-Württemberg, Band 12), Schorndorf 2018. Der Autor beleuchtete in dem 182-seitigen Buch auch die (Vor-)Geschichte in Kaiserreich und Weimarer Republik. Hofmann zitierte Deubler mit der Aussage aus dem Jahr 1925 über eine nationalistisch motivierte Kriegsbegeisterung, der Präsident bekannte später, die Sporterfahrung, insbesondere das abhärtende Rugby, habe sich im Kriegseinsatz als hilfreich erwiesen – eine seltene Schilderung individueller Kriegserfahrung und ein Musterbeispiel für die gegenseitige Identifizierung von Sport und Krieg in jenen Jahren, kommentierte Hofmann.

Guter Fechter – mit 29 Mensuren im Paukbuch

Die Personalakte des Leutnants im Ersten Weltkrieg, Deubler, liegt im Hauptstaatsarchiv Stuttgart. Der Ex-Lienzinger erlebte das Kriegsende 1918 an der Westfront und wurde auch als Ausbilder eingesetzt. Nicht nur das: Beim Verbandstreffen der Studentenverbindung Landsmannschaft Schottland habe er sich als besonders guter Fechter erwiesen, der gar mit 29 Mensuren im Paukbuch stehe. Von 1908 bis 1910 war er Fechtwart. Für diese Zeit, in die seine politische Sozialisation fallen dürfte, kann als Eigenart der Kooperationsstudenten (…) die Dominanz eines weitgehend unreflektierten Nationalismus über ihre politischen Vorstellungen konstatiert werden (S. 36 f).

Sport diene als Mittel zu einem höheren Zweck, stärke Kampftrieb und Pflichtgefühl, sei Born lebensfrischen Vereins- und Gemeinschaftswesens, so der Präsident 1928 in den Vereinsnachrichten. Gegenüber den zersetzenden äußeren und inneren Mächten, die unser deutsches Volk zerklüften, muss der Sport treten, der die Stammesbrüder in ihrer breiten Masse erfasst und das Volk in innerer Verbundenheit und äußerer Geschlossenheit seinem nächsten Ziele zuführen soll: Einigkeit und Recht und Freiheit (Zitat aus Hofmann, S. 40 f). Hintergrund war die Debatte über das Amateurideal, letztlich ging es um Geld, staatliche Zuschüsse und Steuerfreiheit bei lukrativen Länderspielen.

In Deubers Amtszeit fiel die Errichtung und Einweihung des Gefallenendenkmals auf dem VfB-Gelände 1925, mit den Namen der 90 gefallenen Soldaten aus den Reihen des Vereines. Der Präsident in seiner Rede: Sie preise ich glücklich, die von uns schieden, die mit dem stolzen Gefühl der Siegeshoffnung und der Pflichttreue für immer die Augen schlossen. Wahrhaftig: Dulce et probatum est, pro patria mon (…) Niemand kennt die Stunde, da das Vaterland erneut uns ruft und den Einsatz des Lebens fordert. Hinweg mit allem kleinlichen Gezänke und trennendem Parteihader, hinweg mit aller Profil- und Ichsucht, hinweg aber auch mit der Allerweltsbeglückung! Das Vaterland über alles! (S. 47)

Das Ehrenmal von 1925 ist im Zweiten Weltkrieg verschollen und wurde später durch ein Ehrenmal ersetzt, das bei der alljährlichen Totengedenkfeier des Vereins für seine verstorbenen Mitglieder bis heute eine zentrale Rolle spielt.

Fazit des Wissenschaftlers Hofmann: Offizielle Repräsentanten des Vereines äußerten sich nationalistisch, kriegsverherrlichend und benutzten biologische und völkisch inspirierte Metaphern. Inwieweit sie den Sport tatsächlich ausschließlich als vaterländischen Dienst wahr und das propagierte Amateurideal ernstnahmen, ist nicht eindeutig zu ermitteln.

Schon ein Jahr nach Ende des Ersten Weltkriegs, aber noch vor seiner Zeit als VfB-Präsident heiratete Karl-Adolf Deubler in Munderkingen bei Ulm - am 22. Juli 1919 - die ledige Haustochter Maria Wilhelmina Luise Menne, katholisch, geboren am 30. März 1898 zu Uster, Kanton Zürich, Schweiz, Tochter des [Bürsten-]Fabrikanten Ernst Menne und der Katharina, geb. Traub. Das Familienbuch des Ehepaares wurde 1919 an das Standesamt Stuttgart übergeben (Stadtarchiv Munderkingen, Auskunft vom 23. Juni 2021 auf Anfrage des Autors).

 

Trauerflor im Spiel gegen Kickers Offenbach

Am 12. März 1961 trug die Elf des VfB Stuttgart im Spiel gegen Kickers Offenbach Trauerflor zur Erinnerung an den fünf Tage zuvor in Köln verstorbenen Karl-Adolf Deubler (26.2.1888 - 7.3.1961). In einem Nachruf auf den Ehrenspielführer, gleichzeitig Ehrenmitglied, schrieb Präsident Fritz Walter, unter Deubler habe sich in überaus wichtigen Entwicklungsjahren des Vereines entschieden, ob der VfB ein Verein mittlerer Bedeutung bleiben oder sich zum Großverein weiterentwickeln sollte. Großzügig und weitsichtig nannte er die Leitung des Vereins durch Deubler, die letztlich zum Großverein geführt habe, von dem heute im In- und Ausland mit Hochachtung gesprochen werde.

1961: Der Nachruf des VfB Stuttgart auf seinen vierten Präsidenten, der aus Lienzingen stammte: Karl-Adolf Deubler (Repro: VfB Stuttgart)

Deubler und Lienzingen? Dass der vierte VfB-Präsident (von inzwischen 16) in unserem Dorf geboren und aufgewachsen ist, wissen nur wenige. Als ein Team an dem 2016 erschienenen Ortsbuch arbeitete, war das kein Thema, weil unbekannt. Erstmals testete mich in diesem Punkt PZ-Sportredakteur Ralf Kohler: Wissen Sie, dass ein Lienzinger VfB-Präsident war? Ich musste passen.

Jetzt nicht mehr. Eine schöne Lokalgeschichte über einen Lienzinger Kopf, der nach der Zeit in seinem Geburtsort viele Jahre in Stuttgart lebte und dann noch viel länger in Köln. Ob er seine alte Heimat wieder besuchte? Vielleicht weiß dies jemand, der diesen Text liest. Dafür spricht zumindest der Grundbesitz, den die Familie im Ort hatte.

(Weitere Recherchen. Blog-Beitrag vom 10. April 2021, Update am 23. April 2021 mit der Ergänzung zu Lebenslauf und als Offizier im Ersten Weltkrieg, Update 23. Juni 2021 die Ehefrau, eine Schweizerin)..)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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